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Jahrhundert-Tagesschriftsteller

Joseph Roth als Journalist – ihm widmet sich der im Wallstein Verlag erschienene Band »Ich zeichne das Gesicht der Zeit«. In einer schön gefertigten Ausgabe sind hier ausgewählte Essays, Reportagen und Feuilletons Joseph Roths versammelt, die dem Leser eine abenteuerliche Lektüre bieten.

Von Christian Dinger

Denn nach einer uralten Tradition gehören die Bände ein für allemal ihrem Besprecher. Daher kommt es, daß man in den Wohnungen der Leute von der Literatur so viele Bücher sieht. Obwohl die Einnahmen der Leute von der Literatur so gering sind. Sie leben von Zeilen und besitzen Hunderte von Bänden.1

Der Rezensent hat sich diese »uralte Tradition« zunutze gemacht und ist nun im Besitz eines Bandes mit Essays, Reportagen und Feuilletons von Joseph Roth, die vom Wallstein Verlag in einer sehr schön gefertigten Ausgabe herausgebracht wurden. Und eines sei gleich vorab gesagt: Der Besitz lohnt sich, selbst wenn man nicht von der besagten Tradition profitieren kann. Dieser Sammelband gehört nämlich nicht zu den Büchern, die von Rezensenten durchgelesen werden und gleich darauf ihren Ruheplatz im Regal finden. Er liegt noch lange nach der Besprechung auf dem Nachttisch, er begleitet einen auf Reisen und wird immer wieder hervorgeholt.

Man kann dieses Buch in einem durch lesen wie einen Roman. Man kann ebenso von hinten nach vorne oder von vorne nach hinten blättern, wie es einem gefällt, ein paar der kurzen Glossen und Satiren lesen, um zu lachen oder nachzudenken, und sich dann wieder in die poetischen Reiseberichte vertiefen. Dieser Band bietet dem Leser eine abenteuerliche Lektüre, er ist keine der überflüssigen Editionen, die in philologischem Übereifer entstanden sind, um der Vollständigkeit halber auch noch die letzten Schriften eines Romanciers zu veröffentlichen.

Neben zahlreichen Feuilletons, Reportagen, Rezensionen, Essays und Glossen aus den Jahren 1916 bis 1932 und einigen Texten aus dem Exil, versammelt der Band mit Die weißen Städte und Juden auf Wanderschaft noch zwei größere journalistische Texte des österreichischen Schriftstellers. Erwähnenswert ist auch der überaus nützliche Kommentar des Herausgebers Helmuth Nürnberger, der dem Leser den bei journalistischen Texten oft unentbehrlichen historischen Kontext mitliefert. Mit diesem Rüstzeug ausgestattet kann man sich auf Entdeckungstour begeben, hinein in die 20er Jahre, kann man mit Joseph Roth durch galizische Dörfer reisen, durch Russland, durch die weiße Stadt Avignon oder ins mittägliche Frankreich nach Marseille.

Buch-Info


Joseph Roth
»Ich zeichne das Gesicht der Zeit« Essays – Reportagen – Feuilletons
Wallstein: Göttingen 2010
544 Seiten, 39,90 €


Nicht ohne mythische Tendenzen geht es zu in diesen Reiseberichten. Ganz ohne Feenstaub geht es eben nicht. Und wer unter Journalismus das Abfassen von kühlen Tatsachenberichten versteht, wird enttäuscht sein. Denn bei Roth muss es bei der Beerdigung von Kaiser Franz Joseph schon mal regnen, auch wenn seine k. und k. apostolische Majestät nachweislich an einem sonnigen Herbsttag zur Kapuzinergruft getragen wurde. Nüchtern-sachliche Reportagen sind für Roth gleichbedeutend mit Langeweile und langweilige Texte sind in seinen Augen unmoralisch.

Hier schreibt kein Romancier, der sich zum Broterwerb oder aus Langeweile hin und wieder dazu herablässt, für Zeitungen zu schreiben. Hier schreibt ein Idealist des Feuilletons, das damals wie heute von allen Seiten belächelt und verachtet wurde. In den Artikeln, die keine Reisebilder enthalten, taucht häufig eine vehemente Verteidigung des Journalistenstandes auf. Zum Beispiel wenn es über die eingedeutschte Form »Tagesschriftsteller« heißt: »Ein Journalist aber kann, er soll ein Jahrhundert-Schriftsteller sein«. Joseph Roth verfügt über das rechte Maß an Pathos, das Einfühlungsvermögen und den Witz, der einen Tagesschriftsteller zum Jahrhundertschriftsteller macht, sodass seine dem Tag verpflichteten Zeugnisse auch noch fast hundert Jahre später lesenswert sind.

Ein Grund, weshalb dieses Buch als Pflichtlektüre an jede Journalistenschule gehört. Denn unter den Feuilletonisten von heute befinden sich zu viele, die den Verächtern des Feuilletons nachgeben oder heimlich selber zu ihnen gehören. In zu vielen Blättern herrscht ein ermüdender sprachlicher Einheitsbrei, der von der Sorge herrührt, bloß nicht mit dem Selbstbewusstsein eines Schriftstellers daherzukommen, sondern ja mit dem Leser auf Kuschelkurs zu bleiben. Jedes Urteil wird im zweiten Halbsatz relativiert, denn man möchte ja seriös bleiben und nicht zu den flapsigen Journalisten zählen, die sich mit der Franzosenkrankheit angesteckt haben, die Heine einst aus Paris eingeschleppt hat.

In jenen seltenen Fällen, wo noch Schriftsteller für die Zeitung schreiben ohne gleichzeitig Werbung für sich selbst zu machen, zeigt sich (wie beispielsweise in Clemens J. Setz Rezensionen für Die Zeit), dass es auch anders geht. Rezensionen sind nicht nur Sekundärtexte, Reportagen sind nicht nur Tatsachenberichte und das Feuilleton ist eben kein Ressort wie jedes andere. Und der Blick auf großartige Journalisten wie Egon Erwin Kisch, Kurt Tucholsky und Joseph Roth hat nichts mit Nostalgie zu tun. Es ist der Blick auf Autoren, die ein weiteres Verständnis davon hatten, was das heißen kann: Journalismus.

Wollen die Vertreter des Feuilletons den Tod ihres Ressorts verhindern, der von ihnen so eifrig vorhergesehen wird, täten sie besser daran, statt neutral und ausgeglichen über den Dingen zu schweben, sich wieder als Beobachter zu begreifen, die »das Gesicht der Zeit« zeichnen, wie Joseph Roth es getan hat.

  1. Joseph Roth: Bücherbesprechung. In: »Ich zeichne das Gesicht der Zeit« Essays – Reportagen – Feuilletons. Hrsg. von Helmuth Nürnberger, S. 330-332, hier S. 331.


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 Veröffentlicht am 26. September 2011
 Mit freundlicher Genehmigung vom Wallstein Verlag.
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