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	<title>Litlog &#187; Lyrik</title>
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		<title>Wer ist Charles Bukowski?</title>
		<link>http://www.litlog.de/wer-ist-charles-bukowski/</link>
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		<pubDate>Thu, 18 Oct 2012 10:34:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Andreas Bülhoff</dc:creator>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Beat Generation]]></category>
		<category><![CDATA[Charles Bukowski]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Underground]]></category>

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		<description><![CDATA[<em> Ende der Durchsage</em>: wieder ein Bukowski-Sammelband, aber keine Werkausgabe in Sicht.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der Verlag Kiepenheuer &#038; Witsch hat einen Sammelband von Bukowskis Lyrik auf den Markt gebracht. Dass KiWi auf Bukowski setzt, ist ökonomisch nachvollziehbar – aber was ist mit den Texten? Über ein Verlagsprojekt, das die alten Pferde wieder ins Rennen schickt.</strong></p>
<p><em>Von Andreas Bülhoff</em></p>
<p>Intro: Eine etwas düstere Bar. Mickey Rourke nimmt auf einem Hocker Platz, die Haare glatt nach hinten gekämmt, vor ihm eine Flasche Bier auf der dunklen Theke. Die Knöchel an den Händen sind blutig verkrustet, das Gesicht lädiert. Er beginnt mit der ihm gegenüber sitzenden Blondine zu flirten. Er ist Henry Chinaski, Bukowskis Alter Ego in <em>Barfly</em>. So richtig hart will er allerdings nicht erscheinen, nicht so wie in <em>Sin City</em> oder <em>Wrestler</em>. Aber immerhin.</p>
<p>Anderes Bild: Der etwas ältliche Charles Bukowski sitzt auf einer Bühne an einem braunen Tisch. Schräg vor ihm steht eine halbleere Flasche Rotwein. Von rechts ragt ein Mikrofon ins Bild. Die Haare sind jetzt grau, aber liegen immer noch glatt nach hinten. Jetzt trägt er eine riesige Brille mit dicken Gläsern, die die wie zugekniffenen Augenschlitze in seinem wulstigen Gesicht geradezu lächerlich vergrößern. Er liest Gedichte. Vor mir auf dem weißen Schreibtisch liegt eine Graphic Novel von Robert Crumb. Das erste Bild, das ich aufschlage: eine Frau, die sich mit der Faust ins Gesicht schlägt. Dann: ein Typ, der dem Bukowski von der Bühne verblüffend ähnlich sieht, nur irgendwie noch schrumpeliger und in schwarz-weiß. Ich schlage ein Buch auf und lese: »Ich hatte sie nur gelangweilt / mit meinem gefährlichen Getue. // Die Abende waren alle gleich / und die Tage noch schlimmer.« Das ist auch Bukowski, denke ich, oder?</p>
<p>Das Buch vor mir ist eine Sammlung mit Charles Bukowski-Gedichten von Kiepenheuer &#038; Witsch, gerade erschienen mit dem provokant vermessenen Titel <em>Ende der Durchsage</em>. Vermessen ist der Titel zum einen, weil der Einfluss dieses Autors, der von der Literaturgeschichte immer noch weitestgehend links liegen gelassen wird und den Adam Kirsch im New Yorker als »the man who occupies the most shelf space of any American poet« ausmachte, auf unsere Gegenwart kaum absehbar bleibt. Zum anderen kann <em>Ende der Durchsage</em> als Auswahl von Gedichten, die selbst auf drei Auswahlbände zurückgreift, wenn schon keinerlei Anspruch auf ein vollständiges, so doch zumindest auch nicht auf ein abschließendes Bild der Lyrik Bukowskis erheben. Sicherlich ist das alles impliziert und ironisch, aber die Probleme bleiben. Der Band reiht sich mit diesem Verfahren einer ›Auswahl aus der Auswahl aus der Auswahl‹ ein in die Masse von Bukowski-Publikationen, Sammlungen, Re-Publikationen, Sammlungen von Sammlungen usw.</p>
