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Tagungsbericht
Kempowskis Ich-Szenarien

Walter Kempowski war nicht nur ein begeisterter Diarist, der nach seinem Tod ein riesenhaftes, die gesamte Nachkriegszeit umspannendes persönliches Tagebuchwerk hinterließ, sondern auch ein leidenschaftlicher Sammler von Tagebüchern, die später in seine monumentale Weltkriegscollage Das Echolot eingingen. Nun näherte sich erstmals eine literaturwissenschaftliche Tagung dem vielseitigen Themenkomplex.

Von Theresa Schmidtke und Hartmut Hombrecher

Die Tagung »Selbstausdruck – Poetik – Werkstrategie. Kempowskis Tagebücher«, die gemeinsam vom Seminar für Deutsche Philologie der Georg-August-Universität Göttingen und der Kempowski Stiftung Haus Kreienhoop ausgerichtet sowie von der Stiftung Niedersachsen gefördert wurde, widmete sich Formen und Funktionen des Diaristischen in Walter Kempowskis umfangreichem Lebenswerk. Veranstaltungsort war Kempowskis ehemaliges Wohnhaus im nordniedersächsischen Nartum.

Buch-Info


Philipp Böttcher / Kai Sina (Hg.)
Walter Kempowskis Tagebücher
Selbstausdruck, Poetik, Werkstrategie

edition Text+Kritik, München, 2014
309 Seiten, 32 €


Literarisch eröffnet wurde die Tagung durch eine Lesung des Lyrikers Nico Bleutge, der anhand seines Gedichtzyklus drei stimmen auf anschauliche Weise erläuterte, wie ihm Kempowskis Echolot zur dichterischen Inspirationsquelle wurde: Bleutge gewährte Einblicke in seinen schriftstellerischen Arbeitsprozess, indem er sowohl aus dem eigenen Werk las, dann aber auch anhand mitgebrachter Arbeitsproben erläuterte, wie genau die literarischen Anleihen bei Kempowski für seinen literarischen Schaffensprozess produktiv geworden sind.

Die Einführung in das Themenfeld des wissenschaftlichen Symposiums übernahm Kai Sina (Göttingen), der Walter Kempowski nicht nur als Verfasser, sondern auch als Sammler von Tagebüchern vorstellte und die zentrale Bedeutung des diaristischen Schreibens für sein Gesamtwerk hervorhob, um sich dann den Möglichkeiten des wissenschaftlichen Umgangs mit diesen Texten zu widmen. Um einen individuellen, gewissermaßen ›authentischen‹ Selbstausdruck in Kempowskis Tagebüchern plausibel zu belegen, bedürfe es aufwendiger hermeneutischer Operationen. In der Regel sei daher zunächst vom Konstrukt einer ›Autorfigur‹ auszugehen – schließlich lägen den Tagebüchern vielschichtige Maskierungs- und Inszenierungspraktiken zugrunde, welche auch für Kempowskis Positionierung im literarischen Feld eine Rolle spielten. So sei es dem Autor einerseits möglich, im Tagebuch auf öffentliche Kritik an seinem Werk zu reagieren, andererseits könne durch die direkte Auseinandersetzung mit anderen Autoren und Texten eine gezielte Selbstpositionierung vollzogen werden. Neben dieser strategischen Komponente sei das Tagebuch zudem als eigene künstlerische Gattung zu betrachten, mit deren konventionellen Schreibverfahren Kempowski jedoch teilweise breche, wenn er den Text vielschichtigen Überarbeitungsprozessen unterziehe und den fließenden Übergang zwischen Fiktionalität und Faktualität mitdenke.

I.
Die erste Sektion, die unter dem Oberbegriff ›Werkperspektiven‹ stand, eröffnete Volker Ladenthin (Bonn) mit dem Vortrag »Kempowskis Tagebücher: Gestalt und Gestaltung einer Gattung«. Tagebücher seien wichtiger Bestandteil der modernen Kunst, denn sie seien als eine ›aleatorische Gattung‹ zu verstehen: Das aleatorische Moment resultiere aus dem momentartigen, skizzenhaften Notieren des Erdachten bzw. Erlebten sowie dem sukzessiven und offenen Schreibprozess als solchem. Das Tagebuch setze sich auf diese Weise von ›Werken‹ im traditionellen Sinne ab, die sich durch Eigenschaften wie Kohärenz und Geschlossenheit auszeichneten. Aufgrund ihres aleatorischen Charakters stünden Tagebücher deshalb auch jeglichem historiographischem Bestreben nach Vollständigkeit entgegen, so Ladenthin weiter; dem liege nicht zuletzt ein spezifisches Verständnis von Erlebnis und Wirklichkeit zugrunde. In der anschließenden Diskussion wurde die Frage nach dem Traditionsbezug des Aleatorik-Konzepts aufgeworfen, welches sich bereits in der Romantik finde.

