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Kampferwartungen

Dichterschlachten und Performanz-Duelle: Poetisch ins neue Jahr geslamt wurde am 23. Januar im Göttinger ThOP. Das beengende Seziertisch-Ambiente tat der Sache dabei keinen Abbruch: Erst die Massenhaltung macht das Publikum zum tobenden Kritiker. Ein Kampfbericht von Magdalena Kersting.

Von Magdalena Kersting

Und so stehe ich wieder einmal im Treppenhaus des ThOPs. Und warte. Nichts gehört mehr zum Göttinger Poetry Slam als das Warten und Schlange stehen. Denn will man einen guten Platz bekommen oder überhaupt noch eingelassen werden, ist man eine halbe Stunde vor Einlass fast schon spät dran. Das weiß nicht nur ich, das wissen andere auch. Und so werden Kekse ausgepackt, Mandarinen geschält, ein wärmender Schluck Tee aus der Thermoskanne genippt oder das ein oder andere Bierchen weiter gereicht. Fröstelnd von einem Fuß auf den anderen gewippt. Zwei Schritte weiter die Treppe hoch. Die Theater-Plakate an den Wänden begutachtet. Noch ein Schritt. Auf die Uhr geguckt. Beim regennassen Ausblick durchs Fenster leicht geschaudert. Noch ein Schritt. Aber halt: Der eine Schritt führt gleich zum nächsten – und noch zwei weiteren und langsam immer weiter die Treppe hinauf.

Heute hat man offensichtlich Mitleid mit den Wartenden, die es nicht mehr ins trockene Treppenhaus geschafft haben. Der Einlass wird um eine halbe Stunde vorgezogen. Und nach wenigen Schritten stehe ich im ehemaligen Operationssaal der alten chirurgischen Klinik und blicke auf die Arena-artige Bühne, um die sich bereits die Tribünen füllen. Also schnell einen Platz in den engen Reihen sichern. Und dann wieder warten. Denn bis es richtig los geht, wird wohl noch eine knappe Stunde ins Land ziehen. An der Theke hole ich mir eine Bionade Holunder und quetsche mich zurück zu meinem Platz. Beobachte, wie sich die Ränge immer weiter füllen. Wie sich die ersten auf die Kissen am Boden setzen. Wie auch der Platz da unten immer enger wird. Wie weiter Menschen herein kommen, sich auf die Treppen setzen. Ich knabbere an einem Keks, unterhalte mich mit Freunden, lasse den Blick über die Kulisse des aktuellen ThOP-Stücks gleiten. Schaue auf die Uhr meines Handys. Versuche, die für mich in der engen Reihe bequemste Sitzposition zu finden.

Irgendwann kommen tatsächlich Christopher und Felix, die charmanten Moderatoren des Abends, auf die Bühne, in den Händen eine Hupe und ein großes Glas mit Aufschrift »Offene Liste«. Jetzt geht es also los! Mit der obligatorischen Frage, ob denn jemand zum ersten Mal bei einem Poetry Slam sei. Einige heben die Hände, was zum Anlass genommen wird, das Prinzip Poetry Slam noch einmal zu erklären.

Der Slam ist ein Wettstreit von Dichtern und Poeten, die auf der Bühne gegeneinander antreten, sieben Minuten Zeit haben und eigene Texte vortragen. Hilfsmittel sind dabei keine erlaubt, also z.B. keine Instrumente oder Kostüme. Durch Applaus entscheidet das Publikum, wer ins Finale kommt, die Hupe unterbricht lautstark den, der die vorgegebene Zeit überschreitet. Diesmal sind vier geladene Slammer dabei und fünf Mutige aus Göttingen, die ihren Namen auf einem Zettel in das Offene Liste-Glas geworfen haben. Macht insgesamt drei Runden à drei Poeten und schlussendlich also drei Finalisten.

Bevor der eigentliche Wettkampf los geht, versucht die Band Herr Klontik und Rademann das Publikum einzustimmen – die vier Eschweger wirken anstelle des sonst üblichen Featured Poet an dieser Stelle aber etwas farblos. Dafür bekommt jeder Poet vor seinem Auftritt einen eigenen Jingle. Das hat was – zumal sich die Vortragenden sowieso erst ihren Weg durch das am Boden sitzende Publikum bahnen müssen.

