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indiebookday
Herzensergießungen

Am 23. März 2013 war Indiebookday. Die Idee: In einen Buchladen gehen, ein Buch kaufen und hinterher ein Foto davon in einem sozialen Netzwerk posten. Einzige Bedingung: Es musste ein Buch sein, das von einem unabhängigen Verlag verlegt wurde. LitLog machte mit.

Von der Litlog-Redaktion

Der Initiator des Indiebookday ist der Hamburger mairisch-Verlag. Die Message ist schnell benannt: Solidarität mit dem gut lektorierten Buch. Für eine gesunde Verlagslandschaft. Und für die Aufwertung des eigenen Bücherregals! Damit die Grasswurzelbewegung prächtige Blüten treibt, soll das Ganze fotogeshared im virtuellen Gedächtnis verankert werden.

Ihr wollt mitmachen, aber wisst nicht, welches Buch ihr kaufen sollt? Welches Buch ihr schon immer lesen wolltet? Damit ihr trotzdem den Indiebookday feiern könnt, stellen wir, die LitLog-Redaktion, euch exklusiv unsere Herzensbücher vor. Ganz frei von unseren sonst gehegten und gepflegten literaturwissenschaftlichen Intersubjektivitätskriterien, heute ohne Verstand, dafür mit Herz: Von 16-66 Jahre ist für alle was dabei.

Daniela Seels ich kann diese stelle nicht wiederfinden

Von Christian Dinger

Körper findet Sprache. Der versehrte Körper, der durch die versehrte Sprache ausgedrückt wird. Ein mutiges Überfordertsein {tab=Buch-Info}


Daniela Seel
ich kann diese stelle nicht wiederfinden
Gedichte
kookbooks: Idstein, 2011
64 Seiten, 17,90 €

{tab=Verlag}
Verlag kookbooks
Der Verlag kookbooks wurde im Frühjahr 2003 von der Dichterin und Lektorin Daniela Seel und dem Künstler und Grafiker Andreas Töpfer gegründet. Er entwickelte sich aus dem Künstlernetzwerk KOOK (Berlin–New York), das als Musik- und Literaturlabel seit 1999 existiert, und zählt zur Gruppe der Independent-Verlage. Der Name ist abgeleitet von amerik. kook (umgangssprachlich für Spinner, Verrückter). Hauptsitz des Verlages ist Idstein im Taunus, eine Dependance besteht in Berlin.{tab=Autorin}Daniela Seel wurde 1974 in Frankfurt am Main geboren. Sie arbeitet u.a. als Lyrikerin, Übersetzerin und Verlegerin. Ihre Gedichte erschienen u. a. bei FAZ, edit und beim Deutschlandfunk. Für ihren ersten Gedichtband ich kann diese stelle nicht wiederfinden erhielt sie den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis, den Ernst-Meister-Förderpreis und den Kunstpreis Literatur von Lotto Brandenburg.{/tabs}durchzieht Daniela Seels Gedichte in ich kann diese stelle nicht wiederfinden. Es ist kein stilles Betrachten, aus denen diese Zeilen entsprungen sind. Es ist das Gestörtsein, die Störung der Betrachtung durch körperliche Reaktionen (»taubheit in rücken und füßen«), Unzulänglichkeiten (»ich kriegte diesmal die abfolge nicht«) und Unvorhergesehenes (»irgendwas streifte mein linkes knie«).
Aus diesen Störungen und Zwischenfällen entstehen die Momente. Das Ich ist hier auf unvergleichliche Weise präsent, zeigt sich überrascht, unsicher, führt den Leser in die Intensität der Begegnung und lässt ihn an seinen Empfindungen teilhaben »im körper des autors, welcher der leser ist«. So haptisch die Gedichte in ihrer Körperlichkeit sind, so haptisch ist auch das Lesevergnügen in diesem wunderbar gestalteten Kookbooks-Band.

Michael Weins Lazyboy

Von Johanna Karch

Türen, diese guten, verlässlichen Raumtrenner, lassen die Wirklichkeitserfahrung des Protagonisten Heiner Boje in Michael Weins Lazyboy zum unverhofften wie absurden Glücksspiel werden.
{tab=Buch-Info}


