Impressum Disclaimer Über Litlog Links
Theorie in Praxis II
»Ich finde dieses Buch flach«

Was macht ein Buch gut? Was schlecht? Ist Literaturkritik nur die Kundgabe undurchschaubar subjektiver Reaktionen? Eine exemplarische Analyse der Wertungsmaßstäbe, die in einer ausgewählten Folge des Literarischen Quartetts verwendet wurden, sucht nach Antworten.

Von Rahel Rami

I. Die Theorie

Das Literarische Quartett genießt auch Jahre nach seiner Einstellung einen zwiespältigen Ruf. Die Einen halten das Kritiker-Ensemble für die ultima ratio der Literaturkritik, die Anderen verstehen die Sendung als Jahrmarkt der intellektuellen Eitelkeiten, bei dem es gilt, höchst subjektive Meinungen als letztgültiges Urteil über einen literarischen Text publikumswirksam zu inszenieren. Doch wie verhält es sich mit den Wertungen im Literarischen Quartett? Handelt es sich dabei nur um die eloquente und emphatische Kundgabe der individuellen Meinung? Oder ist es möglich, relativ stabile Begründungsmuster und Wertmaßstäbe bei den einzelnen Kritikern als auch bei dem Quartett herauszustellen? Im Folgenden möchte ich mittels einer Analyse der im Quartett geäußerten Wertungen diese Fragen beantworten. Zu diesem Zweck werde ich mich auf eine Hausarbeit beziehen, in der ich eine Folge des Quartetts statistisch und inhaltlich auf Wertungsmaßstäbe untersucht habe.1

Zur Theorie der literarischen Wertung

Die erste Bedingung, die erfüllt sein muss, um intersubjektive Gültigkeit herzustellen, ist die Verwendung von Wertmaßstäben. Vermittels eines Wertmaßstabs ist es möglich, einem literarischen Text, je nachdem wie weit der Text dem Wertmaßstab entspricht, Wertfülle zu- oder abzusprechen. Die zweite Bedingung ist die regelmäßige Verwendung dieser Wertmaßstäbe von allen teilnehmenden Kritikern. Erst durch die wiederholte Anwendung auf einen literarischen Text bekommen die wertenden Aussagen Verbindlichkeit. Stellt sich am Ende der vorliegenden Analyse heraus, dass sich die Wertungen nur unregelmäßig auf Wertmaßstäbe zurückführen lassen, wären Zweifel an der Qualität der Äußerung bzw. der Literaturkritik und am möglichen Erkenntnisgewinn des Zuschauers anzumelden, denn dann würde es sich in der Tat nur um unbegründete Zu- oder Abneigungsbekundungen handeln.

Was genau ist nun eine Wertungshandlung und woraus besteht sie? Nach Renate von Heydebrand und Simone Winko ist eine Wertung »eine Handlung, in der ein Subjekt in einer konkreten Situation aufgrund von Wertmaßstäben (axiologischen Werten) und bestimmten Zuordnungsvoraussetzungen einem Objekt Werteigenschaften (attributive Werte) zuschreibt.«2

Axiologische Werte stellen den Maßstab dar, anhand dessen ein Wert verliehen wird. Erst durch das Vorhandensein eines Maßstabs kann einem literarischen Text Wertfülle zu- oder abgesprochen werden, je nachdem inwieweit der Text dem Maßstab gerecht wird. Vermittels attributiver Werte wird die Wertfülle spezifiziert, d.h. hier wird vermittels eines Adjektivs die Wertigkeit ausgedrückt.

In dem folgenden Beispiel soll gezeigt werden, wie axiologische und attributive Werte in einer Wertungshandlung funktionieren: Eine Aussage wie die Hellmuth Karaseks über Jean Echenoz’ Roman Ich gehe jetzt: »Ich finde dieses Buch flach und schlecht und oberflächlich und alles«3, scheint zunächst vollkommen unbegründet daherzukommen. Doch die attributiven Werte ›Oberflächlichkeit‹, ›Flach-Sein‹ und ›Schlecht-Sein‹ lassen darauf schließen, dass Karasek die formalen Wertmaßstäbe Tiefgang und Tiefenstruktur zu Grunde legt. Wenn ein Text jene Eigenschaften aufweist sowie weitere nicht genannte Aspekte, die von ihm unter dem Wort »alles« subsumiert werden, sind die angelegten Wertmaßstäbe erfüllt, und es handelt es sich um ein gutes Buch. Augenscheinlich werden diese Eigenschaften von Echenoz’ Roman nicht erfüllt, was Karasek zu der negativen Wertung veranlasst.

