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Aus der Kulturanthropologie
Re-Turn of the Turn

Turns gibt es heute wie Sand am Meer. Doch was ist eigentlich ein »richtiger« Turn? Und wie lassen sich Turns in den verschiedenen Disziplinen anwenden? Im Rahmen des Institutskolloquiums der Göttinger Kulturanthropologie sprach Doris Bachmann-Medick über die Möglichkeiten und Notwendigkeiten von Turns und Re-Turns.

von Rüdiger Brandis

Der Begriff »Turn« ruft die unterschiedlichsten Assoziationen hervor. Seit dem ersten Aufkommen der Bezeichnung ist der Diskurs der Turns ins schier Unendliche gewachsen. Inzwischen wird bereits jede kleine Weiterentwicklung einer Theorie oder Methode als Turn bezeichnet. Paradigmenwechsel sind diese Turns dabei längst nicht mehr alle.

Doris Bachmann-Medick beschäftigt sich seit Jahren mit Turns in den Kulturwissenschaften. Ihre wohl bekannteste Abhandlung »Cultural Turns« ist inzwischen ein Standardwerk für den Einstieg in die kulturwissenschaftliche Arbeit mit Turns. Unter dem Titel »Turns und Re-Turns in den Kulturwissenschaften« sprach sie nun im Rahmen des Institutskolloquiums der Göttinger Kulturanthropologie und Europäischen Ethnologie über die aktuelle Situation der Turns.

Bis in die 1990er Jahre hinein gab es immer wieder neue Versuche, grundlegende Turns zu etablieren. Die kulturwissenschaftliche Landschaft erscheint als eine Spielwiese, auf der sich Methodologen und Theoretiker unterschiedlichster Couleur austoben können. Heute jedoch rückt zwangsweise die Frage nach der praktischen Anwendbarkeit dieser »Wenden« in den Fokus der Wissenschaft. Es zeigt sich dabei ganz allgemein ein Drängen weg von theoretischen, abstrakten Konzepten hin zur konkreten Umsetzung.

Der Diskurs der Turns

Die Masse der Turns wird gerne unter dem großen Einheitsbegriff des »Cultural Turn« zusammengefasst. Bachmann-Medick dekonstruiert diese Formulierung als irrig, da es einen »Cultural Turn« als solchen nicht gäbe. Vielmehr seien es viele verschiedene Turns, die nebeneinander existieren und sich untereinander beeinflussen. Sie zusammenzufassen ergibt auf diese vereinheitlichende Art und Weise keinen Sinn, da die unterschiedlichen Konzepte nicht auf einen Nenner zu bringen sind.

Seit der Namensgebung des »Linguistic Turn« in den 1960er Jahren hat sich eine Fülle neuer theoretischer Konzepte entwickelt. Die Entwicklung dauert noch immer an und Kulturwissenschaftler neigen dazu, jeder neuen Abwandlung eines dieser Konzepte gleich einen neuen Namen zu geben. Bachmann-Medick stellt sich gegen diese Flut von »Microturns«. Es sei entscheidend für einen Turn, dass er einen wirklich Sprung auch in der epistomologischen Analyse bedeutet. Sei dies nicht gewährleistet, handele es sich auch nicht um einen Turn.

{tab=Bachmann-Medick}Doris Bachmann-Medick ist Permanent Senior Research Fellow am International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) an der Universität Gießen. Bekannt ist sie insbesondere für ihre Arbeit zu Turns und kulturwissenschaftlicher Übersetzungsforschung.{tab=Kolloquium}Das Kolloqium der Göttinger Kulturanthropologie lädt alle zwei Wochen Wissenschaftler dazu ein, ihre aktuellen Forschungsvorhaben zu präsentieren. Auch im Wintersemester 2010/11 wird es wieder Vorträge geben.{/tabs}Bachmann-Medock charakterisiert Turns als methodologische Konzepte, die unabhängig von einem bestimmten Gegenstandsbereich anwendbar sein müssen. Wichtig ist dabei ein fundierte theoretische Grundlage. Der Nachhall der Anschläge vom 11. September 2001 hat jedoch auch in der Theorielandschaft der Kulturwissenschaften seine Spuren hinterlassen. Der Anspruch auf Realitätsnähe und Anwendbarkeit ist größer geworden. Bachmann-Medick sieht hier eine Chance, theoretische Konzepte in Zukunft klarer zu fassen, damit ihre Anwendbarkeit von vornherein gewährt ist. Es brauche dabei keine neuen Ansätze, sondern eine qualitative Auseinandersetzung mit bereits vorhandenen Konzepten.