Anschließend untersuchte Daniel Randau (Kempowski-Gesellschaft, Gießen) in seinem Vortrag analog konstruierte Autorbilder in Kempowskis Roman Hundstage und dem Tagebuch Sirius. Den Ausgangspunkt seines Vortrags bildete der Befund, dass Teile aus dem Tagebuch Kempowski als Vorlagen für den Roman dienten. Das Spannungsverhältnis zwischen Authentizität und Inszenierung in Hundstage werde darin bewusst thematisiert. Randau illustrierte dies mit dem Verweis auf die mehrfache Verschachtelung der Autorfiguren, die Kempowski zudem vorsätzlich nach möglichen Publikumsreaktionen konstruiert habe. Sie seien explizit nicht als charakterlich rein positive Figuren entwickelt worden, höchstwahrscheinlich, um ein gewisses Maß an Lebensnähe, an Authentizität zu gewährleisten bzw. zu suggerieren. Randau fragte dann weiter nach der Funktion der charakterlichen Ähnlichkeiten der Protagonisten in Sirius und Hundstage, die in der Forschung bisher kontrovers diskutiert wird. Eine Antwort könne die Analyse der Texte unter der Bezugnahme auf C. G. Jungs Theorie der Individuation liefern: Die Mädchen- und Frauenfiguren in Hundstage seien mit verschiedenen Entwicklungsstufen der ›Anima‹ parallelisierbar, wodurch sich der Roman im Licht therapeutischen Schreibens betrachten ließe.

Maren Horn (Berlin) stellte Walter Kempowski als Sammler von Tagebüchern und Selbstzeugnissen vor. Als Archivar habe sich Kempowski nicht nur auf andere Lebensläufe eingelassen, sondern es als seine Aufgabe gesehen, die einzelnen Stimmen der Menschen hörbar zu machen und so an einem individuellen wie kollektiven Vergangenheitsverständnis zu arbeiten. Dabei hätten auch die Korrespondenzen mit den Verfassern der Tagebücher bzw. deren Nachkommen für Kempowski eine wesentliche Rolle gespielt, die er in geradezu psychotherapeutischer Weise interpretierte. Horn skizzierte darüber hinaus die Struktur des Kempowski-Archivs, das sie selbst in der Berliner Akademie der Künste erschließt, und gewährte so umfassende Einblicke in die Diversität der massenhaft gesammelten Dokumente.

II.
Die zweite Sektion ›Feldperspektiven‹ leitete Gerhard Kaiser (Göttingen) mit dem Beitrag »›Umgang mit Größen‹ – Kempowskis Tagebücher als Medien der Autorinszenierung« ein. Er untersuchte die Inszenierungspraktiken Kempowskis und las sein Tagebuchwerk als Medium der Selbstpositionierung durch literaturhistorische Selbstkanonisierung. Eine solche Inszenierung von Autorschaft illustrierte Kaiser am Beispiel der Bezugnahme Kempowskis auf Grass, Lenz und Böll, die er explizit als Konkurrenten wahrgenommen habe. Besonders erwähnenswert sei, so Kaiser weiter, auch die ›Verbrüderung‹ mit dem Vorbild Thomas Mann. Diese geschehe über insgesamt drei Legitimationsstrategien, nämlich 1.) durch Kempowskis Selbstverständnis als »Bürgerkünstler«, der auf die Akkumulation von symbolischem Kapital hinarbeitet; 2.) die Orientierung am Ideal eines originären, totalen Werks; 3.) das Selbstverständnis als repräsentativer ›Nationaldichter‹. Die folgende Diskussion brachte auch Arno Schmidt als zweiten ›Wahlverwandten‹ Kempowskis ins Spiel; ebenso wurde die besonders starke Abgrenzung gegenüber Günter Grass hervorgehoben.