Die Ursache, weshalb Karasek gerade diese Wertmaßstäbe auf Ich gehe jetzt anwendet, wird von Heydebrand und Winko ›Zuordnungsvoraussetzung‹ genannt. Damit werden die Bedingungen bezeichnet, die erfüllt sein müssen, um bestimmte Wertmaßstäbe auf einen literarischen Text anwenden zu können. Für Winko und Heydebrand konstituieren sich diese Bedingungen aus den individuellen Erfahrungen des Wertenden sowie sein verschiedentlich angeeignetes Wissen.4

Karaseks Zuordnungsvoraussetzungen bleiben in diesem Beispiel jedoch unklar. In der Diskussion im Literarischen Quartett, die diesem Zitat vorausgeht, bezeichnete er den Roman noch als »ganz klar erzählte[n] Krimi«5. Das heißt: Tiefgang und Tiefenstruktur sind Wertmaßstäbe, die für Karasek von einem Krimi erfüllt werden müssen, auch wenn es sich bei dieser Textsorte eher um Unterhaltungsliteratur handelt. Warum das der Fall ist, kann man wiederum nur vermuten und ggf. spekulativ auf den Erfahrungswert zurückführen, dass bspw. eine tieferliegende Struktur das Leseerlebnis spannender macht.

Heydebrand und Winko unterscheiden zwischen mindestens vier verschiedenen axiologischen Werten, nach denen Literatur bewertet werden kann. In der exemplarisch analysierten Folge des Literarischen Quartetts liegt der Schwerpunkt auf den folgenden drei Maßstäben:

a) Der wirkungsbezogene Maßstab. Dieser Maßstab ist in individuelle und gesellschaftliche Werte untergliedert. Im Literarischen Quartett wird nur der erste Wert angewandt, der sich weiter in hedonistische, kognitive, praktische und affektive Werte aufteilt. Im Quartett fand sich nur der affektive Wert wieder. Vermittels diesem wird die emotionale Wirkung des Textes auf den Kritiker bewertet. Ein Beispiel dafür ist Karaseks Wertung des Romans Der Geliebte der Mutter, in der er sagt, dass ihn die Geschichte sehr bewegt hat: »hat also immer etwas gigantisch Opernhaftes wie bei Dürrenmatt, ist dann aber doch eine sehr bewegende Geschichte eines Sohnes, der es den Männern nicht verzeiht, was sie mit ihrer Mutter angestellt haben.«6 Das emotionale Moment des Bewegt-Seins ist die affektive Komponente der Wertung und für Karasek positiv konnotiert, so dass die Wertung wohlwollend ausfällt.

b) Der formale Maßstab. »Also, ich habe mit dem Buch [d.i. Kumpfmüllers Hampels Fluchten, Anm. R.R.] insofern ein Problem gehabt, als er in so vielen Rückblenden erzählt, dass man irgendwann nicht mehr weiß, wo schraubt es denn noch hin.«7 Handlungsführung ist eine klassische technische Eigenschaft eines Textes, die vermittels des formalen Maßstabs bewertetet wird, so wie es Elke Heidenreich in dem vorangegangenen Zitat getan hat. Zu den im Literarischen Quartett berücksichtigten formalen Eigenschaften gehören generell die Erzähltechnik eines Autors sowie Handlungsführung und Motivtechnik. Besonders häufig wurde hier die Gradlinigkeit der Handlungsstränge berücksichtigt.

c) Der relationale Maßstab. Dieser Terminus bezeichnet den Prozess, einen literarischen Text in Relation zu einer Bezugsgröße zu bewerten. Die Bezugsgröße kann sowohl ein weiteres Werk des Autors als auch eine literarische Strömung sein. Genauso ist es möglich, den Text relational zu anderen Texten die Qualität ›Originalität‹ oder ›Innovation‹ zuzuweisen. Auch kritikerspezifische Erwartungen an einen Text gehören zum relationalen Maßstab. Diese Erwartungen hängen wiederum stark von den individuellen Vorlieben des Kritikers ab. Ein beim Quartett beliebter Wert war beispielsweise die Authentizität; 11 von 26 wertenden Äußerungen, denen der relationale Maßstab zu Grunde lag, bezogen sich auf diesen. Authentizität ist insofern ein relationaler Maßstab, als der Kritiker den Realitätsgehalt im Text mit seinem individuellen Erleben seiner Realität abgleicht.

