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Schwierige Sache

Vom 30. September bis 2. Oktober 2011 fand an der Universität Tartu in der Abteilung für deutsche Philologie eine internationale und interdisziplinäre Tagung zu Wechselwirkungen zwischen Translatologie und Literaturwissenschaft mit dem Titel Interkulturalität und (literarisches) Übersetzen statt. Sie wurde von Terje Loogus, Silke Pasewalck und Dieter Neidlinger veranstaltet. Unter den Vortragenden waren nicht nur Literatur- und Translationswissenschaftler, sondern auch Sprachwissenschaftler, Semiotiker, Philosophen und Übersetzer.

Von Gretlin Prukk, Silva Lilleorg, Jana Drigval (Studierende der Germanistik in Tartu)

Zu Beginn der Tagung ging es um das Verständnis und die Entwicklung der »Begriffe« »Interkulturalität«, »Kultur« und »Translatologie«. In den folgenden Tagen waren die Vorträge verschiedenen Unteraspekten des Konferenzthemas gewidmet: »Poetik der Interkulturalität«, »Poetik und Übersetzung«, »Kultur und Übersetzung«, »Übersetzung als Kulturtransfer«, »Dichter und Übersetzer«, »Interkulturalität in der Übersetzungspraxis«. In vielen Vorträgen wurden dabei praxisbezogene Übersetzungsprobleme erörtert.

Da das umfangreiche Programm es nicht ermöglicht, auf alle Vorträge genauer einzugehen, werden hier lediglich einige subjektiv ausgewählte Vorträge beleuchtet werden können. Zur Einleitung der Tagung behandelten Silke Pasewalck und Dieter Neidlinger (beide Tartu) Probleme und Perspektiven der Interkulturalität in Literaturwissenschaft und Translatologie, Corinna Albrecht (Göttingen) thematisierte das Begriffspaar »Eigen/Fremd« und Terje Loogus (Tartu) spezifizierte die Bedeutung von Kultur in den Translationswissenschaften.

Die Menge aller Verhaltensnormen

Terje Loogus erläuterte in ihrem Vortrag Über den Begriff der Kultur in der Translationswissenschaft, wie die Translatologie sich mit der kulturellen Wende in den 1980er Jahren von der Sprachwissenschaft als Leitdisziplin abgewandt hat. Mit der Neufokussierung auf die Kulturwissenschaften wurde »Kultur« zum zentralen Begriff in der Translatologie. Ein wichtiger Vertreter dieser Ausrichtung ist Hans J. Vermeer, der Kultur folgendermaßen definierte: »Kultur ist die Menge aller Verhaltensnormen und -konventionen einer Gesellschaft und das Resultat aus den normbedingten und konventionellen Verhaltensweisen.« Kultur könne demnach als ein Netzwerk verstanden werden, als ein von Menschen erfasstes System, das alle Texte beim Übersetzen begleitet.

Die estnische Literaturwissenschaftlerin Maris Saagpakk (Tallinn) behandelte in ihrem Vortrag Kulturbeziehungen zwischen Estland und Deutschland auf der Grundlage der ins Estnische übersetzten deutschbaltischen Literatur aus der postsowjetischen Zeit. Die zentrale Frage des Vortrags lautete: Wie wird in Estland die deutschbaltische Literatur gelesen und verstanden? Von 1990 bis 2009 wurden laut der von Saagpakk zusammengestellten Bibliographie insgesamt 49 Titel übersetzt. Maris Saagpakk betonte, dass die deutschbaltische Kulturgeschichte in die estnische aufgenommen worden ist. Dass Texte deutschbaltischer Autoren wie Hermann von Keyserling oder Georg Julius von Schultz-Bertram in der prominentesten Buchreihe Estlands Eesti mõttelugu veröffentlicht wurden, beweise dies.

