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Spielberg, Scorsese, Ewald?

Der neu gegründete Verein Göttinger FilmnetzWerk e.V. hat große Ambitionen, um die einstige Filmstadt Göttingen wiederzubeleben. Diese reichen von der Gründung eines neuen Filmfestivals bis hin zu einer waghalsigen Kampfansage an die Werbung. LitLog-Autor Andre Groß sprach mit dem ersten Vorsitzenden Christian Ewald.

Von Andre Groß

Andre Groß: Herr Ewald, Anfang 2013 haben Sie den Verein Göttinger FilmnetzWerk e.V. mitgegründet. Wofür setzen Sie sich dort ein?

Christian Ewald: Wir beabsichtigen narrative Kurzfilme in Göttingen zu produzieren. Das geht vom Entwickeln der ersten Idee – von Exposé, Treatment, Drehbuch – bis zur praktischen Umsetzung. Wir haben in Göttingen den großen Vorteil, dass wir aufgrund der zwei Theater sehr viele darstellende Künstler haben und die Bereitschaft, sich für solche Projekte zu engagieren, sehr groß ist.

A.G.: Wie kommen Sie und auch der Verein zu der Universitätsstadt?

C.E.: Es gibt in ganz vielen deutschen Städten solche Vereine. Wir sind sozusagen die Letzten. [lacht] Ich habe mich gewundert, dass es das hier noch nicht gab. In mittelgroßen Städten wie Karlsruhe, Nürnberg oder Bremen gibt es aufgrund der technischen Veränderung Entwicklungen, die künstlerischen Elemente auf einer ganz anderen Ebene zusammen zu bringen als das vorher der Fall war. Es hat mich gewundert, dass es das in Göttingen noch nicht gab und insofern war es naheliegend das FilmnetzWerk zu gründen.

A.G.: Wird das Projekt von der Stadt Göttingen unterstützt?

C.E.: Noch nicht [lacht]. Ich glaube auch nicht, dass da was kommt, weil die Stadt ja kein Geld hat. Ich habe dem Herrn Oberbürgermeister unseren Prospekt in die Hand gedrückt und seine Frau hat auch reagiert und meinte: »Oh so etwas gibt es in Göttingen?« [lacht]. Das hat ihm allerdings nicht das Portemonnaie geöffnet. Wir sind aber mit ihm im Gespräch und er findet das Projekt interessant. Ich denke, dass das politische Bewusstsein schon vorhanden ist, aber wir müssen uns erst mal unsere Sporen verdienen, um dann noch eloquenter auftreten zu können.

A.G.: Göttingen ist als das ehemaliges »Hollywood an der Leine« bekannt. Sehen Sie sich da in einer gewissen Tradition?

C.E.: Man muss auch beachten, welche Filme hier früher gedreht wurden.

Wir wollen keine Heinz Erhardt-Filme. Blumen für den Staatsanwalt auch nicht.

Wobei das ein guter Film ist. Die Tatsache, dass hier damals die Filmindustrie geblüht hat, hat mit ein paar Leuten zu tun, die sehr aktiv waren. Und die Filmindustrie der Nachkriegszeit hat auch anders funktioniert als es heute der Fall ist.

A.G.: In gewisser Weise ist Göttingen auch eine gescheiterte Filmstadt. Zum einen ist vom »Hollywood an der Leine« heute nichts mehr übrig, zudem haben in den letzten Jahren mit dem »Sternkino« und dem »Göttinger Capitol« zwei Programmkinos geschlossen. Was macht Sie zuversichtlich, dass man diesem Trend entgegenwirken kann?

C.E.: Wir sind nicht auf das Kino angewiesen. Es gibt andere Verbreitungsmöglichkeiten, um kleinere Projekte zu präsentieren, wie zum Beispiel über das Internet. Insofern sehe ich das gelassen und sehe auch, dass eine Sendeanstalt wie der NDR zum Beispiel mit dem Format »Tatortreiniger« reihenweise Preise abräumt und begeisterte Zustimmung beim Publikum erntet.

A.G.: Sie haben vor kurzem den Kurzfilm Where to go produziert, den man als das erste realisierte Projekt ihres Vereins bezeichnen kann. Was für ein Film ist das und fand er Zustimmung beim Publikum?

C.E.: Where to go ist ein Film, der drei Geschichten von Menschen erzählt, die hier in Göttingen leben. Die Zuschauer können sich idealerweise selbst ein wenig in den Charakteren wiedererkennen. Es ist kein Film, der eine super starke Geschichte erzählt. Es sind schon gute Geschichten, aber man würde nicht sagen: Oh, das ist aber originell. Viele Sachen kennt man, aber in der Kombination und dadurch, dass sich sozusagen drei Elemente ineinander verwickeln und verwirren, ist die Reaktion des Publikums positiv. Wir hatten Ende April eine Vorpremiere im Lumiere und was mich am meisten gefreut hat, war, dass die Mitarbeiter vom Lumiere, die viel auf Festivals sind und auch viele Filme sehen, geäußert haben, dass sie eine so gute Qualität nicht erwartet hätten. Das ist auch ein Anspruch, den wir verfolgen. Wir haben sehr viele Profis bei uns im Verein, z.B. Leute, die professionell Videos machen. Häufig sind das Industriefilme oder Werbegeschichten für irgendwelche Firmen. Die haben aber auch großes Interesse daran, eben kleine, kürzere Spielfilme zu machen.