II. Die Praxis
Gegenstand der Studie und erster Überblick über die Ergebnisse

Die Ergebnisse der Analyse beziehen sich auf die Sendung vom 18. August 2000, deren Teilnehmer Marcel Reich-Ranicki, Iris Radisch, Hellmuth Karasek und als Gast Elke Heidenreich waren. Es wurden Urs Widmers Der Geliebte der Mutter, Zeruya Shalevs Liebesleben, Julia Francks Bauchlandung, Michael Kumpfmüllers Hampels Fluchten sowie Jean Echenoz’ Ich gehe jetzt besprochen.

In dieser Sendung wurden insgesamt 69 Wertungshandlungen vollzogen, von denen sich 26 auf einen relationalen Maßstab und 25 auf formale Eigenschaften bezogen. 18 Wertungshandlungen entfielen auf den wirkungsbezogenen Maßstab. Der Löwenanteil der Wertungshandlungen lag in allen drei Kategorien – wie nicht anders zu erwarten – bei Marcel Reich-Ranicki, meistens knapp gefolgt von Hellmuth Karasek. Ein Vorurteil, welches besagt, dass der Gast im Literarischen Quartett nicht zu Worte komme, erwies sich zumindest in dieser Sendung und mit Bezug auf die Wertungen als Irrtum. Elke Heidenreich hatte in fast allen drei Bereichen mehr Wertungsbeiträge als Iris Radisch. Dies sagt jedoch nichts über den tatsächlichen Anteil ihrer Wortbeiträge aus.

Auch die prominente Behauptung, Elke Heidenreich verbreite – wie in ihrer Literatursendung Lesen! – hauptsächlich emphatische Leseempfehlungen, die sich an eine Leserschaft richte, welche ihre persönlichen Vorlieben teile, und vernachlässige kritische Literaturbetrachtung, erweist sich als nicht völlig zutreffend. Heidenreich bewertete Literatur gleich häufig nach formalen und wirkungsbezogenen Kriterien und begründete diese auch in den meisten Fällen, wodurch sie sich in nichts von den anderen Teilnehmern unterschied.

Marcel Reich-Ranicki hatte das größte und auch das am breitesten gefächerte Maßstabsrepertoire. Auf ihn entfielen 26 der 69 Wertungshandlungen, mit denen er 16 von 24 möglichen axiologischen Werten abdeckte. Zum Vergleich: Iris Radisch vollzog 11 Wertungshandlungen und berücksichtigte 9 Maßstäbe.

Nach Heydebrand und Winko gibt es zwei Wertungsformen: implizite und explizite. Eine explizite Wertung ist die folgende: »Ich finde das Buch schlecht«. Dem Buch wird ein Wertausdruck zugeordnet, der in diesem Beispiel eine eindeutige Auskunft über die Werthaltigkeit des Buches gibt; in diesem Fall ist sie negativ. Bei dem verwendeten Adjektiv »schlecht« handelt es sich dabei um einen sogenannten ›reinen Wertausdruck‹, der sich ausschließlich auf die positive oder negative Wertigkeit bezieht. Diesem steht der deskriptive Wertausdruck gegenüber, der zusätzliche Informationen über das Wertungsobjekt enthält, wie z.B. »sympathisch«. Hier wird mit Bezug auf einen emotionalen Aspekt gewertet. Winko und Heydebrand fügen allerdings an, dass die Grenzen zwischen reinen und deskriptiven Wertausdrücken fließend sind.

In manchen Fällen, wie in dem folgenden, sind keine sofort identifizierbaren Wertausdrücke vorhanden, die Rückschluss auf die Werthaltigkeit zulassen: »Daraus [aus diesem Stoff, Anm. R.R.] hätte ein schlechterer Autor als Widmer vierhundert Seiten gemacht«8 Hier handelt es sich um eine implizite Wertung. Die vergleichende Wendung »ein schlechterer Autor als Widmer« sagt zunächst aus, dass Widmer nicht zu den schlechteren Autoren gehört, aber nicht, dass er nach Reich-Ranickis Ansicht ein guter Autor ist. Die eindeutige Bedeutung dieser Äußerung ergibt sich erst, wenn man über ein bestimmtes Kontextwissen verfügt, nämlich dass Reich-Ranicki »eine Schwäche für die Frage nach dem Umfang eines Buches«9 hat. Der wertende Charakter wird also erst über das Kontextwissen deutlich, das entweder als bekannt vorausgesetzt oder in einer vorausgehenden oder sich anschließenden Bemerkung des Wertenden erkennbar wird. Des Weiteren kann auch durch Vergleiche mit anderen Schriftstellern, durch Metaphern, Ironie etc. implizit gewertet werden.

