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Maki, Lemur, Marabu

Ihren ersten Gedichtband Du bellst vor dem falschen Baum hat Judith Holofernes ganz dem Tiergedicht gewidmet. In 34 Texten und von Vanessa Karré reich bebildert nimmt die Frontfrau der Band Wir sind Helden die unterschiedlichsten Vertreter der Fauna unserer Erdkugel unter die Lupe.

Von Alena Diedrich

Für aufmerksame Hörer kommt die Beschäftigung der Frontfrau von Wir sind Helden mit der Tierwelt nicht gerade plötzlich. Bereits bevor die Band im April 2012 bekannt gab, dass sie vorerst pausieren wolle, gehörten ,dressierte Affen‘ oder ,Rüssel an Schwanz‘ umherziehende Elefanten zu ihrem Repertoire. Tiermetaphern sind aus den Texten von Judith Holofernes schlecht wegzudenken. Nun, in der Bandpause, nimmt Judith Holofernes ihre LeserInnen mit auf einen Spaziergang durch ihre lyrische und von Vanessa Karré reich bebilderte Tierwelt: Maki, Lemur, Sekretär, Tuberkelhokko, Marabu, Reh, Kuh, Schaf, Wiesel, Wespe, Qualle, Gecko, Oktopus, Tiefseefische, Krill, Hund, Labradoodle, Wolf, Elefant, Erdferkel, Ozelot, Fuchs, Kakadu, Gnu, Wisent, Rentier, Opossum und Faultier führt Holofernes mal spöttisch, mal melancholisch und immer mit viel Hintersinn und Wortwitz vor.

Buch-Info


Judith Holofernes
Du bellst vor dem falschen Baum
Gebunden, 2 Ausklapptafeln, durchgängig vierfarbig illustriert von Vanessa Karré
Tropen Verlag, Stuttgart 2015
104 Seiten, 17,95 €
E-Book: 13,99 €

 
 
Die Bilder von Vanessa Karré illustrieren diese Vielfalt durch farbige Collagen einer übervollen Flora und Fauna. Von feiner Bleistiftzeichnung bis zum flächigen, grauen Schattenriss, von illustrierenden Einzeldarstellungen bis hin zu Diorama-artigen, mit Tier und Mensch belebten Landschaften entfalten die teils anachronistischen Bildmontagen aus historischen Farbtafeln, Zeichnungen und Fotos geheimnisvoll-traumhafte und assoziative Umwelten. Großformatig und mit zwei Ausklapptafeln stehen die Collagen in einem Wechselspiel mit Holofernes’ Texten. Sie arbeiten dabei heraus, dass das Tier selbst ein Kunstwerk ist, das zur Betrachtung einlädt – sich aber einer schlüssigen Interpretation durch den Menschen entzieht.

Stakst durch anachronistische Traumwelten: der Marabu.

Auch Holofernes’ Texte zeigen, dass das Tier unseren rationalen Blick stört, uns häufig als unlösbares Rätsel gegenübersteht. Es wirft in uns eine Frage auf, die es selbst weder stellt noch beantwortet: »In welchen Abgrund / blickt das Tier? / Warum guckt der so / Und nicht wir?« Doch der Mensch sieht nicht nur die Sinnlosigkeit – oder besser: Sinnfreiheit – tierischen Verhaltens. Wo er ins Tierreich blickt, ist er zuweilen auch mit der Hässlichkeit seiner Mitwesen, z.B. der von Tiefseefischen, konfrontiert:

Ihr hier, ihr raucht Kette
und leuchtet grell von scheppser Stirn
einander ins zerbeulte Hirn
und in den Monsterrachen

[…]

Also: macht doch, wie ihr meint!
Ich sag nur, dem Betrachter scheints
als schlüg bei euch
mit Schmach und Hohn
der Bar-Druck den
der Selektion

Bei der Buddhistin und Tierfreundin Holofernes ist textimmanente Abneigung erlaubt, haben Marabu (»Hätt den mit Absicht wer gemacht / den hätte man wohl ausgelacht«), Tuberkelhokko alias »Ekelhokko« oder Wespe – »Fliegt dir eine in die Tasse? / Könntest retten – nö, ach lasse!« – um Reim und Wortspiel Willen nicht viel zu lachen. Doch Gegensatzliebend und zweischneidig wie ihr Künstlername ergreift Judith Holofernes auch Partei für schutzlose und bedrohte Tiere und wendet sich herzlich und warm etwa dem Erdferkel zu:

Der Erdinfant, der mutterlos
im Brutkasten dort schlief
trug eine Windel, und er schnarchte
mir mein Herz ganz schief

Auch Rehe 1, ein Gedicht über eine frühere Klassenfahrt, schlägt im Gegensatz zu den Tier-Bashing-Gedichten des Bandes leisere Töne an:

Eine Wiese mit Rehen
Ich (10)
ziemlich verloren
im Landheim
bei Bremen

[…]

Blagen vertagen
hier stehen
Reh sein
heimwehen

Wiese und Zehen
und Sonnenuntergehen
Ich bleib
schön
stehen

Holofernes’ Gedichte schildern nicht nur Begegnungen zwischen Tier und Mensch sondern – anhand von Tiermethaphern – auch Selbst- und Beziehungserfahrungen, etwa im Gedicht Elefanten (»Ich seh uns beide / du bist längst zu schwer / für meine Arme, aber / ich geb dich nicht her«). Sie wildern dabei nicht nur zu Land und zu Wasser in der realen Welt, sondern begeben sich auch in die Sphären einer imaginierten ,Tieftraumsee‘. Im Gedicht Echolot, dem einzigen nicht nach einem Tier betitelten Gedicht, driften SprecherIn und seine/ihre Begleitung hinüber in einen unbekannten und gefahrenreichen Traumraum: »Halt /still / Das Bett ist / ein Floß / und ich // will // raus aufs / Meer / komm / schneid es // los // Schau // unter uns / flüssiges / Blei – // graue // Schatten // ziehen träge / vorbei«.

