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Kuckucksherz

Mathias Malzieus Mechanik des Herzens versöhnt den Zwist von Kuckuck und Ei: Der Romanheld braucht den Kuckuck, um zu leben und dieser bewahrt ihn vor den Abwegen der Liebe. Ob Symbiose oder Teufelspakt – in Frankreich, England und Spanien avancierte das Märchen längst zum Bestseller. Seit diesem Jahr ist Die Mechanik des Herzens auch in deutscher Übersetzung erhältlich.

Von Julia Anna Fee Pfrötschner

Wenn Tim Burton und Lyman Frank Baum je gemeinsam eine Uhr aufgezogen hätten, wäre das Ergebnis wahrscheinlich Die Mechanik des Herzens gewesen. Da diese Konstellation jedoch nicht zustande gekommen ist, hat der französische Autor und Musiker Mathias Malzieu ein Kunstmärchen geschrieben, das wie eine literarische Liaison zwischen Der Zauberer von Oz und Corpse Bride anmutet.

Was diese beiden Werke gemein haben, sind ihre tragischen Helden. Ob nun leblos, heimatlos oder herzlos, sie alle sind fehlerhaft. Und ebenso ergeht es Jack. Zwar befindet sich sein Herz in seiner Brust, doch ist es defekt. Es will nicht recht funktionieren und so wird dem Jungen noch am Tag seiner Geburt eine Kuckucksuhr eingesetzt. Fortan soll der hölzerne Kasten sein schwaches Herz unterstützen und das Kind am Leben erhalten. Leider bringt dieses Unternehmen eine entscheidende Bedingung mit sich. Jack darf sich niemals verlieben, denn starke Gefühle können das Uhrwerk zum Explodieren bringen. Diese Regel soll Jacks oberstes Gebot sein, so das Mantra der Frau, die Jack auf die Welt geholt, sein Herz repariert und sich um ihn gekümmert hat, nachdem seine leibliche Mutter ihn zurückgelassen hat. Dr. Madeleine hat Übung darin kaputte Menschen zu flicken und nimmt sich gerne hoffnungsloser Fälle an. In ganz Edinburgh ist sie als Hexe verschrien und so wird es für Jack im Leben nicht leichter. Jack das Waisenkind, das von einer verrückten Alten aufgezogen wird und eine tickende Uhr im Leib trägt. Wenn das nicht vielversprechend klingt!

Verlieben verboten

Das Herz als Symbol der Liebe, das man verlieren, verschenken oder sicher verschließen kann, ist keine neue Idee. Was Malzieu jedoch aus diesem alten Gedanken herausgeholt hat, ist bemerkenswert. Allein die Tatsache, dass es eine Kuckucksuhr sein muss, die in Jack tickt, spricht für Originalität. Normalerweise nisten sich Vögel schließlich im Oberstübchen ein, aber in diesem speziellen Fall macht es sich das Federvieh in Jacks Brustkorb gemütlich. Jack und der Kuckuck sind unwiderruflich miteinander verbunden.

Wie schon dieses Bespiel zeigt, hat der Autor eine Vorliebe für Symbole und Methapern. In fast jedem Satz lassen sie sich finden: Sprachliche Bilder und Vergleiche en masse. Und natürlich ist die Herzmetaphorik in diesem Sinne ein Feld, das der Phantasie kaum Grenzen aufzeigt.

Dass Metaphern, gerade wenn sie zu freigiebig ausgeworfen werden, schnell einen bitteren Beigeschmack haben können, ist bekannt. Passt man nicht auf, triefen die Seiten und alles wird schwer, schwulstig und trivial. Bei Malzieu sind die Metaphern und Superlative in einer so ungeheuren Überzahl, dass diese Aufstellung eigentlich nur untergehen kann, aber erstaunlicherweise bleiben alle Beteiligten trocken. Anstatt Jack und seine Geschichte bis zum Umfallen zu beschweren, rieseln die Worte schwerelos zur Erde wie der Schnee in einer Schneekugel. Ebenso wie an dem Tag, an dem Jack zur Welt kommt, dem 16. April 1874. Vögel fallen wie Eiszapfen lautlos auf die Schneedecke, die das Schottland dieser makabren, traumtänzerischen Welt bedeckt. Der Fluss trägt die Verkleidung eines »Puderzuckersees« und die Bäume erinnern an »dickleibige Feen«. Es ist der kälteste Tag aller Zeiten. Und von diesem Tag an führt Jack selbst durch sein Abenteuer. Der Ich-Erzähler ist seinem Körper allerdings von der ersten Sekunde an um mehr als ein Jahrhundert voraus. Auch wenn er nicht zu ahnen scheint, wohin es sein malträtiertes Ich verschlagen wird, so sieht er doch auf die Schneekugel hinab und weiß zu sagen, was er als neugeborenes Menschlein fühlt.

