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Essay
Kultur des (Zu)sehens

Unsere kulturelle Vergangenheit wurde durchgehend von Medien und Kunstgattungen geprägt, die primär den visuellen Wahrnehmungskanal ansprechen. Der Rezipient wird zur Beschau eingeladen, ihm wird ein passives Genießen durch visuelle Stimulanz angeboten, ohne dass er aktiv handeln muss. An diesem Befund scheint sich auch im Zeitalter interaktiver, digitaler Medien wenig zu ändern, da diese zwar Partizipationsangebote machen, jedoch auch passiv rezipiert werden können. Vor allem die europäisch-westliche Gesellschaft scheint prädestiniert für eine Kultur des Zusehens, die ein ‚Besehen‘ ohne eigenes Handeln oder Zutun meint.

Von Kai Matuszkiewicz

Die Flüchtlingsthematik im Süden und die kriegerischen Auseinandersetzungen im Osten unseres Kontinents, die Konflikte im Nahen Osten, Hunger und autoritäre Regime in Afrika, die Menschenrechtsfragen in China oder der Rechtsruck in unserer gesellschaftlichen Mitte, von allem bekommen Europäer ein genaues Bild durch die traditionellen Massenmedien sowie die Neuen Medien vermittelt. Aber veranlasst sie das zum Hinsehen, zum Handeln? In den meisten Fällen leider nicht! Vielmehr scheinen sich Europäer trotz umfassender Kenntnis durch eine bemerkenswerte Zurückhaltung auszuzeichnen. Dabei handelt es sich hierbei keineswegs um ein neuartiges Phänomen, es ist die logische Konsequenz einer jahrtausendlang tradierten Rezeptionsgewohnheit.

Die Lust am Zusehen

Das (Wieder-)Aufblühen der bildenden Künste und der Malerei in der Renaissance, die mannigfaltigen Formen des Theaters im 18. Jahrhundert sowie die Panoramen des 19. Jahrhundert stehen für eine Tendenz der europäischen Kultur, die sich mit der Daguerreotypie, dem Film/Kino, dem Fernsehen, dem Video sowie mit modernen Hypermedien wie dem Internet fortsetzt – eine Kultur des (Zu-)Sehens. Diese erweiterte sich durch Phänomene wie das Theater oder Medien wie den Film auch zu einer Kultur des (Zu-)Hörens bzw. zu einer audiovisuellen Rezeptionskultur des (Zu-)Sehens und (Zu-)Hörens. Interessant daran ist, dass diese Kultur des (Zu-)Sehens zuweilen eine Teilnahme ohne Anteilnahme sein kann. Wir sehen, sehen zu, greifen aber nicht ein, sind vielmehr im Rausch des Voyeuristischen gefangen, angetrieben von der Lust am Zusehen.

Tagung

Vom 2.-4. Juli wird im Göttinger Courant Forschungszentrum »Textstrukturen« die Tagung Show, don’t tell: Konzepte und Strategien narrativer Anschaulichkeit abgehalten.
Aus dem AnkündigungstextShow, don’t tell: Erzähle so anschaulich, dass deinen Lesern die Handlung vor Augen steht wie in einem Drama! Das ist nicht nur ein Mantra von Schreibschulen für hoffnungsvolle Bestseller-Autoren – es war bereits in der antiken Rhetorik ein Ideal für Redner und Autoren. Schon damals wurde anschauliches Erzählen – besonders als Energeia, Enargeia und Evidentia – dem unanschaulichen Erzählen (Diegesis) gegenübergestellt. Auch die moderne Erzähltheorie bildet Gegensatzpaare wie Showing und Telling, dramatischer und narrativer Modus, geringe und hohe Distanz. Und auch sie veranschaulicht diese Modi vor allem durch knapp kommentierte Beispiele, statt systematisch zu überlegen, mit welchen Mitteln Erzähltexte versuchen, ihr Wirkungsziel Anschaulichkeit zu erreichen. Hier setzt die Tagung an: Sie bringt Expertinnen und Experten unterschiedlicher Fachrichtungen zusammen, um die Bezüge neuerer Anschaulichkeitstheorien zur historischen Theorie- und Begriffsbildung zu untersuchen. Außerdem soll an Fallbeispielen gezeigt werden, wie in verschiedenen Gattungen fiktionaler und faktualer Texte von der Antike bis zur Gegenwart versucht wurde, Anschaulichkeit zu erzielen – bzw. zu erzählen.