In seinem Tagungsbeitrag »›Sie werden mich wieder als Sammler bezeichnen‹ – Werkstrategien in Walter Kempowskis Culpa. Notizen zum Echolot« setzte sich Philipp Böttcher (Göttingen) mit der Frage auseinander, wie Kempowski selbst seine diaristischen Texte im Werk-, Biographie- und Rezeptionskontext verortet. Zu diesem Zweck zog Böttcher Culpa als werkstrategischen Epitext heran: In einer detaillierten Analyse konnte er im Abgleich mit anderen Tagebüchern Überarbeitungen, Stilisierungen und sogar Umdatierungen nachweisen, die den Text als autoritative Deutung zum Echolot erscheinen ließen. Culpa fungiere als eine Art diaristisch komponierter Selbstkommentar zum Echolot und behandle Rezeption und Kritik sowohl retrospektiv-reagierend als auch prospektiv-lenkend. Zugleich werde in diesem Werktagebuch die spezifische Autorschaft Kempowskis am Echolot und dessen Werkcharakter betont. Kempowski verwahrt sich so gegen die von Marcel Reich-Ranicki und anderen vorgebrachte Kritik, nicht als Autor, sondern nur als Sammler tätig geworden zu sein. Böttcher ging davon aus, dass ein ähnliches Verhältnis bei Sirius und Hundstage vorliege, stellte jedoch heraus, dass das Echolot von Kempowski rückwirkend werkpolitisch als Opus magnum perspektiviert worden sei.

III.
In seinem Abendvortrag – und zugleich als Einleitung zur dritten Sektion unter dem Titel ›Zeitperspektiven‹ – präsentierte Roland Berbig (Berlin) seine Untersuchungen zu bislang unveröffentlichten und unbearbeiteten Tagebuchaufzeichnungen Kempowskis aus dem Jahr 1959. In ihnen trete besonders das diaristische Gattungsmerkmal der Rechenschaftsablegung hervor, also die Reflexion und Rechtfertigung des tagtäglich Erlebten, so Berbig, die auf Selbsterkenntnis abzielten. In der redigierten Druckfassung (jüngst herausgegeben von Dirk Hempel) seien zugunsten der Exemplarität einige Schreibdimensionen getilgt worden; so auch die Dimension der Materialsammlung (etwa für Im Block). Darüber hinaus sei Kempowski das Tagebuch zum literarischen Versuchsfeld geworden: Vielfach fänden sich Einfügungen von Traumsequenzen, Anekdoten und Erzählpassagen. Innerhalb der Diskussion wurde angeregt, noch genauer die Inszenierungsmöglichkeiten zu betrachten, die selbst sogenannte ›authentische‹ Tagebücher bieten können.

In seinem Vortrag »Bösartigkeit und Zurückgebliebenheit. Walter Kempowskis Spiegelungen der fünfziger Jahre« verglich Lutz Hagestedt das sogenannte ›Sockeltagebuch‹ Wenn das man gut geht mit dem Roman Herzlich Willkommen – denn die Geschichte des Romans sei, so Hagestedts Ausgangspunkt, auf das Tagebuch rückbeziehbar: Während Herzlich Willkommen bereits Entschiedenes wiedergebe, könne das Tagebuch umgekehrt Einblicke in Entscheidungsprozesse liefern. Inhaltlich habe Kempowski insbesondere die Ungerechtigkeit des Politik- und Erziehungssystems der DDR (später auch der BRD) kritisiert. Der Roman entwerfe eine »Traumglocke der Nachkriegswirklichkeit«: Für seinen Erzähler stelle sich die existenzielle Frage nach der Rechtfertigung des eigenen Lebens, die eng mit der Motivation verbunden sei, die Vergangenheit aufzuarbeiten – nicht zuletzt mit dem Streben nach Akzeptanz. Im Roman fungiere der Protagonist, so Hagestedt, als kommentierende Beobachter-Instanz, die aber im Kampf um die Deutungsmacht unterliege, während Kempowski als Tagebuch-Subjekt sich behaupten könne und eine starke soziale Präsenz zu zeigen vermochte.