Tuberkelhokko.
Was? Tuberkelhokko.

Holofernes liebt die Abwechslung und den Gegensatz, den Wechsel von Tönen und Geschwindigkeiten. Wo das lyrische Ich gerade noch träge und ernsthaft auf dem Ozean treibt, nimmt es kurz darauf in einem Rap-Battle zwischen Meisenhaltern wieder selbstironische Fahrt auf und lobt die eigene Vollmeise:

Deine fahle Prahlmeise
bucht Pauschalreise!
Deine halbvergreiste
Spei-Meise
braucht Breispeise!

[…]

Meine weiße Hai-Meise
zieht Kreise um deine
lahme Bleimeise!
Meine volle Tollmeise
tritt deiner ollen
Trollmeise
in die Leiste!
Meine schlaue Saumeise
beißt deiner
lauen Scheißmeise
in die Beine!

Ich habe ein Vollmeise
Du hast keine?
Wein leise

Holofernes Gedichte demonstrieren eine kraftvolle Sprache, spielen mit Klang und Sinn bis beide sich verselbständigen und neue Schöpfungen hervorbringen. So beginnt etwa das Gedicht Labradoodle als ,Realitätsgedicht‘: »Goldendoodle, / Dalmadoodle, Great Danoodle« sind reale Hundezüchtungen, doch schließlich kreuzt sich die Phantasie mit ein und die Sprache sprengt die Grenzen der Genetik:

Malti-Poo, Jack-A-Poo, Newfypoo, ah, Chi-Poo!
– Gesundheit! Danke sehr! – Akipoo, Shi-Poo
Shar-Poo, Schipper-Poo, Chinese Skypoo

[…]

Ach, ich nähm nen
Oger-Doodle,
Tarantoodle
Spiderpoo
Wolveroodle
Nacktmulldoodle
Ninja Mutant Turtledoodle

Ulknoodle, könnte man denken – und Holofernes kennt sich tatsächlich aus im Genre der ,Komischen Gedichte‘: Joachim Ringelnatz, Robert Gernhardt und auch Heinz Erhardt gehören zu ihren lyrischen Vorbildern. Doch neben der Komik und Klangfreude verweisen die Gedichte auch auf die Tradition von Lehrgedicht, Fabel und Naturmystik. So hopst nicht nur Jandls bzw. Ottos Mops, sondern schleicht auch Rilkes Panther durch die nicht nummerierten Seiten des Bandes.

Hier kotzt nicht Ottos Mops, sondern der Maki glotzt

In melancholisch-Heine’schen Nachtgedanken (»Denk ich an Deutschland in der Nacht / hab ich kaum je ein Schaf gebraucht / Eh jenes sich zum Sprung aufmacht / bin ich schon in den Schlaf geschlaucht.«) laufen gesellschaftspolitische Themen in den Versen mit, ohne sich aufzudringen. Die Bildzeitung taugt dem Kakadu als Käfigunterlage (»Ich sag mal: Diese olle Zeitung / Ist nicht Bildung, ist nur voll Dung«), Kapitalismus- und Konsumkritik (»Ach, schinde nicht dein zartes Herz / nur für den Weihnachtsscheißkommerz«) und das Infragestellen fester Strukturen und erstarrten Verhaltens (»Und du baust Jahr für Jahr / einen neuen Käfig aus Glas / und du drehst Kreise um Kreise um / Kreise um Kreise um Kreise«) sind Holofernes’ Texten immanent, ohne diese dadurch zu beschweren.

Die Ansinnen der Welt wahrzunehmen, aber nicht in allen Fällen allzu ernst zu nehmen, für alle Themen also empfänglich, aber nicht für alle verfügbar zu sein, mit Erwartungen zu brechen, Fixierungen aufzulösen – sich zeitweise zu entziehen wie das Opossum – und eigene Weltzugriffe zu suchen, scheint die eigentliche von Holofernes geübte Lebenskunst zu sein. Ein amerikanisches Sprichwort ist der Namensgeber des Gedichtbandes Du bellst vor dem falschen Baum. Die Redewendung ,You’re barking up the wrong tree.‘ lässt sich etwa mit der ,verlorenen Liebesmüh‘ oder dem ,Gehen auf dem Holzweg‘ übersetzen. Das dem Band den Titel gebende Gedicht Hund 2, ein Dialog zwischen Hund und HundehalterIn, steigert sich lautmalerisch in wilde Emotionalität – doch je lauter der Hund bellt, desto ruhiger und lakonischer wird die Antwort des menschlichen Gegenübers. Play possum. Bellen lassen. Singen, dichten, weiter machen.



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 Autor*in:
 Veröffentlicht am 13. Dezember 2015
 Kategorie: Belletristik
 Illustrationen von Vanessa Karré, mit freundlicher Genehmigung von Klett-Cotta - Tropen - Hobbit Presse
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