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Übersetzung im Selbstversuch
Entwaffnend anspruchslos

Andrej Kolodins Erzählreihe Die Brücke entwaffnet im Russischen durch seine Anspruchslosigkeit. Klarer Ausdruck, kurze Sätze, keine atemberaubenden Metaphern, die den Leser im Irrgarten der Poesie fehlleiten. Weniger einfach ist es, diese Einfachheit zu übersetzen. Polina Petukhovas Wagnis für Litlog.

Мини-проза из серии МОСТzur Übersetzung

Человек шел по мосту. Он притворялся, что спешит. Притворяться было не перед кем – на мосту никого. Он притворялся сам себе. Спешить было некуда. У человека не было ничего. Не осталось прошлого. Не было будущего. Настоящее только что закончилось. Он хотел есть. Он хотел спать. Он хотел жить. Но ничего этого он не мог. Он мог броситься с моста в полынью и умереть. Но не хотел. Не мог жить и не хотел умирать. Человек остановился на мосту, потому что не знал, куда идти: у него не было дома. Перейти на другой берег – значит выбрать. А он больше не умел выбирать. И он подумал, что хорошо было бы жить на мосту.
Он медленно сел на мост, прислонившись спиной к перилам. Он не плакал – это просто ветер…
Он еще жил, но перестал быть.
Ведь первой погибает любовь.

***

Мост был печален. Еще три дня назад он чувствовал, как и всегда раньше, ее шаги. Он узнавал их, как только легкая нога мягко ступала ему на спину. Множество ног без конца отстукивали разные ритмы – беспокойные, размеренные, назойливые… Ритм ее ног мост не мог спутать ни с каким другим. И он ждал, когда в одно и то же время снова зазвучит тихая мелодия осторожных шагов. Почему именно этих шагов? Вероятнее всего, по причине полного отсутствия суетливых ноток. Это как если бы вдруг заиграла свирель на фоне мощной полифонии большого оркестра: она все равно была бы сразу услышана. Мост слушал. Он даже вслушивался. Но не слышал. Он и не мог услышать. Он только беспокоился, припоминая, что последнее время к любимой мелодии еле заметно, но все настойчивее примешивался такой же легкий, но незнакомый ритм. Он же не знал о том, что ее ребенок уже появился на свет…

***

С моста была хорошо видна излучина реки. Вода звала. Всякий раз, когда взгляд уходил в сторону излучины, немедленно возникало желание плыть. Словно там, за поворотом реки, было неведомое. Это было совсем не так: река до самого истока была хорошо знакома – можно сказать, детство прошло на ней. Но ложное прекрасное ощущение неведомого от этого не становилось слабее. Хотелось плыть. Против течения, к истоку. И попытаться уплыть дальше, когда ещё нет никакой реки. Люди торопливо шли по мосту, отворачивая головы от ветра. Люди были разные, а ветер был одинаковый для всех. Еще изредка пробегали собаки. Кошек он не видел ни разу. Наверное, это естественно. А собаки не отворачивались от ветра. Они только наращивали скорость, если порывы были особенно пронизывающими. Иногда и настойчиво возникало чувство большего родства с собаками. Иногда по мосту проходили знакомые. С ними надо было здороваться. Оставалось только удивляться, какие непохожие друг на друга были его знакомые. Оставалось только удивляться, что делал их одинаковыми он сам. И оставалось только удивляться собственной нецельности. Почему по мосту всегда хотелось идти? Даже без особой надобности? Ответить на этот вопрос не представлялось сложным. Но иногда хочется все время задавать один и тот же вопрос, не стремясь получить ответа. Может, и смотреть на поворот реки всегда хотелось именно по этой причине? Мост жил самостоятельной жизнью, не похожей на жизнь берегов. Мост. Он соединяет – на то он и мост. Но сам всегда остается одиноким – ведь он не вдоль, а поперек. Едва ли он несчастлив от этого. У мостов своя философия.

