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Sinnfrage eines Abgekämpften

1000 Seiten mit Anstrengung auf wenige Stunden zurechtgestutzt: Luk Perceval inszeniert Dostojewskijs vielleicht vielschichtigstes Epos Die Brüder Karamasow am Hamburger Thalia Theater. Über einen intensiven Theaterabend von Schuldgefühl bis Glaubenskrise.

Von Telse Wenzel

Stahlrohre ragen von weit oben im hinteren Bühnenteil herunter, bei entsprechender Beleuchtung sehen sie aus wie Lichtstrahlen. Die meiste Zeit aber bleiben sie dunkel, und da wirken sie dann sehr schwer. Wenn man sie gegeneinanderstößt, klingt es, als würden Kirchenglocken geläutet. Aber aus dem Off kommt in Luk Percevals Fassung der Brüder Karamasow (1880) kein Ton. Die Orchestrierung entsteht nur aus der Bewegung der Körper selbst, Dostojewskijs Menschen sind bei Perceval ziemlich allein – allein gelassen. Ihr Ort ist am Thalia ein spärlich beleuchtetes Niemandsland, das wie der Boden eines Schachtes wirkt, dank der fast monumentalen Höhe der Rohre: »Und es war finster auf der Tiefe«. Für die Ausgesetztheit der Karamasows interessiert sich Perceval, ihr Schuldgefühl und ihre Glaubenskrise.

Abwesender Vater

Rabenvater Fjordor Karamasow, ein Lebemann, Trinker, Frauenheld, der sich die drei Söhne und sein – wohl – illegitimes Kind Smerdjakow nach der Geburt vom Hausdiener abnehmen lässt, dieser Vater taucht auf Percevals Bühne kaum auf. Dostojewskij hatte die Auftritte der Figur schon recht stark zurückgefahren. Perceval geht noch einen Schritt weiter. Bei ihm tänzelt der Alte mal betrunken vorbei, ein anderes Mal hockt er lallend auf einer Kirchenglocke im Mittelgrund der Bühne wie auf einem Thron. Es gibt eine Schlägerei mit Dmitrij, wenige Gespräche. Schon ganz weit hinten auf der Bühne schaut der Vater mit einer Kerze in die Dunkelheit. Und öfter hat man ihn eigentlich kaum gesehen, bevor die Nachricht von seiner Ermordung die Runde macht. Das ist ein schöner Einfall, so spürt man – dieser Vater, in Burghart Klaußners Darstellung Kind, Traumtänzer und Wüterich, war eigentlich nie so richtig da.

Seinen Tod wollen alle vier Vernachlässigten, ausführen kann den Mord aber nur der, der außerhalb der Gesellschaft und ihrer Normen steht: Smerdjakow, dem sein Dorf den Namen »Sohn der Stinkenden« gegeben hat. Smerdjakow hat sich eingepackt in einen kompakten Mantel, der schief sitzt, er hält die Hände in den Taschen vergraben, die großen Augen weit offen. Ein Wahnsinniger. Aber Rafael Stachowiak spielt ihn zugleich als liebenswertes Kind, einen, der keinen Begriff hat von Gut und Böse.

Ein russischer Hamlet

In seiner Welt ist alles erlaubt, Theoretiker Iwan kann diesen Schritt nicht gehen. Die Inszenierung reiht ihn ein unter die russischen Hamlets. Vom Halbruder lässt sich Iwan zu einer Reise überreden, so verschwindet er in der Mordnacht aus dem Handlungsraum. Gegenüber Katerina Iwanowna, die er liebt – Alicia Aumüller zeigt sie als überspannte Orientierungslose, der ständig Tränen in den Augen stehen – , bleibt er passiv. Er lebe eigentlich gar nicht, sagt Iwan einmal.

Gott und Auferstehung gebe es nicht, erklärt dieser Denker, und Jens Harzer, der ihn spielt, wirkt noch dünner als sonst, die Haare fallen ihm in die Stirn, sein Iwan ist zittrig, immer nervös. Er spricht von misshandelten Kindern, er hat die Beispiele parat, umkreist sie, fahrig. Und dann stellt Harzer auch wieder diese eine Frage, die er seinen Figuren gerne mitgibt: »Was ist denn das?«, mit gedehnten Vokalen. Er stellt die Sinnfrage mitten hinein in das Tohuwabohu, und da steht sie dann. Daneben Iwan, selber ein großes Fragezeichen. Arme und Hände gespannt, Gewitterwolken-Stirn. Einen Schluss nur kann der Grübelnde ziehen: Der Mensch könne – müsse – selber zum Gott werden und sich von allen Tugenden lösen.