Bei der Rezeption der deutschbaltischen Literatur ist laut Saagpakk der historische Wert der Texte wichtiger als deren ästhetische Aspekte. Man liest diese Literatur vor allem als Informationsquelle über die damalige Zeit und nicht als schöngeistige Literatur. Die Übersetzungen sind gekennzeichnet von guter Qualität, die dem Enthusiasmus des Übersetzers zu verdanken ist. Der Grund für das mangelnde Interesse an der deutschbaltischen Literatur könne darin liegen, dass es darin etwas Befremdliches für die Esten gibt. Saagpakk zufolge werde keine glorreiche Zeit für die deutschbaltische Literatur in Estland kommen. Die deutschbaltische Literatur gilt auf dem kommerziellen Buchmarkt als nicht überlebensfähig, so wird die Buchreihe Liivimaa Klassika nach vier Bänden nicht mehr fortgesetzt.

Beata Paškevica (Riga) sprach über das Thema der Übersetzung und des Zusammenspiels von Kulturemen in Juris Alunans Gedichtsammlung Dziesminas. Diese Gedichtsammlung markiert den Anfang der lettischen Nationalkultur. Am Beispiel von ausgewählten Texten rief Paškevica wichtige Übersetzungsverfahren auf und beschrieb in diesem Zusammenhang auch die Bildung der lettischen Kulturnation. Ihre Untersuchung stützte sie auf die Skopos-Theorie von Vermeer, auf die Polysystem-Theorie von Even-Zohar, auf das Konzept des Rewriting von Lefevere, auf die Untersuchungen von Arrojo und Tymoczko. Wenn man Gedichte übersetzt, werden sie lokalisiert (Donau wurde zu Daugava, Loreley zu Laura) und manche avancierten gar zu Volksliedern. Um den Text schmackhaft und leichter verständlich zu machen, veränderte man den Ursprungstext gnadenlos, wodurch etwas ganz Neues entstand.

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Die belgische Literatur- und Übersetzungswissenschaftlerin Céline Letawe (Berlin/Lüttich) hielt zum Thema Die Übersetzer sind die genauesten Leser einen schon fast als leidenschaftlich zu bezeichnenden Vortrag über Günter Grass und seine Übersetzer. Der Schriftsteller hat wie kein anderer, so stellt Letawe fest, die Kontakte zu seinen Übersetzern gepflegt. Nachdem Grass einige unpräzise und seiner Meinung nach schlechte Übersetzungen seiner Werke begegnet waren, vertraute er seinen Übersetzern nicht mehr. Zur Qualitätssicherung veranstaltete er nun Seminare, um mit Übersetzern Übersetzungsschwierigkeiten seiner Werke gemeinsam zu besprechen. Das erste Treffen fand vom 29. Januar bis zum 4. Februar 1978 statt. Besprochen wurden z. B. Realien, Ironie, besondere Wünsche des Autors, Dialekt-Passagen, Sprichwörter und Redearten, Wortspiele, Stilbesonderheiten usw. Mithilfe der angefertigten Tonbandaufnahmen und Protokolle, so Letawe, könne man diese Seminare rekonstruieren. Die Seminare wurden als sehr produktiv empfunden, und so hat man sie immer wieder veranstaltetet, sobald ein neuer Grass veröffentlicht wurde.

Dirk Weissmann (Paris) behandelte in seinem Vortrag Lügt der Dichter in der Fremdsprache? Zur monolingualen (Selbst)verortung Paul Celans die Goll-Affäre. Im Zuge dieser Affäre steigerte sich Celan mehr und mehr in den Wahn hinein, Opfer einer französischen Verschwörung zu sein. Dem Celan’schen Bekenntnis, in der Sprache der Täter schreiben zu müssen (Celan verlor seine Mutter im Holocaust), trat das Misstrauen gegenüber, ob seine Texte ins Französische übersetzt oder wie sie rezipiert werden könnten. Weissmanns Schwerpunkte waren Mehrsprachigkeit und Widersprüche Paul Celans im Hinblick auf seine Stellung zur Übersetzung seiner Texte ins Französische. Celan kontrollierte die Übersetzungen seiner Werke genau in Form von »versteckter Selbstübersetzung«.