Und dann geht die erste Runde los, in der die Marburger Jungs Marvin Ruppert und Bleu Broode, beide ehemalige hessische Poetry Slam- Landesmeister, gegen Annika von der offenen Liste antreten. Ich lausche statt einer traurigen Liebesgeschichte aus seinem Leben einer traurigen Tiergeschichte von Marvin, lasse mich von Kaffee kochenden Schildkröten am Sternenhimmel zum Lachen bringen und verfolge den von Annika in Worte gefassten Kampf mit eigenen gelebten Widersprüchen. Bleu startet zum warm werden mit einem Elfchen, schickt sogleich ein weiteres Gedicht frei nach Heinz Erhardt hinterher und zieht mit seiner selbst erfundenen Text-Gattung eines »Vielleicht Vielleichter« und temporeichen Wortverreihungen unter viel Applaus ins Finale:

…Und er, Herr Herman Mann,
er käm gern bei Anna an,
an Annas Ananas nassnasig naschen,
davon träumt Herr Herman Mann
schon unwahrscheinlich lange…

In Runde zwei sichert sich Julian Heun aus Berlin sogleich die Sympathien des Publikums, das als erstes Julians Ex-Freundin mal ordentlich ausbuhen soll. »Aber es hat nichts mit dem Text zu tun«, schiebt er hinterher und fängt an eben diesen zu rezitieren. Über den »Lass-mal-Mann« geht es und über verpasste Chancen und ich weiß nicht, was wilder ist – Julians in alle Richtungen abstehende Haare oder seine temporeiche Sprache. Manfred und Konstantin von der offenen Liste haben dagegen keine Chance, auch wenn ich Manfred gerne noch einmal an diesem Abend gehört hätte – seine Geschichte von rotierenden Zähnen in seinem Mund als Sonnensystem haben Lust auf mehr gemacht.

Mit Danny Sherrard stolpert sich in Runde drei ein Slam-Weltmeister quer durch das Publikum auf die Bühne und beeindruckt mich mit einer glasklaren Sprache, die rhythmisch Seifenblasen-Bilder vor dem inneren Auge aufsteigen und wieder platzen lässt. Doch sein Text über Heimat und Herkunft setzt sich nicht gegen Adrienne Bogdans Worte durch, die neben Mathis als offene Slammerin angetreten ist. In einer sehr ruhigen und sehr eindringlichen Nummer beschreibt Adrienne das Ende einer Liebe, ein schwarzes Loch, das am Ende doch einen Boden hat:

…Da stehen sich zwei gegenüber und schweigen,
gehen am Leben des anderen vorüber und zeigen
ein Bild zweier Diebe, die lieber die Liebe im Rücken
allein weiter gehen…

Vor dem fulminanten Finale muss natürlich erst noch die Reihenfolge der Finalisten festgelegt werden und das wird – wie könnte es anders sein? – mit einer Runde Schere-Stein-Papier entschieden. Aber nicht einfach nur gewöhnliches Schere-Stein-Papier, nein, verlangt ist ganzer Körpereinsatz, denn die Poeten müssen Schere, Stein und Papier pantomimisch darstellen. Und so fällt nach dem lautstarken »Schnick-Schnack-Schnuck«-Ruf des Publikums Julian wie ein Stein zu Boden, während Bleu mit wedelnden Scheren-Armen auf Adrienne zeigt, die die Arme zum Papier gespreizt hat. Hmmm… so war das mit der Entscheidung eigentlich nicht gedacht, also noch einmal das Ganze!

Schlussendlich startet Bleu in die Finalrunde und holt sich mit Marvin Unterstützung ins Boot – die beiden tragen als grandioses Duo ein nicht ganz so ernst gemeintes Stück vor, das im wahrsten Sinne des Wortes für Bombenstimmung sorgt (»Ein Herz für Kinder, ein Doppelherz für Rentner, ein dreifach Herz für Göttingen!«) und immer wieder von kollektiven Lachanfällen der Zuhörer unterbrochen wird.
Adrienne summt sich als zweite Finalistin erneut ruhig und mit Tiefgang in die Herzen der Zuschauer, gerät aber schnell durch Julians schräge Imitation des von ihm erschaffenen, herrlich absurden Ameisenmanns in Vergessenheit.

Das tosende Entscheidungs-Klatschen führt am Ende zu einem Unentschieden zwischen Bleu und Julian, so dass die beiden Moderatoren die Köpfe zusammen stecken und nach kurzem Beratschlagen das weitere Vorgehen verkünden: Stimmen wir ab, ob wir noch mal abstimmen wollen oder ob Julian gleich gewinnt. Diesmal ist die Entscheidung klar und mit einem Buchpreis wird Julian als verdienter Gewinner und Adrienne als Siegerin der offenen Liste belohnt. Und während ich Jacke, Tasche und Regenschirm greife und mich in den Strom der Nach-Hause-Gehenden einreihe, stelle ich mit einem Schmunzeln fest, dass sich das obligatorische Warten am Anfang wieder einmal gelohnt hat.



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 Veröffentlicht am 6. Februar 2012
 Foto Pinball Boxers von (F)oxymoron via Flickr.
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