Impressum Disclaimer Über Litlog Links
Was ist Kunst?
Kunstbetriebeschaden

Eine Tiefkühlerbse als Kunstwerk? Über Kunst lässt sich ja bekanntlich streiten. In ihrer Glosse nähert sich Verena Zimmermann der Kunst einmal rotzig-respektlos und tastet sich so heran an die Beantwortung einer der großen Fragen: Was ist eigentlich Kunst? Die Interviewreihe zum Thema startet nächste Woche.

Von Verena Zimmermann

Museen können einschüchternde Orte sein, denn dort stehen die Menschen ehrfürchtig vor IHR – der Kunst. Die Kunstkenner seufzen, runzeln die Stirn, ziehen die linke – alternativ auch die rechte – Augenbraue hoch und sprechen von »der Romantik in ihrer ungeschliffensten Schroffheit«, während sie ein verbogenes Stück Metall in einer Glasvitrine betrachten. Kein Wunder, dass man sich wie ein Fremdkörper fühlt, wenn man in dieses hermetisch geschlossene System voller schwarzer Rollkragenpullis tragender, mürrisch dreinblickender Gestalten hineinstolpert. Von »angst emanation animation« und »Art Brut« wird geredet, während die Kunstexperten affektiert an ihrem Vernissage-Sekt nippen. Der Abend ist noch jung, die Connaisseurs gerade mal beim Buchstaben A des illustren Kunstalphabets angelangt – und plötzlich fragt man sich unwillkürlich: Was Zum Teufel ist eigentlich »Artifizieller Realismus?« Klingt fast so verworren wie »Doppelhaushälfte«.

Kunst im Chemikalienbad

Ein Ratgeber muss her, um sich nicht länger als Crétin zu fühlen. Abhilfe schaffen Werke wie Susanna Partschs handliches Nachschlagewerk Moderne Kunst, das die 101 wichtigsten Kunstfragen beantwortet und bei Ausstellungen schnell aus der Manteltasche gezogen werden kann. Einmal kurz nachgeblättert und schon kann man dilettantische Gedanken wie »Das Bild ist schön bunt« so pseudo-intellektuell aufgeplustert formulieren, dass einen nicht nur jeder Ausstellungsbesucher sofort für einen der Eingeweihten hält, sondern man allen Umstehenden sogar den Feuerlöscher an der Museums-Wand als »introspektiven Geniestreich, der das Sicherheitsbedürfnis der Menschheit kritisiert« verkaufen kann.

Zum Projekt

In der neuen Interviewreihe »Was ist eigentlich Kunst?« soll der Göttinger Kunstszene in nächster Zeit ein wenig auf den Zahn gefühlt werden. Nächste Woche geht es los mit einem Interview mit dem Göttinger Künstler Georg Hoppenstedt.

 
 
Das ist gar nicht mal so abwegig, immerhin wurde schon ein in Formaldehyd eingelegter Tigerhai kurzerhand kryptisch als »The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living« (»Die physische Unmöglichkeit des Todes in der Vorstellung eines Lebenden«) betitelt und sorgte so für viel Aufsehen in der Kunstszene: Kaum verweste das Tier in seinem Chemikalienbad langsam vor sich hin, wurde vom »Mechanismus der Selbstauflösung«, dem »Memento mori Moment« der Kunst schwadroniert. Kurzum: Der Fisch stank zum Himmel. Über Kunst lässt sich eben streiten. Das bewies erst kürzlich die Brüssler EU-Kommission, die Dan Flavins Lichtinstallationen kurzerhand von »Kunst« zu »normalen Lampen« degradierte, um von den Galeristen so zwanzig statt bisher fünf Prozent Einfuhrsteuer verlangen zu können.

