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2 Stimmen, 1 Roman
»Megaabgeturnt«

Vor einigen Jahren wurde sie als beste Debütantin der jungen Literatur seit langem gefeiert – bis das Plagiat ans Licht kam. Nach einiger Zeit, in der es still um Helene Hegemann wurde, kehrt sie zurück mit ihrem neuen Roman. Wieder geht es um die Jugend und ihre Zerbrechlichkeit. Kirsten Engfers Urteil für 2 Stimmen, 1 Roman.

Von Kirsten Engfer

»Der Jäger, der zwei Hasen jagt, verfehlt beide. Wenn du schon scheitern musst, scheitere glanzvoll. Jage zwei Tiger«. Die junge Autorin Helene Hegemann pokert hoch: Mit diesem Motto werden gleich zu Beginn ihres neuen Werks hohe Erwartungen geweckt. Vielversprechender kann ein Roman kaum beginnen: Strebe nach mehr im Leben! Trau dich! Auch die Protagonisten in Jage zwei Tiger handeln im Laufe des Buches nach diesen Maximen, werden sie doch auf einige harte Proben gestellt. Es ist diese wohlbekannte und doch immer wieder in der Literatur aufgezogene Suche nach dem Glück und einem Platz in der Welt, in derer Verlauf sich Heranwachsende von ihrer Familie abnabeln. Die zunächst abgedroschen klingende Grundidee soll hier von einer ganz anderen Seite beleuchtet werden: der des Generationenkonflikts zwischen Eltern, die unbedingt jung und modern bleiben wollen, und Kindern, die sich einfach nur nach Geborgenheit und Liebe sehnen. Ein modernes und aktuelles Thema, psychologisch präzise durchdacht – und dennoch bleibt ein großes Manko, das die Glaubwürdigkeit immens mindert.

Die moderne Jagd nach Glück

Ganz dramatisch beginnt der Roman mit dem Unfalltod von Kais Mutter. Wobei, so ganz stimmt das nicht, denn eigentlich berichtet erst einmal die Erzählerin von ihrem ‚spannenden‘ Dasein. In irgendeinem Café sitzend beschwert sie sich »megaabgeturnt« darüber, zu einem »Girls Dinner« eingeladen zu sein. »Megaabgeturnt« ist übrigens die exakt passende Bezeichnung für den Eindruck, den die Erzählerin den ganzen Roman über durch ihren Sprachgebrauch vermittelt. Vulgärsprache und Pseudo-Jugendslang vermischen sich dabei, was wohl besonders jung und dynamisch klingen soll. Stattdessen wirkt dieser Stil einfach nur allzu gewollt und zeitweise aufgesetzt, denn oft schießt dieser über das Ziel hinaus. Der bereits angesprochene Unfall von Kais Mutter ist so ein Beispiel: Sie kommt ums Leben, weil betrunkene Jugendliche ihre Freizeit damit verbringen, Steine von Autobahnbrücken zu werfen. Als einer dieser Steine auf ihre Windschutzscheibe knallt, gerät das Fahrzeug außer Kontrolle. Die Frau stirbt. Doch schlimm auch: Ihr Sohn sitzt im Auto und muss alles hautnah miterleben. Dazu der Kommentar der Erzählerin: »Hardcore, oder? Aber irgendwie auch geil«.

Geil? Besonders geil wird es wohl niemand finden, den Tod eines Angehörigen miterleben zu müssen. Auch nicht »irgendwie« geil. Aber um dem durchgehend ironischen Schreibstil treu zu bleiben, wird noch so manches Mal die Ebene der Menschlichkeit verlassen, um einfach immer möglichst taff und trendy zu wirken, frei von jeglicher Emotionalität.

Buch-Info


Helene Hegemann
Jage zwei Tiger
Roman
Carl Hanser Verlag: München,
320 Seiten, 19,90€
E-Book: 15,99€

 
 
Nach dem Erlebten flieht Kai allein vom Unfallort und versteckt sich in einem Zirkus. Dort lernt er Samantha kennen – eine der Steinwerferinnen, wovon Kai jedoch nichts weiß. Schwer verletzt wacht er bald darauf in der Notaufnahme auf und ist von da an der Gesellschaft seines Vaters ausgesetzt, der selbst im Krankenhaus im »grauen Armanihemd« auftaucht. Immer schwer mit sich selbst beschäftigt schenkt er seinem Sohn nur die allernötigste Beachtung. So muss Kai seinen Vater erst anspucken, bevor dieser sich auf ein Gespräch mit ihm einlässt.

Ähnlich verhält es sich mit der zweiten Protagonistin, Cecile. Auch ihr geht es »naheliegenderweise scheiße«. Wie genau es dazu eigentlich kommt, wird nicht näher erklärt, doch mit ihren siebzehn Jahren ist sie bereits kokainsüchtig, anorektisch und autoaggressiv. Sie gehört aber zu den »weniger durchgeballerten Charakteren in diesem Roman«, worauf die Erzählerin aufmerksam macht. Und auch ihre Eltern sind wie Kais Vater: mehr mit sich und ihrem Geld beschäftigt, als bereit, sich um den Nachwuchs zu kümmern. Dieses durchweg negative Bild der sogenannten »Upperclass-Spießer« zieht sich durch das gesamte Buch. Hier wird das Vorurteil der konsumfixierten, aufgrund des Geldes lieblos gewordenen Eltern derart bedient, dass es kaum noch verwundert, wenn Kai und Cecile die stereotypische Rolle der vernachlässigten Kinder einnehmen.

Frontale Zusammenstöße

Kai fühlt sich zu dem Zirkuskind Samantha hingezogen, verliebt sich in sie. Cecile zieht es zuerst in eine Hippie-Chaos-WG, dann plötzlich nach Italien, und nach einer Affäre mit einer älteren Frau sieht sie ihr Lebensglück in Kais Vater Detlev (Zitat Detlev: »Sie ist mir scheißegal« – wenigstens ihrem Sprachgebrauch nach zu urteilen passen die beiden zusammen.). Nach einigen Rückschlägen machen sich Cecile und Kai auf die Suche nach Samantha. Und – ohne dass man erfährt, wie es überhaupt dazu kommt – heiraten Kai und Cecile zwei Jahre später. Ein schon sehr plötzliches und überraschendes Happy End nach all den »negativen Vibes«. Den Protagonisten sei es gegönnt, sind sie doch allzu lange vergeblich durchs Leben geirrt, auf der Suche nach Liebe, die sie von den Eltern nicht bekommen haben.

Der frontale Zusammenstoß zweier Generationen wird in Jage zwei Tiger nicht nur in dem Autounfall – Stein gegen Windschutzscheibe – metaphorisch aufgezeigt, sondern besonders im Verhalten der Teenager, die sich viel erwachsener geben, als ihre Eltern. Außer aber im Sprachgebrauch, denn den teilen sich alle gleichermaßen. Leider geht im Laufe der Handlung einiges an Authentizität verloren, da sich die Autorin zu gewollt vulgärer Jungendsprache bedient, sich jedoch manchmal aus heiterem Himmel zu behördensprachlichen Bandwurmsätzen hinreißen lässt. Dass damit den Charakteren der Großteil ihrer Glaubhaftigkeit abgesprochen und vor allem der Thematik die Ernsthaftigkeit entzogen wird, ist die bedauerliche Konsequenz. Schade!



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 Autor*in:
 Veröffentlicht am 17. April 2014
 Kategorie: Belletristik
 Portrait of a Tiger von flickrized via Flickr
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