A.G.: Und warum nun genau Kurzfilme?

C.E.: Der Kurzfilm hat ein großes Potential, weil man in kurzer Zeit versuchen muss, eine konkrete Geschichte zu erzählen, die packt. Beim Kurzfilm geht es um eine Idee, um einen Gedanken, um eine Aussage; und das muss man relativ schnell auf den Punkt bringen. Insofern ist er auch überhaupt erst die Basis, um Langfilme machen zu können. Viele große Regisseure, Spielberg, Scorsese, haben alle vorher Kurzfilme gemacht und haben ihr Handwerk darüber gelernt. Das ist ein super Einstieg, um sich in der Erzähltechnik weiterzuentwickeln und dann vielleicht irgendwann auch mal zum 90-Minüter zu kommen.

Aber unsere Idee ist es, den Kurzfilm so beherrschbar und auch so spannend zu machen, dass die Leute wirklich sagen: Diese kleinen Filmchen aus Göttingen, die sind gut.

A.G.: Also ist es schon eine bewusste Entscheidung für den Kurzfilm und nicht die aus finanzieller Sicht ohnehin einzig realistische Möglichkeit, einen Film mit relativ geringen Mitteln zu realisieren?

C.E.: Der Kurzfilm vereint auf eine ganz tolle Art und Weise die Basics, die man beim Filmemachen braucht. Es ist natürlich ökonomisch überschaubar. Man geht längst nicht so große finanzielle Risiken ein und erwirbt sich dadurch gleichzeitig eine große künstlerische Freiheit. Wir können auf Grund der heutigen technischen Ausstattung sehr preiswert Filme produzieren. Ganz anders als vor 20 Jahren, weil die digitale Technik tolle Bilder mit wenig finanziellem Aufwand ermöglicht. Das ist ein ganz wesentlicher Aspekt. Allerdings ist die Arbeitszeit, die in so einem Projekt steckt, auch immens. Aber wenn es gut klappt, kann man damit richtig Wirkung erzielen und insofern ist das eine ganz bewusste Entscheidung.

A.G.: Sie sprechen in ihrem Informationstext auch von einem geplanten Kurzfilmfestival. Wie weit ist das Projekt bisher fortgeschritten und konnten schon entsprechende Partner für die Realisierung gefunden werden?

C.E.: Ja, wir kooperieren mit dem Lumiere und das ist in der Planung schon recht konkret. Wir suchen gerade einen passenden Termin. Das wird im Frühsommer nächsten Jahres sein. Wir suchen natürlich noch Sponsoren, die uns unterstützen und haben auch schon einige interessierte Leute.

A.G.: Es gibt in Göttingen bereits einige Filmfestivals, wie das Internationale Ethnographische Filmfestival, das Europäische Filmfestival Göttingen und auch das Göttinger Kurzfilmfestival. Inwiefern soll sich ihr geplantes Festival von diesen unterscheiden?

C.E.: Wir verstehen uns als Ergänzung des Kurzfilmfestivals, das es schon gibt. Wir wollen, dass das Festival eine Plattform wird. Wir machen eine Rubrik wirklich nur mit Filmen aus der Region. Das bleibt also erhalten.

Kurzfilm


Die erste Produktion der Macher vom Göttinger FilmnetzWerk e.V. ist der Kurzfilm Where to go. Er feierte am 28. Mai 2013 im Göttinger Kino Lumiere Vorpremiere. Zur Film-Rezension unseres Autors geht es hier.

FilmnetzWerk


Der Göttinger FilmnetzWerk e.V. hat sich Anfang 2013 gegründet und setzt sich zum Ziel, Filmschaffende in der Region Südniedersachsen zu vernetzen und eine Plattform zur Förderung unabhängiger Filme zu schaffen.


Darüber hinaus haben wir natürlich ein Interesse daran, dass auch aus dem deutschsprachigen Raum Filmemacher nach Göttingen kommen und unser Festival als eine Art Forum betrachten, wo man sich austauschen kann, wo man Kontakte knüpft und wo man versucht, Ideen zu entwickeln. Das ist etwas größer gedacht als das was bisher da war. Wir versuchen uns weiter zu vernetzen und bundesweit Kontakte zu knüpfen, um diese Idee des Kurzfilms wieder in Erinnerung zu rufen. Durch Qualität wollen wir auch wieder einen Platz für Kurzfilme erobern. Das war früher ganz populär. Vor jedem Kinofilm lief noch ein Kurzfilm. Das gibt es heute kaum noch. Das hat die Werbung übernommen. Leider.

A.G.: So wie Pixar das zum Beispiel noch vor ihren Filmen macht.

