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Ironic hell

Zum Finale des diesjährigen Göttinger Literaturherbstes las Benjamin von Stuckrad-Barre aus Auch Deutsche unter den Opfern. Nadya Hartmann hat das Heimspiel des Ex-Göttingers besucht und präsentiert hier die Ergebnisse ihrer teilnehmenden Beobachtung. Ort der Erhebung: Deutsches Theater Göttingen, Erhebungszeitpunkt/-dauer: 17.Oktober, 20.30 – 22.15 Uhr.

Von Nadya Hartmann

Winterbemäntelte Göttinger drängeln sich vor dem Eingang des dt – kurzes Rumgewusel, dann stehen sie wie aufgefädelt da. Handschuhhände rascheln mit Eintrittskarten, unter den Schuhen klebt feuchtes Laub, es herrscht die gewohnte Literaturherbstlichkeit in Göttingen. Schlangestehen ist bekanntermaßen ein deutscher Volkssport und gleichzeitig Markenzeichen, ebenso wie Ordnung und Gemütlichkeit.

Heute stehen alle, inklusive mir, ordentlich Schlange und hoffen, dass es gleich gemütlich werden kann. In den roten Theatersesseln ist es gerade so bequem, wie bildungsbürgerliche Unterhaltung sein darf. Mit Spannung wartet man auf einen Unbequemen, Benjamin von Stuckrad-Barre in einer Doppelrolle: Für sein neustes Buch hat der Axel Springer Journalist messerscharfe Alltagsbeobachtungen angestellt und zu pointiert-ironischen Kurzreportagen verarbeitet. Der Star der neuen deutschen Popliteratur machte sie, wie schon in Remix, Deutsches Theater, Remix 2, zu Literatur. Zustände der Bundesrepublik in Brühwürfelform. Mal gerührt, mal geschüttelt finden wir Gartenzauntratsch, Bunte und Tagesschau auf 343 Seiten versammelt, inklusive Fotos. Aber will man sowas wirklich lesen?

Eiszeit in der »ironic hell«

Tatsächlich findet sich zwischen den Buchdeckeln mehr als ein Aufguss von egalem Tagesgeschehen mit überschrittenem Haltbarkeitsdatum. Die szenischen Alltagsfragmente sind symptomatisch für die Jetzt-Gesellschaft, ein Tortenstück gesamtdeutscher Krankengeschichte in gewohnt wurftortenartigem Stil. Die (klischeedeutsche) Suche nach einem Ordnungsprinzip der Observationen – vergeblich. Eben noch im Hamburger Einkaufszentrum mit Michael Naumann, es gibt Zitronenkuchen zum Wahlkampf, findet der Leser sich kurz darauf auf dem Sofa von Dieter Hildebrandt wieder, macht einen Abstecher auf die Berliner Fashion-Week, schaut im Hotelzimmer von Udo Lindenberg vorbei und landet schließlich mit Angela Merkel im Rheingoldexpress. Da popliterattern die textexternen Bezüge nur so durch die deutsche Landschaft, hier und da einige Wipfel amüsanter Nebensächlichkeiten: Angela Merkels Sehnsuchtslandschaft ist »so Grundmoräne«, Steinmeier ein »Freund des Leberkäse« und Westerwelle (Gu-iih-do) hat seine Akne-Narben akzeptiert.

Anekdoten- und name dropping sind zum Glück nicht alles. V. Stuckrad-Barre war schon immer einer von denen, die nicht in keine, sondern gleich in mehrere Schubladen passen. Er ist Popliterat, Popstar, Rebell, Axel Springer Journalist, moderner Dandy, ein Unkonventioneller mit Adelsprädikat. Diese schillernde Widersprüchlichkeit ist ebenso Teil seiner Selbstinszenierung wie die Hass-Liebe, die ihn mit seinen Bewunderern und Kritikern zu verbinden scheint. Man bekommt ihn nicht zu fassen, den »wahren« Stuckrad-Barre, und darauf legt er es an. Er betrachtet die Welt aus der Distanz, durch Ironie-verspiegelte Brillengläser. Seine öffentliche Rolle spielt er mit einer Coolness, die ihn unangreifbar wirken lässt. In unserer Gesellschaft, der »ironic hell«, wie es in dem popkulturellen Manifest Tristesse Royale heißt, kann es einen ganz schön frösteln.