… Когда идешь по берегу или по мосту, весишь одинаково. Весь вопрос в том, кому из них тяжелее. Но этот вопрос, как правило, не возникает…

Mini-Erzählungen aus DIE BRÜCKEzum Original

Ein Mensch ging über die Brücke. Er tat so, als ob er in großer Eile gewesen wäre. Es gab hier aber niemanden, für den er so tun konnte – die Brücke war leer. Er tat es nur für sich selbst. Es gab keinen Grund zu eilen. Der Mensch hatte nichts. Keine Vergangenheit mehr. Keine Zukunft. Seine Gegenwart war gerade zu Ende.
Er wollte essen. Er wollte schlafen. Er wollte leben. Das konnte er aber nicht. Er konnte sich von der Brücke ins Eisloch hinunterstürzen und sterben. Wollte aber nicht. Konnte nicht leben und wollte nicht sterben. Der Mensch blieb auf der Brücke stehen, weil er nicht wusste, wohin er gehen konnte: er hatte kein Zuhause. Den Fluss zu überqueren heißt wählen. Aber er konnte nicht mehr wählen. Und er dachte, wie gut es wäre, auf der Brücke zu wohnen. Er setzte sich ganz langsam auf die Brücke, lehnte sich mit dem Rücken an ihr Geländer… Er weinte nicht – es war einfach nur windig. Er lebte noch, hatte aber aufgehört zu sein. Denn als erstes stirbt Liebe.

***

Ein Steg war traurig. Es war erst drei Tage her, dass er ihre Schritte zum letzten Mal fühlte. Er erkannte sie, sobald ihr Fuß ganz leicht und zärtlich seinen Rücken betrat. Eine Vielzahl von Füßen produzierte verschiedene Rhythmen ohne Ende: unruhige, gemessene, aufdringliche… Den Rhythmus ihrer Füße konnte der Steg mit keinem anderen verwechseln. Und er wartete darauf, dass die stille Melodie der vorsichtigen Schritte wieder mal zu derselben Tageszeit erklingt. Warum gerade dieser Schritte? Am wahrscheinlichsten, weil in ihrer Melodie keine Hektik zu hören war. So ergeht es auch einer kleiner Flöte, wenn sie inmitten einer gewaltigen Polyphonie eines großen Orchesters ertönt: Man wird sie sofort hören. Der Steg hörte zu. Er hörte sich sogar hinein. Hörte aber nichts. Er konnte ja nicht hören. Er machte sich nur Sorgen, weil er sich nun an etwas erinnerte: In der letzten Zeit mischte sich kaum bemerkbar, aber immer beharrlicher ein leichter, aber unbekannter Rhythmus der schönen Melodie bei. Er wusste ja nicht, dass ihr Kind schon zur Welt gekommen war…

***

Von der Brücke war eine Flusskurve gut zu sehen. Das Wasser rief. Jedes Mal, wenn der Blick zur Flusskurve schweifte, entstand sofort der Wunsch, dahin zu schwimmen. Als ob dort, hinter der Kurve, das verborgene Unbekannte gewesen wäre. Das war aber gar nicht so: Der Fluss war ihm bis zu seiner Quelle bestens vertraut – man kann sagen, die ganze Kindheit ist an seinen Ufern verlaufen. Aber das machte die falsche, schöne Erwartung des Unbekannten nicht minder. Wunsch zu schwimmen. Gegen die Strömung, zur Quelle. Noch weiter, wo es den Fluss noch nicht gibt. Menschen gingen eilig über die Brücke und versteckten sich vor dem Wind. Die Menschen waren sehr unterschiedlich, aber der Wind war derselbe für alle. Selten huschten noch Hunde vorbei. Katzen sah er nicht. Vielleicht war das natürlich. Aber die Hunde versteckten sich nicht vor dem Wind. Sie liefen nur schneller, wenn Windstöße besonders schneidend waren. Manchmal und eindringlich kam das Gefühl, mehr mit den Hunden verwandt zu sein.

