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Nichts als zielloses Gehelfe?

Im Göttinger boat people projekt arbeiten Geflüchtete und TheatermacherInnen aus Deutschland zusammen und zeigen, was die freie Szene leisten kann.

Von Hartmut Hombrecher

Die Geflüchtetenhilfe gilt als die größte soziale Bewegung Deutschlands seit den Umweltprotesten in den 1980ern. Stehen auf der einen Seite brennende Unterkünfte und tagtägliche Angriffe auf Menschen in Not, hat sich auf der anderen Seite eine breite Hilfsstruktur organisiert. Die Initiativen kommen aus dem linksradikalen Spektrum ebenso wie von kirchlicher Seite. Privatleute sammeln Spenden und engagieren sich ehrenamtlich in Deutschkursen. Gleichzeitig wurden in den letzten Jahren mehr Stellen geschaffen, die sowohl die bürokratische als auch die integrative Seite der Arbeit mit Flüchtenden stärken sollen. Was liegt also näher, als sich auch künstlerisch mit diesen großen Sommer der Migration auseinanderzusetzen? Was näher, als auch die Hilfe in den Blick zu nehmen, die politisch und medial so oft als ein potemkinsches Dorf für das freundliche Deutschland inszeniert wird?

Genau dieses Vorhaben unternimmt das freie Theater boat people projekt mit dem Theaterstück HILFE! Ein Stück über Grenzwerte der Berliner Autorin Sophie Diesselhorst. Schon zu Beginn stellen sich die Figuren bei einer Art Helfertreffen gegenseitig vor und die Vorstellung setzt auch bereits das erste große Thema des Stücks: Bevormundung. Azad (Rzgar Khalil) ist ein erwachsener Mann, aber kommt kaum zu Wort, nicht einmal, wenn es darum geht, seine eigene Geschichte zu erzählen, von der wir kaum erfahren, ob sie überhaupt der Wahrheit entspricht oder ob er sie nur erfindet, weil ihn Ann-Marie (Imme Beccard) zum Erzählen nötigt. Viel mehr drängt sie sich selbst in den Vordergrund: Auch wenn sie betont, dass es nicht um sie selbst gehe, wird schnell deutlich, dass ihr Interesse an Azads Bericht eher in Selbstinszenierung und Selbstverwirklichung begründet liegt. Es sind Momente von grotesker Komik, die entstehen, wenn alle Figuren in gut gemeinter Interaktion gezeigt werden, aber doch nur mit sich selbst beschäftigt sind. Gerade darin ist das Stück des boat people projekts stark: Die Bilder von überfüllten Booten und die unzähligen Toten im Mittelmeer lassen uns viel zu häufig vergessen, dass jeder Mensch, der in Europa ankommt, genauso wie jeder, der sich für diese Menschen einsetzt, ein Individuum mit eigenem Charakter und eigenen Bedürfnissen ist. Gesellschaftliche Rassismen werden heute vor allem als Kulturalismen ausgesprochen, denn nicht mehr eine determinierende Rasse wird konstruiert, sondern eine Kultur – in negativer Opposition zur eigenen. Dass die Flüchtenden in einer Bittstellung sind und man ihnen oftmals nicht nur die Individualität, sondern auch die Eigenständigkeit abspricht, verschärft die Problematik. Solche Denkmuster zu durchbrechen, ist schwierig – insbesondere wenn die gemeinsame Sprache fehlt.

Baladsch (Zubair Ahmed) wartet. Deutsch spricht er nicht und wenn er etwas versteht, sind seine Antworten kurz und freundlich. Wir wissen fast nichts über ihn, aber bestimmt ist er ein Flüchtling. Woher allerdings nehmen wir diese Idee und was bedeutet sie für den Umgang mit Baladsch? Das Nichtverstehen und die Projektionen, die ihm entspringen, sind ein zweiter zentraler Punkt von HILFE!: Sowohl zwischen den Figuren als auch zwischen dem Publikum und dem Verlauf des Stückes herrscht nicht selten Unverständnis. Wer Arabisch spricht, kann auch die Texteinblendungen auf den Monitoren im Hintergrund lesen, wer dagegen Deutsch nicht versteht, ist auf sie angewiesen. »Was machen die denn da jetzt eigentlich?«, fragt plötzlich jemand aus den Zuschauerrängen (Andreas Klumpf), wenn das klassische Spiel durch eine Ausdrucksperformance ersetzt wird. Es könnte das Abziehbild des Durchschnittsdeutschen sein, ein Fragender und trotzdem mit Vorurteilen beladener Mensch, der sich aber selbst als Demokrat versteht und vor allem die gesellschaftlichen Dimensionen der Migration in Europa in den Blick nehmen will. In jedem Fall ist er außenstehend, er räsoniert aus der Externen, während Timo (Shwan Karim) seine eigene Rolle in der Arbeit mit den Geflüchteten reflektiert und am liebsten zehn Menschen zur gleichen Zeit helfen möchte. Auch hier zeigt HILFE! gesellschaftliche Realitäten, denn das Helfen nimmt auch im Privaten Raum ein: Ann-Marie lädt Azad zum Abendessen ein, überdenkt dann aber beständig nur ihr eigenes Verhalten ihm gegenüber, statt in einen ungezwungenen Dialog zu treten. Währenddessen geht ihre Tochter (Rhiona Glienke / Lotte Hagemann) auf Distanz zur Mutter und auch zu Azad, von dem sie findet, dass dieser Fremde sie die ganze Zeit komisch anschaue. Es sind zwei Dimensionen, die fokussiert werden können und keine kann ohne die andere bestehen, denn »dieses ganze Gehelfe«, wie der Kommentator es formuliert, ist ziellos, wenn es keinen gesellschaftlichen und politischen Wandel gibt. Aber der ist langsam und unterstützt Menschen in Not vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt, nicht jedoch in der Gegenwart.

