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2 Stimmen, 1 Roman
Kühle Kastanien

Um sich im Mikrokosmos eines Seniorenheims nicht zu verirren, vertraut die 1980 in Paris geborene Camille de Peretti mit ihrem Deutschland Debüt Wir werden zusammen alt auf die Logik von Rösselsprüngen und magischen Quadraten. Kerstin Cornils liefert die 2. Stimme zu diesem Roman in der Reihe 2 Stimmen, 1 Roman.

Von Kerstin Cornils

»Iris-Asche«, »Aprikosenblüte«, »Herbstzimt«: Glaubt man den verheißungsvollen Namen der Haarfärbemittel, ist der Alltag in der Seniorenresidenz nicht grau, sondern von erlesener Farbenfreude. Wer sich in Camille de Perettis Roman Wir werden gemeinsam alt zum Umzug in das feine Altenheim Les Bégonias entschließt, rückt nicht etwa dem Jenseits näher, sondern darf sich zumindest laut Werbeprospekt auf ein aktives Leben voller Entspannungsbäder, gemeinsamer Kinonachmittage und spielerischer Gedächtnistrainings freuen. Doch letztlich reicht kein Botox der Welt aus, um das Reich von »Schneesilber« und »Kühler Kastanie« vor dem Aufbrechen hässlicher Schrunden zu bewahren: Trotz gediegener Haarfärbe-Rhetorik gehört es auch im Les Bégonias zum Alltag, Windeln zu wechseln, Demenzkranke zu versorgen und Antidepressiva zu verabreichen. Nicht selten lauern Alpträume und der Groll über verpasste Lebenschancen hinter der Fassade von Herbstzimt und Iris-Asche.

Buch-Info


Camille de Peretti
Wir werden zusammen alt
Hamburg: Rowohlt 2011
288 Seiten, 19,95 €

 

2 Stimmen, 1 Roman

In jedem erweckt das Lesen eines Textes ganz unterschiedliche Eindrücke. Dementsprechend unterscheiden sich die Stimmen zweier Personen, die ein und denselben Roman besprechen. Die Reihe »2 Stimmen, 1 Roman« macht die einzigartigen Zugänge zu Texten sichtbar.
 
 
Auf den ersten Blick frappiert Perettis Fokussierung eines Seniorenheims. Mit nur 29 Jahren scheint sie noch viel zu jung zu sein, um mit dem nötigen Scharfblick über die Abgründe des Alterns urteilen zu können. In Interviews entkräftet die Autorin Fragen nach ihrer Eignung knapp mit dem Argument, dass sie als Tochter einer Krankenpflegerin mit den Facetten der professionellen Altenpflege schon seit frühester Kindheit vertraut sei. Entscheidender ist freilich, dass sie einen ebenso mathematischen wie spielerischen Stil gefunden hat, um vom Altern ohne falsche Sentimentalität zu sprechen: Die zu beschreibenden Zimmer des Heims werden in der kühlen Systematik eines Rösselsprung-Algorithmus angeordnet, epische Accessoires wie Topfpflanzen und Rollatoren der Logik des Eulerschen Quadrats unterworfen. Der Autorin liegt es fern, angesichts von Alzheimer und Altersdepression Mitleid zu heischen. Lieber diszipliniert sie den Gefühlshaushalt ihrer Leser mit den strengen Mitteln der Mathematik.

Die Regeln der Freiheit

So schematisch die Anlage des durchkonstruierten Romans auch anmuten mag: Peretti ist es durchaus gelungen, die Alltagsepisoden eines willkürlich herausgegriffenen Tags in einer Seniorenresidenz zu einem gut lesbaren Text zu bündeln. Im Fluss des Erzählens gewinnen Marthe Buissonette und Jocelyne Barbier allmählich Profil, zwei giftige alte Damen, deren Werte und soziale Herkunft so unterschiedlich sind, dass sie sich auf ebenso groteske wie komische Weise immer wieder ineinander verknäulen. Der von Zimmer zu Zimmer wandernde Fokus der Erzähltechnik führt dazu, dass wir in der Greisin Nini Lieber nicht nur das abstoßende »Meeresungeheuer« mit Borsten am Kinn, sondern auch die unangepasste Jüdin sehen, die einst mit ihrer Familie vor dem Holocaust nach Afrika fliehen musste. Noch dichter wird die Beschreibung des hierarchischen Beziehungsgeflechts, wenn die Autorin Türen aufstößt, hinter denen sich junge Pflegerinnen von verheirateten Männern verführen lassen, und von Angehörigen erzählt, die sich, kaum im Heim angekommen, sofort zurück in die »Welt der Lebenden« sehnen.

Allerdings halten die kleinen Steckbriefe über Menschen im Mikrokosmos der Seniorenresidenz keine wirklichen Überraschungen bereit. Neben dem auf Wolke 9 schwebenden Greisen-Paar, das sich, frei nach Andreas Dresen, noch einmal richtig romantisch verliebt hat, darf auch die als Kind missbrauchte Alte mit verschmiertem Lippenstift nicht fehlen, die jede Nacht schweißgebadet aus Alpträumen erwacht. Peretti hat ihrem Roman ein Motto ihres Vorbilds Georges Pérec vorangestellt: »Im Grunde erlege ich mir Regeln auf, um vollkommen frei zu sein.« Doch bei der Lektüre von Wir werden zusammen alt wird man den Verdacht nicht los, dass die an magischen Quadraten und Rösselsprüngen geschulte Schreibmethode zu einer gewissen psychologischen Reißbrettartigkeit, nicht aber zu größerer Freiheit geführt hat.

Jan Heemanns Stimme zu Camille de Perettis Roman findet ihr hier.



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 Veröffentlicht am 28. März 2011
 Kategorie: Belletristik
 Foto von The U.S. National Archives via flickr.
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