Manchmal gingen Bekannte über die Brücke. Er sollte sie grüßen. Es war erstaunlich, wie sehr sich seine Bekannten voneinander unterschieden. Es war erstaunlich, dass sie in seiner Vorstellung alle gleich waren. Und es war erstaunlich, die eigene Ziellosigkeit aufzudecken. Warum gab es immer den Wunsch, über die Brücke zu gehen? Sogar dann, wenn es gar nicht nötig war? Es war nicht schwer, diese Frage zu beantworten. Aber manchmal will man immer wieder dieselbe Frage stellen, ohne eine Antwort darauf zu erwarten. Vielleicht kam gerade deswegen immer auch der Wunsch, zur Flusskurve zu blicken? Die Brücke lebte ihr eigenes Leben, das anders war als das Leben der Ufer. Die Brücke. Sie verbindet – dafür ist sie gerade da. Aber selber bleibt sie immer einsam – denn sie ist nicht längs, sondern quer. Das macht sie nicht unglücklich. Brücken haben ihre eigene Philosophie.

…Wenn du am Ufer entlang oder über eine Brücke gehst, bist du gleich schwer. Die Frage besteht nur darin, wem von den beiden es schwerer fällt, dich zu tragen. Aber in der Regel entsteht diese Frage nicht…

Hinter den Worten

Polina Petukhova übersetzt zwischen den Zeilen


Die Texte, die ich übersetzt habe sind höchst einfach. Sie gründen nicht auf spezifischen russischen Realien, für die es im Deutschen keine Entsprechungen gibt. Sie beinhalten keine komplizierten Metaphern, die mal irritieren, mal den Atem rauben und nur schwer zu übersetzen sind. Sie lassen den Leser sich nicht im Irrgarten der Poesie verlaufen, damit er sich dann – voller Euphorie – wieder findet. Nein, sie machen den Leser überhaupt nicht euphorisch. Sie entwaffnen. Mit ihrer Anspruchslosigkeit. Gerade das war mein wichtigstes Kriterium beim Übersetzen: diese Anspruchslosigkeit wiederzugeben.
{tab=F.I.T.}

Found In Translation ist Name und Programm der von Admira Poçi initiierten Übersetzungsreihe auf Litlog. Verfasst werden Erstübersetzungen fremdsprachiger Autoren ins Deutsche, ergänzt durch textorientierte Überlegungen zur Übersetzungstheorie und sprachlichen (Un)überwindbarkeiten. Grenzerfahrungsinteressierte melden sich über info@litlog.de

{tab=P. P.}

Die Übersetzerin Polina Petukhova wurde in Welikij Nowgorod geboren. Zurzeit absolviert sie ihr Studium der Linguistik und interkultureller Kommunikation in Welikij Nowgorod mit Schwerpunkt Dolmetschen/ Übersetzen. Zwei Semester, 2011-2012, hat sie als Erasmus-Studentin Interkulturelle Germanistik an der Universität Göttingen studiert.

{tab=A. Kolodin}

Der Schriftsteller Andrej Kolodin wurde in der Nähe von Sankt-Petersburg geboren und wohnt derzeit in Welikij Nowgorod. 2011 erschien sein erstes Buch Maßeinheit, das Erzählungen und Gedichte beinhaltet, die philosophisch und metaphorisch, aber immer in einer einfachen Sprache das Alltagsleben schildern.

{/tabs}Dabei spielen vor allem Besonderheiten der Sprache des Autors eine entscheidende Rolle. Ich habe versucht, sie in meiner Übersetzung ins Deutsche kenntlich zu machen: Klarer Ausdruck, kurze Sätze, Wiederholungen von Wörtern und Satzkonstruktionen, viele Gegenüberstellungen (signalisiert durch »aber« oder durch die oben genannten Wiederholungen). Hier gibt es aber ein paar Schwierigkeiten. Sie betreffen in erster Linie die Unterschiede zwischen dem russischen und deutschen Satzbau. So ist im Russischen die Wortfolge viel freier als im Deutschen. Zum Beispiel ist das russische Verb im Aussagesatz nicht an seine Zweitstellung gebunden. »Der Mensch hatte nichts. Keine Vergangenheit mehr« – im zweiten Satz müsste es eigentlich heißen: »Seine Vergangenheit war nicht mehr da«, wobei das Verb im russischen Satz die Erststellung einnimmt, was einen deutlicheren Bezug des zweiten Satzes zum ersten ausdrücken soll. Um das im deutschen Text zu betonen, habe ich das Verb ganz weggelassen und den Satz dementsprechend umgeformt.