Die Teilnehmer des Literarischen Quartetts präferierten explizite Wertungen, nur 18 Wertungen enthielten keine eindeutigen Wertausdrücke. Die Teilnehmer drückten hier ihre Wertung u.a. durch Metaphern aus oder – wie in diesem Beispiel – durch Vergleiche mit Werken anderer Schriftsteller: »Im Mittelpunkt steht diese Ich-Erzählerin, sie ist eine hochintelligente und gebildete Frau, ich habe es satt, Bücher über Idioten zu lesen.«10

Mit Blick auf die beliebtesten Werte aller drei Maßstabskategorien – Authentizität, Identifikation und Übersichtlichkeit der Handlungsführung – lässt sich zusammenfassend sagen, dass ein literarischer Text dann als gut bewertet wurde, wenn er eine Realität widerspiegelte, mit der sich der Kritiker identifizieren konnte, und diese zusätzlich überschaubar, aber nicht zwingend simpel konstruiert war.

Formale Maßstäbe

Wie oben bereits erwähnt, wird der formale Maßstab in der analysierten Folge am zweithäufigsten nach dem relationalen Maßstab für die Bewertung der erzähltechnischen Eigenschaften eines literarischen Textes herangezogen.
Hier wurde besonders die Handlungsführung berücksichtigt. In dem folgenden Zitat bewertet Karasek eine Kurzgeschichte von Julia Franck: »Während die Geschichte, die Sie schon erwähnt haben, diese Freundin, die den Liebhaber verleugnen muss und die einen Verrat an der Freundin begeht und doch keinen – das sind schon unheimlich gute Geschichten.«11

Der Wertausdruck, den Karasek der Kurzgeschichte zuschreibt, ist ein reiner Wertausdruck, sie ist »gut«; und nicht nur das: Das einfache Adjektiv wird noch verstärkt, sie ist sogar »unheimlich gut«. Die Frage danach, warum sie »unheimlich gut« ist, lässt sich durch die Betrachtung der restlichen Äußerung beantworten, die aus einer grobe Inhaltsangabe besteht, in der deutlich wird, dass es sich um eine Freundin, einen Liebhaber und einen scheinbaren Verrat handelt. Der Wertausdruck »unheimlich gut« bezieht sich auf ein Element der Kurzgeschichte, das Karasek in dem Teil des Satzes, der der Inhaltsangabe hintangestellt ist, nennt: Der Verrat wird doch nicht begangen. Dieses überraschende Moment der Handlungsführung bewertet Karasek als gelungen.

Neben der häufig berücksichtigten Handlungsführung spielten in einem Fall auch die Motivtechnik und ihr Einfluss auf die Bewertung der erzählerischen Fähigkeiten eine Rolle. Reich-Ranicki äußerte sich mit folgenden superlativisch durchwirkten Worten über Zeruya Shalevs Roman Liebesleben: »Und ich will nur auf ein Motiv hinweisen, um zu zeigen, wie fabelhaft das ist. Wie hier mit dem Motiv gearbeitet wird, beweist, dass diese Frau, die Shalev, nicht nur eine unerhört suggestive Erzählerin ist […]. Es ist nicht nur diese Suggestivität, die außerordentliche Intelligenz und eine Beherrschung des Handwerks.«12
Die Fähigkeiten der Autorin werden durch verschiedene Wertausdrücke hochgelobt. Namentlich sind dies die Motive, die »fabelhaft gearbeitet« sind, wobei es sich um eine formale Eigenschaft des Textes handelt, sowie die »unerhörte« Suggestivität des Erzählten, auch dies ein formales Element. Um eine weniger formale Eigenschaft handelt es sich bei der »außerordentlichen Intelligenz« der Autorin, hier wird ein eher relationaler Maßstab angelegt, der das Werk in Beziehung zu den Autoreigenschaften stellt.

