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Kein Kinderspiel

Mit Spiel mit ihr veröffentlicht Franziska Gerstenberg ihren ersten Roman. Damit wird die Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig nicht nur Kandidatin für die diesjährige Hotlist der Jungen Verlage, sondern wird auch mit einem Stipendium der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart ausgezeichnet.

von Johanna Hegermann

»Lass mich dein Bauer sein.« Er flüstert. »Dein Tiroler Speck.« Was kann man von einem Buch erwarten, dessen erster Satz so lautet? Damit nicht genug, schon wenige Zeilen später ist der viel zitierte Running Gag abgedruckt: »Wieso liegt hier überhaupt Stroh?« Nach diesem unsanften Schubs ins Buch kommt es jedoch ganz anders. Statt einer pornographisch, flachen Lektüre bietet Spiel mit ihr von Franziska Gerstenberg dem Leser ein spannendes Leseabenteuer, welches vor allem mit den Nerven spielt.

Spiel mit ihr beleuchtet auf 259 Seiten und in 41 Kapiteln das Leben vierer Hauptcharaktere und deren sozialer Strukturen zueinander. So entdeckt der fünfzigjährige Anwalt und dominante Lebemann Reinhard, der sich nach 20 Jahren lustloser Ehe von seiner Frau scheiden ließ, seine Sexualität mittels Internetbekanntschaften völlig neu.

Auf diese Weise lernt er auch die vierzigjährige alleinerziehende Mutter Kristine kennen, die Reinhards Affinität zu Rollenspielen teilt und nun hofft mit ihm nicht nur ihre sexuellen, sondern auch ihre familiären Wünsche auszuleben. Ihre sechsjährige Tochter Emma, die willensstarke und nach Meerschweinchen verrückte Erstklässlerin, wird durch die Beziehung von Reinhard und Kristine zum vierten Rad am Dreirad. Dadurch verbringt die Kleine heimlich viel Zeit bei ihrem Nachbarn Meisner, den sie unter anderem dazu nötigt ihr ein Meerschweinchen zu kaufen. Meisner ist als etwas verschrobener und psychisch eingeschränkter, jedoch liebenswerter Charakter gezeichnet. Durch seine Andersartigkeit wird dieser oft von der Gesellschaft missverstanden und als Emma verschwindet, fällt ein furchtbarer Verdacht auf ihn.

Der Aufbau des Romans und die Figurenkonstellation erinnern an Goethes Wahlverwandtschaften und konstruieren doch eine ganz moderne Geschichte. Alternierend werden die Kapitel aus der Sicht der beiden männlichen Protagonisten erzählt, dabei ergibt sich gerade bei Reinhard eine einmalige, aber auch unangenehme Perspektive. So erfährt der Leser aus erster Hand, wann sich bloße sexuelle Fantasien in Machtvorstellungen mit perversen Neigungen verwandeln. Dieser schleichende Prozess beginnt mit sexuellen Anspielungen in unmittelbarer Nähe von Emma, so wird ihr luftloser, rosa Ballon durch Reinhard gedanklich mit einem benutzten Kondom verglichen. Diese mentalen Ausschweifungen steigern sich bis zum Gedankenspiel und tatsächlichem Versuch, Emma in die sexuellen Rollenspiele von Reinhard und Kristine mit einzubeziehen.

Auch seine Beziehung zu Kristine radikalisiert sich. Zuerst definiert sich die Beziehung der beiden durch die sexuelle Auslebung von Reinhards Fantasien, die sich zunächst auf die klassischen Modelle beschränken: Pfarrer – Jungfrau, Bauer – Magd, Lehrer – Schülerin und so weiter. Dieses Verhältnis entwickelt sich weiter zur Machtausübung im Alltag, so wird ihr ein spezieller Dresscode auferlegt oder Reinhard gibt Kristine die Anweisung, sich an ihrem Arbeitsplatz auf der Toilette sexuell zu befriedigen. Schließlich nutzt Reinhard Kristines Gefühle aus, indem er sie emotional unter Druck setzt, um so seine Ziele zu erreichen.

