Impressum Disclaimer Über Litlog Links
Retromania

Hip Hop ist tot, Punk is dead, Techno ist out und sogar Minimal ist irgendwie 90er. Der Big Bang ist in diesem Jahrzehnt ausgeblieben. Pop war einmal die Vergangenheit abschütteln und ohne Gedanken an die Zukunft im Hier und Jetzt leben. Doch für Simon Reynolds ist aus der Avantgarde des Pops in den 2000ern eine Arrièregarde geworden – die Nachhut. Der Popjournalist tritt in Rockdokus auf, kommentiert die Geschichte des Rock und füllt so die Rolle des Rock-Historikers aus. Er sieht auch sich selber von einem rückwärts gewandten Wirbelwind mitgerissen. Ein Wirbelwind aus Revivals, Reissues, Remakes, Reunions – the endless retrospective!

Von Till Deininger

»The present became a foreign country«. Das ist der Kern der Retromanie und wer den neuen Woody Allen Film gesehen hat, kennt die Thematik. Auch Reynolds beschränkt sich nicht auf die Musik. Retro und Vintage sind als Konzepte ebenso in Film, TV, Theater, Design und Werbung auffindbar. Der Gegenspieler von Owen Wilson nennt es kurz und knapp »Golden Age Thinking«. Es beschreibt die Flucht aus der eigenen Gegenwart in eine idealisierte Vergangenheit, in der es weniger hektisch zugeht, die Atombombe nie gefallen ist und das Leben einfach lebenswerter erscheint. Und Owen Wilson sind unsere Sympathien sicher! Aber Reynolds denkt auch die Gegenargumente mit. Das Wort Nostalgie entstand nicht erst nach dem Millenium. Rom hat nach Griechenland geschaut und die Renaissance wiederum richtete ihren Blick in die Antike. Aber niemals gab es eine Gesellschaft, so die Überzeugung des Autors, die sich derart obsessiv mit ihrer eigenen, unmittelbaren Vergangenheit auseinandergesetzt hat.

Ewiger Fortschritt in der Kultur?

Doch woher kommt dieser massive Rückgriff der Gegenwart auf die Vergangenheit? In der Musik verfolgt Reynolds eine Spur nach Großbritannien. Dort waren es die alten Volksballaden, die am Ende des 19. Jahrhunderts wieder aufgegriffen wurden und als Verbindungsglied zur »Seele des Volkes« dienten. Dieser bewusste Rückgriff schwappt Ende der 50er nach Amerika über und hüben wie drüben ergibt sich ein Bild von Traditionalisten und solchen, die neue Elemente in diese Musik mit aufnehmen. Zusammen ergibt sich ein Bild einer Folk-Szene, die sich tatsächlich (musik-)ethnologisch auf die Suche macht und in Feldforschung mit Rekordern herum zieht und sammelt was das Zeug hält. Diese Liedersammlungen waren die Grundlage für die Bewegung, die in Greenwich Village zuhause war: Alles fängt, wie könnte es anders sein, mit einem Revival an: das Folk-Revival der späten 50er. Und natürlich gibt es demnächst auch einen Film dazu. Niemand geringeres als die Coen Brüder bemächtigen sich dieser fabulösen Hauptstadt der Beat-Generation inmitten New Yorks. So werden aus Momenten der Popmusik Monumente der Geschichte.

Buch


Simon Reynolds
Retromania
Faber & Faber: London 2011
496 Seiten, 13,23€

 
 
Jetzt sind all diese Monumente frei verfügbar. Alle Bootlegs, und auch die seltensten, sind nur einen Klick entfernt bei Youtube und zu dem Ton kommt dort auch noch das dazugehörige Video. Diese Entwicklung, auch wenn noch immer alles auf dem Bildschirm flimmert, ist ein Medienwechsel. Jetzt ist es »post-broadcasting«. Die Loslösung des Inhalts von der Dominanz der TV Sender ist vollzogen. Es gibt weder Grenzen der Zeit noch des Raumes, und sogar die sozialen Grenzen der Fangruppen verschwinden online. Wir leben in der lang ersehnten Zukunft – im Jahr 2000. Doch das neue Medium des Milleniums bringt nichts Neues, sondern nur eine Umstrukturierung der Musik mit sich: Mashups, Compilations und Collagen. Die Idee des ewigen Fortschritts ist weit verbreitet und Stillstand ist der Tod. Doch nicht alle sehen dies so pessimistisch wie Reynolds. Nick Richardson, ebenfalls Musikautor, dazu:

so what!? Novelty is massivley overrated anyway.