Spuren der Nacht

2004 kam der Zusammenbruch, Essstörungen, zu viele Drogen, zu viel Druck. Er trat seine Beobachterrolle an die Fotografin Herlinde Koelbl ab, die dem breiten Publikum vor allem für ihre Politikerporträts »Spuren der Macht« bekannt ist. Sie sollte seinen Entzug mit der Kamera begleiten, »Spuren der Nacht«, haha. Das ist v. Stuckrad-Barres Humor, selbstmitleidsfrei, schonungslos. »Vor Herlinde Koelbls Kamera« ist eines der intensivsten und zugleich besten Kapitel im Buch. »Vor Herlinde Koelbls Kamera kann man posieren, wie man will, sie drückt erst ab, wenn einem die Attitüde entgleitet«, schreibt er. Vielleicht ein Prinzip, von dem sich v. Stuckrad-Barre selbst leiten lässt. Er fängt den Moment ein, in dem die Selbstinszenierung einen Knacks bekommt. Darin liegt die Stärke seiner Texte. Weil er selbst ein Schauspieler seiner eigenen Rolle ist, durchschaut er das Schauspiel der anderen. Seine literarischen Reportagen sind doppelbödig: im Splitscreen verfolgt der Leser ein perfekt inszeniertes Theaterstück und sieht zugleich, was hinter der Bühne passiert.

»Deutsches Theater« im Deutschen Theater

Ich, immer noch vor dem Theater, warte vergeblich auf das zugesicherte, naja, zumindest lose vereinbarte Interview. Es würde alles doch zu knapp. Natürlich. »Vielleicht nach der Veranstaltung, aber häufig hat er keine Lust«, warnt man mich wie vor einer launischen Diva. »In Literaturhäusern lesen ist wie Autoreifen ficken«, schrieb von Stuckrad-Barre in Livealbum. Leicht vorzustellen, was er erst von Interviews halten muss. Pornografische Michelin-Männchen-Gedanken begleiten mich in den großen Saal des Theaters, »unter den Opfern« herrscht bereits gute Stimmung.

Würdevoll verliest der Moderator Stephan Lohr die Biographie des Künstlers und weist uns an, die Handys auszustellen, da die Veranstaltung für NDR-Kultur mitgeschnitten werde. WUMMERND setzt der Elektrobeat ein, Fotoprojektionen jagen sich über die hinter den Podien aufgespannte Leinwand. Benjamin v. Stuckrad-Barre stürmt auf die Bühne, grüßt mit erhobener Hand an der Stirn und lässt seine blaue Ledertasche fallen – es geht los. Zunächst werde er aus seinem Buch lesen, danach den Moderator in ein Gespräch verwickeln, verkündet er, wohl wissend, dass Lohrs Job für diesen Abend erledigt ist. Genauso gut hätte er sich verziehen können und teilweise sieht es so aus, als hätte er das auch gerne getan.

»Schon wichtig, was der macht, aber er riecht immer so nach Knoblauch.«

»Er weiß seine Lesungen zu inszenieren« hatte Lohr versprochen – und sollte Recht behalten. V. Stuckrad-Barre versprüht jede Menge Klassenclown-Charme, unterbricht die Ausschnitte immer wieder, um spontan Anekdoten einzustreuen. In Göttingen aufgewachsen, weiß er seinen Insiderbonus beim Publikum gezielt einzusetzen. Er beginnt Sätze mit: »Vorhin, bei Deuerlich« oder beschwert sich, dass man an seiner früheren Schule, dem Max-Planck-Gymnasium, noch keine Gedenktafel angebracht hat. Über den Göttinger Verleger Steidl sagt er: »Ist schon wichtig, was der macht, aber er riecht immer so nach Knoblauch.«

Manchmal sorgen allein die Kapitelüberschriften für helles Entzücken: »Diskutieren mit Günter Grass«. Anstelle der Literaturhaushuster gibt es freudiges Glucksen und Quietschen im Publikum. V. Stuckrad-Barre schelmisch: »Bei Sloterdijk gab es mehr so ein akademisches Lachen.« Lohr hat noch einen letzten Einsatz und darf fragen: »Wie geht denn das, akademisches Lachen?« »Mehr so nach innen. Huhuhu. Manchmal kommt es erst ein paar Stunden später.« Die Göttinger lachen akademisch und die Stuhlreihen beben. Keine zehn Minuten auf der Bühne, schon ein Running-Gag. Dann eine entspannte Überleitung zu, ja, zu was eigentlich? V. Stuckrad-Barre liest eine Mail vor, die ihm ein Schüler des Max-Planck-Gymnasiums geschrieben hat. Ein gewisser Justin bittet den Ehemaligen, die Abiturrede zu halten. Justin ist im Publikum, komischer Zufall (?), und wird auf die Bühne gebeten. Lohr überlässt ihm seinen Platz und steht nun da wie ein kleiner Junge beim Einkaufen neben seiner Mama, die einen Bekannten getroffen hat. Das ganze zieht sich etwas hin und die Lacher im Publikum könnten nicht weniger akademisch sein. »Zum Schluss zerfaserte es etwas«, antizipiert v. Stuckrad-Barre den Wortlaut des Veranstaltungsberichts im Göttinger Tageblatt.

Spätestens jetzt entlarvt sich mir der Autoreifenvergleich als pure Koketterie. Hier liebt jemand, was er tut. Zu einem Interview hat mir diese Erkenntnis allerdings nicht verholfen.



Metaebene
 Autor*in:
 Veröffentlicht am 5. November 2010
 Mit freundlicher Genehmigung des Fotografen Alciro Theodoro da Silva.
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