Noch eine Schwierigkeit kann der Unterschied im Genus darstellen. Normalerweise hat er keine Bedeutung, aber manchmal wird das Geschlecht des Wortes vom Autor hervorgehoben. So ist es auch in einer der übersetzten Erzählungen, in der die Brücke personifiziert wird. Da sie im Russischen männlich ist, gibt es gar nichts Besonderes daran, dass sie (»er«) an eine Frau denkt. Um die Geschlechterdifferenz zu bewahren, habe ich beim Übersetzen die reguläre Entsprechung »die Brücke« konkretisiert und sie durch ihr Synonym »der Steg« ersetzt, das eine kleine, schmale Brücke bezeichnet.

Kompliziert kann es auch beim Übersetzen einiger Wörter werden, deren Entsprechungen in der Zielsprache nicht alle Bedeutungsschattierungen haben. So war es zum Beispiel mit dem Wort »неведомое«. Ins Deutsche lässt es sich als »das Unbekannte« übersetzen, das aber unbedingt noch mit einem Geheimnis umgeben sein soll. Ich habe versucht, diese Bedeutungsschattierung durch das Hinzufügen von »verborgen« zu zeigen: »das verborgene Unbekannte«. Ein anderes Beispiel aus derselben Erzählung: Das russische Wort »настойчиво« kann auf Deutsch »beharrlich«, »hartnäckig«, »eigensinnig«, »nachdrücklich«, »nachhaltig«, »eindringlich« bedeuten. Welche Entsprechung auszuwählen ist, entscheidet der Kontext: »Manchmal und eindringlich kam das Gefühl«. Ich habe »eindringlich« ausgewählt, weil es einerseits mit »Gefühl« gebraucht werden kann und andererseits zum Ausdruck bringt, dass das Gefühl nicht nachhaltig ist, sondern nur manchmal kommt.

Nicht nur Unterschiede in Sprachsystemen lassen den Übersetzer intensiver nachdenken, sondern auch Differenzen im Sprachgebrauch. Zum Beispiel »[…] kam das Gefühl, mehr mit den Hunden verwandt zu sein« – wortwörtlich sollte dieser Satzteil aus dem Russischen als »[…] kam das Gefühl der größeren Verwandtschaft mit den Hunden« übersetzt werden. Da aber der Genitivgebrauch im Deutschen viel mehr als im Russischen ein Merkmal der Kanzleisprache ist, habe ich hier auf ihn verzichtet. Noch ein Beispiel: »Er erkannte sie, sobald ihr Fuß ganz leicht und zärtlich seinen Rücken betrat«. Im russischen Originaltext ist »leicht« kein Adverb, sondern ein Attribut, das den Fuß charakterisiert: »ihr leichter Fuß«. Meiner Meinung nach würde das auf Deutsch etwas medizinisch klingen, daher habe ich das Attribut ins Adverb verwandelt.

Was mir beim Übersetzen aufgefallen ist: Man übersetzt nicht Worte und Sätze, sondern vor allem das, was hinter ihnen, zwischen den Zeilen steht, nämlich den Einfluss, den sie auf den Leser ausüben. Ich glaube, das lässt sich besonders deutlich beim Übersetzen von literarischen Texten erkennen, weil ihre ästhetische Funktion in den Vordergrund gerät. Von daher: Der Leser der Übersetzung soll im besten Fall vom Text genauso beeindruckt werden wie der Leser des Textes in der Ausgangssprache. Ich weiß nicht, ob es mir mit meiner Übersetzung gelungen ist: Das zu Übersetzende versteckt sich hinter den Worten. Und vielleicht hat es sein Recht darauf.



Metaebene
 Veröffentlicht am 9. Juli 2012
 Idee: Lynn van Leewen
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