Michael Weins
Lazyboy
Roman
mairisch: Hamburg, 2011.
336 Seiten, 18,90 €

{tab=Verlag}
mairisch-Verlag
mairisch – hessische Mundart für Unkraut – ist ein Independent-Verlag mit Sitz in Hamburg und Berlin. 1999 gegründet, ist der Verlag seit 2005 im Buchhandel vertreten. Der mairisch-Verlag ist bestrebt, junge Belletristik-Autoren zu entdecken, zu fördern und sie langfristig auf ihrem Weg zu begleiten. Dabei wird der »kleinen Form« der Erzählung ebenso viel Aufmerksamkeit geschenkt wie dem Roman. Einen weiteren Schwerpunkt widmet der mairisch-Verlag der freien Hörspielszene.
{tab=Autor}Michael Weins lebt als Autor und Psychologe in Hamburg. Er ist Mitbegründer des Literaturclubs Macht e.V., der Schischischo und der Liv-Ullmann-Show. 2000 und 2005 bekam er den Hamburger Förderpreis für Literatur. Er möchte Bücher hinterlassen, die für andere das sind, was Lese-Erlebnisse für ihn waren. »Treppen: Vehikel. Spiegel. Vergrößerungsgläser. Drogen. Fluggeräte. Liebevolle Hände. Abenteuer. Schönheitsfarmen. Vor allem Schönheitsfarmen. Das wäre groß. Da würde ich glatt Danke sagen«{/tabs}Heiner Boje ist ein postpubertärer Mittdreißiger, der den Widrigkeiten des Älterwerdens mit ironischer Spaßmacherei und stoischer Akzeptanz beizukommen versucht. Der Roman beginnt wie smart geschriebene Popliteratur, deren Held der Feder eines Sven Regener entflossen ist: ein bisschen destruktiv, tragisch-melancholisch, aber voll des flotten Witzes. Man wartet ab der ersten Seite förmlich darauf, sich mit Heiner Boje vergnügt ins selbst bereitete Abseits zu lachen.
Nun ist da aber die Sache mit der Tür. Geht er durch eine solche, spuckt sie ihn nämlich irgendwo wieder aus – nur nicht da, wo er eigentlich hin wollte. Das Wunderbare wird dabei so selbstverständlich in den Alltag eingebettet, dass man sich als Leserin fast düpiert fühlt. Michael Weins gelingt mit dieser Idee ein simpler wie genialer Kniff, da seinem mittelsympathischen Protagonisten das unfreiwillige Realitätssurfing zwar manchmal zum Vorteil ist, er darauf aber nicht zählen kann. Meist bringt ihn seine neue Fähigkeit eher in unangenehme Situationen, zum Beispiel, wenn er aus der Duschkabine tritt, nach einem Handtuch greifen will und sich nackt geputzt auf dem Gare du Nord in Paris wieder findet – aus einem Notausgang auf den Bahnhofsvorplatz tretend.

So ist er seinem Schicksal als Grenzgänger gnadenlos ausgeliefert und profiliert sich irgendwo zwischen Superman, Antiheld und Lazyboy. Mit lakonischem Humor und gern gelesenen Ausschweifungen ist der Roman nicht nur eine Liebeserklärung an die Geburtswehen des Erwachsenwerdens, sondern er besingt auch die Luftigkeit des magischen Realismus: eine Geschichte, die nach allen Gesetzen unseres logisch-literarischen Geschmacks operiert, aber eine Hintertür ins Surreale offen lässt.

Anja Utlers brinnen

Von Peer Trilcke

Noch immer ist Anja Utler zu wenig bekannt. Dabei sind ihre zyklisch organisierten Wortfeldfügungen, wie sie etwa der Gedichtband brinnen (2006) präsentiert, eine der atemberaubendsten Fortschreibungen einer Tradition avantgardistischer Sprachverfremdung, die von Utler in eine Sinn und Sinnlichkeit erkundende Text- und Sprechdichtung weiterentwickelt wurde: Da zerfurchen wuchernde Satzzeichen die klanglich eng gefügten Zeilen, entzieht sich die semantisch wie syntaktisch verunklärte Sprache einer direkten Deutung; karge Natur und der menschliche Körper bilden die dominanten Bildfelder, die sich einander annähern und miteinander verflechten, um dann wieder in getrennten Wort- und Lautketten auseinander zu ranken. Erzählende und szenische Passagen sind hier nur kurze Momente in einem bewegten Textgeschehen, das in immer neuen Sprachereignissen versucht, das Empfinden der Welt in den Zeichen spürbar werden zu lassen.
{tab=Buch-Info}


Anja Utler
brinnen
Gedicht-Zyklus
Edition Korrespondenzen: Wien, 2006
64 Seiten, 13,50 €