Kunst ist scheiße

Zur Verteidigung der Steuerbürokraten: Die Definition, was denn nun eigentlich Kunst ist, ist in der Tat ziemlich unklar. Laut Wikipedia bezeichnet das Wort »Kunst« »[…] im weitesten Sinne jede entwickelte Tätigkeit, die auf Wissen, Übung, Wahrnehmung, Vorstellung und Intuition gegründet ist […]. Im engeren Sinne werden damit Ergebnisse gezielter menschlicher Tätigkeit benannt, die nicht eindeutig durch Funktionen festgelegt sind.« Konkret heißt das: Wenn die so genannte »US-Sprinkle Brigade« ein Plastikschwert in einen braunen Hunde-Haufen auf der Straße piekst und das Werk »Excalibur« nennt, hat sie damit die Wikipedia-Kunst-Definition zu 100 Prozent erfüllt. Kot macht nun mal erfinderisch. Und mal ganz ehrlich: Hundescheiße zu Weihnachten eine rote Nase aufzusetzen und das Ganze »Poodolph« zu nennen, oder Tauben Zuckerstreusel von einem Häufchen picken zu lassen und es »Das letzte Abendmahl« zu betiteln, ist schon verdammt kreativ. Revolutionär ist das Ganze aber nicht, immerhin hat schon der italienische Konzeptkünstler Piero Manzoni im Jahr 1961 jeweils 30 Gramm seiner eigenen Fäkalien in Dosen abgefüllt, sie als »merda d’artista« (»Künstlerscheiße«) betitelt und diese zum Goldpreis des gleichen Gewichts verkauft.

Kunst aus Tiefkühlerbsen

Scheiße ist Kunst. Kunst ist scheiße? Das wäre dann vielleicht doch etwas zu hart – aber sich der Kunst auch mal rotzig-respektlos zu nähern, anstatt ehrfurchtsvoll vor ihr zu erstarren, ist gar nicht mal so verkehrt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Das ist kein Aufruf dazu, Joseph Beuys’ Badewanne sauber zu schrubben und zum Gläserspülen umzufunktionieren. Das ist auch keine Aufforderung dazu, bei einem scheinbar leeren Bild mit kleinem blauen Punkt darauf sofort an einen Dreijährigen oder Hund als Urheber des Werkes zu denken. Selbst ein zerknittertes Papier kann Kunst sein, wenn es von Martin Creed stammt. Aber das ist eine Bitte, sich nicht von der Kunstszene vera****** zu lassen. Werfen Sie das Credo »Je abstrakter desto besser, je nebulöser der Titel, desto ausgefeilter das Werk, je größer das Fragezeichen beim Betrachter, desto überragender die Kunst« über Bord. Lassen Sie sich nicht von leeren Worthülsen anderer beeindrucken und verstecken Sie auch Ihre eigene Verlegenheit nicht hinter aufgeblasenen Wortkapriolen. Kaufen Sie sich um Himmels willen keine Installation, bei der ein paar weiße, aufgeblasene Luftballons auf der Erde liegen und sich »Meerjungfrau« nennen, und auch keine Packung Tiefkühlerbsen, über denen unter dem Titel »Die Heinzelmännchen« ein einzelner Schuh an einem Faden hängt . Und nein: Das sind keine fiktiven Beispiele.

Und zum Schluss: Werden Sie nicht zum frustrierten Kunsthasser, aber lassen Sie sich trotzdem für den ganzen Unsinn in der Kunst – und vor allem in der Kunstszene – sensibilisieren. Mit einem Zitat von Seite 117 des Buchs Das kann ich auch! Gebrauchsanweisung für moderne Kunst von Christian Saehrendt und Steen T. Kittl ist eigentlich alles gesagt: »Der Kunstbetrieb funktioniert wie ein angesagter Club mit unberechenbaren Türstehern, wechselhaften Gästelisten und geheimnisvollen VIP-Lounges«.



Metaebene
 Veröffentlicht am 18. August 2011
 Kategorie: Misc.
 Schlagworte: , ,
 Foto von gtrfrkbob via morguefile.
 Teilen via Facebook und Twitter
 Artikel als druckbares PDF laden
 RSS oder Atom abonnieren
 Keine Kommentare
Ähnliche Artikel
Archiv
Keine Kommentare
Kommentar schreiben

Worum geht es?
Über Litlog
Mitmachen?