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In der Öffentlichkeit geheim

Im Jahr 2009 gründen zwei junge Berlinerinnen ihren eigenen Verlag. Er nennt sich »Das wilde Dutzend« und spezialisiert sich insbesondere auf Märchen und Legenden. Dem Berliner Duo geht es aber nicht nur darum, Geschichten zu verkaufen. Über das jeweilige Buch hinaus besteht das Angebot zur Interaktion. Es wird getwittert und gebloggt, und auch außerhalb des Netzes kann man sich zu Workshops oder Dinnerabenden treffen, um geheimnisvolle Rätsel zu lösen. Das Konzept scheint neu und innovativ, doch wer dem Ganzen genauer auf den Grund geht, stellt fest, dass der scheinbar junge Verlag eine lange, geheimnisumwobene Geschichte birgt. So soll es jedenfalls den Anschein machen.

Von Marie Krutmann

Es war einmal vor langer langer Zeit, da traf sich eines Nachts, an einem verborgenen Ort, die Loge des wilden Dutzends. Ihre Mitglieder versammelten sich bei Kerzenschein um eine lange Tafel, an der sie ihre geheimen Dokumente ausbreiteten. Flüsternd schmiedeten sie Pläne, auf welche Weise es ihnen gelingen könnte, die Wahrheit hinter Jacobs und Wilhelms Märchen zu entlarven. So ging es von Generation zu Generation. All ihre Geheimnisse verwahrten die Logenmitglieder in einem Archiv, zu dem bis zum heutigen Tage niemandem der Zutritt gewährt wurde. Doch schließlich, nach jahrhundertelanger Geheimhaltung, entschloss sich die Loge des »Wilden Dutzends«, mit ihrem Wissen an die Öffentlichkeit zu gehen. Da es sich jedoch, nach wie vor, um einen Geheimbund handelt und die Anonymität seiner Mitglieder gewahrt werden muss, treten in ihrem Namen zwei auserwählte Verlegerinnen, Simone Veenstra und Dorothea Martin, mit ihren Gesichtern an die Öffentlichkeit.

Das Grinsen des Nilpferds

Eine Feder durchkreuzt eine Blume. Links ein Kompass, rechts eine Sanduhr. Darunter ein lachendes Nilpferd und der Schriftzug »Das wilde Dutzend«. Mit seiner mittelalterlichen Gestaltung spielt das Verlagswappen auf eine lange Tradition an. Zugleich lässt das spöttische Grinsen des Nilpferds vermuten, dass man sich selbst nicht all zu ernst nimmt.

Verlag


Nicht 12, sondern 13 Menschen erforschen als Das wilde Dutzend seit Jahrhunderten Mysterien und Geheimnisse der Literatur- und Kulturgeschichte. In Berlin wird die Geheimloge als Verlag und »Laden für Rätselhaftes und Verborgenes« greifbar.

 
 
Gibt es nun tatsächlich diesen Orden, der sich einst als Jagdverein tarnte und in Wirklichkeit die Geheimnisse der Kultur- und Literaturgeschichte aufzudecken weiß? Was hat es mit dem Archiv auf sich, das, so munkelt man, Originalfassung und wahre Hintergründe zu allseits bekannten Märchen und Legenden enthalten soll? Und woher kommt eigentlich Adele, die Logendetektivin, die als Schnittstelle zwischen Geheimbund und Verlag fungiert? Wer wissen möchte, ob man alle dem Glauben schenken soll oder die beiden Verlegerinnen einfach eine blühende Phantasie haben, erhält leider keine Antwort. Das »Geheim« in »Geheimloge« wird groß geschrieben, erklären die Verlegerinnen im Rahmen eines Interviews. Dem Leser bleibt somit kaum etwas anderes übrig, als sich auf das Spiel einzulassen.

Spiel hin oder her. Die Geschichte von der Wahrheit hinter den Legenden, die sich die Menschen nun seit über 200 Jahren erzählen, klingt vielversprechend. Jeder kennt die Märchen der Brüder Grimm. Sei es durch das abendliche Vorlesen der Eltern oder die Disney-Verfilmungen. Doch wem ist beispielsweise bekannt, dass Rapunzel damals oben im Turm Zwillinge bekam? Das Logenarchiv birgt viele solcher Geheimnisse. Nun sei es an der Zeit gewesen, dieses Wissen zu teilen, erklärt Dorothea Martin. Schließlich müsse auch ein lange existierender Geheimbund mit der Zeit gehen und der Wandel durch neue Techniken bedinge die Suche nach neuen Mitwissern. Denn:

