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Im Bücherparadies

Krisengedanken beiseite – Sabrina Wagner pilgerte zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse und stellt zwischen den Menschenmassen fest: Das Buch lebt! Eine gemischte Nachlese von der Frankfurter Buchmesse oder warum wir uns als Leser um die Zukunft des Buches keine Sorgen machen müssen.

Von Sabrina Wagner

Eine Woche lang waren die Zeitungen voll. Überall Buchmesse und punktgenau unzählige Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. Allesamt »die größten Entdeckungen des diesjährigen Bücherherbstes«. Und für jeden war etwas dabei. Glücklicherweise muss ja niemand Schriftsteller sein, um ein Buch zu schreiben. Ab einem bestimmten Bekanntheitsgrad und einer allgemeinen medialen Präsenz darf jeder zwischen Buchdeckeln aus seinem Leben erzählen. Ob der potenzielle Leser über die schwarzen Zeiten eines Dieter Thomas Heck erschreckt, mit Veruschka in wilden Zeiten schwelgt oder am Leben eines Profifußballers teilhaben möchte oder aber – gemäß dem eigenen Dünkel – ausschließlich an anspruchsvoller Literatur (wenn wir uns nicht sicher sind, was dazu zu zählen ist, sagt uns das ja praktischerweise der Buchpreis) interessiert ist: Buchmesse ist für alle.

Bei der Ankunft in Frankfurt an diesem Wochenende damit gleich die erste Erkenntnis: Die Buchmesse besucht man nicht, hierher pilgert man! In Massen. Laut der offiziellen Statistiken hat die Besucherzahl in diesem Jahr sogar im Vergleich zum Vorjahr leicht zugenommen. Wenn all diese Menschen, die dort am frühen Samstagmorgen vom Hauptbahnhof zur Messe strömen, wirklich lesen, möchte man doch jeder kulturpessimistischen Äußerung in Zukunft nur noch mit einem es besser wissenden Kopfschütteln begegnen. Zu viel des Guten? Vielleicht. Aber festzuhalten bleibt: All diese Menschen sind in heiliger Mission unterwegs: Sie retten das Buch.

Außenseiter E-Book

Wir alle wissen: Das Buch stirbt. Seit Jahren. Stand für Jahrzehnte der Fernseher unter Mordverdacht, scheint die Beweislast gegenüber sämtlichen digitalen Medien heute erdrückend. Unter besonderer Beobachtung steht seit einiger Zeit das E-Book. Abhandlungen pro und kontra E-Book und Buchsterben finden sich dieser Tage wieder etliche im Feuilleton. Dem soll hier keine weitere hinzugefügt werden, sondern es soll lediglich von den Beobachtungen auf der diesjährigen Messe berichtet werden. Dort sind die Besuchermagneten ganz eindeutig die Hallen und Stände der gedruckten Bücher und aller bibliophilen Kleinigkeiten rund ums Buch. Alles Digitale stößt auf weit weniger Interesse und bleibt nahezu unbeachtet an den Gängen zurück. Das mag an den Fachtagen anders gewesen sein. Intensiv, zuweilen wohl panisch, wird die Branche diskutiert und sich mit allen möglichen Innovationen auseinandergesetzt haben. Aber der gemeine Besucher, der Leser, interessierte sich an diesem Wochenende vor allem für das gedruckte Wort. Mag es auch daran liegen, dass sich Digitales so schlecht als Give Away eignet? Was da in den bunten, immer schwerer werdenden Tüten landete, war wie jedes Jahr jede Menge Analoges, sprich Gedrucktes.

Stellen wir also für einen Moment alle Krisengedanken hinten an, dann bleibt ein solcher Messebesuch für den Bücherfreund vor allem eins: ein großer Spaß! Passend strahlt da an einer Hallenwand dieses wunderbare Borges-Zitat: »Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.« Vielleicht ist es dort ja auch ein bisschen wie auf einer Buchmesse – natürlich mit einigen hunderttausend Besuchern weniger; denn machen wir uns nichts vor, bibliophil und misanthropisch liegen meist nicht allzu weit auseinander.

