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Richtung Nachdichtung?

Carl Weissner liest aus Manhattan Muffdiver, doch das Augenmerk der Veranstaltung schien auf einem Verstorbenen zu liegen: Charles Bukowski. Ihm war auch der zweite Teil der Lesung gewidmet. Es stellte sich also an diesem Abend die Frage, ob es sich bei dem Vortragenden um einen Nachdichter handelte oder um einen Selbstschaffenden.

Von Malte Gerloff

Erwartungsgemäß war das große Haus des Deutschen Theaters nicht allzu gut besucht – es heißt auch nicht umsonst Underground, was Carl Weissner seit Jahren umtreibt. Dafür stellte das Publikum, das sich eingefunden hatte, ein durchaus interessantes Potpourri dar: Vom alternden Werbehippster bis hin zu akademischen Würdenträgern sowie einigen Studenten und einem Punk. Ein verheißungsvoller Anfang. Dann betritt Moderator Frank Kelleter die Bühne, seines Zeichens Amerikanist der hiesigen Universität, und lässt eine sehr gelungene Einleitung folgen. Es lässt sich also weiterhin gut an. Schließlich tritt Carl Weissner hinter dem samtenen Vorhang hervor, der fast genauso unpassend wirkt wie die reichliche Stuckverzierung und der Prunk der Leuchter des Theaters, wenn man bedenkt, dass es gleich um Pferdewetten, alte schmutzige Männer und das Trinken gehen wird. Bestenfalls könnte man dies wohl als eine stilvolle Durchbrechung der Klischees bezeichnen. Der energische ältere Mann – mit einer dicken, rahmenlosen Brille, die man im Schülerjargon als Glasbausteine bezeichnen würde, in einer braunen Lederjacke, schwarzem Rollkragenpullover und Jeans bekleidet – beginnt sein Debüt.

Ein älterer Mann, der deswegen Debütant ist, weil »seine Amerikaner einfach zu viel geschrieben hätten.« Seine Amerikaner, das sind die Dichter der Beat Generation, deren Sprachrohr er hierzulande war, als er sie übersetzte. Ein kurzer Blick in den Saal, dann fängt er an, das letzte Kapitel von Charles Bukowski zu lesen, den Bonus-Track seines Romans, wie er das nennt. Weissner geht die Sache gelassen an und lässt mit seiner rauen, whiskeygeschwängerten Raucherstimme Coolness den Raum durchwehen. Er erzählt im Reportagestil davon, wie es war, als er neben Sean Penn den Sarg seines Freundes und Mentors trug; als die Frau des Verstorbenen, Linda Lee, auf den kalten Steinen saß, um den buddhistischen Mönchen zuzuhören; wie er dem Pferdetrainer Willie, der Bukowski häufiger mit Tipps versorgte, klar machen musste, dass er nicht auf seinen Gaul gesetzt hatte und wie der Grabstein aussah. Als er eine Pause macht, schallt der unverkennbare Klang einer aufreissenden Bierdose durch den Raum. Der Punk macht auf sich aufmerksam.

»I’m still here.«

Bevor der zweite Teil anfängt, raschelt es in den Zuschauerrängen, jemand steht auf, geht zur Tür. Tür auf – und laut hämmert sie wieder in die Angeln. Es ist ein unglaublich lautes Geräusch, das so eine zugeworfene Tür in einem recht leeren Theatersaal verursacht. Wie gesagt, der Punk macht auf sich aufmerksam. Weissner zuckt merklich unter dem Knall zusammen. Fängt sich aber routiniert und geht lässig darüber hinweg. Kurz darauf beginnt der Film mit einer Einstellung, in dem ein Porträt von Charles Bukowski gezeigt wird. Unter dem Konterfei prangte ein Zitat: »I’m still here.« Dieses Porträt hätte den ganzen Abend über auf die Leinwand geworfen werden können. Um dort überlebensgroß über dem Geschehen schweben zu können, das unten auf der Bühne abgelaufen ist. Denn das ist der Eindruck den viele am Ende der Lesung äußern werden, als sie draußen vor dem Theater miteinander ins Gespräch kommen. Sie denken, dass Weissner nur einer dieser Bukowski-Epigonen wäre. Dass dieser Autor nichts Eigenes erschaffen hätte. Dieser Eindruck ist nicht gänzlich falsch, es ist ein Eindruck, den man gewinnen könnte. Aber natürlich stimmt er nicht. Das weiß aber nur derjenige, der das Buch gelesen hat, das heute vorgestellt wird. Das Buch, das seltsamerweise kaum eine Rolle spielt, weil Weissner anscheinend lieber über andere redet, also über Bukowski und William S. Burroughs, als über sich selbst und seinen Roman. Vielleicht weil er sicher gehen will, dass seinem Freund die Hommage geboten wird, die er verdient.

Autor-Info

Carl Weissner

studierte Amerikanistik an den Universitäten Heidelberg und Bonn, gab Ende der sechziger Jahre eine Underground-Zeitschrift heraus und erforschte mit einem Fulbright-Stipendium die literarische Alternativszene in New York und San Francisco. Anschließend übersetzte er viele Jahre lang seine amerikanischen und britischen Freunde ins Deutsche: Bukowski, Burroughs, Algren, Ginsberg, J.G. Ballard. Bekannt wurde er als einer der wenigen Literaturagenten, die ihre Autoren europaweit vertreten. Sein erster Roman erschien 1970 in San Francisco; sein neuester, Death in Paris, ist auf der Burroughs-Website www.realitystudio.org zu lesen. 