Auch die Figurenpsychologie war häufig Gegenstand der Wertung. Wichtig war besonders die Nachvollziehbarkeit der Figurenhandlungen, wie in folgender Wertung von Karasek deutlich wird. Es bezieht sich auf Widmers Roman Der Geliebte der Mutter, in dem u.a. ein Sohn sehr sachlich und ruhig von seiner Mutter erzählt, die sich mit ihm im See ertränken wollte, als er noch im Säuglingsalter war. Im weiteren Verlauf seines Lebens hat sie sich dann kaum noch um ihn gekümmert: »Wie kann ein Sohn erzählen, dessen Mutter a) den Vater überhaupt nicht erwähnt und der der Geliebte so wichtig ist, dass sie den Sohn in den Tod tragen wird. Das müsste doch eigentlich eine größere Erregung abgeben.« Hier handelt es sich um eine implizite Wertung, die durch die kontrafaktische Mutmaßung am Ende des Zitats zustande kommt. Karasek stellt damit die Angemessenheit der Reaktionen in Frage: Seines Erachtens müsste die Reaktion der Figur auf das Erlebte dramatischer ausfallen. Dadurch wird für den Kritiker die Figurenhandlung nicht mehr eindeutig nachvollziehbar.

Neben Handlungsführung, Motivtechnik und Figurenpsychologie, die die Wertungen dominierten, waren auch die Sprache und die Pointiertheit des Erzählten von größerer Wichtigkeit. Aspekte wie Stimmung oder Handlungsmotivation waren eher nachrangig.

Auffällig war auch – und das gilt über Maßstabs- und Kritikergrenzen hinweg –, dass die Wertausdrücke häufig Superlative waren. Die Geschichten waren »unheimlich gut« oder »gründlich missglückt«13, ein Autor war »völlig unfähig«14 oder schreibt einen Roman, der »sehr ergreifend«15 ist, manchmal mit einer »unglaublichen Sprache«16. Selten hatten die Kritiker ein »Problem«17 mit einem Buch oder fanden, dass eine Geschichte »schwächer«18 war als alle anderen.

Wirkungsbezogener Maßstab

Von den verschiedenen Formen wirkungsbezogener Maßstäbe dominiert in der untersuchten Folge der affektive wirkungsbezogene Maßstab, der die Emotionen des Lesers vor, während und nach der Lektüre zum Gegenstand hat. 8 von 18 Bewertungen, denen der wirkungsbezogene Maßstab zu Grunde lag, bezogen sich auf die Identifikation mit Figur, Handlung oder Thema des Textes.

So kam es mehrfach zu einer positiven Wertung, wenn der Kritiker das Verhalten des Protagonisten nachvollziehen konnte. Voraussetzung hierfür war ein gewisses Identifikationspotential, das in den Figureneigenschaften enthalten war, etwa wenn Reich-Ranicki den Roman Der Geliebte der Mutter von Urs Widmer wie folgt positiv bewertet: »Ich habe für das Buch von Anfang an Sympathie«. Den Aspekt der Identifikation mit der Figur fügt er gleich an: »weil im Mittelpunkt ein Musiker, ein Dirigent ist, einer der die Musik fördert, das interessiert mich schon mal mehr, als wenn ein Fischer oder ein Bauer im Mittelpunkt stünde«.19 Das Buch interessiert ihn also mehr, weil die Hauptfigur ein gewisses Identifikationspotential bereithält, das in dem beiderseitigen Interesse für die Schönen Künste gründet.

Ähnlich ist es bei Elke Heidenreich, die den Inhalt des Kumpfmüller-Romans Hampels Fluchten schätzt: »Ich mag die Geschichte sehr gerne, weil die Geschichte viel mit unserem deutsch-deutschen Kleinbürgermief zu tun hat«.20 Hier liegt das Identifikationspotential nicht in einer Figur begründet, sondern im Thema allgemein, das in Beziehung zum eigenen Erleben gesetzt werden kann.