Turns sind unabdingbar. Sie erst machen die vielbeschworene Interdisziplinarität in den Kulturwissenschaften überhaupt möglich, da die meisten von ihnen selbst interdisziplinär angelegt sind. Gerade Turns dürften sich somit als verantwortlich für die hohe Dynamik der Kulturwissenschaften zeigen. Bachmann-Medick sieht sie als inter- und transkulturelle Gebilde wissenschaftlichen Arbeitens, die ein Korridor zu globalisierten Wissenschaft bilden können. Aber auch eine örtliche, lokale Bindung der Turns sei zu konstatieren, die sich nicht mehr nur auf die USA beschränke, sondern auch in Europa und Deutschland zu fruchtbaren Ergebnissen führe.

Möglichkeiten und Anwendbarkeit

Turns laufen entgegen dem autonomen Selbstverständnis der Disziplinen. Durch die allgemeine Anwendbarkeit der Turns fühlen sich die unterschiedlichen Disziplinen auf ihrem eigenen Forschungsterrain angegriffen. Diese Angst der Disziplinen sei jedoch unangebracht, so Bachmann-Medick. Sie selbst sehe keinen Sinn in der Auflösung der einzelnen Disziplinen in einer großen Kulturwissenschaft. Vielmehr bestünde die Möglichkeit der Turns gerade darin, als Vermittler zwischen den einzelnen Disziplinen zu fungieren.

Nach Bachmann-Medick bilden Turns Analysekategorien, mit denen die Disziplinen arbeiten könnten. Diese Art der Interdisziplinarität bedeute eine stärkere Kommunikation zwischen den Disziplinen mit Hilfe der theoretischen Konzepte der Turns. Trotzdem dürfen die Turns als theoretische Konzepte nicht die Bindung an ihre eigentlichen Anwendungsbereiche verlieren. Bachmann-Medick sieht daher die dringende Notwendigkeit von »Re-Turns«, von Wenden von der Theorie zurück in die Praxis.

Bachmann-Medick versucht, der Idee einer großen gemeinsamen Kulturwissenschaft entgegenzuwirken. Eine Auflösung der unterschiedlichen Arbeitsbereiche der Disziplinen erscheint ihr nicht sinnvoll. Sie sieht die Turns vielmehr als Transportmittel für Theoriekonzepte, die beliebig von den einzelnen Disziplinen angewandt und umgewandelt werden können. Wichtig dabei sei, dass neue Entwicklungen nicht an Disziplinen gebunden sind. Die Konzepte sollten zwischen den Disziplinen stehen, um sich so ungebunden und frei weiterentwickeln zu können. Turns seien daher eine Plattform von Konzepten, der sich jeder bedienen kann, so Bachmann-Medick.

In ihrem Vortrag räumt Bachmann-Medick mit der Idee auf, dass als Folge von Turns die Arbeitsfelder der einzelnen Disziplinen immer weiter verschwimmen müssten. Es sei wichtig, die Disziplinen gerade mit den Turns und vor allem den »Re-Turns« im Rücken wieder zu stärken. So könne die Produktivität der Kulturwissenschaften auch weiterhin gewährleistet werden. Ob dieses Programm erfolgreich sein wird, bleibt allerdings abzuwarten.



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 Veröffentlicht am 9. August 2010
 Kategorie: Wissenschaft
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