<p>Allein in Amerika bringt es »Buk« damit auf über 60 Bücher mit Gedichten. Und auch in Deutschland scheint es fast 20 Jahre nach seinem Tod kein Verlag ernsthaft mit einer systematischen Erfassung seiner Produktionswut aufnehmen zu wollen. Daran ändert auch KiWi’s »Querschnitt durch die Lyrik Charles Bukowskis«, wie es im Klappentext heißt, nichts. Denn genauso liegen die Gedichte in dem 735 Seiten Paperbacklappen nach dem Lesen da: nicht bereit für weitere Bewegung. </p>
<p>Dabei ist die Auswahl ja gar nicht mal schlecht und gibt tatsächlich einen guten Überblick. Und auch den Übersetzungen, für die wie für die Selektion der großartige Carl Weissner verantwortlich ist, mag man keinerlei Kritik entgegenbringen. Weissner gehörte zu den Galionsfiguren des deutschen Underground und war einer der wichtigsten deutschen Übersetzer, der Kontakt hatte zu den amerikanischen Beat-Autoren, zu Burroughs, Ginsberg und Kerouac und auch zu dem, was danach kam: zu Bukowski.</p>
<p>Doch Underground sind diese Autoren schon lange nicht mehr. Sie werden gelesen, von großen Verlagen gedruckt und vor allem: Sie werden verkauft. Und nicht nur die Texte, sondern gerade das Image dieser Schriftstellergeneration geistert nach wie vor durch die endlosen Kanäle der Popkultur. Man braucht nur mal einen Blick nach links auf Showtimes Serienkracher <em>Californication</em> zu werfen. Deswegen kramt KiWi in seinen reichen Archiven, schlachtet die alten Bukowski-Bände aus und versucht nochmal ein paar Euro aus dem alten »Buk« herauszuquetschen. Immerhin schwimmt KiWi auf der Erfolgswelle dieses Veröffentlichungssturms schon seit Beginn mit und ist auch wesentlich dafür verantwortlich, dass Bukowski in Deutschland dermaßen ankommt. Wäre da nicht dieses beharrliche Ausweichen vor einer umfassenden Werkdarstellung.</p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Buch-Info"><h2><a href="#Buch-Info" name="advtab">Buch-Info</a></h2>
<div align="center"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/0256_Bülhoff_Bukowski_cover.jpg" " /><br />
Charles Bukowski<br />
<a href="http://www.kiwi-verlag.de/das-programm/einzeltitel/?isbn=978-3-462-04409-6" target="_blank"><strong>Ende der Durchsage</strong></a><br />
Kipenheuer &#038; Witsch: Köln 2012<br />
736 Seiten, 14,99 €</div>
<p> </div></div><br class="jwts_clr" />Von Anfang an wurden Bukowskis Gedichte in Deutschland allein in Auswahlen und einzelnen Bänden rezipiert. Der Grund dafür scheint, sieht man von der geradezu unheimlichen Produktionskraft Bukowskis ab, immerhin auch in seinen Texten selbst zu liegen. Das Zentrum seines Werkes, der Dreh- und Angelpunkt ist Henry Chinaski, Bukowskis Alter Ego: der saufende, fluchende, fickende down-and-out-Raufbold, der gern klassische Musik hört, Gedichte schreibt und zu Pferderennen geht. Mit ihm hat Bukowski einen Pulp-Helden geschaffen, der sich durch seine im weitesten Sinne autobiografischen Narrative mit dem wirklichen Bukowski überblendet. Eine Marketingblase, wenn man so will, oder ein Gesamtkunstwerk, mit dem auch Bukowski selbst nicht müde wurde zu kokettieren, wenn er z.B. auf Lesungen zur Belustigung des Publikums halbe Weinflaschen auf Ex hinunterstürzte. Und so kreisen seine Gedichte, Erzählungen und Romane beängstigend kohärent um das fiktionale Epizentrum Chinaski. Wie endlose Variationen auf die immergleichen Themen, wie ein viele tausend Seiten starker Comic mit einem sympathisch-abstoßenden Anti-Helden. </p>
