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Mädchen zwischen den Welten

Kann Hegemann überhaupt selbst schreiben? Auch bei ihrem neustem Roman Bungalow kommt verständlicherweise wieder diese Frage auf. Wohl um sich gegen eventuelle Plagiatsvorwürfe lieber jetzt schon abzusichern, hat der Verlag in diesem Buch sogar ein Quellenverzeichnis veranlasst.

Von Lea Eickermann

Nach ihrem ersten Roman Axolotl Roadkill (2010) und dem darauffolgenden Plagiatsvorwurf ist die Echtheit und Zuverlässigkeit von Hegemanns Schreiben wiederholt bezweifelt worden. Damals gab sie das Plagiat zu, sah sich aber in keiner Hinsicht schuldig und das Ganze als unproblematisch, da sie »ja das ganze Material in einen völlig anderen und eigenen Kontext eingebaut habe«. Einige Feuilletonisten pflichteten ihr bei. Es sei kein Abschreiben, sondern vielmehr ein Sammeln von Inspirationen, die als Montage zusammengefügt werden. Als Intertextualität, als genuin literarisches Phänomen wird das Vorgehen gedeutet. Weniger wohlmeinend wurde aber auch gemutmaßt, dass der Plagiatsvorwurf bewusst provoziert und so als Marketing-Strategie eingesetzt worden ist. Juristisch gesehen stellte der Fall jedenfalls eine Verletzung gegen das Urheberrecht dar.

Gesellschaftliche Diskrepanzen

Ort des Geschehens in Bungalow ist ein sozialer Brennpunkt in einer Großstadt, durch den die Klassenunterschiede und -konflikte nicht deutlicher skizziert werden könnten. Der Sozialbau, welcher ein Hochhaus ist, grenzt an eine exklusive Bungalowsiedlung an, die von dekadenten Mitgliedern der Oberschicht bewohnt wird. Charlie, Erzählerin und gleichzeitig Protagonistin des Romans, wohnt gemeinsam mit ihrer Mutter, die schizophrene Alkoholikerin ist, in dem Hochhaus. In der Erzählung wird Charlies schwierige Kindheit und Teenagerzeit beschrieben.

Wegen der Krankheit und Sucht ihrer Mutter muss Charlie sich schon im Kindesalter um sich selbst kümmern. Sie verwahrlost, leidet Hunger und ihre wenigen sozialen Kontakte brechen ab. Gleichzeitig ist das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter sehr kompliziert und konfliktgeladen. Charlies Mutter kann ihr weder Rückhalt noch Fürsorge bieten, sodass es öfter zu ernsten Handgreiflichkeiten kommt. Dennoch ist eine gewisse Verbindung der beiden, gerade am Ende des Romans, deutlich zu erkennen.

Expressiv, brutal und gegen alles

Die Erzählerin verhält sich in den meisten Situationen entgegen der gesellschaftlichen Norm, ist gelangweilt und zeigt eine aggressive Grundhaltung allem gegenüber. Sie »entwickelte […] einen zerstörerischen

Roman


Helene Hegemann
Bungalow
Hanser Berlin: München 2018
288 Seiten, 23 €

 
 
Hass gegen mich selbst und meine Mutter«. Erst allmählich wird auch eine sensible Seite an ihr deutlich, die zum Vorschein bringt, was Charlie eigentlich will. Fürsorge. Sie kompensiert ihr Alleinsein durch das Stalking ihrer neuen Nachbarn, Georg und Marie, die auf sie eine vorerst unbestimmte Wirkung ausüben. Die beiden wohnen in einem der Bungalows und werden von Charlie jeden Tag beobachtet. Sei es im Alltag, bei Partys, beim Drogenkonsum oder sogar beim Sex.

Charlie bemerkt eine von Tag zu Tag größer werdende Anziehungskraft, die sie schließlich als eine sexuelle einstuft. Als Charlie die beiden einmal beim Sex beobachtet, wird sie so aggressiv und eifersüchtig, dass sie die Fensterscheibe des Bungalows einschlägt. Hierdurch nimmt das Ehepaar das Mädchen zum ersten Mal richtig wahr. Die physische Barriere in Form der Fensterscheibe, die Charlie überschreitet, ist nicht die einzige. Sie ist ein Teenager, der nicht nur physischen Grenzen durchbrechen will, sondern auch eine gesellschaftliche. Hier werden die Klassenverhältnisse in den Vordergrund gerückt.

Retroperspektivität verbunden mit provokanten Kommentaren der jungen Erzählinstanz

Es sind also nicht nur Gefühlausbrüche, sondern zudem eine Vielzahl anderer Themen zu verarbeiten. Um jedes genannte Sujet zu vertiefen und aufzufächern, sind 288 Seiten allerdings zu knapp bemessen. Dies schürt die Hoffnung, dass Hegemann diese Gedanken beziehungsweise Ansätze in einem neuen Werk ausführt und uns an ihnen teilhaben lässt. Den knappen Raum füllt die Autorin hier nämlich strukturell und sprachlich sehr ansprechend. Der gesamte Roman ist retroperspektivisch erzählt. Das erzählende Ich ist ungefähr 17 Jahre alt und gibt seine Kindheit und anschließend seine Teenagerzeit wieder. Oft kommentiert die Erzählinstanz vorangegangene Handlungen oder nimmt das Zukünftige vorweg. Dieser ständige Wechsel der Zeitebenen ruft Spannung hervor. Dem*der Leser*in wird eine Zukunft unterbreitet, jedoch bleibt unklar, wie es zu einzelnen Ereignissen kommt. Die Autorin differenziert sprachlich nicht immer klar von welchem Zeitpunkt aus gesprochen wird, wodurch sich manchmal die Frage stellt, in welchem Lebensabschnitt sich Charlie gerade befindet. Hegemanns Schreibstil ist wie immer provokant und stark im Ausdruck, was eine*n als Leser*in zeitweilen empört, amüsiert, schockiert oder alles zugleich. Der Sound des Romans ist durchgehend einheitlich und klingt nach Eigenproduktion.



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 Veröffentlicht am 4. März 2019
 Kategorie: Belletristik
 by kiragrafie via pixabay pixabay lizenz
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