Ein wenig anders gelagert ist der Fall bei Iris Radisch in ihrer Bewertung des Romans Liebesleben von Zeruya Shalev: »Es ist eigentlich ein Buch, das einen Sog entwickelt, dass ich zumindest Mühe hatte, es aufzuhören zu lesen, weil es einen so reinzieht in diese Welt«.21 Dieses unmittelbare Partizipieren am Innenleben der Figur kann man ebenfalls als eine Form der Identifikation betrachten, die sich allerdings im Unterschied zu Reich-Ranickis und Heidenreichs Wertung nicht in der Erfahrung der eigenen Lebenswirklichkeit gründet, sondern in einer Beteiligung am fiktionalen Geschehen, die durch die schriftstellerischen Fähigkeiten Shalevs ermöglicht wird und in der Authentizität der Ich-Erzählerin ihren Niederschlag finden. Dies wird deutlich, wenn man die folgende Stelle hinzuzieht: »Hier hat man eine Ich-Erzählerin, die einen unmittelbar reinzieht in diesen Prozess des Wahnsinnigwerdens an der Liebe […] man erlebt das richtig mit«.22

Die Vermutung liegt nahe, dass in einer Kategorie, in der die Texte anhand der Emotionen des Kritikers bewertet werden, auch die Wertungen emotional und dementsprechend rational unbegründet daherkommen. Doch wie sich in den obigen Beispielen paradigmatisch zeigt, bestehen die Wertungsäußerungen aus weil-Konstruktionen, die die vorangegangene Wertung begründen. Diese Satzstruktur findet sich hier besonders häufig, bei Wertungen, die sich an einem wirkungsbezogenen Maßstab orientieren. Bei den formalen Eigenschaften ist dies seltener der Fall, bei relationalen überhaupt nicht – zumindest, was diese Sendung anbetrifft. Bei Letzteren wird sich zeigen, dass die Begründung des Urteils indirekt geschieht.

Relationaler Maßstab

Relationale Maßstäbe sind in der analysierten Folge des Literarischen Quartetts beinahe ebenso häufig vertreten wie formale Maßstäbe. Auf den relationalen Maßstab bezogen sich 26 Wertungsäußerungen, auf den formalen Maßstab 25. Voraussetzung für die Anwendung eines relationalen Wertmaßstab ist eine Bezugsgröße, anhand derer das Gelungen-Sein eines literarischen Textes bewertet wird. Als Bezugsgrößen fungierten besonders Authentizität, Originalität und Innovation.

Beinahe die Hälfte aller Wertungen entfielen auf die Bezugsgröße ›Authentizität‹, die wie eingangs bereits festgehalten, mit dem Realitätsanspruch des Kritikers an den Text zusammenhängt. Je treffender der Text die Realität abbildet, die der Kritiker kennt, desto eher wird er den Text als authentisch und damit positiv bewerten. Ein Beispiel ist die positive Bewertung des Romans Hampels Fluchten durch Karasek: »Ich liebe Bücher, die eine Zeit festhalten und so aufzeichnen, dass deren Wahrheit behalten wird.«23 Er begründet dies mit seiner eigenen Biographie: »Ich habe zu dem Buch […] einen besseren Zugang als viele andere, weil der junge Autor die Epoche beschreibt, als ich in der DDR lebte und nach dem Westen gegangen bin.«24 Karasek bewertet den Roman also deshalb positiv, weil er die innerfiktionale Realität darstellt, wie er, der Kritiker, die außerfiktionale Realität in Erinnerung hat: »[D]iese DDR ist mit einer Minutiösität getroffen worden.«25 Noch weiter kontrastiert wird der Befund dadurch, dass die anderen Mitglieder des Quartetts den Roman überwiegend unterdurchschnittlich bewertet haben: »Hier erfahren wir viel über die Banalität des Mittelmäßigen.«26

Eine negative Kritik auf Grund eines nicht ausreichend vorhandenen Realitätsbezugs ist wiederum Karaseks Wertung von Julia Francks Kurzgeschichte Zugreise zu einer italienischen Hochzeit, über die er sagt: »Es gibt wirklich schwächere Geschichten. Ich finde Eine Zugreise zu einer italienischen Hochzeit ist eine Geschichte, die den realen Boden unter den Füßen verliert, die ist so gekünstelt.«27 Auch hier findet man wieder den Realismusanspruch, der schließlich für die Authentizität des Erzählten sorgt. Eine Geschichte, die den »realen Boden« vermissen lässt, sich also nicht in der Lebenswelt des Kritikers verankern lässt, wirkt sofort »gekünstelt« und gehört zu den »schwächere[n] Geschichten«.