<p>Diesen literarischen Kosmos in Auszügen darzustellen ist also ein gar nicht mal abwegiger Schritt – wenn die Tore nicht alle schon sperrangelweit offen stünden! Wenn es auf dem Buchrücken heißt: »die Lyrik Charles Bukowskis, vom jungen bis zum alten, Schnappschüsse aus seinem Leben«, dann arbeitet diese Auswahl an dem gleichen verklärenden Kult, der einen wesentlichen Teil von Bukowskis Erfolg ausmacht und der für viele, man möge nur einmal einen peripheren Streifzug durch einige der zahlreichen Bukowski-Foren wagen, immer noch ein wesentlicher Grund ist diesen Autor zu lesen. Sie wollen Chinaski, sie wollen Rourke und Action-Figuren von Crumb.</p>
<p>Der eigentliche Grund ist aber doch – und das vermag auch die beschränkteste Textauswahl zu zeigen – dass Bukowski einfach ein verdammt guter Schriftsteller war, der seine Texte mit großem Kalkül rhythmisierte, der Themen mit einer beinahe klassisch anmutenden Konzentration wiederholte, variierte und durchführte. Wer hinter die Coolness, die raue Komik und die abgedroschenen Phrasen blickt, sich durch die xte Schilderung eines Pferderennens oder des ersten nach einem harten Arbeitstag runtergestürzten Glases Alkohol liest, der erkennt, was hinter diesem formalen Exerzitium steckt. Da stehen die großen Themen mit ihrer ehrlichen, unmittelbaren Wahrheit: die Absurdität des Lebens, die Endgültigkeit des Todes, die Hoffnungslosigkeit der Liebe usw.</p>
<p>Es ist an der Zeit diesen Autor endlich auf den Thron zu setzen, auf den er gehört – und das auch mit einer angemessenen Ausgabe zu unterstreichen.</p>
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		<title>Der Natur auf der Spur</title>
		<link>http://www.litlog.de/der-natur-auf-der-spur/</link>
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		<pubDate>Thu, 06 Sep 2012 08:28:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lena Ozanik</dc:creator>
				<category><![CDATA[Misc.]]></category>
		<category><![CDATA[Brüder Grimm]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturtourismus]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Natur]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine literarische Wanderung durch den frühlingshaften Naturpark Münden.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der Naturpark Münden lud gemeinsam mit dem Schauspieler und Waldpädagogen Markus Bölling zur literarischen Wanderung »Vom Glück mit der Natur zu leben« ein. Inmitten der frühlingshaften Atmosphäre trug Bölling Gedichte und Geschichten bekannter Autoren sowie Texte aus eigener Feder vor.</strong></p>
<p><em>Von Lena Ozanik</em></p>
<p>Die Stimme des Erzählers im Einklang mit den Eindrücken des Waldes im Naturpark samt Vogelgesang, Laub rauschen in den Baumkronen, Mückentänzen und dem frischen Geruch nach Grün und Leben machten das Zuhören zu einer magischen Reise.</p>
<p>Los geht es auf einem Pfad umringt von Waldmeister hinein in den hellgrünen Wald. Der erste Halt ist bereits nach knappen 25 Metern, gefolgt von einer Begrüßung Herrn Böllings, der waldbezogene Umweltbildung sowie Schauspielerei betreibt und sich als »Reiseleiter« vorstellt. Anschließend spricht er über die menschliche Wahrnehmung, das Sehen von besonderen Orten, von Bäumen und dass kein »nein« in der Natur existiert, keine Ablehnung, stattdessen nur Positives und Schönes. Die Natur lädt uns Reisende also ein, sie zu erkunden. Um die 30 Personen zwischen 40 und 70 Jahren, teilweise im Wander-Outfit. Aber auch ein Herr in Anzug und schwarz polierten Lederschuhen lauscht den fröhlichen Texten, welche aber auch zum Nachdenken über das Verhältnis von Mensch und Natur anregen. Bölling schließt seinen ersten Vortrag mit den Worten: »Wir wollen in den Wald…!« und stapft gezielt tiefer ins Waldesinnere, gefolgt von gespannten Wanderern- oder sollte ich besser sagen (Litera-)Touristen?</p>
<address>Warum aus Elfen Elben wurden</address>
