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Denkmal mit Ausrufezeichen

Sabrina Wagner beklagte auf Litlog, an Grass‘ Denkmal für die Göttinger Sieben würde das Geniale nicht aufscheinen wollen. In einer Replik verteidigt Adrian Bruhns die Skulptur gegen diesen Vorwurf. Die Skulptur sei ein Meta-Denkmal, das nicht nur die Göttinger Sieben ehrt, sondern sich auch selbst kommentiert.

Von Adrian Bruhns

Der Enthüllung Grass‘ Denkmals für die Göttinger Sieben folgte einhellige Ablehnung. Das Objekt sei »ein Ding von ostblockhafter Scheußlichkeit« schrieb die Süddeutsche.1 Henryk M. Broder nannte es zurückhaltender »seltsam«2, und Sabrina Wagner beklagt auf Litlog, dass »das Geniale an diesem Werk nicht aufscheinen«3 wolle. Vermutlich herausgefordert durch die Person Grass und ihre bildhauerischen Ambitionen, lag der Fokus der Besprechungen dieses Denkmals auf seinem ästhetischen Wert. Kaum besprochen wurde hierbei der funktionale Aspekt der Skulptur, namentlich ihre Denkmalsfunktion. Dies möchte ich hier tun, und schließlich ihren künstlerischen Wert unter Berücksichtigung ihrer Funktion neu bewerten.

Bürgermeister Meyer befand die Errichtung eines Denkmals für die Göttinger Sieben in Göttingen während seiner Rede zur Enthüllung der Skulptur für »überfällig«. Dies wohlgemerkt auf dem Platz, der ihnen zu Ehren und zum Gedenken den Namen »Platz der Göttinger Sieben« trägt, und damit ursprünglich die Funktion eines Denkmals einnehmen sollte. Es ist dieser Campus selbst, der als Mittelpunkt einer zur Aufklärung verpflichteten Universität sicherlich ein treffliches Denkmal abgibt. Wie Meyers Worte zeigen, hat dieser Platz seine Denkmalsfunktion jedoch allmählich verloren. Doch die auf ihm neu errichtete Skulptur lässt sich nicht einfach als Nachfolgerin dieses ursprünglichen Denkmals verstehen, sondern auch als Erneuerung der Erinnerungsfunktion des Platzes.

Das prägnanteste Element der Skulptur ist das riesige auf dem Sockel stehende »G7«. Dies als bedeutungsvoll zu dechiffrieren ist auf zwei Arten möglich: Zum einen im Kontext der im Verhältnis sehr kleinen Schriftplatte am Sockel der Skulptur, zum anderen im Kontext ihres Aufstellungsortes. Im Bewusstsein des Namens des Platzes erschließt sich die Bedeutung des »G7« sofort, auch wenn zuvor nicht bekannt war, für wen dieses Denkmal errichtet wurde. Hiermit verweist die Skulptur nicht nur auf die Göttinger Sieben, sondern auch auf ihren eigenen Aufstellungsort, womit sie dessen ursprüngliche Denkmalsfunktion erneuert; gewissermaßen den Stein wieder steinern macht. So scheint Grass‘ Wortwahl angebrachter als Meyers, wenn er bei der Enthüllung seiner Skulptur von »Erinnerung« sprach, denn sie lehrt den Betrachtenden wenig. In allererster Linie erinnert sie ihn an etwas Bekanntes: Nicht nur an die Göttinger Sieben, sondern besonders auch an die Denkmalsfunktion des Platzes der Göttinger Sieben. Die Skulptur ist damit ein Meta-Denkmal.

Mit diesem Blick auf die Funktion der Skulptur zeigt sich wiederum auch ihr künstlerischer Wert, denn indem sie die Denkmalsfunktion selbst kommentiert, weist sie darauf hin, dass Denkmäler nicht automatisch dauerhaftes Gedenken garantieren, sondern dass dieses ständig aktiv erneuert werden muss. So wird schließlich auch Grass‘ Skulptur ihre Verweisfunktion verlieren. Bis dahin aber ist sie in ihrer Funktion gelungen.

  1. http://www.sueddeutsche.de/kultur/denkmal-fuer-die-goettinger-sieben-ostblockhafte-scheusslichkeit-1.1091007
  2. http://www.welt.de/kultur/history/article13288503/Grass-ehrt-Goettinger-Sieben-mit-seltsamer-Skulptur.html
  3. http://www.litlog.de/denkmal-mit-fragezeichen/


Metaebene
 Veröffentlicht am 30. Mai 2011
 Bild von Sabrina Wagner.
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