 
 

Man kann dies kritisieren, denn eigentlich sind die Zuschauer wegen des Autors Weissner und dessen aktueller Veröffentlichung gekommen. Und vielleicht auch, dass Weissner sich selbst zu klein macht gegenüber seinen Dichtern. Gerade auch, als er freigiebig zugibt, dass er Bukowski nach mehreren Dekaden der Freundschaft nicht vergessen könne und von ihm das Dialogeschreiben gelernt habe. Man kann dies aber auch anders sehen: Hier sitzt ein Bescheidener. Und wer möchte schon den so rar gewordenen Gestus der Bescheidenheit kritisieren? Eine Haltung, die er allerdings hinter einer coolen Fassade zu verstecken weiß.

»bissiger oder bullshittiger«

Obwohl man sich schon wundern kann, vor allem da es im Gegensatz zu der Person Weissner dem Autor durchaus gelingt, sich von seinen Vorbildern abzusetzen – indem er in Manhattan Muffdiver ja gerade diese Suche nach den Wurzeln betont, aus dem der Erzähler sein Panoptikum entwirft und dieser Wahnsinns- und Totenstadt New York seine Kreativität abringt. Demnach kann man diesen Auftritt dann auch anders verstehen. Es handelt sich also keineswegs um eine bloße Nachdichtung, sondern er betont etwas, das den Hip-Hop und Gangsta Rap auszeichnet, der als Beat-Machine des Romans fungiert. Der Autor ist sich seiner Wurzeln bewusst, und er ist ihnen treu geblieben. Im Hip-Hop nennt man das deuce payen und seinen roots treu bleiben. Es handelt sich dabei um zwei eminent wichtige Säulen dieser Subkultur. Eine andere Säule stellt das sampeln dar, und dies tut Weissner in der obligaten Fragerunde, die auf die gelungene Bukowski-Reportage folgt. Immer wieder streut er dort Zitate aus Manhattan Muffdiver ein, etwa das Sloterdijk-Zitat mit den Rheumasocken oder den Hinweis, dass Texte, wenn man sie in englischer Sprache verfasst, beim Übersetzen »ohne weiteres bissiger oder bullshittiger« werden können. Da kann man sich schon die Frage stellen, wieso er dies nur unter der Oberfläche tut, als wollte er sein Werk irgendwie verstecken. Als wollte er den informierten Leser belohnen, dass er das Buch gelesen hat, und nicht damit langweilen, es nochmals vorzutragen – dies tut er mit einem verschmitzten Lächeln. Aber was erwartet man? Sales-Promotion und Ausverkauf?  Es ist nicht umsonst Underground. Da geht es um andere Dinge. Um es mit dem fähigstem deutschsprachigen Rapper zu sagen: »Untergrund sein, heißt, tot sein oder Krieg wie Intifada.«

»Löschpapierpampe«

So verwundert es kaum, dass der Befragte harsche Kritik an den bestehenden Verhältnissen innerhalb des Literaturbetriebs äußert. Das meiste, was sich momentan auf den Markt befinde, nennt er eine »einzige große Löschpapierpampe« und »die Speisung der 400.000«, beschwert sich über die mangelnde sprachliche Qualität, die grammatischen Fehler, die schiefen Bilder und nicht funktionierenden Metaphern. An dieser Stelle schafft es Weissner, sich etwas mehr an Profil zu verleihen. Wenn er über den Literaturbetrieb redet, ist der Literaturagent in seinem Metier. Eine große Ausnahme von der Radikalkritik macht er allerdings: Daniel Kehlmann. Doch sieht Weissner im Gegensatz zu Prinz Pi, also known as Prinz Porno, die Lösung eher in der Synthese: Also kämpfen, obwohl man als Toter in der Nekropolis New York unterwegs ist. Und so verwundert es kaum, dass er mit den Hinweis schließt, den der aufmerksame Leser längst aus den paratextuellen Hinweisen bekannt war, nämlich dass sein neuster Roman online schon auf der Burroughs-Website realitystudio.org veröffentlicht worden ist. Also: Carl Weissner kämpft weiter gegen den Müll, den das Kapital in die Spiegel-Bestseller-Liste pumpt.



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 Veröffentlicht am 21. Oktober 2010
 Die Illustration stammt von matie via morgueFile, das Porträtfoto von Carl Weissner von dem Fotografen Lars Albat.
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 3 Kommentare
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3 Kommentare
Kommentare
 FVO
 10. August 2011, 06:45 Uhr

Ich bemerke jetzt in diesem Moment, dass ich http://www.litlog.de wesentlich haufiger aufrufen musste – da kommt der Leser wirklich auf geniale Ideen

 novoline tricks
 9. September 2011, 15:30 Uhr

Tjo, die Dinge konnen so trivial sein. Besten Dank fur eure Erklarungen 🙂

 Amerikanisches poker
 12. Oktober 2011, 20:45 Uhr

Heftig! Sowas hatte ich niemals gedacht 🙂

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