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Rabenliebe statt Mutterliebe

Der Topos des mutterlos-ungeliebten Kindes berührt uns bei Twain, Dickens oder Andersen. Doch wie fühlen wir mit, wenn es sich wie bei Peter Wawerzineks Roman um eine Autobiographie handelt? Johanna Hegermann liest sich mit Rabenliebe ein in die Vergangenheit des Ingeborg-Bachmann-Preisträgers.

Von Johanna Hegermann

Peter Wawerzinek traf die Person, die den größten Einfluss auf sein Leben hatte, erst im Alter von beinahe 50 Jahren. Seine Mutter. Nie wirklich kennengelernt, schwebt der Gedanke an sie doch stets wie eine dunkle Wolke über dem Autor. Als Kleinkind von seiner Mutter, die in den Westen floh, in der Wohnung in Rostock zurückgelassen, verbringt Wawerzinek seine ersten Jahre in verschiedenen Kinderheimen in der DDR. Er bleibt lange Zeit ein stummes Kind, dessen einzige Gesprächspartner die Vögel sind, deren Gesang er nachahmt. Nach zwei gescheiterten Adoptionsversuchen landet er im Alter von ungefähr zehn Jahren schließlich bei einem Lehrerpaar, das ihn aufgrund seiner guten Zensuren aufnimmt. Doch die Kühle des »Adoptionsvaters« und die Strenge der »Adoptionsmutter«, wie Wawerzinek sie stets bezeichnet, machen ihm den Aufenthalt mehr als schwer und geben ihm nicht die Wärme, die ein Kind braucht, um sich geborgen zu fühlen.

Rückblickend sage ich: Allemal besser, ich wäre im Heim geblieben und hätte als Vollwaise Tag für Tag tapferer mit mir und dem Leben zurechtkommen dürfen.

Er fühlt sich von seinen Zieheltern, die nie Fragen zu seiner Herkunft beantworten, betrogen, als er im Alter von 14 Jahren auf seine ihm vorenthaltene kleine Schwester trifft. Diese verbringt allerdings ihre Zeit nicht allzu lange in der Nähe des Bruders. Eingezogen zur NVA, beherrscht dann der Fluchtgedanke den jungen Grenzsoldaten Wawerzinek. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch bleibt die Frage, ob er jemals den entscheidenden Schritt zu einem Treffen mit seiner Mutter wagen wird, deren Bedeutung für ihn mit jedem Jahr zu wachsen scheint.

Buch-Info


Peter Wawerzinek
Rabenliebe
Galiani: Berlin 2010
432 Seiten, 22,95 €


Das Buch ist in zwei große Abschnitte unterteilt. Der erste thematisiert die Phase seiner Kinder- und Jugendzeit, die von seinem Muttersehnen bestimmt ist, der zweite Teil behandelt seine Muttersuche und das eher kühle Zusammentreffen.
Das Buch wird von einem bildhaften Stil dominiert, der die Figuren teilweise karikiert, die Schwester jedoch gesichtslos und nebulös wirken lässt. Damit wird die gestörte Beziehung Wawerzineks zu seiner Vergangenheit und seinen Blutsverwandten unübersehbar. Wawerzinek legt in seinem Werk eine große Detailverliebtheit an den Tag. Er raubt somit im besten Fall den Freiraum für die Fantasie der Leser und hinterlässt im schlimmsten Fall einen langatmigen, bitter-nostalgischen Eindruck.

»Der Mutterverstoßene, der an Muttermangel leidet«

So zieht sich gerade der zweite Teil in die Länge. Allein auf das große Treffen ausgerichtet, lenkt der Autor stets ab, flüchtet sich in Erinnerungen, verharrt an einer Stelle, beschäftigt sich mit der Besonderheit eines einzelnen Wortes und weicht aus. Er wirkt zerstreut, er wirkt nervös und baut so bei den Lesern einen immensen Druck auf. Man wartet direkt auf das (den Leser) erlösende Treffen mit der Mutter, welches jedoch einen schalen Nachgeschmack hinterlässt, der durch den interessanten ersten Teil umso bitterer ist.

Dort lockern gerade die Nebenaspekte wie die Regeln zur Adoption, kleine, niedliche Kinderreime oder schockierende Nachrichten über grausame Eltern-Kind-Beziehungen, seine ausführlichen Erzählungen und seine Mutterversessenheit auf. Doch je mehr die Anzahl der Auflockerungen im Verlauf des Buches abnimmt, desto länger sind die Ausführungen des »Mutterverstoßenen, der an Muttermangel leidet«. Diese finden ihren traurigen Höhepunkt in dem Abschnitt über Betten, der beinahe drei Seiten umfasst:

Der gesamte Katalog zeitlich begrenzter, hochmoderner Konstruktionen. Zum Klappen, zum Ausziehen, zum Drehen, Kippen, Aushebeln. Funktionale, schnörkellose Liegen, die allesamt meinen geringen Ansprüchen genügen.

Rabenliebe ist eine Lektüre, der eine Kürzung gut getan hätte. Da der Autor häufig mit vielen Worten wenig sagt, wird er dem interessanten Thema und seinem eigentlichen Können zu wenig gerecht. Es hätte ein noch eindrucksvolleres Zeugnis einer Welt sein können, die den Glücklicheren unter uns völlig fremd ist: ein Einblick in ein faszinierendes und trauriges Leben.



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 Veröffentlicht am 16. Juni 2011
 Kategorie: Belletristik
 Foto von gravitat~on via flickr.
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