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Kommentar
Nicht umsonst, fast kostenlos

Bei den Uniwahlen Anfang 2012 wurde in Göttingen erstmals über die Einführung eines Kunst- und Kulturtickets abgestimmt. Seit dem WS 2012/2013 sind Studierende durch einen zusätzlichen Semesterbeitrag von 7,60€ berechtigt, kulturelle Angebote in Göttingen kostenlos bzw. vergünstigt zu nutzen. Dieses Konzept ist revolutionär. Es steht aber auf wackligen Beinen und ist ausbaufähig.

Von Leonie Krutzinna

»Lizenz zum Kulturkonsum« titelt die HNA und strickt hier ein Kompositum, dessen Wortbestandteile semantisch nicht so recht zueinander passen wollen. Man konsumiert Kaffee oder Cola oder Tabak oder Alkohol. Spricht man von Konsum, so meint man vor allem den Genuss von etwas, das eigentlich schlecht ist. Konsum ist das ›zu viel‹, um irgendein ›zu wenig‹ im Leben zu kompensieren.

AStA kauft Kultur

Kultur kompensiert auch einiges im Leben. Sie ist aber zunächst einmal nicht schlecht, ist kein Genussmittel und macht nicht abhängig. Seit Adorno wissen wir aber auch, dass sich Kultur längst nicht mehr über ästhetische Parameter definiert: Kultur ist auch nur eine Ware mit ökonomischem Wert. Zum Glück! Denn der AStA der Uni Göttingen hat Kultur gekauft; besser gesagt haben die Studierenden die Kultur gekauft und zwar als Flatrate, als absolutes Schnäppchen für 7,60€ im Semester. Dafür konnte man früher selbst vom dritten Rang aus kaum ein Theaterstück sehen.

Urabgestimmt wurde letzten Januar bei den Uniwahlen. Das Ergebnis war knapp: Bei einer Wahlbeteiligung von 30,52% stimmten 50,42% für das Kulturticket und 48,68% dagegen. Hier gilt wie auch beim Bahn-Semesterticket das Solidaritätsprinzip: Einmal angenommen, müssen alle Studierenden zahlen und das Ticket gilt demnach für alle Studierenden der Universität.

Keine eingeschränkte Sicht

Ähnliche Programme hatten zuvor schon der Asta der Uni Darmstadt und der Uni Mainz entworfen. Allerdings nicht mit der gleichen revolutionären Sprengkraft wie in Göttingen, wo nicht nur der Besuch von Theatern, sondern auch von Ausstellungen und Konzerten inbegriffen ist. Seit dem 1.10.2012 können Studierende kostenlos ins Deutsche Theater und ins Junge Theater gehen. Dabei werden den Studierenden nicht etwa Plätze mit eingeschränkter Sicht hinter den Säulen zugewiesen wie es bei manchen Last Minute Abos hin und wieder vorgekommen ist. Man kann, wie alle anderen Theaterbesucher_innen auch, im Vorfeld reservieren und hat freie Platzwahl.

Das ThOP bietet ausgewiesene ›Kulturticket‹-Vorstellungen an, zu denen der Eintritt ebenfalls kostenfrei ist. Einen symbolischen Betrag von 1€ zahlen Besucher_innen des Göttinger Symphonie Orchester (GSO); in der Musa sind Konzertkarten um 5€ ermäßigt und im Apex gibt es an der Abendkasse kostenlosen Eintritt. Der Besuch der Museen in Göttingen (Sammlungen der Universität, Städtisches Museum und Kunstausstellungen) ist ebenfalls frei. Im Exil und Nörgelbuff ist der Eintritt zu ausgewiesenen Veranstaltungen kostenlos, zudem gibt es weitere Ermäßigungen.

Politisches Statement

Der AStA hat bei seiner Suche nach Kooperationspartnern eine erfreulich unelitäre Auslegung des Kulturbegriffs zugrunde gelegt und so ein breit gefächertes Angebot für die Studierenden geschaffen. Zugleich ist das Kulturticket aber auch ein politisches Statement: Die im Rahmen des Entschuldungshilfevertrages zwischen dem Rat der Stadt Göttingen und dem Land Niedersachsen vereinbarten Einsparungsmaßnahmen sehen Kürzungen der Mittel für alle Göttinger Kultureinrichtungen vor. Die Einführung des Kulturtickets ist vor diesem Hintergrund eine Reaktion auf den Zukunftsvertrag und eine klare Positionierung für die Stärkung der Göttinger Kulturlandschaft. Knapp 190.000 € kommen den Kultureinrichtungen nun zugute.

Spontan, niedrigschwellig, vielfältig

Studierende der Uni Göttingen genießen nun den Vorteil, dass sie bei der Freizeitgestaltung spontan zwischen unterschiedlichen kulturellen Veranstaltungen wählen können. Damit sinkt auch die Konkurrenz der Institutionen untereinander. Legten sich Studierende früher beispielsweise durch den Erwerb eines Theaterabos häufig auf ein Haus fest, können sie nun ein vielfältigeres Programm nutzen. Auch die teilnehmenden Institutionen begrüßen die Einführung des Kulturtickets. Udo Eidinger, zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Jungen Theater, freut sich auf ein künftig heterogenes Publikum:

Das Kulturticket bietet nicht nur jenen Studierenden eine Chance, am Kultur- und Theaterleben teilzunehmen, die (z.B. durch Studiengebühren bedingt) mit wenig Geld auskommen müssen, sondern ebenso jenen Studierenden, die bis dato keinen oder kaum Kontakt zum Theater hatten. Die ›Hemmschwelle, kurzentschlossen ins Theater zu gehen‹ […] sinkt. […] Und: die Möglichkeit, sich eine Meinung über das zeitgenössische Theater zu bilden, ist durch die Möglichkeit, unterschiedliche Inszenierungen von unterschiedlichen Regisseuren zu sehen, gestiegen.

Auch das DT begrüßt die Fortführung und Bestätigung der intensiven Zusammenarbeit mit der Universität Göttingen, so Bettina Reinhart, Geschäftsführerin im DT:

Das Deutsche Theater hat mit der Georg-August-Universität Göttingen mittlerweile eine intensive Kooperation aufgebaut. Das in Göttingen neu eingeführte Kulturticket wird diese nun zusätzlich befruchten und die Göttinger Studierenden noch einmal besonders für das Angebot des DT interessieren. Wir sind sehr gespannt, wie dieses Angebot von den Studierenden angenommen wird.

Das Kulturticket wird fortan also auf die Probe gestellt. Bei den nächsten Uniwahlen im Januar wird neu abgestimmt. Jetzt hat das Konzept noch Testlaufcharakter, nach der nächsten Verhandlungsrunde sind aber sicherlich noch weitere Kooperationspartner dabei. Momentan ist z.B. weder das Literarische Zentrum noch der Göttinger Literaturherbst vertreten, womit der Bereich Literaturveranstaltungen durchaus noch ausbaufähig ist. Dr. Anja Johannsen, Leiterin des Literarischen Zentrums, gab aber schon jetzt gegenüber LitLog an, dass »das Literarische Zentrum zu einem späteren Zeitpunkt gern noch mit einsteigen wird«.

Es bleibt zu hoffen, dass Kultur in Göttingen zum Genussmittel wird, dass Kultur konsumiert wird: nicht nur intensiv, sondern jetzt auch extensiv und in vollen Zügen.



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 Veröffentlicht am 11. Oktober 2012
 Kategorie: Misc.
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