»Es geht darum, Dinge zu verbreiten. Verbreiten und Verbreitern, und dafür gibt es den Verlag.«

Der Verlag ist somit dafür zuständig, das ihm anvertraute Wissen durch ansprechende Geschichten zu vermitteln. Da die Verlegerinnen, nach eigener Auskunft, selber nicht zu den offiziellen Logenmitgliedern gehören und bis heute auch keinem Mitglied persönlich vorgestellt wurden, erhalten sie die nötigen Informationen lediglich über Dritte. Doch wer glaubt, sie seien somit bloß so etwas wie die ›Handpuppen‹ der Loge, der irrt. Die beiden haben ihre ganz eigenen Ideen und Strategien, auf ihre Geschichten aufmerksam zu machen.

Aus alt mach neu

Legenden, Tradition und Geheimnis: das alles verbindet die Geheimloge, hat auf den ersten Blick jedoch mit modernen sozialen Netzwerken, in denen ›Privatsphäre‹ klein geschrieben wird, wenig gemeinsam. Das sehen die zwei Verlegerinnen anders. Sie finden, dass sich Altes und Neues perfekt verbinden lassen. Ihrer Meinung nach ist ein Buch immer das Einfallstor zur »Storywelt« und diese setze sich aus vielen weiteren transmedialen Welten zusammen. Sie nutzen das Web daher nicht nur fürs Verlagsmarketing, sondern bieten dem Leser zugleich die Möglichkeit, nach dem Ende des Buchs innerhalb der fiktiven Welt aktiv zu werden.

Im Unterschied zu ähnlichen bereits bestehenden Konzepten, geht es ihnen jedoch nicht darum, nach dem Buch noch die Verfilmung oder die »Actionfigur XY« auf den Markt zu bringen. Vielmehr wollen sie den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit bieten, selber spannende Fälle zu lösen. Dabei wird ihnen Logendetektivin Adele an die Seite gestellt, die auf ihrer eigenen Facebookseite, bei Twitter oder auf dem verlagseigenen Blog Fälle schildert, die es zu ermitteln gilt. Tatsächlich soll es demnächst sogar eine App geben, die den Nutzer ortet und durch die Märchengeschichten der jeweiligen Stadt lotst. So entwickelt sich neben Verlag und Geheimbund noch eine weitere Gemeinschaft, nämlich die der aktiven Rezipienten.

Buchbinden bei Grimms Dinner

Wem das alles zu anonym ist, der kann Adele auch im verlagseigenen Laden in Berlin begegnen. Die Aktion nennt sich »Adeles Salon« und stellt eine Art »Pen and Paper-Abend« dar. Ebenso interaktiv geht es bei »Grimms Dinner« zu, bei dem jedes Mal ein Fall rund um die Grimms gelöst wird. Zudem werden Workshops angeboten, bei denen man beispielsweise lernen kann, selber Bücher zu binden. Seinen Laden beschreibt das Duo als eine »Kreuzung aus Museum und Verlagsladen«. Die Einrichtung ist Adeles Büro nachempfunden. Und zu kaufen gibt es dort neben den Büchern allerlei Spionagematerial.

Derzeit trifft man die beiden Verlegerinnen allerdings selten in ihrem Laden an, da sie anlässlich der Veröffentlichung ihres aktuellen Buches Wer kann für böse Träume eine Ausstellung veranstalten, mit der sie quer durch Deutschland touren. Zu sehen bekommt man dort Illustrationen von 15 verschiedenen Künstlern, die 15 unterschiedliche Märchengeschichten begleiten, sowie kleine Filme, die den Arbeitsprozess widerspiegeln. Das Vorbeischauen lohnt sich auf jeden Fall. Und wer weiß, vielleicht gelingt es einem bei der Gelegenheit ja, den zwei Damen das ein oder andere Geheimnis zu entlocken.



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 Autor*in:
 Veröffentlicht am 26. September 2013
 Bild mit freundlicher Genehmigung von Das wilde Dutzend
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 Ein Kommentar
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Ein Kommentar
Kommentare
 Dorothea Martin
 30. September 2013, 17:11 Uhr

Herzlichen Dank für das nette Gespräch und für dieses tolle Verlagsporträt! Liebe Grüße aus Berlin und bei Gelegenheit unbedingt bei uns vorbeischauen :-), Doro Martin vom wilden Dutzend

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