Im nachfolgenden Beitrag unter dem Titel »›Zwischen Jazz-Musik und Gluck, Simon Arzt und Wurststullen‹ – Kempowskis Tagebücher als medienpolitische Positionierung« lieferte Ole Petras (Kiel) Einblicke in Kempowskis – bisweilen wertenden – Umgang mit der populären Kultur der 50er und 60er Jahre. Petras analysierte zu diesem Zweck Kempowskis Aufzeichnungen der 50er Jahre anhand dreier Themen-Komplexe, nämlich ›Kino und Kulturkritik‹, ›Jazz und Jugend‹ sowie ›Beat und Bürgertum‹. Kempowski sei der zeitgenössischen Deutungstradition der ›Massenkonsum‹-Kritik gefolgt, insbesondere die Medien des Radios und des Kinos betreffend. Im Gegenzug habe er denjenigen Kulturkonsum als positiv gewertet, der kontrolliert im Sinne einer Steuerbarkeit der Affekte erfolge. Gleichzeitig reflektiere Kempowski seine Zugänge zu neuen Medien und habe Vorbehalte auch gegen die Gültigkeit der eigenen Empfindungen geäußert. Die Konfrontation mit der zeitgenössischen Kultur bzw. Kulturszene habe eine Korrektur seiner ursprünglichen Vorstellungen/Empfindungen provoziert. Kempowski äußere aber auch hier die Erfahrung des Ausgegrenzt-Seins. Diese reflektiere er vor allem, indem er auf die Machart, die Formsprache des jeweiligen Kunstwerks rekurriere. Dabei orientiere er sich hier auch an Vorbild-Positionen wie den Arbeiten von Adorno. Kempowski könne deshalb insgesamt, so Petras, eine Rezeptionshaltung attestiert werden, die sich in der paradoxalen Spannung zwischen 1.) der Erfahrung des ›Modern-Werdens‹ und 2.) der positiven Positionierung gegenüber älteren Werken auftue.

Den abschließenden Beitrag der Tagung übernahmen Anna-Marie Humbert und Kevin Kempke (beide Göttingen). Sie verglichen unter dem Titel »Wendezeiten. Die Wiedervereinigung in Tagebüchern von Kempowski und Günter Grass« die sogenannten Wendetagebücher der beiden Schriftsteller, wobei sie einen besonderen Fokus auf die in der bisherigen Forschung wenig beachteten Gemeinsamkeiten der Inszenierungspraktiken legten. Sowohl Grass als auch Kempowski stellten sich als Außenseiter dar und wählten die Heimat als Kernthema ihrer Texte. Während Kempowski sich jedoch vor allem erinnernd auf seine durch die deutsche Teilung verlorene Heimat beziehe und den infiniten und prozessualen Charakter dieser Erinnerung betone, gehe Grass zu der neu gewonnenen Heimat BRD auf kritische Distanz. Dadurch ergebe sich auch ein divergenter Bezug zur Vergangenheit, welcher sich bei Grass vor allem durch den Blick auf das nationalsozialistische Deutschland äußere, wohingegen Kempowski in Bezug auf die Wiedervereinigung den Blick nur wenig auf die Vergangenheit vor der Gründung der DDR richte. Entsprechend sei auch die zentrale Funktion der Sprache für beide Autoren hervorzuheben: Kempowski versuche sich durch Sprache der alten Heimat zu nähern (wohlweislich ohne sie jemals erreichen zu können), während Grass sich dem poetologischen Selbstverständnis nach schreibend von der neuen Heimat entferne.

IV.
In der abschließenden Diskussion wurde zunächst erneut auf den für viele Beiträge zentralen Begriff der ›Inszenierung‹ eingegangen. Betont wurde besonders die Abgrenzung des Inszenierungsbegriffs zur ›Täuschung‹. In Bezug auf das für die Tagung ebenfalls wichtige Konzept des Selbstausdrucks im diaristischen Schreiben stellte sich vor allem das Problem des angemessenen wissenschaftlichen Umgangs heraus. So könne das Tagebuch zwar die Möglichkeit bieten, sich dem historischen Autor als Mensch zu nähern, jedoch dürfe dabei die literarische Überformung der Texte nicht außer Acht gelassen werden. Hieran wiederum schloss sich die kontrovers diskutierte Frage an, inwieweit das Tagebuch bei Kempowski überhaupt als Quelle im Sinne einer hermeneutischen, autorbezogenen Herangehensweise gelten könne.

Die Ergebnisse und Denkanstöße der Tagung konnten nicht nur für die Kempowski-Forschung zeigen, welche komplexen und vielfältigen Funktionen die Tagebücher im Werkkontext und für die Inszenierungsstrategien Walter Kempowskis einnehmen, sondern, auch aufgrund der offenen Diskussionen über die Theorie des Tagebuchschreibens, produktive Ansätze für die gesamte Tagebuchforschung entwickeln. Für 2014 wird die Publikation der Beiträge in einem Sammelband vorbereitet [Anm. d. Red.: mittlerweile ist der Band erschienen; siehe Info-Box].



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 Autor:
 Veröffentlicht am 2. September 2013
 Kategorie: Wissenschaft
 Bild von shaire via flickr
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