 
 
Woher kommt das? Freilich ist das beschriebene Phänomen nicht neu, schon die Bibel enthält Geschichten wie Susanna im Bade, die nicht nur ‚besehen‘ wird, sondern die sich auch mit Übergriffen und Ungerechtigkeit konfrontiert sieht. Das Opfer wird zum Täter stilisiert. Derartige Thematiken inspirierten die Malerei, die unzählige Variationen der biblischen Geschichte hervorbrachte, die aber auch heute virulent ist und zu derart unbegreiflichen Aussagen führen kann wie die jenes indischen Vergewaltigers, der für den Tod seines Opfers dessen Wehrhaftigkeit anführt und damit implizit eine unhinterfragbare Verfügbarkeit des Verführerischen postuliert. Betrachtet man die Globalität dieses Phänomens, dann drängt sich zunehmend die Frage auf, ob jene Kultur des (Zu-)Sehens eine europäische Eigenart ist oder vielmehr ihre Wurzeln in anthropologischen Grundkonstanten hat, die auf eine gewisse Art und Weise jedem Menschen innewohnen.

Die europäische Kultur des (Zu-)Sehens?

Begibt man sich auf einen medienhistorischen Streifzug durch die europäische Kunstgeschichte, dann kann man anhand der zahlreichen Werke, die sich mit dem Verhältnis zwischen Voyeurismus und Exhibitionismus befassen, schnell dem Verdacht erliegen, dass vor allem der voyeuristisch Blick ein europäischer und ein patriarchalischer ist. Vor allem die Malerei zeugt von zahlreichen Anleihen in der griechisch-römischen Antike und stellt junge, weibliche Akte in diversen Posen dar. Diese Variante des ‚male gaze‘ wurde beispielsweise durch den Film im 20. Jahrhundert lange befördert und lässt sich teilweise immer noch in der gegenwärtigen Fernsehlandschaft detailliert beobachten. Vor allem jene ‚Reality TV‘-Formate bekannter Privatsender befriedigen dieses Bedürfnis in pervertierten Formen, die dem Rezipienten die Möglichkeit verschaffen, sich durch die öffentliche Erniedrigung anderer selbst zu erhöhen, indem man sich als etwas ‚Besseres‘ begreift. Diese Harlekin-Show ist zugegebenermaßen nichts Neues. Was allerdings neu ist, das ist die Quantität und Qualität dieses (Zu-)Sehens und Verlachens. Verlachen ist zu einem omnipräsenten Vorgang geworden, der im Fernsehen beginnen kann, von Boulevardmedien begleitet und befeuert wird und im Internet in eine Unüberblickbarkeit ausfranst.

Hiermit soll keineswegs einer Medienkritik und einem Kulturpessimismus Ausdruck verliehen werden, auch wenn dies so scheint. Es soll vielmehr auf die Folgen dieser Medienkultur für unsere Kultur im Allgemeinen verwiesen werden. Und diese haben bereits ihre Wirkung gezeigt.

Der Exhibitionist als Opfer

Selbstverständlich kann man anführen, dass jeder Voyeur eines Exhibitionisten bedarf, um seinen Bedürfnissen nachzukommen und dass letzterer den Wünschen des Ersten wiederum sehr gern beikommt, da es seinen Präferenzen entspricht. Dies mag auch in vielen Fällen richtig sein, aber eben nicht immer. Zuweilen ist der ‚Besehene‘ unfreiwilliger Gegenstand dieser Beschau, ohne davon zu wissen, ohne dagegen vorgehen zu können. Vorfälle wie jener vor einigen Jahren, bei dem westliche Soldaten mit den Knochen ihrer Feinde posierten und diese Bilder auch anderen zugänglich machten, verdeutlichen einerseits, wie schlecht es zuweilen um einen respektvollen Umgang mit dem Gegenüber bestellt ist und andererseits, wie wenig Feingefühl Europäer bzw. vom westlichen Kulturkreis Geprägte hierbei walten lassen. Es zeigt sich, dass eine Kultur des (Zu-)Sehens nicht nur ein Phänomen der europäischen Mediengeschichte und Mediengegenwart ist, auch wenn Medien freilich eine bedeutende Rolle beim Transport dieser Informationen einnehmen. Es wird deutlich, dass wir es hierbei mit einem grundlegenden Aspekt unserer Kultur zu tun haben.

