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Literarisches Istanbul
Istanbuls Zöglinge

Kann eine Stadt literarisch sein? Und wie literarisch ist dann Istanbul? Die morgenländische Stadt am Bosporus ist Heimat und Schauplatz türkischer Literatur. Die Verbundenheit zwischen Istanbul und ihren literarisch begabten Kindern macht die Stadt besonders und vielseitig.

Von Mareike Hengelage

Welche Stadt kann von sich behaupten, Kultur, Religion und Architektur in solch einer multiplen Ausprägung zu bieten? Istanbul und seine Bewohner erfüllen mit ihrer Mischung aus Lebensfreude, Melancholie, Tradition und Moderne diesen Anspruch. Für trendbewusste Reisende scheint es eine Todsünde, noch nicht dort gewesen zu sein, denn die Metropole am Bosporus zwischen Zukunft und Vergangenheit, West und Ost lockt immer mehr Touristen aus der ganzen Welt an, die der Magie dieser Stadt verfallen wollen.

Bereits im Byzantinischen und anschließend Osmanischen Reich galt das heutige Istanbul als Mittelpunkt für Handel und Herrschaft. Noch heute kann der gemeine Tourist den Glanz der Blütezeiten anhand eines Mosaiks aus vielfältiger architektonischer Kunst und städtischer Historie aufspüren und bewundern. Wie schon seit Jahrhunderten wird das Stadtbild über die Gründung der Türkischen Republik 1923 hinaus bis in die Gegenwart vom kulturellen und religiösen Potpourri aus muslimischen, jüdischen, römisch-katholisch und orthodox-christlichen Einflüssen geprägt.

Zum Projekt

Die Reihe »Literarisches Istanbul« zeigt Ausschnitte der eigentümlichen Stadt- und Literaturgeschichte Istanbuls und legt in drei Artikel den Fokus auf türkische Schriftsteller aus Vergangenheit und Gegenwart.

Tipp

Zum Thema zu empfehlen: Die türkische Bibliothek des Unionsverlags. In dieser werden Besonderheiten der türkischen Literatur von 1900 an bis in die unmittelbare Gegenwart verlegt. Herausgegeben werden die Bände von Erika Glassen und Jens Peter Laut. Näheres hier.


Besonders für Kulturgenießer abseits der Sehenswürdigkeiten und Hotspots besitzt die über 2000 Jahre alte Stadt das Potenzial, ihre Besucher zu faszinieren. Nicht nur vor Ort, auch in der Literatur findet man Istanbul als Schauplatz wieder und es dient den türkischen Schriftstellern als Raum ihrer Erzählungen. Lange unterschätzt, fanden die türkischen Meisterwerke kaum Platz in den westeuropäischen Bücherregalen und die Namen der Autoren gingen in Konkurrenz zu Eco und Mann unter. Viele der türkischen Schriftsteller sind Kinder Istanbuls und versuchen das Lebensgefühl ihrer Heimatstadt in ihren Werken zu verewigen und den Leser in die Welt Istanbuls eintauchen zu lassen.

Um 1900, als das Osmanische Reich sich seinem Ende nahte, lebte und arbeitete der Romancier, Diplomat und Übersetzer französischer Literatur Halid Ziya Usakligil in Istanbul. Seine eigenen Eindrücke und Betrachtungen über die oberen 10 000 inspirierten den Schriftsteller und Zeitgenossen »ein episches Sittengemälde der mondänen Istanbuler Oberschicht am Ende des Osmanischen Reiches« in seinem Roman Verbotene Lieben zu entwerfen. Es erzählt von der jungen Bihter, einer Tochter der berüchtigten und bekannten Melih Bey Sippe:

Sie standen in einem besonderen Ruf, der sie unter den Lebemenschen Istanbuls auf die höchste Stufe hob … Bei den Mondscheinpromenaden auf dem Bosporus folgte man gern vor allem ihrer Barke. (S.17)

Das junge Mädchen sehnt sich nach Liebe und Leidenschaft und beginnt eine verhängnisvolle Affäre mit dem Neffen ihres reichen Ehemannes, von der ihre intrigante Mutter erfährt – das Unglück nimmt seinen Lauf.