Wie geschickt das Stück selbstreflexive Prozesse in Gang setzt, ist beeindruckend und liegt neben der hervorragenden schauspielerischen Leistung, insbesondere von Rzgar Khalil, auch an der intelligenten Inszenierung von Nina de la Chevallerie (Bühnenbild: Lea Dietrich, Dramaturgie: Nicola Bongard). Wer den Raum als Zuschauer betritt, muss über die Bühne gehen und ist sich vielleicht nicht sicher, ob die überall verteilten Stühle als Sitzgelegenheit gelten sollen oder ob sie Teil eines noch unbespielten Bühnenbildes sind. In jedem Fall ist man mittendrin und kann sich den Diskussionen, die im Spieltext ausgehandelt werden, nicht entziehen. Die vierte Wand ist so durchlässig, dass sie auch ohne direkte Publikumsansprache kaum noch wahrnehmbar ist. Hans Kaul nimmt als Musiker dafür eine Schlüsselfunktion ein, wenn er einerseits im Stück angesprochen wird, andererseits die Hintergrundmusik liefert. Wenn dann noch der Off-Kommentator seine Meinung zu dem Geschehen auf der Bühne kundtut und sie schließlich selbst betritt, ist klar: Wir können nicht einfach nur Zuschauer sein.

Nicht nur zuschauen, sondern selbst tätig zu werden, das ist der thematische Kern, der das ganze boat people projekt antreibt. Das freie Theater wurde 2009 von den Regisseurinnen Nina de la Chevallerie und Luise Rist in Göttingen gegründet und arbeitet seitdem mit dem Schwerpunkt Flucht und Migration. Seit 2015 ist man direkt in eine Unterkunft für Flüchtende eingezogen und hat dort eigene Räumlichkeiten. Die sind auch erforderlich, denn neben dem Schauspiel werden vom boat people projekt unter anderem Musiktheateraufführungen inszeniert, Workshops gegeben, Filme gedreht und Musikabende veranstaltet. Dass man weniger an feste Strukturen gebunden ist und damit auch verschiedene Menschen ansprechen könne, sei ein »Glück der freien Szene«, sagt Reimar de la Chevallerie, der bei HILFE! für Video und Performance zuständig ist. Wichtig sei, dass man für die Inszenierung miteinander arbeitet und nicht mit einem fertigen Konzept beginne. Es sind aber nicht nur die eigenen Erfahrungen mit Flucht und Migration, die für die Entwicklung eines Stückes von entscheidender Bedeutung sind. Wer beispielsweise in Syrien eine schauspielerische Ausbildung erhalten hat, mag mitunter auch ganz andere Vorstellungen vom Theater haben als AbsolventInnen einer deutschen Schauspielschule. In der Zusammenarbeit können also auch künstlerisch neue Dimensionen eröffnet werden, wenn ästhetische und performative Aspekte aus verschiedenen Richtungen zur Synthese gebracht werden. Das alles schafft für das Team und die Zuschauer gleichermaßen ein »Moment von Begegnung, die man in einem normalen Theaterraum nicht hat«, sagt de la Chevallerie.

Die Selbstreflexion zu diesen Fragen soll im übernächsten Stück behandelt werden. Zunächst aber wird ab dem 8. Dezember 2016 BRENNE – Ein Theaterstück über Glaubenskrieger nach Motiven aus DIE RÄUBER von Friedrich Schiller zu sehen sein. Das neue Stück behandelt die Frage, warum sich junge Menschen in Deutschland radikalisieren, um sich dem IS anzuschließen – und was eigentlich passiert, wenn sie nach Deutschland zurückkehren. Die auszuhandelnden Fragen sind entsprechend komplex: Religion und Glaube, Freiheit und Regeln, Zukunft und Identität. Man darf gespannt sein, was das boat people projekt aus diesem Fundus auf die Bühne bringt.



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 Veröffentlicht am 25. November 2016
 Foto: Reimar de la Chevallerie
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