Tickender Herzschlag

Wenn er spricht, spricht eine Stimme aus unserer Zeit. Diese Stimme kennt die Lebenswelten des 21. Jahrhunderts und kann uns alles so erklären, dass wir es mit unseren Bildern und unseren Worten nachvollziehen können. Dabei klingt der Protagonist wie ein Freund, den wir erst gestern auf der Straße getroffen haben könnten.

Dieser Freund erzählt ganz ungezwungen von einem Bewerbungsgespräch für einen Job in einer Geisterbahn, von seinem ersten Schultag und von einem Mädchen, das es ihm angetan hat. Da wir von den Herzproblemen unseres Freundes wissen, ist jetzt der Moment gekommen, um ihm die Liebelei auszureden. Aber Jack ist unbelehrbar. Er ist unsterblich verliebt. Doch die Auserwählte verschwindet spurlos und Jack gelingt es erst einige Jahre später die hübsche Miss Acacia in Granada wiederzutreffen.

Buch-Info


Mathias Malzieu
Die Mechanik des Herzens
Aus dem Französischen von Sonja Finck
carl’s books: München 2012
192 Seiten, 12,99 €

 
 
Auf seinem Weg ergeht es Jack wie den meisten. Das Leben hält eine Vielzahl mehr oder minder grausamer Lektionen für ihn bereit. Ignoranz, Verlust und Liebeskummer lassen die Uhr aus dem Rhythmus geraten. Und vor allem die Schattenseiten der Liebe setzten Jack und seinem Kuckuck übel zu. Im Angesicht von Eifersucht, Misstrauen und Selbstzweifel wäre ein Herz aus Stahl die bessere Wahl gewesen. Doch leider kann auch Jack sein Herz weder gegen ein neues eintauschen noch die Zeiger in seiner Brust zurückdrehen. Er ist seiner ersten Liebe hoffnungslos ausgeliefert. Aber anders als bei den meisten ist sein Inneres für alle Schaulustigen offen einsehbar. Wenn sein Herz schneller tickt, ist es laut und deutlich hörbar. Das muss ähnlich unangenehm sein, wie das Szenario, in dem ein anderer die eigenen Gedanken lesen kann. Gänzlich entblößt und verletzlich. In einer solchen Situation würde wohl auch ein organisches Uhrwerk haken. So anders ist Jack also gar nicht.

Um Die Mechanik des Herzens zu mögen, muss man Märchen schätzen und dem Phantastischen nicht ganz abgeneigt sein. Wenn man dann auch noch Gefallen an einer Sprache findet, die manchmal ins Melodramatische kippt, wird man Malzieus Erstling mit leuchtenden Augen weiter empfehlen.

Diese Reaktion hat der Roman bis jetzt vor allem in Frankreich, England und Spanien hervorgerufen, denn dort wurden bis dato insgesamt mehr als 500.000 Exemplare verkauft. Obwohl der Roman in Frankreich bereits 2007 veröffentlicht wurde, ist er erst seit Juni dieses Jahres in deutscher Sprache erhältlich. Es wird abzuwarten sein, ob die Erfolgswelle auch hier zu Lande ankommen wird. Verdient wäre ein Platz auf den deutschen Bestsellerlisten ohne Zweifel.

Wie es bei internationalen Bestsellern inzwischen üblich ist, sind die Filmrechte auch in diesem Fall längst verkauft. Obwohl eine Leinwandadaption unter der Führung Tim Burtons gepasst hätte wie die Faust aufs Auge – oder besser gesagt wie der Kuckuck in die Uhr- hat sich Malzieus Landsmann Luc Besson (u.a. Leon- der Profi und Arthur und die Minimoys) der filmischen Interpretation angenommen. Realisiert wird das Projekt als 3D-Animationsfilm. Wie das Resultat letztendlich aussehen wird und wann es im Kino zu bewundern sein wird, bleibt abzuwarten. Nur so viel ist sicher: Bis zum Kinostart bleibt noch mehr als genug Zeit den Roman zu lesen.



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 Veröffentlicht am 3. Dezember 2012
 Kategorie: Belletristik
 Bild von Nancy Dorsner via flickr
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