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bpp in Südafrika
Schattenboxer in Südafrika

Das Göttinger boat people projekt reiste kürzlich nach Südafrika und brachte dort das Zwei-Mann-Stück Schattenboxer zur Aufführung. Über den erlebnisreichen Trip und das Theatermachen in Südafrika berichtet die sichtlich begeisterte bpp-Leiterin Nina de la Chevallerie.

Von Nina de la Chevallerie

Im Oktober/November diesen Jahres reisten wir als kleines Team von boat people projekt gemeinsam mit Xolani Mdluli vom Lalela Theatre aus Belgien nach Pietermaritzburg und Durban, um dort den Schauspieler Skhumbuzo Dlamini wiederzutreffen. Mit ihm entstand im Winter 2014/15 die Produktion Schattenboxer, über den Umgang mit den Erinnerungen an das Leben in den Townships zu Zeiten der Apartheid. Die Produktion wurde nun in mehreren Townships in beiden Städten und auf einem Theaterfestival präsentiert.

Skhumbuzo Dlamini (l.) und Xolani Mdluli in Schattenboxer.

In Pietermaritzburg wurden wir jedem als »The Germans« vorgestellt, einer der beiden Bürgermeister (ja, es gibt zwei!) betonte vor dem Publikum in einer Vorstellung, wie fleißig und strebsam die Deutschen seien und stellte uns als leuchtendes Vorbild vor. Beide Bürgermeister überreichten uns feierlich in separaten Terminen Geschenke der Stadt, wir überreichten den Teller mit dem Göttinger Wappen, den uns die Stadt Göttingen wiederum mitgegeben hatte.

Offizieller Empfang der »Germans« und Geschenkeübergabe der Städte Göttingen und Durban/Pietermaritzburg.
Laute Promo-Tour im Konvoi

Da das Plakatieren der Poster nicht erlaubt war, wurde, um die BewohnerInnen der Townships auf die Vorstellungen aufmerksam zu machen, eine Promo-Tour organisiert: mit sieben Autos, auf die wir die Plakate geklebt hatten, fuhren wir hupend durch die Straßen – immer wieder mussten wir aussteigen, um für Fotos zu posieren, zu erzählen, woher wir kommen und was wir machen.

Das Stück

Schattenboxer
Mit: Xolani Mdluli und Skhumbuzo Dlamini
Regie: Nina de la Chevallerie, Xolani Mdluli, Sonja Elena Schroeder
Video: Reimar de la Chevallerie
Ausstattung: Sonja Elena Schroeder
Assistentinnen: Sonja Müller, Silke Stegemann
Mit Live-Musik von Hans Kaul (Piano), Lucile Chaubard (Cello), Reimar de la Chevallerie (Laptop)
Schattenboxer wird in Kooperation mit dem Goethe-Institut Göttingen, dem Umphithi Theatre Project (Südafrika), dem Siyaphenduka Project (Belgien), und der Stiftung Leben & Umwelt / Heinrich-Böll-Stiftung Niedersachsen aufgeführt.

 

boat people projekt

Unter diesem Label werden seit 2009 Theaterstücke mit einem gemischten Ensemble inszeniert, zu dem Flüchtlinge und Kunstschaffende aus den Bereichen Schauspiel, Musik und Tanz gehören. Der Name boat people projekt (bpp) steht programmatisch für die Arbeit des Teams. Die künstlerische Auseinandersetzung mit Flucht und Flüchtenden steht im Mittelpunkt der Theaterproduktionen. Die Stücke sind politisch, weil sie konkrete Ereignisse und Geschichten von Flüchtenden erzählen, sie sind poetisch, weil das dokumentarische Material zu einer Fiktion verdichtet wird.

 
 
Die Vorstellungen in den Townships fingen immer sehr viel später an und dauerten länger als ursprünglich geplant. Die BewohnerInnen kamen nie allein, oftmals fuhren die Leute aus der befreundeten Theatergruppe mit ihren Pick-ups durch die Gegend, um vor allem Frauen und Kinder abzuholen – normalerweise verlässt keine Frau nach Einbruch der Dunkelheit aus Angst vor Überfällen und Vergewaltigungen das Haus. Im Anschluss an die Vorstellungen performten Jugend- oder Kindergruppen noch lange weiter. Sie tanzten ihre Choreographien (von traditionellem Zulu-Tanz bis zu Hip-Hop) und erzählten von ihren Fortschritten in der Freiwilligenarbeit. Man erklärte uns, dass die Community die Zeit in der Halle, wo die Aufführung stattfand, nutzen wollte; zu selten sei dazu Gelegenheit, weil sie gemietet werden müsse.