Von Authentizität durch Realitätsbezug kann man in gewisser Weise auch sprechen, wenn die Einheit von Autor und Erzählstimme bzw. -perspektive gewahrt wird, wie es Reich-Ranicki bei Shalevs Liebesleben hervorhebt: »Ich bin nicht sonderlich interessiert an Büchern, die von Frauen geschrieben werden, aber aus männlicher Perspektive letztlich. Dasselbe, was die Männer erzählen, erzählen auch die Frauen.«28 Indem er zunächst den negativen Fall anführt, wertet er durch seine weiteren Ausführungen Shalevs Roman auf, wenn er indirekt sagt, dass dies alles für ihren Roman nicht gelte: »Das, was diese Shalev erzählt, […] das ist wirklich aus weiblicher Perspektive: von der ersten bis zur letzten Zeile«.29 Da das Geschlecht der Autorin und die Erzählperspektive kohärent sind, wird das Erzählte authentisch. Und diese durch Kohärenz entstandene Authentizität ist es, was Reich-Ranicki hier positiv bewertet.

Des Weiteren werden Romane untereinander verglichen und am Wertmaßstab Originalität und Innovation gemessen. Marcel Reich-Ranicki stellt in dem folgenden Zitat Julia Francks Erzähltechnik der Kumpfmüllers gegenüber, dessen Sprache Reich-Ranicki zuvor als »routiniert« bezeichnet hatte: »Das ist eben interessant, […] dass der Kumpfmüller ganz konventionell erzählt und er glaubt, es ist modern, wenn er die Zeiten durcheinanderbringt, immer hin und her und nur dadurch die Lektüre erschwert. […] Die [Julia Franck, Anm. R.R.] schreibt nicht nach dem Vorbild von irgendeinem mir bekannten Autor, die schreibt auf ihre eigene Weise«.30 Kumpfmüller, der zuvor schon negativ bewertet wurde, dient als negative Kontrastfolie, da seine Erzähltechnik eigentlich konventionellen Mustern folgt und durch einfache Tricks (hier das »Durcheinanderbringen« der Zeiten) versuche, moderne Effekte zu erzeugen. Durch diesen Vergleich wird Francks Erzählstil als innovativ positiv herausgestellt.

Zusammenfassend kann also festgehalten werden, dass die Kritiker des Literarischen Quartetts einen Text häufig in Relation zu ihrem eigenen Realitätserleben setzen, des Weiteren wird es geschätzt, wenn Autoren innovative Techniken verwenden, die eine gewisse Komplexität aufweisen und nicht zu leicht durchschaubar sind: »Diese Julia Franck […] beschreibt mehrfach in den Geschichten Sexuelles, ganz kalt, ganz sachlich, kalt und sehr überzeugend eigentlich, das ist das Erstaunliche!«31

Fazit

Wie verhält es sich nun mit den eingangs aufgestellten Voraussetzungen für eine fundierte literarischer Wertung? Werden sie von den Teilnehmern des Literarischen Quartetts erfüllt?

Die erste Bedingung, die erfüllt sein musste, war zunächst nur die Verwendung von Wertmaßstäben. Der Einteilung Heydebrand und Winko folgend, konnte hier ein Teil der von ihnen herausgearbeiteten axiologischen Werte erfolgreich angewendet werden. Aus der statistischen Auswertung, die diesem Essay zu Grunde liegt, geht hervor, dass einige Aspekte bevorzugt gewertet wurden. In der vorliegenden Darstellung wurde versucht, die statistischen Verhältnisse gemäß der Ergebnisse der ausführlicheren Untersuchung darzustellen. So ließ sich eine Präferenz des Wertes ›Authentizität‹ in Zusammenhang mit dem wirkungsbezogenen Wertmaßstab feststellen, der relationale Wertmaßstab fand überwiegend Verwendung, um das Innovative eines Romans zu bewerten und vermittels des formalen Wertmaßstab wurde meist die Handlungsführung bewertet. Formale und realationale Aspekte wurden häufiger bewertet als wirkungsbezogene.

Die zweite Bedingung war die wiederholte Anwendung der Wertmaßstäbe von allen Teilnehmern. Auch dies war hier der Fall. Es gab 24 axiologische Werten, von denen drei in hoher Frequenz angewendet wurden: Authentizität, Handlungsführung und Identifikation.
Zusammengefasst bedeutet dies: Im Literarischen Quartett wird Literatur nach mindestens drei Kategorien bewertet und nicht nur wortgewandt und effektvoll angepriesen bzw. verrissen. Allerdings ist eingangs bereits darauf hingewiesen worden, dass jeder Wertung eine gewisse Subjektivität innewohnt, die auch durch noch so konsequente Verwendung von Wertmaßstäben nicht getilgt werden kann.

