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Lena lebt

Nachdem ihre Fernsehserie Girls internationalen Erfolg feierte, wurde gespannt auf das erste Buch von Lena Dunham gewartet. Die HBO-Serie, in der sie eine der Hauptrollen spielt, vermittelt ein realistisches und teilweise traurig-komisches Bild einer jungen Erwachsenen in New York. Girls ist quasi ein Anti-Sex-and-the-City, ohne allgemeingültige Modelmaße und Markenkleidung, dafür mit viel Witz. Nun debütiert die New Yorker-Allrounderin mit ihrer unterhaltsamen Essaysammlung Not that kind of girl – Was ich vom Leben so gelernt habe.

Von Denise Wullfen

Dieser Titel liest sich wie die Überschrift eines Tagebuchs und das ist es in gewisser Weise auch. Es geht hauptsächlich um die Autorin und ihre Erfahrungen, die sich thematisch in ihrer eigenen Lebenswelt der amerikanischen Kunstszene bewegen. Die zwischenmenschlichen Beziehungen, sei es Freundschaft oder das Verhältnis zu Männern, aber auch der Umgang mit sich selbst, stehen dabei im Fokus. Und ab hier wird es schwierig, die Essays rein als solche zu beurteilen. Ihre Erzählungen drehen sich des Öfteren um Sex, um ihr gestörtes Verhältnis zum Essen und Ängste verschiedenster Art – vor dem Tod, vor HIV und davor einsam zu sein. Dabei bleibt ihre Sprache unprätentiös, launig, echt, eben wie in ein Tagebuch gekritzelt. Und wenn sie sich stellenweise nicht in Sätzen artikulieren mag, dann tut sie es in Themen und Listen. Davon zeugt zum Beispiel »Die Top Ten meiner Ängste in Sachen Krankheiten«.

Es gibt Kritiker, die sie für ihre schonungslose Ehrlichkeit bewundern und hervorheben. Aber auf der anderen Seite wird auch genau dieser Aspekt des Buches kritisiert, als provokant-berechnende Art, die Probleme einer Künstlertochter (ihr Vater ist der Maler Carroll Dunham, ihre Mutter die Fotografin Laurie Simmons) darzustellen. Auch das Schreiben über Sex wird kritisiert, z.B. von Heike Kunert in ihrer Besprechung Wer viel vögelt, lernt fliegen. Und oft gerät anscheinend leider auch in Vergessenheit, dass diese sehr persönliche Schriftensammlung auch ein literarisches Werk ist, ein künstlerischer Ausdruck, der fiktiv und biographisch zugleich sein kann.

27-jährige Reife

Das Buch ist in fünf Teile gegliedert: Liebe & Sex, Körper, Freundschaft, Arbeit und »das große Ganze«. Diese Aufteilung stört den Lesefluss nicht, wie man zuerst vermuten könnte. Jedes dieser Oberkapitel ist noch einmal in Unterkapitel gegliedert, wodurch jedes Essay abgeschlossen und für sich lesbar ist. So könnte man, je nach persönlicher Präferenz, das Buch auch auf Seite 237 zu lesen beginnen. Mit ihren 27 Jahren hat die Autorin schon einiges erlebt, was sie in verschiedenen kleinen Anekdoten darlegt. Ob sie über das anfangs gespaltene Verhältnis zu ihrer Schwester schreibt oder von ihrem Job in einem Kinderbekleidungsgeschäft – die Geschichten sind leicht nebenbei zu lesen, dabei nie oberflächlich, sondern eindrücklich.

zum Wegwerfen, zum Einrahmen

Dabei bleiben klischeebehaftete Passagen dennoch nicht aus. Der Ansatz, den sie zum Thema Ernährung vertritt, ist nicht neu. Seitenweise Auszüge aus ihrem Esstagebuch fügen sich in dieses Kapitel ein. Ob man von der Akribie, mit der sie sorgsam ihre Kalorien und die gegessen Himbeeren zählt

Buch-Info


Lena Dunham
Not that kind of girl
Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz und Tobias Schnettler
Essays
Fischer Verlag, Frankfurt 2014
304 Seiten, 19,99€