Die Vorleser und ihre Themen

Aber trotz der Menschenmassen findet man auch auf der großen Messe ein paar ruhigere Orte. Einigen Ausstellern ist es gelungen, ihre Stände so klug zu bauen, dass jeder, der wollte, Lesungen fast ungestört vom umgebenden Messerummel hören konnte. Diese Lesungen bestreiten vor allem die Autoren, die es mindestens auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft haben. Bei den einen ist das ein echter Glücksfall, weil sie einfach ein großartiges Buch geschrieben haben. Andere kommen vermutlich auch unaufgefordert und man fragt sich nach einem Blick ins Programmheft, wann an diesen Tagen diese Autoren mal eine Vorlesepause machen. Die Zuordnung zur einen oder anderen Gruppe sei dem Leser selbst überlassen. Eine große Freude ist es jedenfalls, Judith Schalansky zuzuhören, wenn sie aus ihrem zu Recht so gelobten Roman Der Hals der Giraffe vorliest. Und Eugen Ruge, als Buchpreisträger natürlich überall gefragt, ist sichtlich müde, aber seinem Humor, den er uns glücklicherweise auch im ausgezeichneten Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts nicht vorenthält, tut das keinen Abbruch. Ansonsten trifft man, um nur einige der »Vielleser« zu nennen: Sibylle Lewitscharoff, Leif Randt, Rafik Schami, Ilja Trojanow, Feridun Zaimoglu.

So unterschiedlich diese Autoren, so verschieden sind auch ihre Themen. Inhaltlich lässt sich das kaum auf einen Nenner bringen. Explizit Politisches ist dabei, aber auch viel Innenschau im Familienroman, dem ja seit geraumer Zeit im Feuilleton eine Hochkonjunktur zugeschrieben wird. Als ein inhaltlicher Schwerpunkt auf der Messe wenigstens lässt sich anhand zahlreicher Lesungen und Diskussionsrunden der »Arabische Frühling« ausmachen. Konsequent dann auch, dass der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche an den aus Algerien stammenden Autor Boualem Sansal ging – »als Zeichen für die Demokratiebewegung in Nordafrika«, so die offizielle Begründung des Börsenvereins.

Sagenhafter Rückzug

Apropos Themen. Da war ja noch das Gastland. Da der diesjährige Ehrengast Island in einem eigenen Gebäude auf dem Messegelände untergebracht war – Leseinsel nannte sich das –, konnte man ihn auch ohne weiteres übersehen. Aber glücklicherweise ist der Messebesucher ja gut vorbereitet und sucht seine Veranstaltungen gezielt auf. Und der Besuch der Island-Halle lohnte sich wirklich: Überlebensgroße Projektionen lesender Isländer vor ihren Bücherregalen auf Videoleinwände, akustisch im Hintergrund bespielt mit dem Vorlesen in dieser so fremd klingenden Sprache, die ganze Halle dunkel bis auf ein paar ausgewählte Bereiche, die von riesigen Kronleuchtern erhellt wurden. Sieht so Island aus? Ein Land, in dem es immer dunkel ist und in dem alle den ganzen Tag nur unter diesem warmen Licht lesen? »Sagenhaftes Island« – das war der offizielle Slogan und Motto der ganzen Präsentation. Das ist schön und lässt einen selbst von langen, dunklen, gemütlichen Winterleseabenden träumen, an denen man tatsächlich einmal ein paar große isländische Sagen lesen sollte. Dass die Veranstalter zum Abschluss äußerst zufrieden von einem Durchbruch der isländischen Literatur auf dem internationalen Buchmarkt sprechen, mag an dieser gelungenen Präsentation zur passenden Jahreszeit und dem damit verbundenen, allzu menschlichen Wunsch nach Rückzug in sagenhafte Fantasiewelten liegen. Wer mag, kann das aber auch in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen interpretieren.

Nach langen anstrengenden Messetagen ist es jedenfalls Zeit für den eigenen Rückzug. Mit vielen bunten Beuteln, in denen viele neue Bücher stecken, mit viel Lust, aber viel zu wenig Zeit, all das zu lesen. Aber bis zur nächsten Buchmesse in Leipzig sind es ja noch ein paar Monate. Bis dahin können sich auch die müde gelaufenen Füße erholen – und das am besten ganz allein vorm heimischen Bücherregal im garantiert menschenleeren eigenen Misanthropenparadies.



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 Veröffentlicht am 20. Oktober 2011
 Kategorie: Misc.
 Bild von Sabrina Wagner.
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