C.E.: Genau. Diese Kurzfilme sind zum Beispiel hervorragend.

A.G.: Wodurch zeichnet sich Ihrer Meinung nach Qualität beim Film aus?

C.E.: Wir haben am Deutschen Theater einen alten Kollegen gehabt, den Müller-Elmau. Ich hatte damals noch das Vergnügen mit ihm zusammen arbeiten zu dürfen. Wir hatten eine große Auseinandersetzung. Es ging auch um Inhalte am Theater. Und der hat irgendwann mal den Satz gesagt:

»Wenn man Kunst macht, dann muss man was zu sagen haben«. Das ist einer der wesentlichsten Sätze, die mir so im Leben untergekommen sind. Man muss etwas zu sagen haben. Wenn man nichts zu sagen hat, muss man sich der Mühe nicht aussetzen. Und Kunst zu machen, bedeutet eine Idee zu haben, von der man glaubt und von der man überzeugt ist, dass sie weiter trägt als nur bis morgen.

Das heißt dahinter muss ein Gedanke stecken, der etwas beleuchtet, das gesellschaftlich für uns im Moment interessant ist. Natürlich kann man Witze abfilmen, aber das kommt dann über so ein Comedyformat Samstagnacht nicht hinaus. Und das machen andere Leute mit mehr Mitteln sehr viel besser als wir das wollen. Ich glaube die Chance besteht bei uns wirklich darin, dass wir aussagekräftige Filme entwickeln, die eine Botschaft haben, die sich vielleicht auch nicht sofort erschließt, aber wo man sagt, dass es sich lohnt darüber nachzudenken. Dann sind wir auf dem richtigen Weg.

A.G.: Ein weiteres aktuelles Projekt ihres Vereins ist die »Drehbuchwerkstatt«, die Sie in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Seminar der Universität Göttingen anbieten. Wie läuft das Projekt?

C.E.: Ich finde es läuft sehr gut. Es ist ein Seminar, das von der Theorie zur Praxis führt. Der Film ist ja grundsätzlich ein vereinfachendes Medium, es ist kein verkomplizierenderes. Man möchte komplexe Inhalte einfach vermitteln. Und das ist schwer. Was ich reizvoll fand, war, dass man einmal guckt, welches kreative Potential hier bei den Studenten vorhanden ist, weil jeder Ideen im Kopf hat. Schwierig ist, diese Dinge strukturiert auf Papier zu bekommen. Unser Seminar gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil ist die Ideenfindung, -entwicklung und -ausarbeitung. In der zweiten Phase – wenn das Drehbuch dann in der Form fertig ist – wird entschieden, welche Drehbücher umgesetzt werden. Wir vom Verein vermitteln dann Profis, die das unterstützen, z.B. Darsteller oder Kameramänner, die sich mit dem Equipment auskennen. Das braucht viel Erfahrung. Der Hintergrund ist aber, wenn wir uns schon die Mühe machen, diese Ideen umzusetzen und die Ideen wirklich gut sind, dann soll auch etwas Gescheites dabei heraus kommen.

A.G.: Sehen Sie im Film auch Möglichkeiten für die Universität als Medium zur Wissensvermittlung?

C.E.: Ja, natürlich ist da ein großes Potential.

Das Problem ist, dass die Haltung vieler Leute an einer Universität strikt schriftbezogen ist. Das heißt eine Diplomarbeit, die geschrieben ist, wird immer noch höher bewertet als zum Beispiel ein selbstgemachter Film.

Das ist etwas, das sicherlich mit einer konservativen Haltung zu tun hat, die ich auch nachvollziehen kann. Aber vielleicht wird irgendwann erreicht, dass ein Film der schriftlichen Arbeit ebenbürtig ist.

A.G.: Würden Sie sich eine noch engere Kooperation mit der Universität wünschen und gibt es vielleicht schon Pläne, die Zusammenarbeit auszubauen?

C.E.: Das wird man hinterher sehen. Das ist jetzt ein Versuch, eine Probephase. Wir hatten ja einen Medienstudiengang Filmwissenschaft, der leider geschlossen wurde. Da gibt es noch Rudimente von, man merkt, dass viele Studenten hier tätig sind. Es gibt auch das Campus-Fernsehen, deren Macher sehr kreativ sind und die sich sehr viele Sachen einfallen lassen. Ich fände es schade, wenn das untergehen würde, weil das alles Dinge sind, die für die Außendarstellung der Universität unglaublich wertvoll sind. Wir schubsen im Moment etwas an und werfen einen Stein ins Wasser, doch ob er große Wellen schlägt, das muss man sehen. Wir werden das nach wie vor tun, weil wir glauben, dass auch kleine Wellen interessant sind.

A.G.: Dann weiterhin viel Erfolg beim Wellenschlagen und vielen Dank für das Interview.



Metaebene
 Autor:
 Veröffentlicht am 24. Oktober 2013
 Kategorie: Misc.
 Bild mit freundlicher Genehmigung des Göttinger FilmnetzWerk e.V.
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