{tab=Verlag}
Verlag Edition Korrespondenzen
Der Verlag Edition Korrespondenzen ist ein Verlag für Lyrik und Prosa vor allem aus dem osteuropäischen Raum. Gegründet wurde der Verlag 2000 und hat nur ein Dogma: Fadenheftung und Papierqualität. In schön gestalteten Bänden werden meist zweisprachig AutorInnen aus slawischen Sprachen präsentiert, aber auch die großen alten Damen der österreichischen Literatur wie Ilse Aichinger und Elfriede Czurda und innovative deutschsprachige LyrikerInnen.{tab=Autorin}Anja Utler, geb. 1973 in Schwandorf (Deutschland), lebt in Wien. Sie studierte Slavistik, Anglistik,
Sprecherziehung in Regensburg, Norwich und St. Petersburg. Sie promovierte über Dichterinnen der
russischen Moderne und erhielt den Leonce-und-Lena-Preis für Lyrik 2003 sowie den Horst-Bienek-Förderpreis 2005. In der Edition Korrespondenzen erschien münden – entzüngeln (2004) und jana, vermacht (2009). Zu brinnen erschienen zwei exemplarische, von der Autorin ersprochene Textrouten durch den Band »brinnen«.{/tabs}Auf diese Weise entsteht eines der zugleich sinnlichsten und verzweifeltsten Liebesgedichte der Gegenwart: Zwei Liebende, Blick und Atem tauschend, begegnen sich in der Sprache und versuchen eben jenen Tausch, jene flüchtigen Gesten der Nähe in Worte zu fassen. So umgarnt dann die Rede die fliehende Körperlichkeit des anderen, spinnt einen Kokon aus Metaphern um ihn und weiß doch, dass Blick und Atem stets vor der Schrift liegen, von ihr nur umworben, nie jedoch gefasst werden können. Dieses Werben der Schrift um Atem und Blick aber ist es, das Utlers enigmatischer Dichtung eine ganz eigene Zärtlichkeit verleiht.
Dass diese Dichtung ihren Leserinnen und Lesern so manches abverlangt, steht außer Frage, zumal brinnen die konventionelle Gedichtgestalt hinter sich gelassen hat, die Sequenzen sich über die ganze Buchseite verteilen, sodass jede Lektüre ihre eigenen Ordnung erzeugen muss. Zwei mögliche »Variationen« hat die Autorin für eine CD eingesprochen und erst hier, im Medium der Stimme, entfaltet brinnen seine ganze Sprachkraft. Akustisch gedoppelt streift Utlers Stimme – sich mit sich selbst abwechselnd, sich unterbrechend, dann die eine die andere überlagernd – in diesen jeweils etwa zwanzigminütigen Laut-Installationen durch den Text, springt hin und her, schlägt Schleifen, singt, seufzt, skandiert. Und wenn sich dann die tonangebende Strenge der führenden Stimme im elegischen Zögern der zweiten bricht, erreicht das Geflecht aus Empfindung und Sprache eine Dichte, in der sich die Rätselhaftigkeit dieser Text-Dichtung verliert.

Finn-Ole Heinrichs Gestern war auch schon ein Tag

Von Leonie Krutzinna

»Ich kann auf die Straße gehen unter Menschen und keiner sieht, dass die letzte Nacht mich beinahe umgerissen hat.« Wohin mit Erfahrungen, die gemacht sind und für die im Alltag doch kein Platz ist?
{tab=Buch-Info}


Finn-Ole Heinrich
Gestern war auch schon ein Tag
Erzählungen
mairisch: Hamburg, 2009
160 Seiten, 16,90 €

{tab=Verlag}
mairisch-Verlag
mairisch – hessische Mundart für Unkraut – ist ein Independent-Verlag mit Sitz in Hamburg und Berlin. 1999 gegründet, ist der Verlag seit 2005 im Buchhandel vertreten. Der mairisch-Verlag ist bestrebt, junge Belletristik-Autoren zu entdecken, zu fördern und sie langfristig auf ihrem Weg zu begleiten. Dabei wird der „kleinen Form“ der Erzählung ebenso viel Aufmerksamkeit geschenkt wie dem Roman. Einen weiteren Schwerpunkt widmet der mairisch Verlag der freien Hörspielszene.
{tab=Autor}Finn-Ole Heinrich, geb. 1982, aufgewachsen in Cuxhaven. Seine intermedial changierenden Projekte umfassen u.a. den Roman Räuberhände (2007), die Erzählbände die taschen voll wasser (2005) und Gestern war auch schon ein Tag (2009), außerdem Hörbücher, Videoclips, ein Kinderbuch und ein Buch ohne Seiten im Internet. Er bewegt sich zwischen Poetry Slam und gymnasialer Oberstufe, zwischen Island und Otterndorf. Sein Heimathafen liegt an der Elbe.
{/tabs}»Was ist eigentlich erheblich?« Wenn das Leben vom Leben getrennt wird – und übrig bleibt »eine tote Ratte in einer Tupperbox«, »ein schweres, klappriges Hollandrad«, »ein Päckchen trockener Tabak« oder im besten Fall »transiente globale Amnesie«. Verlust ist kein Routineeingriff und Träume »platzen überhaupt nicht […]. Träume verbluten, sie verrecken aufs Elendigste, siechen langsam dahin, röcheln und kämpfen und kratzen«.

