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Göttinger Szenen
Schwarz, Weiß, Marmor

Brentano, Heine, Bismarck – Viele von Göttingens Häusern schmücken sich mit Gedenktafeln prominenter Persönlichkeiten, die einst einen engen Bezug zu Göttingen hatten. Aber wie wird man eigentlich »tafelwürdig«? Vera Wagner und Karin Saal begaben sich auf die Spuren von Göttingens Gedenktafeln.

Von Vera Wagner und Karin Saal

Zurzeit lädt das schöne Frühlingswetter wieder zum Schlendern durch Göttingens Innenstadt ein. Sale, radikal reduziert, rechts das Plakat: Flatrate für 19,95 € übergroß im Schaufenster, von links kommt der Duft frischen Kaffees herüber geweht. Jetzt zugreifen, Dönergeruch, beim nächsten Haus riecht es nach Blumen, Menschengewimmel! Gesprächsfetzen, Zigarettenrauch, Parfumwolken, beim plötzlichen Ausweichen ein Fast-Zusammenstoß mit einem Werbeschild. Es lockt mit bis zu 50% Rabatt. Gerade vom Schreck erholt, folgt gleich der nächste: plötzlich ein Flyer im Gesicht, ein hübsches junges Mädchen erzählt von einem Gewinnspiel oder so ähnlich. Mit einem entschuldigenden Lächeln um die Ecke gerettet. Im Café gegenüber wird draußen gerade ein Tisch frei. Das lädt doch zu einer kleinen Pause ein.

Göttinger Szenen


In der Reihe Göttinger Szenen widmet sich Litlog in Reportagen, Berichten oder Kommentaren verschiedenen Orten und Milieus aus Göttingen. Die Beiträge entstanden im Rahmen eines Seminars zum Thema »Literatur und Journalismus« im Sommersemester 2010.
 
 
Beim gemütlichen Eis essen, kann man das hektische Treiben an sich vorbeiziehen lassen und den Blick in Ruhe schweifen lassen. Aus dieser Perspektive bekommt Göttingen eine ganz andere Gestalt. Denn von hier aus fällt auf, dass viele Geschäfte in wunderschönen alten Fachwerkhäusern untergebracht sind. Wie lange stehen diese Häuser wohl schon hier? Was mögen sie alles gesehen und erlebt haben? Mitten in diese Gedanken drängt sich plötzlich ein unscheinbares weißes Schild. Es hängt am Haus gegenüber, direkt über dem Geschäftseingang. »Clemens Brentano« – Nie gehört. Darunter: »Sommer 1801«. Was hat es damit auf sich? Nach kurzer Irritation wird jedoch nicht weiter darüber nachgedacht, der Gedanke wird als unbedeutend abgehakt. Beim Weiterschlendern streift der Blick nun aber öfter die Häuserfassaden hinauf und man entdeckt erstaunt weitere Schilder. Immer derselbe schlichte Stil: schwarze Schrift auf weißem Marmor. »Georg V. König von Hannover. 16.-21. Juni 1866«. »Heinrich Heine. Dichter. 1820-1825«. Die Neugier ist geweckt, nun will man doch mehr darüber wissen. Vielleicht kann die Touristeninformation weiterhelfen. Die dort zuständige Frau ist hilfsbereit und bemüht, kann im Prinzip aber auch nicht viel über die Schilder erzählen. Sie verweist vor allem auf das Buch Göttinger Gedenktafeln, das dort gekauft werden kann und Kurzbiographien der »Tafelinhaber« beinhaltet. Es gäbe auch eine besondere Stadtführung zu berühmten Göttinger Persönlichkeiten, die zu einigen Schildern nähere Informationen liefere, diese werde jedoch nur in unregelmäßigen Abständen angeboten.

Einmal aufmerksam geworden, folgen immer mehr »Entdeckungen«. Über die ganze Stadt verteilt, an Wohnhäusern, Geschäften oder auch öffentlichen Einrichtungen finden sich solche Tafeln. Da gibt es Naturforscher, Politiker, Theologen, Philosophen, Physiker, Nobelpreisträger und viele mehr. Langsam stellen sich immer mehr Fragen: Wer ist überhaupt »tafelwürdig«? Wer hat darüber entschieden? Oder entscheidet sogar vielleicht noch heute?

Bei der Internetrecherche stößt man auf den Fachbereich Kultur der Stadt Göttingen, der auf Nachfrage nach den Gedenktafeln auf Göttingens Stadtarchiv verweist. Hier ist man endlich an der richtigen Adresse! Gleich drei engagierte Mitarbeiter helfen sofort, die richtige Ansprechpartnerin zu finden, die sich viel Zeit nimmt, um keine Fragen offen zu lassen. So kommt heraus, dass noch heute durchschnittlich zwei bis drei neue Tafeln pro Jahr angebracht werden – überraschenderweise sogar in großem Rahmen. Etwa 60 bis 70 »Offizielle« ( wie z. B. Oberbürgermeister und Stadtrat) sind bei den Enthüllungen anwesend. Doch auch jeder interessierte Bürger ist herzlich willkommen. Die Termine findet man im Göttinger Tageblatt, außerdem besteht die Möglichkeit, sich in die Verteilerliste des Stadtarchivs eintragen zu lassen, über die Einladungen verschickt werden.

Doch wie kommt es zu neuen Gedenktafeln? Der Impuls dafür kommt immer von Privatpersonen, das Stadtarchiv ist ausschließlich für die Prüfung der eingehenden Anträge zuständig. Und wer hat das Recht auf eine der weißen Marmortafeln? Ehemalige Studenten, die weltberühmt wurden (z.B. Bismarck, Heine), Personen, die lange in Göttingen gewirkt und sich in der Wissenschaft einen Namen gemacht haben (z.B. Firbas, Heisenberg), weltberühmte Persönlichkeiten, deren Aufenthalt für Göttingen eine Ehre bedeutete (z.B. Goethe, Max Planck) sowie Personen, die Verdienste um Göttingen hatten und über die Stadt hinaus bekannt wurden (z.B. Merkel, Föge). Grundsätzlich gilt ebenfalls als Bedingung, dass seit dem Tod der zu würdigenden Person mindestens 20 Jahre vergangen sind. Obwohl also theoretisch jeder die Möglichkeit dazu hätte, ist es aufgrund dieser Vorgaben nicht verwunderlich, dass die meisten Anträge aus dem universitären Umfeld kommen. So schreiben die Tafeln auf ihre eigene Art ein Stück Universitätsgeschichte, auch weil diese Praxis nun schon auf eine 130-jährige Tradition zurückblickt. In dieser Zeit wurden mehr als 300 solcher Marmortafeln im gesamten Stadtgebiet angebracht.

Man sieht: Sogar ein einfacher Stadtbummel durch Göttingen kann zur »Entdeckungsreise« werden. Göttingen beweist sich so erneut als »Stadt, die Wissen schafft«.



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 Veröffentlicht am 14. April 2011
 Kategorie: Misc.
 Foto von Gesa Husemann.
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