In diesem Sinne sind Medien und Kunstwerke zwar Werkzeuge jenes Verhaltens, aber auch Spiegel einer tiefergehenden kulturellen Verankerung dieses Denkens, das sich aus einem europäisch-aufklärerischen Superioritätsdenken ebenso speist wie aus dem Aufleben des europäischen Nationalismus im 19. Jahrhundert, der sich bekannterweise nicht unerheblich auf die menschlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts auswirkte. Dafür spricht dass viele bedeutende Erfindungen unserer Medienkultur in jenen Jahrhunderten gemacht wurden, in denen sich die Europäer aufmachten, andere Kontinente und Völker an der europäischen Kultur ‚teilhaben‘ zu lassen bzw. versucht haben, sich gegenseitig auszulöschen. Das europäische Selbstverständnis als Akteur, der mit vollem Recht tut, was ihm beliebt, wird von den Postcolonial Studies zurecht angegangen und im Anschluss an Edward Said als ‚eurozentristisch‘ kritisiert. Voyeurismus an sich ist ein anthropologisches Phänomen, die Europäer haben aber eine besondere Spielart entwickelt, die mit Erscheinungen wie dem Internet als Fenster zur Welt als hypermediales Konglomerat diverser Medien neue Selbstsicherheiten und Selbstversicherungen erzeugt.

Der Voyeur als Täter

Es besteht ein gewichtiger Unterschied zwischen jenem freiwilligen Exhibitionisten, der sich selbst zum Objekt der Betrachtung macht und jenen Subjekten, die unfreiwillig zum Betrachtungsgegenstand degradiert werden. Das Tätersein des Voyeurs in einer Kultur des (Zu-)Sehens manifestiert sich in zweifacher Weise: zum einen als schamloses Sehen als Handlung und zum anderen als Zusehen im Sinne einer Unterlassungshandlung. Paul Watzlawicks Kommunikations-Diktum umwandelnd, nämlich dass der Mensch nicht nicht kommunizieren könne, könnte man sagen – der Voyeur kann nicht nicht handeln! Ein aktuelles Beispiel für den ersten Fall findet man in den Veröffentlichungen von privaten Informationen und Aktaufnahmen Prominenter, die von Hackern entwendet wurden. Das sogenannte ‚ Fappening‘ – zusammengezogen aus ‚happening‘ und ‚to fap‘ = onanieren – illustriert die Rolle des Voyeurs in aller Deutlichkeit an einer Aussage der Schauspielerin Jennifer Lawrences, die in einem Interview diesbezüglich von ‚Vergewaltigung‘ spricht. Eine Vergewaltigung, die durch den Datendiebstahl der Bilder ermöglicht wird und in der Folge unzählig oft begangen wurde. Man kann ihre Wortwahl übertrieben finden, da es sich um einen digitalen und nicht um einen physischen Eingriff in ihre Privatsphäre handelt, es zeigt sich aber, dass der Eingriff in die eigene Persönlichkeit und deren Rechte dadurch nicht weniger real ist und dass es einen Unterschied macht, ob man freiwillig Aktaufnahmen von sich veröffentlicht oder ob dies fremdbestimmt geschieht. Der Unterschied ist die Selbstbestimmung des Individuums, die durch aktiv voyeuristische Handlungen massiv verletzt wird. Nur weil jemand temporär exhibitionistisch agiert (wie Jennifer Lawrence gelegentlich), zieht dies keinesfalls eine permanente voyeuristische Legitimation nach sich, die eine vollumfassende Verfügbarkeit des begehrten ‚Objekts‘ miteinschließt.