Dies ist zum einen in den erwähnten Zuordnungsvoraussetzungen begründet, die, zusammen mit den individuellen Leseerfahrungen und dem ästhetischen Empfinden, richtungsweisend für den jeweiligen Wertungsaspekt ist. Dass Marcel Reich-Ranicki das Identifikationspotential eines Textes besonders hervorhebt, hängt von seinen eigenen (Lese-)
Erfahrungen ab.

Zum anderen ist auch die Beurteilung der Übereinstimmung bzw. der Nichtübereinstimmung des ästhetischen Empfindens mit dem zu Grunde gelegten Maßstab eine sehr subjektive Angelegenheit. Allerdings wird durch den Wertmaßstab die Grundlage des Werturteils für Außenstehende nachvollziehbar. Dadurch ist eine Wertung zwar immer noch nicht allgemeingültig, mehr als ein subjektives Stimmungsbild stellt sie jedoch schon dar, da sie durch die Wertmaßstäbe begründet wird.

Und zu guter Letzt sollte man bei so manchem Reich-Ranicki’sche Wutausbruch, der bisweilen den eigentlichen Zweck der Sendung vergessen ließ, daran denken, dass das Literarische Quartett auch – und vielleicht vor allem – eine Fernsehsendung war.

  1. Es handelt sich um die Sendung vom 18. August 2000; Gast war Elke Heidenreich. Textgrundlage der folgenden Analyse ist: Das Literarische Quartett. Sendung vom 18. August 2000 mit Elke Heidenreich. In: Dies.: Gesamtausgabe aller 77 Sendungen von 1988 bis 2001. 3. Band. Berlin 2006, S. 435 – 460. Der Text wird im Folgenden unter Angabe der Kritiker- und Titelinitialen sowie Seitenzahl zitiert. Bei den Kritikerinitialen steht ›MRR‹ für Marcel Reich-Ranicki, ›HK‹ für Hellmuth Karasek, ›IR‹ für Iris Radisch und ›EH‹ für Elke Heidenreich; bei den Titelinitialen steht, ›DGM‹ für Der Geliebte der Mutter von Urs Widmer, ›LL‹ für Liebesleben von Zeruya Shalevs, ›BL‹ für Bauchlandung von Julia Franck, ›HF‹ für Hampels Fluchten von Michael Kumpfmüller, ›IGJ‹ für Ich gehe jetzt von Jean Echenoz.
  2. Renate von Heydebrand / Simone Winko: Einführung in die Wertung von Literatur. Systematik, Geschichte, Legitimation. Paderborn 1996, S. 39, Hervorhebungen R.R.
  3. HK, IGJ, S. 457.
  4. Vgl. von Heydebrand / Winko: Einführung in die Wertung von Literatur, S. 44.
  5. HK, IGJ, S. 457.
  6. HK, DGM, S. 437.
  7. EH, HF, S. 446.
  8. MRR, DGM, S. 439.
  9. Ebd.
  10. MRR, LL, S. 443.
  11. HK, BL, S. 454.
  12. MRR, LL, S. 444.
  13. EH, IGJ, S. 458.
  14. MRR, BL, S. 455.
  15. IR, DGM, S. 437.
  16. IR, LL, S. 441.
  17. EH, HF, S. 446.
  18. HK, BL, 454.
  19. MRR, DGM, S. 437.
  20. EH, HF, S. 446.
  21. IR, LL, S. 441.
  22. Ebd.
  23. HK, HF, S. 448
  24. HK, HF, S. 447.
  25. HK, HF, S. 448.
  26. MRR, HF, S 447.
  27. HK, BL, S. 454.
  28. MRR, LL, S. 445.
  29. Ebd.
  30. MRR, BL, S. 454.
  31. MRR, BL, S. 455.


Metaebene
 Autor*in:
 Veröffentlicht am 30. Juli 2010
 Kategorie: Wissenschaft
 Teilen via Facebook und Twitter
 Artikel als druckbares PDF laden
 RSS oder Atom abonnieren
 Keine Kommentare
Ähnliche Artikel
Archiv
Keine Kommentare
Kommentar schreiben

Worum geht es?
Über Litlog
Mitmachen?