Nachdem Reinhard von seinem Freund und Kollegen Lars die erotische Geschichte über die Pflege der Mutter und Tochter für einen Mann hört, ist er fasziniert von der Idee und spricht Kristine darauf an dafür Emma mit ins Rollenspiel aufzunehmen. Schon während Lars die Geschichte erzählt, wirkt sie bedrohlich prophetisch. So versucht Reinhard diese Fantasie in die Realität umzusetzen: Seiner Bettgefährtin redet er ein schlechtes Gewissen ein und Emma setzt er emotional unter Druck, indem er das Rollenspiel als harmloses Spiel bezeichnet.

Wie der Titel schon vermuten lässt ist das »Spiel« ein zentrales Thema des Romans, es wird in vielen Facetten gezeigt, dabei verschmelzen Rollenspiele, Machtspiele, Kinderspiele miteinander zu einer ungemütlichen Semantik und Symbolik. Anhand dieses Spielmotivs behandelt Gerstenberg in ihrem Roman heikle Themen und unbequeme Wahrheiten. Die sexuelle Bedrohung von Kindern gelangt zwar immer wieder in die Berichterstattung der Medien, doch diese fokussiert sich vielmehr auf die Tat als auf den Tathergang. So erzählt Gerstenberg vor allem, wie es zu Übergriffen auf Kinder kommen kann und nicht, was geschehen ist. Denn dieser Part bleibt Leerstelle.

Buch-Info

spiel mit ihr
Franziska Gerstenberg
Spiel mit ihr
Schöffling & Co: Frankfurt a.M. 2012
264 Seiten, 19,95 €

 
 
Stattdessen spielt Gerstenberg mit den Erwartungen des Lesers und deutet bedrohliche Situationen nur an. Es sind vor allem die sexuellen Handlungen in Gegenwart des Kindes, die diese Ängste schüren. So darf Kristine Emma nicht zu ihrem Schulhof rennen lassen, bis Reinhard ihre Kleiderordnung geprüft hat, ob unter Kristines Mantel wirklich nur der nackte Busen zu ertasten ist. Der Leser wird ständig dieser größer werdenden Bedrohung ausgesetzt. So scheint ein Übergriff auf Emma unumgänglich, die einzige Frage bleibt, wer wird es tun? Reinhard, der sexfanatische, dominante Freund der Mutter oder der undurchsichtige Eremit Meisner.

Meisner und Reinhard unterscheiden sich wie Tag und Nacht. Sowohl Beruf als auch Charakter heben sich voneinander ab. Während Reinhard mit seinem Charme sein Umfeld um den Finger wickelt, verhält sich Meisner zurückhaltend und verkriecht sich am liebsten in seiner Wohnung. Auch stilistisch ist der Unterschied deutlich zu erkennen. Reinhard ist eine gut beleuchtete Figur, dessen Vergangenheit eine große Rolle spielt und seinem Charakter Tiefe verleiht, während Meisner ein Geheimnis bleibt, auch die zahlreichen Andeutungen zur Beziehung zwischen ihm und seinem verstorbenen Vater löst dieses Rätsel nicht. Symbolisch wird so der eine nur beim Nachnamen und Reinhard Porst meist nur bei seinem Vornamen genannt. Das einzige, was beide Figuren verbindet, ist die kleine Emma, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise. Anhand dieser gegensätzlichen Figuren kritisiert Gerstenberg diese Stereotypen und mahnt vor Vorurteilen: Denn nicht der verdächtige, einsame und seltsame Meisner hat unangemessene Gedankengänge, sondern der angesehene Anwalt verbreitet die wirkliche Gefahr.

Spiel mit ihr ist großartig geschrieben, jedoch unangenehm zu lesen. Gerade der Schrecken über die Alltäglichkeit und Nüchternheit, die die außergewöhnlichen und unangenehmen Situationen banalisieren, lässt den Leser über die Lektüre hinaus nicht wieder los. Daher ist dieses Buch nur mit Vorsicht zu genießen. Doch durch ihre präzis entwickelte Handlung zeigt Franziska Gerstenberg, dass sie zu recht mit dem Stipendium ausgezeichnet wurde.



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 Veröffentlicht am 16. August 2012
 Kategorie: Belletristik
 Bild von alibree via flickr.
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