<p>Die zweite Station thematisiert Grimms Märchen und die Frage, warum aus Elben Elfen wurden. Bölling spricht über Wald- und Wassergeister, Feen, Feld- und Schutzgeister der Antike und andere mysteriöse, literarische Geschöpfe der Natur. Auf geht es nun in das neue Land, begleitet von der Frage, was wohl am Ende der Reise auf uns wartet. »Wird alles sein wie vorher, oder anders? &#8211; Wird es eine Veränderung im Bewusstsein der Wanderer geben?« fragt sich unser Reiseleiter. Er macht die Gruppe darauf aufmerksam, »dass das Tor in das Unbekannte in einem ist«. Wir sollen versuchen zu »spüren, wo wir uns psychisch, nicht physisch befinden«. Die Natur anschließend »begrüßen und durch das Tor, in das Land der Fülle schreiten«. An dieser Stelle spricht Bölling die für mich interessantesten Worte der Wanderung: »Schatten und Dämonen sind deine eigenen, finde sie und lerne sie zu reiten! « Die Vorstellung, dass ein Mensch sich nur selbst im Wege stehen kann und durch die Erkenntnis der eigenen Ängste oder Schwächen lernen kann diese zu nutzen, um alles Erwünschte zu erreichen, finde ich äußerst inspirierend.</p>
<address>Erinnerungen einer Ameise</address>
<p>Der dritte Aufenthalt ist Toon Tellegens Kinderbuch <em>Eichhorn und Ameise feiern Geburtstag</em> gewidmet. Während Bölling aus dem Buch vorliest, regnen Blüten auf die Wanderer, die auf dem trockenen Laub dem Geräusch echter Regentropfen gleichen. Die Geschichte handelt von einer Ameise, welche schöne Erinnerungen an Geburtstage in einer Schachtel aufbewahrt. Eines Nachts entweicht eine Erinnerung und fliegt durch das Schlafzimmer, wobei sie ihren Inhalt über die schlafende Ameise ergießt, bis sie wieder zurück in die Schachtel gleitet. Die fantastische Kindergeschichte passt zu der Atmosphäre inmitten des Blütenregens &#8211; ein netter Zufall. Bei weiterhin heiterer Stimmung in der Gruppe geht es weiter durch den Wald.</p>
<address>Die Kraft der Bäume</address>
<p>Die vierte Rast wird zu Ehren der Kurzgeschichte <em>Der Mann der Bäume pflanzte</em> eingelegt. Der französische Autor Jean Giono berichtet darin über einen Schäfer, der mit großer Mühe versucht einen kahlen Berghang in der Provence wieder zu bepflanzen. Die Geschichte wird aus der Sicht eines Mannes erzählt, welcher vor dem ersten Weltkrieg durch die französischen Alpen wandert und dort auf den Schäfer trifft, der über zehntausende Eichen und Buchen anpflanzt. Die Vögel singen, ein leichter Wind weht, die Zuhörer haben es sich auf Baumstämmen bequem gemacht (auch der Herr im Anzug) und lauschen der Geschichte.</p>
<p>Der fünfte Halt ist eine Fortsetzung von <em>Der Mann der Bäume pflanzte</em>. Neben der Wandergruppe grasen Pferde auf einer weitläufigen Weide und die Sonnenstrahlen, welche sich durch die Baumwipfel kämpfen, verströmen trotz der frühen Jahreszeit eine angenehme Wärme. Am Ende der inspirierenden Kurzgeschichte appelliert Bölling an die Wanderer auch Bäume zu pflanzen, um frische Luft und Leben zu schenken. Nun macht sich die Reisegruppe wieder auf den Rückweg.</p>
<address>Herr Wald und Frau Wasser</address>
<p>Die sechste und letzte Sation schließt die Wanderung mit einem lyrischen Text Böllings selbst, das Gedicht von <em>Herrn Wald und Frau Wasser</em>. Es umschreibt mit harmonischen Worten das Gedeihen und Vergehen des Waldes, sein Leben und Treiben. Die Protagonisten sind der Wald und seine Geliebte: »Frau Wasser ist mein Name, bin der Ursprung allen Seins, Tränen, Tropfen auf den heißen Stein…«. Bölling spricht von Symbiose, von dem Zusammenhang aller Dinge und davon, dass Mensch und Natur &#8211; genau wie Frau und Mann sich brauchen.</p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Zum Projekt"><h2><a href="#Zum Projekt" name="advtab">Zum Projekt</a></h2></p>