Mit seinem Gesellschaftsportrait erlangte der Literaturprofessor und Beamte Halid Z. Usakligil, der 1866 in Istanbul geboren wurde und auch 1945 dort verstarb, große Anerkennung und Bekanntheit in der Türkei.
Istanbuls als Schauplatz seiner Erzählung bediente sich auch 1940 der türkische Deutschlehrer Sabahattin Ali in Der Dämon in uns, als die Türkische Republik noch in ihren Kinderschuhen steckte. Sein Roman über die »ruhelose Generation« dieser Epoche wird heute noch als »eine Liebeserklärung an Istanbul und seine Bewohner« bezeichnet.

Eine andere Facette des Istanbuler Lebensgefühls versuchte Yusuf Atilgan, der bis zu seinem Tode 1989 in Istanbul lebte, in seinem Werk Der Müßiggänger (1958) einzufangen. Der Protagonist, ein Erbe Ende 20, flaniert durch die Straßen der wachsenden Großstadt und zieht gezielt die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich. Auf seinen Spaziergängen durch die Straßen Istanbuls philosophiert er über das, was er sieht:

Ich beobachte die Leute um mich herum. Die Männer waren glatt rasiert und die Frauen frisch geschminkt. Sie wirkten sorglos, selbst der beinamputierte Bettler an der Ecke bei der Moschee und der blau gefrorene, barfüßige Zeitungsjunge. Ich schaute den Passanten ins Gesicht, als ob ich sie kennen, sie erkennen würde, wenn ich sie sah. (S. 9)

Die desillusionierte Hauptfigur lehnt das vorgegebene bürgerliche Leben ab und deklariert sich selbst als »Müßiggänger«, lässt sich von der Melancholie und Einsamkeit in der Stadt treiben.

In der Lebenswelt der ärmeren Istanbuler der zwanziger und dreißiger Jahre siedelt der Literat Ahmet Hamdi Tanpinar seine satirische Erzählung Das Uhrenstellinstitut (1962) an: Hayri Irdal und der Lebenskünstler Halit Ayarci verwirklichen ihren Traum und gründen zusammen ein Uhrenstellinstitut, welches für die korrekte Einstellung aller Uhren in der Türkei sorgen soll. Doch mit der Zeit wird es durch die Modernisierung überflüssig und ersetzt. So steht der Mikrokosmos in Tanpinars literarischem Meisterwerk stellvertretend für die »Türkei an der Schwelle zur Moderne zwischen mystischer Tradition und rationaler Wirklichkeit«. Das Uhrenstellinstitut gehört u.a. zu den Schriften Tanpinars, die posthum veröffentlicht wurden.

Tanpinars Roman Huzur (Seelenfrieden) handelt von dem Liebespaar Mümtaz und Nuran, die in der ehemaligen Sultansstadt einen Sommer lang den »Zauber der alten osmanischen Kultur zu neuem Leben« erwecken. Schon zur Erstveröffentlichung 1949 wurde sein Debüt in der türkischen Literaturszene hoch gelobt. Mehr als 50 Jahre später hält der türkische Nobelpreisträger und Schriftsteller Orhan Pamuk Tanpinars Geschichte für den bedeutendsten Roman, der je über Istanbul geschrieben worden sei.
Seit Anfang 2000 wird die türkische Prosa des 20. Jahrhunderts erstmals in deutscher Sprache übersetzt und beispielsweise durch den Unionsverlag verlegt. Damit wird dieses literarische Gut orientalischer Herkunft erst verzögert dem abendländischen Lese-Publikum zugänglich gemacht.

Die heutigen türkischen Poeten und Preisträger finden in den Schriftstellern des 20. Jahrhunderts eine Quelle der Inspiration. Sie geben ihnen Anlass, ihre Kultur, ihre Heimat, ihr Istanbul in ihren aktuellen Werken zum Schauplatz und Motiv ihrer Erzählungen zu machen. Und so treten heute die jungen türkischen Literaten des 21. Jahrhundert das Erbe ihrer begabten Vorgänger an und eröffnen den Lesern eine Welt voll orientalischer Mystik, gelebter Tristesse und heimatlicher Verbundenheit.

Unter Ihnen befindet sich der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk, der sich in den letzten 30 Jahren seinen Ruf als begabtes Kind Istanbuls durch eine hohe literarische Kreativität und Produktivität erarbeitet hat. Der Popularität Pamuks und seiner experimentellen Mischung aus autobiographischen Einblicken und kulturhistorischer Stadtbetrachtung in Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt werden im zweiten Teil der Reihe »Literarisches Istanbul« unter die Lupe genommen.



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 Veröffentlicht am 30. April 2012
 Kategorie: Misc.
 Bild von noutsias via morguefile.
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