Finn-Ole Heinrich porträtiert Menschen als Mosaike aus Erlebtem. Close-ups in den Stories und nach der letzten Seite dann doch das Leben in der Totalen. Seine Helden oder besser Antihelden oder noch besser Durchschnittshelden sind gerade nicht die Unordentlichen, Chaotischen, Entrückten. Namenlos und undefiniert stehen sie am Rand, sie rasten nicht aus. Aber sagen still: Gestern war auch schon ein Tag.

Réjean Ducharmes Von Verschlungenen verschlungen

Von Kai Sina

Réjean Ducharme ist so etwas wie der Thomas Pynchon der frankokanadischen Literatur. Schon seit Jahrzehnten lebt er zurückgezogen irgendwo in Montréal. Über seine Biographie liegen nur wenige und zudem kaum gesicherte Informationen vor. Fotografien gibt es kaum.
Sein Werk bestätigt diese Mystifikation auf eigene Weise. Der Roman L’avalée des avalés aus dem Jahr 1966, der nun unter dem Titel Von Verschlungenen verschlungen beim jungen Schweizer Verlag Traversion erstmals auf Deutsch erschienen ist, erzählt die Geschichte der jungen Bérénice Einberg, die einen langen, einsamen und hasserfüllten Kampf gegen die Welt führt – einmal gegen ihre heillos zerstrittenen Eltern, dann aber auch gegen den Primat der Vernunft, schließlich gegen ihr Selbst und die ihr aufgezwungene Sprache. Kurzum, das Mädchen ist ein einziger Protest.
{tab=Buch-Info}


Réjean Ducharme
Von Verschlungenen verschlungen Aus dem Französischen von Till Bardoux.
Roman
Traversion: Deitingen, 2012
320 Seiten, 19,00 €

{tab=Verlag}
Verlag Traversion
Traversion wurde 2011 gegründet. Wie der Verlagsname impliziert (tra-version, Wortspiel im Sinne von «zwischen den Versionen» und als Ableitung von «traversieren»: «durchqueren, überschreiten»), interessiert sich der Verlag für Schnittstellen, Interferenzen und Grenzgänge(r) – insbesondere zwischen Text, Musik und Bild.{tab=Autor}Geboren am 12. August 1941 in Saint-Felix-de-Valois, Québec, Kanada. Sein erster Roman Von Verschlungenen verschlungen [L’avalée des avalés] erschien 1966 bei Gallimard und wurde für den Prix Goncourt nominiert. Ducharme lebt von der Öffentlichkeit zurückgezogen in Montreal. Er hat Romane, Dramen, Drehbücher sowie Liedtexte geschrieben, die in mehrere Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet worden sind. Unter dem Pseudonym Roch Plante ist Ducharme auch als Künstler tätig.{/tabs}Wer L’avalée des avalés mit seiner wuchernden, ja extremen Erzählweise, mit seiner Integration unzähliger Versatzstücke aus Philosophie und Psychologie, Kunst und Literatur bis ins Letzte verstehen will, wird notwendig scheitern, denn dieser Roman will erfahren werden – als ein Poesie gewordener Trip in verschiedene Stadien des Bewusstseins, ganz im Geiste der sechziger, siebziger Jahre und ihrer Popkultur. Mit dieser Absicht entspricht der Roman gewissermaßen einer Droge, über deren Wirkungsweise Ducharmes Heldin an einer Stelle selbst Auskunft gibt:

Zuweilen kann der Zusammenhalt, den Einbildungskraft und Willen den äußeren Erscheinungen des Lebens geben, völlig irrsinnig werden, er kann zum Wahn, zum Rausch werden. Und diese Möglichkeit ist fruchtbar, sehr fruchtbar, sehr rege, sehr reichhaltig: Sie bietet tausend Lösungen für die Einsamkeit und die Angst.



Metaebene
 Veröffentlicht am 23. März 2013
 Mit freundlicher Unterstützung des mairisch Verlags
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 Ein Kommentar
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