Ein kulturelles Rahmenprogramm ergänzte die intensiven Konferenztage. Höhepunkt der Veranstaltungen war eine Lesung des österreichischen Schriftstellers Vladimir Vertlib mit anschließender Podiumsdiskussion. Vladimir Vertlib las Abschnitte aus seinen Poetik-Vorlesungen Spiegel im fremden Wort, sowie aus den Romanen Zwischenstationen und Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur. In dem Roman Zwischenstationen wird über das Leben in der Migration aus der Perspektive eines Kindes erzählt. Aus dem Roman Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur las Vladimir Vertlib einen Abschnitt vor, in dem es darum geht, wie Menschen während des Zweiten Weltkrieges aus Leningrad evakuiert wurden. Die Protagonistin wird Zeugin einer Demütigung eines jüdischen Mannes in einer Sowchose.
In seinen Romanen greift der Autor oft auf autobiographische Elemente zurück und verknüpft diese mit ausgedachten Geschichten oder mit dem Leben von anderen, aber als Leser bleibt immer das Gefühl, Vertlibs Erfahrungen zu lesen. Die ironischen Elemente in Vertlibs Werken nehmen den ernsthaften Themen, die er behandelt, die Tragik, so dass ein gewisses Lesevergnügen nicht ausbleibt.

Im Anschluss an die Lesung gab es noch eine Gesprächsrunde über das Thema Was ist Interkulturalität? mit Vladimir Vertlib, Andreas F. Kelletat und der Übersetzerin Tiiu Relve; der Heidelberger Literatur- und Kulturwissenschaftler Jürgen Joachimsthaler moderierte die Diskussion. Tiiu Relve sprach über ihre Erfahrungen, als sie Herta Müllers Atemschaukel ins Estnische übersetzte und wie manchmal Teile eines Textes verlorengehen können, weil zum Beispiel Dialekte oder ein besonderer Stil, der mit der Wortfolge spielt, unübersetzbar sind. Vladimir Vertlib warf ein, dass man eigentlich nie sicher sein kann, wie unterschiedliche Kulturen den Roman oder auch historische Geschehnisse wahrnehmen; er stellte etwa fest, dass die Leningrader Blockade in Österreich gänzlich unbekannt ist. Von einem Zuhörer wurde die Frage gestellt, ob eine Übersetzung besser sein darf als das Original. Vladimir Vertlib antwortete mit einer Gegenfrage: »Was ist überhaupt gut oder schlecht?«

Durch das aus einer breiten Themenauswahl bestehende Programm wurde für akademisch Interessierte auf der Tagung eine Möglichkeit geboten, zusammenzukommen und Erfahrungen auszutauschen. Für die Studierenden gab die professionell organisierte und internationale Veranstaltung viele Impulse für die eigene Forschung.

In diesen drei Tagen war die Verantwortung des Übersetzers ein verbindendes Thema. Die praxisbezogenen Beispiele aus unterschiedlichen Kulturen und Sprachen zeigten, dass Übersetzen nicht als ein stumpfsinniges, leicht umsetzbares Handeln wahrgenommen werden kann, sondern dass Sprache und Sprachgebrauch nicht kulturexklusiv funktionieren können. Dank vieler ausführlicher Vorträge und daraus entstandener Diskussionen wurde mehrmals die Aufmerksamkeit auf die immer wieder auftauchenden Fragen gelenkt: Ist das Original unantastbar? Ist das Übersetzen überhaupt möglich? Wo endet eine Übersetzung und wo beginnt ein neuer Text?

Magnus Pettersson (Göteborg) konstatierte am Ende seines Vortrages, dass »Sprache eine schwierige Sache ist«.



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 Veröffentlicht am 21. November 2011
 Kategorie: Wissenschaft
 Veranstaltungsgrafik von der Universität Tartu.
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