 
 
und dem unvermeidlichen Rückfall in Form eines »Fressanfalls« eher peinlich oder mitfühlend berührt ist, muss wohl jeder Leser selbst entscheiden. Auch die kindlich anmutende Odyssee, einen Therapeuten zu finden und die darauf folgenden seitenlangen Berichte von ihren Therapiesitzungen wirken etwas befremdlich. Andere Stellen dagegen, wie der Rat an Frauen, sich von Männern nicht schlecht behandeln zu lassen, möchte man sich ausdrucken und einrahmen lassen: »Wenn jemand dir zeigt, wie wenig du ihm bedeutest, und du immer wieder zu ihm zurück kehrst und es noch mal probieren willst, fängst du über kurz oder lang an, dir selbst weniger zu bedeuten.« Auf den ersten Blick wirkt dieser Ratschlag vielleicht wie eine Plattitüde. Aber das Thema ist aktuell wie eh und je. So haben laut einer repräsentativen Studie des Bundesministeriums ein Viertel aller Frauen in Deutschland »Gewalt durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner erlebt«. Dass Lena Dunham von ihrer eigenen Vergewaltigung und auch den nachfolgenden körperlichen Schmerzen berichtet, ist ein mutiger Zug, der sicher auch verkaufsfördernd ist, vor allem aber den Opfern häuslicher Gewalt das Gefühl der vermeintlichen Mitschuld auszutreiben versucht: »Scheiße behandelt zu werden ist nicht witzig, und es ist auch kein grenzüberschreitendes intellektuelles Experiment«.

Gegen dieses edle Ansinnen, sich mit den Benachteiligten Mut spendend zu solidarisieren, wirkt eine Erzählung über ein homosexuelles Erlebnis mit einer Künstlerin, das auf einem mit Erbrochenem bedeckten Teppich endet, wie aus einer schlechtem Film oder der Story von der letzten Hausparty. Wieso schreibt sie über so etwas? Wo ist der Unterhaltungswert? Doch die Frage ist vielleicht auch, ob Literatur immer gnadenlos unterhaltend sein soll. Ob solche Erlebnisse verschwiegen werden sollten, weil sie, wenn fiktiv, nur aufgesetzt-provokant oder, wenn autobiographisch, immer ein bisschen traurig wirken.

Schreibt, zeigt, lebt

Lena Dunham schweigt nicht, sie schreibt lieber und das so unverblümt, dass es einem die Schuhe auszieht: Neben der Beschreibung ihres Alkohol- und Drogenkonsums reihen sich Gedanken über den Umgang mit der Homosexualität ihrer Schwester sowie Berichte über ihre Endometriose aneinander. Das ist vielleicht nicht immer schön, aber es ist echt ohne Mitleid zu erheischen und teilweise sogar komisch. So ist z.B. die Szene, in der einer ihrer Sexpartner glaubt, nach dem Akt ein Kondom unbemerkt in einer Zimmerpflanze entsorgen zu können, sehr amüsant.

»Wenn ich euch mit dem, was ich gelernt habe, auch nur einen miesen Job leichter machen kann, euch nur einmal vor der Art von Sex bewahren kann, wo man die Turnschuhe lieber anlässt, um mittendrin wegrennen zu können, dann war jeder meiner Fehltritte es wert.« Diesen Satz äußert Lena Dunham im Vorwort ihrer Essaysammlung. Gelingt ihr dies? Die Antwort darauf ist wohl je nach Lesart unterschiedlich. Alles in allem liest sich das Buch ein bisschen wie der Rat einer großen Schwester, teilweise melancholisch, witzig und mit durchaus wahren Sätzen. Trotzdem ist es eher zur Unterhaltung geeignet. Wer einen guten Ratgeber sucht, ist mit einem Buch wie 101 Secrets for your Twenties von Paul Angone, das ich jedem ans Herz legen kann, besser beraten. Vor allem aber für Erwachsene und Jugendliche, die in der Welt noch auf der Suche sind, würde ich dieses Buch empfehlen.



Metaebene
 Autor*in:
 Veröffentlicht am 3. Februar 2015
 Kategorie: Belletristik
 Lena Dunham 2012 auf dem Tribeca Film Festival. Bild via Wikemedia
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