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Nachruf dem Abwesenden

So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein, diesen Titel wählte Christoph Schlingensief für sein Krebstagebuch. Im August 2010 ist der Künstler und Theatermacher verstorben. Ein Nachruf auf den Toten und eine Botschaft an die Lebenden.

Von Caroline A. Lodemann

Am 21. August 2010 ist Christoph Schlingensief gestorben. Und schon wusste das ganze Land, wusste die ganze Welt, wussten alle, dass er tot war. Und schon wurde gesprochen, wurde geschrieben, dem Unsagbaren entgegen. Man möchte ja lieber schweigen. Geht das denn? Und wenn man spricht: Was sagen? »Warum?« – das darf man nicht fragen. Das Sterben ist ja demokratisch.

Auch Christoph Schlingensief hat gesprochen, viel und offen, Kluges und Wahres, immer Eigenes. Ein Eindruck, manches Mal: allzu viel, allzu offen. Eine Interpretation: Auch er dem Unsagbaren entgegen. Oder: um sich der Erfassung zu erwehren. Noch mehr hat er gezeigt, denen, die ihm staunend folgten, und am meisten hat er sie erleben lassen und selbst miterlebt, immer war er unter ihnen. Oft war er mit von der Partie und ließ, was er schuf, nicht allein, aber eben nicht, um seine Bedeutung zu belegen und zu zementieren, sondern war dabei und schien selbst zu staunen, was er entdeckte und was andere entdeckten.

Wo er nicht sein konnte, wurde er Bild, wurde er Wort. Das war so in Jeanne d’Arc – Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna, als er schon krank war, 2008 an der Deutschen Oper. Er war, so kann man das heute sehen, wohl eine Bedeutungsinstanz; Deutungshoheit beanspruchte er dabei nicht. Was er tat, Film, Aktion, Aussage, Theaterregie, kurz und simplifizierend: Kunst, sie war eine einzige Einladung, ein Willkommen. Er hat geteilt und wollte doch keine kollektive Wahrnehmung. Konsequent war seine Einsicht in das je Eigene. Dabei blieb es. Das, und dies ist die einzige Behauptung, die aufzustellen statthaft scheint, nahm er für sich in Anspruch. Das schenkte er allen.

Caroline A. Lodemann


Unsere Autorin hat jüngst eine Studie zu Christoph Schlingensief veröffentlicht. Ihr Titel:
Regie als Autorschaft. Eine diskurskritische Studie zu Schlingensiefs »Parsifal«
Göttingen: V& R 2010
193 Seiten, 37, 90 €
 
 

Ein Nachruf also. Was soll man ihm denn nachrufen, ihm, wenn er geht?

Vom Tod handelte es manchmal, wo Christoph Schlingensief präsent war. In seinem Parsifal lag die Nähe zu Wagners Konzept des Todes als Ausweg aus der Unruhe, aus dem Unabschließbaren, aus dem Unlösbaren. Da war dann sein »Nahtoderlebnis«, das er im Vorfeld seiner Regiearbeit an den Bayreuther Festspielen häufig aufrief, Ausgangspunkt und ebenso hastige wie stimmige Erklärung.

Das mag im Parsifal (noch) so gewesen sein. Christoph Schlingensief gab seine privilegierte Einsicht hinein, in das, was doch alle für sich selbst zu fühlen verlangen, wenn sie es ernst meinen, die Verzweiflung, die Erlösung. Wollte man ihm das vorwerfen, das ureigene Verständnis der Welt? Hatte man nicht (insgeheim) genau dieses von ihm erhofft? Die Einsicht traute man ihm ja ohne weiteres zu. Später, als hätte er sie dort in Bayreuth gelassen, war er einfach da.

Da ist er jetzt nicht mehr. Das ist die Ungeheuerlichkeit, mit der er die Bleibenden nun belegt. Er braucht die Erlösung nun nicht mehr, aber war das nicht schon so, als er noch war? Das verrät das schlichteste Wort, das von ihm bleibt. Nehmen wir ihn doch bei diesem Wort. Er wusste, eben schlicht und schön und knapp: »So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!« Da er das wusste, hat er sein Leben und das Leben wohl geliebt.

Eine Vision zum Abschluss: Menschen, die einander, statt den Morgengruß, ein »So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!« entbieten. Klingt gut.



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 Veröffentlicht am 2. September 2010
 Kategorie: Misc.
 Foto von kahanaboy via morguefile
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