Reimar de la Chevallerie im Austausch mit Jugendlichen der Community.
Steinige Wege und strenge Kritiker vor Ort

Das Theaterfestival im Winston Churchill Theatre war ein Wettbewerb für die Freien Theatergruppen in der Umgebung. Der Weg nach Pietermaritzburg war für viele weit, der Transport wegen mangelnder Finanzierung für einige ein großes Problem. Eine Gruppe kam deswegen zum Beispiel einen Tag zu spät und konnte nicht auftreten. Sie waren kaum zu beruhigen. Denn für die Gruppen war der Auftritt von großer Bedeutung, in der Jury saßen prominente Leute: ein bekannter Produzent und ein noch bekannterer Schauspieler, der auch oftmals im Fernsehen zu sehen ist. Der Schauspieler übte im Anschluss an die Vorstellungen ungewöhnlich detaillierte und sehr strenge Kritik mit den Gruppen. Sehr konstruktiv, doch an Lob wurde gespart. Wir traten außerhalb der Konkurrenz an.

Darbietung beim Theaterfestival im Winston Churchill Theatre in Pietermaritzburg.

Unser nächster Stop war das kleine Theater in dem Township Inanda in Durban. Es lag ziemlich versteckt in den Bergen, an einer Straße, die keinen Namen hat. Auch die anderen Straßen rechts und links dieses Berges hatten keine Bezeichnung. Auf dem Weg dorthin telefonierten wir deswegen immer wieder mit dem Manager des Theaters, der inständig hoffte, wir würden endlich den Fluss sehen, an dem man sich orientieren kann. Die Vorstellung sollte um 19 Uhr starten, wir erreichten um 18:57 den Ort, an dem einige Theaterleute ein sehr ehrgeiziges Theater-Projekt für die Region starten, inklusive Bed & Breakfast. Dabei verrieten sie uns, dass immer wieder Journalisten vorbei kämen, um zu erfragen, ob das nicht eine sehr verrückte Idee sei, so etwas in einem Township aufziehen zu wollen.

Besuch beim Theater-Projekt im Township Inanda in Durban.
Afrikanische Produktion mit europäischer Spielart

Die Vorstellungen von Schattenboxer wurden sehr unterschiedlich aufgenommen. Haben wir in Deutschland oftmals die Rückmeldungen bekommen, die Produktion sei doch sehr »afrikanisch« in ihrer Spielart, kam uns die Inszenierung in Südafrika extrem europäisch vor. Psychologisierte Vorgänge und ein abstrakter Handlungsverlauf waren nicht die Elemente, die wir bei den KollegInnen auf dem Festival gesehen haben. Wir konnten die Reaktionen aus dem Publikum manchmal schwer lesen, einige Szenen stießen auf ungeahnte Heiterkeit, was uns zu Beginn sehr irritierte. Auf Nachfrage verstanden wir, dass vor allem die Kämpfe zwischen den Männern, derer es viele in Schattenboxer gibt, für die Leute vor Ort zum »daily life« gehören und deshalb weniger Berührungsängste mit dem Thema bestünden. Die ältere Generation, mit denen wir am meisten Kontakt hatten, waren sehr berührt von dem Spiel und der Geschichte. Vor allem die Persönlichkeiten aus dem Mileu, von denen im Stück die Rede ist, sind vielen Anwesenden bekannt gewesen und die Erinnerungen an sie waren sofort präsent. In allen Nachgesprächen ging es immer wieder um die Fragen nach Vergebung und den Möglichkeiten für ein Zusammenleben. Mandela ist allgegenwärtig.

Überraschende Publikumsreaktionen und intensive Nachgespräche.

Jetzt planen wir weiter: Nächstes Jahr werden zwei Festivals in Südafrika veranstaltet, zu denen wir eingeladen sind und wir hoffen, wir können im Gegenzug die KollegInnen vom Ostkap auch bald wieder in Göttingen empfangen!



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 Veröffentlicht am 5. Dezember 2015
 Bilder von Nina de la Chevallerie
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