Wenn man sich selbst als jemanden begreift, der diese Bilder nicht betrachtet hat oder sich in ähnlichen Situation ebenfalls gegen Voyeurismus sperrt, so ist man freilich nicht Täter im ersten ausgeführten Sinne, aber man ist als Europäer fast immer Täter im zweiten Sinne, da wir alle von vielen Missständen wissen, diese besehen, aber eben doch nur zusehen. Das zeigt sich auf vielerlei Ebenen. Auf geopolitischer Ebene sind wir beispielsweise Täter in derlei Hinsicht, dass wir um die vielen Krisenherde der Welt in den letzten Jahren wie Nordafrika, Arabien, Naher Osten oder die Ukraine wissen (um nur die in deutschen Medien präsentesten zu nennen), dass wir aber nicht aktiv dagegen vorgehen. Hier ist nicht nur die jeweilige Regierung in der Pflicht, sondern auch jeder Bürger einer demokratischen Gesellschaft, der sich als aufgeklärten Demokraten begreift. Das ist jetzt kein Plädoyer für militärische Interventionen, keine Kriegstreiberei, keineswegs; es ist aber die Mahnung an all jene, die glauben, dass sich Konflikte wie die genannten in Wohlgefallen auflösen, ohne dass Europäer (und hier vor allem Deutsche) einen Finger krümmen müssen. So haben sich Konflikte fast nie lösen lassen, sobald es erst zu Kampfhandlungen gekommen ist. Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass man schuldlos an der Vernichtung menschlichen Lebens ist, wenn man doch nicht aktiv gehandelt, also die Situation nicht bewusst mitverschuldet hat. Man ist aber eben doch mitschuldig, auch wenn es hier freilich graduelle Unterschiede gibt. Der Schulddiskurs in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ist in vielerlei Hinsicht ein aussagekräftiges Beispiel hierfür.

Aber man muss gar nicht so weit ausholen, die großen Katastrophen der Menschheit anzuführen, die an den Fragen der Menschlichkeit rühren: man kann auch andere Beispiele geben. Man denke an die Skandale um die Produktionsbedingungen großer Textilkonzerne in Südostasien, die regelmäßig Wellen des Entsetzens auslösen, viele aber doch nicht vom Kauf jener Produkte abhalten. Man denke an die Arbeitsbedingungen von Arbeitnehmern großer Discounter oder Fastfood-Ketten, die unsere Entrüstung hervorrufen. Aber wo kaufen wir dennoch ein, wo essen wir auf die Schnelle?

Kultur des Hinsehens

Uns allen wohnen kleine Voyeure und Exhibitionisten inne und das ist auch nicht schlimm, das ist menschlich! Der Erfolg sozialer Medien wie Facebook stellt die Hin- und Hergerissenheit des Menschen zwischen Voyeurismus und Exhibitionismus heraus. Es besteht prinzipiell kein Problem mit dem Vorhandensein des Voyeurs, sondern vielmehr mit der Art und Weise, wie wir als Voyeure agieren. Der Diskurs, um all das, was man auf Facebook posten oder eben nicht posten soll, ist eine bedeutende Aktualisierung dieses Diskurses um Voyeurismus und Exhibitionismus, der mit seiner Dynamik verdeutlicht, wie kontrovers diese Thematik immer noch ist. Die Grenzen werden dabei nicht nur intersubjektiv verhandelt, sondern maßgeblich von individuellen Gefühlen und Empfindungen geleitet. Daran können und sollten wir nichts ändern. Was wir aber überdenken sollten, ist unsere Kultur des Zusehens, bei der sich der Betrachter alles detailliert ansieht und hieraus seinen Genuss zieht. Stattdessen wäre es wünschenswert, dass wir zu einer Kultur des Hinsehens gelangen, die nicht bei kosmopolitischen Anliegen stehenbleibt, die auch im Kleinen Gestalt gewinnt, wenn wir uns beispielsweise für jemanden in der Straßenbahn einsetzen, der von anderen bedrängt wird. Eine Kultur des Hinsehens negiert hierbei keinesfalls den berechtigten Genuss am passiven Zusehen, was sie aber verneint, ist die Trägheit, diesen Zustand nicht überwinden zu wollen, sei es, um die Hilflosigkeit eines anderen auszunutzen oder sei es um wegzusehen und andere ihrem Schicksal zu überlassen.



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 Veröffentlicht am 1. Juli 2015
 Kategorie: Misc., Wissenschaft
 Childs eye von Anthony Kelly via Flickr.
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 Ein Kommentar
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Ein Kommentar
Kommentare
 Silvana Zehnpfennig
 15. Juli 2015, 14:16 Uhr

Ich danke für diesen im höchsten Maße aufklärerischen Beitrag. Jetzt darf man nur hoffen, dass ihn auch möglichst viele lesen und begreifen.

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