Postmodernism + Internet = »superhybridity« oder »digimodernism«

Seit dem Moment in dem das Postmoderne die Bühne betrat, als die Beatles das White Album produzierten, ging es immer weiter voran: Die 50er hatten Rock‘n‘Roll, die 60er Folk und Rock, die 70er Funk, die 80er Synthie Pop und die 90er Techno – alles leicht verkürzt, es gab noch viel mehr, doch in den 2000ern? Der Großteil besteht aus Weiterentwicklungen in den Genres. Doch meint Reynolds noch einen anderen Trend zu erkennen: »super-hybridity« oder »digimodernism«. Sie beschreiben den Schritt aus der Postmoderne hinaus bzw. deren Erweiterung. Damit sollen musikalische Phänomene erklärt werden, wie die Musik von Gojasufi oder Vampire Weekend. Ersterer kommt aus L.A. und macht transkulturellen Post-Hip Hop. Er betont alle seine Wurzeln zugleich und es entsteht eine Mischung aus mexikanischer, äthiopischer und amerikanischer Musik. Bei Vampire Weekend sieht es etwas anders aus: In ihrem Lied Diplomat‘s Son, so Reynolds, verbinden sie nicht nur unterschiedliche Kontinente, sondern auch noch unterschiedliche Zeitepochen – es ist »everywhere/everywhen pop«!
Ezra Koenig, Frontmann von Vampire Weekend:

What is authentic for a guy like me? Fourth-generation Ivy League, deracinated, American Jew … Raised in [New Jersey] to middle-class post-hippie parents with semi-anglophilic tendencies … The obvious answer is that I, like all of us, should be a truly post-modern consumer, taking the bits and pieces I like from various traditions and cultures, letting my aesthetic instincts be my only guide. In fact all of my friends (even the children of immigrants) seem to be in the same boat. We are BOTH disconnecting AND connected to EVERYTHING.

»The past is just material, to be used.« Ein DJ wird so zum »Postproduzenten« und damit geht die Auflösung der Grenzen zwischen Produzent und Konsument einher. Es ist mehr als »nur« die Postmoderne, so Reynolds, denn dort ist weder die Angst vor dem Einfluss zu spüren, noch das Gefühl des »Zuspätseins«. Vielmehr ist es die kosmopolitische Verbindung bereits bestehender Stile durch neue Technik. Wer sich mit postkolonialer Literatur beschäftigt hat, der kennt das Konzept der Hybridität. Reynolds bedient sich zum Vergleich auch der molekularen Küche. Sie hat ebenfalls mittels neuer Technik neue Kreationen aus schon immer benutzten Zutaten gemischt – »based on the pure fetishism of technology.«

Im letzten Schritt zieht Reynolds die Kreise noch größer: Er sieht die musikalische Entwicklung von der Produktion/Innovation zur Postproduktion/Kombination als beispielhaft für unsere Zeit. Dazu zeigt er Parallelen zu einer Gesellschaft auf, in der Geld nicht mehr durch die Entwicklung neuer Ideen gemacht wird, sondern durch die Verbesserung des Designs oder der Vermarktung. Dass dabei vor allem mit Emotionen gearbeitet wird und diese im bereits Erlebten, der Vergangenheit, verankert sind, erscheint dem Autor als logisch. Für Reynolds ist ein Vergleich zwischen der Musikbranche und den Finanzmärkten naheliegend: Die Implosion einer Musikkultur, die sich aus sich selber nährt, scheint ihm ebenso möglich und gefährlich, wie der Zusammenbruch der Finanzmärkte, die Geld nicht mit Ware sondern mit Geld selber zu vervielfachen suche.

Noch ein Gedanke soll an dieser Stelle hinzugefügt werden, denn die Entwicklung geht noch weiter! Als Steigerung der Retrospektive kommt seit einiger Zeit noch das Prequel! So wird sogar der Vergangenheit noch eine Vorgeschichte angedichtet. Doch ist diese Avantgarde des Pop nun wirklich die Arrièregarde, oder steckt im Erdichten einer neuen Vorgeschichte vielleicht so etwas wie ein Neuanfang – auch für die Musik?



Metaebene
 Autor*in:
 Veröffentlicht am 12. Januar 2012
 Kategorie: Misc.
 Foto Nutronics von Jaxxon via Flickr.
 Teilen via Facebook und Twitter
 Artikel als druckbares PDF laden
 RSS oder Atom abonnieren
 Keine Kommentare
Ähnliche Artikel
Archiv
Keine Kommentare
Kommentar schreiben

Worum geht es?
Über Litlog
Mitmachen?