<div>Mehr als zwischen zwei Buchdeckel passt? In ihrer Artikel-Serie ergründet Lena Ozanik, wie sich fiktive Geschichten ihren Weg in die Realität bahnen. Dem Phänomen Literaturtourismus begegnet sie mit <a href=""http://www.litlog.de/von-petrarca-zu-potter/"" target="_blank"><strong>historischer Weitsicht</strong></a>, als teilnehmende Beobachterin und als »Literatouren-Expertin« vor Ort in Göttingen</div>
<p></div></div><br class="jwts_clr" />Die Abschlussworte findet Bölling mit Hilfe von Erich Kästner und Antoine de Saint-Exupérys Sehnsucht nach dem Meer. Nach zwei Stunden endet damit die Literarische Wanderung im Herzen des Naturparks Münden, doch keineswegs die literarische Reise der Wandernden an sich. Bei Gedichten von Heinrich Heine und gemütlichem Beisammensein im traumhaften Garten des Landhauses Dorotheenhof in Mollenfelde werden anschließend frisch gebackene Bärlauch-Pizza sowie Wein und Erfrischungsgetränken gereicht, um die Wandernden zu stärken. Nachdem die Stimme unseres Tour-Guides zum letzten Mal an diesem Tage verklingt, hängt jeder der Reisenden seinen Gedanken nach oder tauscht Erfahrungen und Eindrücke mit dem Nachbarn aus.</p>
<address>Die Natur als Geschenk</address>
<p>Ist nach der Reise nun alles wie vorher oder doch anders? Haben die Kraft der Natur und der Literatur das Bewusstsein der Wanderer verändert? Mit Sicherheit haben sie die Herzen der Zuhörer geöffnet und diese mit Wärme und Schönheit versorgt, vielleicht sogar bleibende Spuren hinterlassen. »Die Zeit und die Natur sind Geschenke, die unser Leben verändern« hatte Bölling zum Abschied gesagt. Diese Worte schienen mir sehr passend, angesichts der Hektik der modernen Welt, in der wir uns heute bewegen. Einmal rasten, den Lärm und Stress des Alltags ausblenden und für einen Moment der Ruhe und mit Unterstützung von schöner Literatur im Grünen durchatmen. </p>
<p>Warum nun aus Elfen Elben wurden, habe ich nach anschließender Recherche doch noch heraus gefunden: Verantwortlich ist die Erste Lautverschiebung, durch welche das »f« zu »b« wurde. Elfen und Elben sind demnach dieselben Wesen; jedoch hat sich die ursprüngliche Bezeichnung eher durchgesetzt. Einige Literaten, wie zum Beispiel J.R.R. Tolkien, nutzen aber den neueren Begriff.</p>
<p>Abschließend ist zu sagen, dass mir der Bezug von den ausgewählten Textstellen zu der Umgebung etwas gefehlt hat. Die Orte, an denen Literatur vorgetragen wurde, waren nicht auf den Inhalt abgestimmt. Eine klarere Verbindung zwischen Natur und Literatur hätte ich schön gefunden. Eine literarische Wanderung durch die Pracht der Natur kann ich dennoch empfehlen. Durch die Reise ist es möglich nicht nur die Texte sowie die Landschaft näher kennenzulernen, sondern vielleicht sogar ein Stück von sich selbst. Wer weiß, eventuell ist nach einer solchen Wanderung ja alles ein bisschen anders? Und wenn nicht, so hat man dennoch etwas dazugelernt &#8211; oder wie ich, seine Mediävistik-Kenntnisse aufgefrischt!</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Poesie als Lebensform</title>
		<link>http://www.litlog.de/poesie-als-lebensform/</link>
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		<pubDate>Thu, 26 Jul 2012 14:17:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nikola Christine Müller</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literarisches Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Daniela Seel]]></category>
		<category><![CDATA[Der Phosphoreszierende Tiger]]></category>
		<category><![CDATA[kookbooks]]></category>