Das Stück

Die Brüder Karamasow
Nach dem Roman von Fjodor M. Dostojewskij
Fassung: Susanne Meister und Luk Perceval
Regie: Luk Perceval
Bühne: Annette Kurz
Dramaturgie: Susanne Meister
Premiere: 30. April 2013

 
 
Aber in die Tat umsetzen kann Iwan das nicht, und Harzer findet dafür eine feine Geste: Mit der Faust und verdrehtem Arm fährt er als Iwan in ein unsichtbares Hindernis. Als müsse hier etwas mit Gewalt herausgeschnitten werden, als müsse man nur an sich selbst eine schmerzhafte Operation durchführen. »Man muss«, »man muss«, presst Iwan hervor, da ist er schon ziemlich zerrüttet.

Ein anderes Mal sucht der Abgekämpfte die Schulter seines Bruders Aljoscha, die des Mönchs, an die er den Kopf legt. Und da wirken die beiden wie Vater und Sohn, Jesus und Johannes. Sich vom Glauben an Gott loszusagen – das vermag Iwan in Wahrheit nicht, genauso wenig wie den Vater zu töten. Denn das hieße ja, wirklich allein zu sein.

Jekyll und Hyde

Die Nähe zu dem Mönch, diesem bedingungslos Liebenden, suchen alle. Alexander Simon steht als Aljoscha die meiste Zeit mit traurig-leidendem Gesicht in der Bühnenmitte. Als Inbegriff der Reinheit gilt er den anderen, der einzig noch nicht Verworfene soll den Weg leuchten. Aber Simon und sein Regisseur gehen dorthin, wo es kippt, und dafür greift Simon in die Jekyll und Hyde-Trickkiste. Für Momente wirkt es so, als falle der Schauspieler aus seiner Rolle. Wenn er Lise, bei Marina Galic eine zwischen Lebensverachtung und -sehnsucht schwankende Versehrte, plötzlich an sich zieht, mit blitzenden Augen, aggressiv, dann wird Aljoscha zum Doppelgänger des sinnlich-rohen Bruders Dmitrij.

Der hat fast jede Kontrolle verloren, schon im ersten Bild pirscht er sich wie ein Tier an die Geliebte heran, die Patrycia Ziolkowska als femme fatale im weißen Pelzmantel gibt. Bernd Grawert als Dmitrij hetzt, grunzt und schreit sich im Soldatenmantel durch die Aufführung, atemlos, hypernervös. Trinkgelage, Sex, Spiel – nichts kann seine Figur beruhigen.

Dostojewskij liefert die Kontur

Die Turbulenzen dieser unbefestigten Existenzen rollt Perceval in einer Spielzeit von nur knapp vier Stunden auf. Dafür muss umso dichter gewoben werden. Dass trotzdem kein Orientierungsverlust eintritt, liegt daran, dass Dostojeswkij selber die Kontur geliefert hat, die alles einfasst: Bei ihm können die vier Karamasowschen Söhne als unterschiedliche Elemente einer Person gelesen werden, Perceval greift das auf. So wird das Spiel zwischen den vieren notwendigerweise zu einem Spiel der Abstufungen, das ist schön ausbalanciert. Auch die drei Geliebten – Smerdjakow wird bei Perceval nicht geliebt – werden zu Facetten ein und derselben Frau.

Darum hält sich Perceval auch nicht damit auf, dass für den Mord Dmitrij verurteilt wird. Der Justizirrtum auf der realistischen Textoberfläche bei Dostojewskij ist nicht sein Thema. Beim knapp abgehandelten Prozess schiebt er lieber eine bildliche Ebene in den Vordergrund: Ankläger und Verteidiger werden klugerweise noch einmal von Klaußner gespielt, der Vater also taucht noch einmal auf, kehrt wieder als Verkörperung von Gericht und Gewissen.

Allein mit der Schuld

Aber was bleibt am Ende? Am Thalia bleiben sie alle allein mit ihrem Schuldgefühl, heller wird es auf der Bühne auch nicht. Immer wieder geht es in der Inszenierung auch um den Menschen, der nicht über sich hinausgelangen kann. Er sei ja nur ein Wurm – dieses biblische Wort spricht Iwan an einer Stelle. Und noch immer liegt im letzten Bild die Kirchenglocke wie zerschmettert am Boden.

Man spürt zwar die Anstrengung, die es kostet, eine Theaterfassung von Dostojewskijs 1000 Seiten-Epos, diesem vielleicht vielschichtigsten seiner Romane, auf wenige Stunden zurechtzustutzen. Aber viel besser kann man Atmosphäre und Tiefe von Dostojewskij vielleicht gar nicht auf die Bühne bringen, sich nicht herantasten an den russischen Riesen. Ein intensiver Theaterabend.



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 Veröffentlicht am 4. Juli 2013
 Theatergebäude Thalia Hamburg via Wikimedia Commons
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