		<category><![CDATA[Lesung]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>

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		<description><![CDATA[»Weißt du noch, was für ein wunderbarer Ausdruck, oder!?«]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>»Vorlesung, bitte nicht stören!« prangte ein handbeschriebenes Blatt Papier am Türrahmen des <a href="http://www.dollar-club.de/">Sechs Millionen Dollar Clubs</a>, in dem die Lyrikerin und Verlegerin Daniela Seel am 07. Juli aus ihrem Gedichtband <em>ich kann diese stelle nicht wiederfinden</em> las. Und dieser unfreiwillige Bezug zum akademischen Betrieb passte in unterschiedlicher Hinsicht bestens zum Programm. </strong></p>
<p><em>Von Nikola Christine Müller</em></p>
<p>Organisiert wurde die Veranstaltung von dem ominös auftretenden <em>dptkollektiv</em>, vagen Informationen nach ein Zusammenschluss junger Leute, die sich aus Göttinger Studienzeiten kennen. Gut 20 Zuhörer, beinahe ausschließlich aus studentischem Umfeld, haben es sich in den Couch-Ecken der Kneipe gemütlich gemacht, warmes Licht, rote Samttapeten. Seel sitzt dabei, mit Oversize-Jacket, Hut und silbernen Stiefeln, tauscht sich mit einer Gruppe Studierender aus, für die sie das Wochenende über einen Workshop an der Uni gegeben hat. <a href="http://www.litlog.de/was-mit-literatur-machen/">Berufsperspektiven im Literaturbetrieb</a> war das Thema – und genau dieses Feld scheint Seel in gewisser Weise zum Mittelpunkt ihres Schaffens erhoben zu haben. Sie ist sich dabei der vermeintlich schwierigen Zweiteilung ihres Wirkens sehr bewusst: »Poesie als Lebensform« lautet das Motto des Literaturverlages <a href="http://www.kookbooks.de/">kookbooks</a>, den Seel 2003 zusammen mit dem Graphiker Andreas Toepfer gründete. </p>
<p>»Gegenwartslyrik, bitte, da ist ja echt kein Blumentopf zu holen«, leitet sie hier ihre Lesung ein. Seel ist trotzdem eine Inkarnation der gelungenen Verquickung von Künstlertum und Kulturarbeit, in beiden Bereichen mehrfach ausgezeichnet, eine Eier legende Wollmilchsau: Sie kennt beide Seiten bestens und scheint sich auch beiderseits beheimatet zu fühlen. Ihr Gedichtband fasst das schön zusammen, erschien er in einem weiteren Sinne self-published bei kookbooks, nach Dennis Scheck die »feinste Adresse für deutsche Dichter«. </p>
<p>An die klassische Idee eines festen Berufsbildes glaubt Seel nicht, dafür aber umso mehr an die Notwendigkeit, das zu tun, wozu man sich berufen fühlt; dabei wird an dieser Stelle dann doch auch klar, wie besonders schwer es bei aller Liebe ist, heute gerade mit Lyrik sein täglich Brot verdienen zu wollen: die Anmoderation durch das dptkollektiv endet so auch mit der – durchaus erfolgreichen – Bitte an die Gäste, Seels Buch vor Ort zu kaufen, »damit sich das hier richtig lohnt!«.</p>
<address>Des Wortes Klang als Bestandteil der Kunst</address>
<p>Und dann liest sie: aus ihrem ersten Lyrikband und neuere Texte, ohne jegliche Stolperer, mit Gedanken verloren-träumerischer Vorlesestimme, häufig fragend, immer pointiert, dabei stets weiter drängend, in einer rasanten Geschwindigkeit, die augenblicklich den Wunsch erweckt, die Texte weitere Male zu lesen, sie in Ruhe erneut nachzuvollziehen. Den Hauch und das harte Anlauten der Konsonanten hat sie für ihre Texte perfektioniert – häufig hat Seel in Interviews verlauten lassen, wie wichtig für sie auch der Klang des genutzten Begriffs ist und somit konstatiert, dass die Lesung der Gedichte integrativer Bestandteil ihrer Kunst ist.</p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Bio"><h2><a href="#Bio" name="advtab">Bio</a></h2><strong>Daniela Seel</strong> wurde 1974 in Frankfurt am Main geboren. Sie arbeitet u.a. als Lyrikerin, Übersetzerin und Verlegerin; 2003 gründete sie zusammen mit Andreas Töpfer den Independent-Verlag <a href="http://kookbooks.de/">kookbooks</a>. Der Schwerpunkt des Verlagsprogramms liegt auf zeitgenössischer Lyrik und Prosa. Daniela Seels erster Gedichtband <em>ich kann diese stelle nicht wiederfinden</em> erschien 2011 bei kookbooks.</div><div class="jwts_tabbertab" title="zum Buch"><h2><a href="#zum Buch">zum Buch</a></h2>
<div align="center"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/ichkanndiesestelle.jpg" alt=" " /><br />
Daniela Seel<br />
<a href="http://www.kookbooks.de/buecher.php#a-9783937445465" target="_blank"><strong>ich kann diese stelle nicht wieder finden</strong></a><br />
kookbooks, Idstein: 2011,<br />
17,90 Euro</div>
<p></div></div><br class="jwts_clr" /> Es stehen Sätze, auch wörtliche Rede, deren Sprecher die Autorin zum Teil mit eigenen Stimmen interpretiert, neben assoziativen Stichworten, Einsprengseln, englischen Phrasen. Nichts scheint hier kürzbar oder überflüssig, jedes Gedicht ist bis auf den nötigen Kern komprimiert. Seels Wortwahl ist es, die den Gedichten Charakter gibt, sie scheint die Wörter aus der Tiefe der Besucher herauszufischen, als wolle sie sagen »Weißt du noch, was für ein wunderbarer Ausdruck, oder!?« und um sie dann in prägnanten Zusammenstellungen funkeln zu lassen: von »Spleißen« ist zu hören, von »Grind« und »Opakem«. Durch diese Überraschungsmomente, durch ihre Neubelebung mögen die Ausdrücke im ersten Moment manchmal etwas künstlich wirken, aber nie beliebig, es ziehen sich viele rote Fäden ringsum, es «hängt überall Garn dran«, in den einzelnen Texten wie im Gesamteinblick in das Werk, den sie hier gibt. Die Zuhörenden können sich orientieren in ihren persönlichen Assoziationsräumen, sich an immer wieder auftauchenden Motiven entlanghangeln, wie an einem Geländer. </p>
<address>Taschengeländer und andere Gedankenkonstrukte</address>
<p>Ein Geländer, das man in der Tasche mit sich tragen kann, das wünscht sich Seel, und Gedichte könnten diese Funktion übernehmen, Orientierung und Begleitung geben. Das führt sie innerhalb der Lesung in ihrem Essay <em>Gedichte lesen</em>, ihrer gattungstheoretischen Selbsterklärung, aus. Die beinhaltet viele Fragen, stellt die These eines »Erzählen ohne eigentlich zu erzählen« als eigene Qualität der Lyrik auf, das einen »Zusammenhang über die Sprache hinaus« erlaube – ein Phänomen, das Seel in der Prosa vergeblich sucht. Gedichte seien »Gewebe mit gleitenden Bezügen«, die den Rezipienten zum Mitwirken geradezu zwängen, um einen neuen Blick auf Alltägliches zu ermöglichen, über Sprache Erkenntnis zu stiften. Die höchst subjektive Abstraktion, die Dichtung bietet, wird in Seels Poesie, häufig ohne Nennung eines Ich paradebeispielhaft ausgestellt, und so zum Ausgangspunkt für ein eigenes Gefühls- und Gedankenkonstrukt. </p>
<p>Wichtigstes inhaltliches Element der Lyrik Seels sind der, meist menschliche, Körper und seine Präsenz und Konstituierung im Raum. Die Dichterin baut starke sinnliche Wahrnehmungen einer bildreichen Stofflichkeit auf, die den Zuhörern ein intensives eigenes Erleben ermöglichen, von einer Empfindung, die dabei doch »nirgendwo mehr existiert als hier im Gedicht«. Im Mittelpunkt stehen das Sehen einerseits und das Fühlen von Stoffen und Material in einem räumlichen Zustand andererseits, »wo licht uns umschließt/wie kleidung, die uns erst wirklich macht./ nein, streichen sie das. licht umfließt//körper nicht. sie stoßen es ab«. </p>
<p>Die Kleidung spielt dabei eine große Rolle, zeugt von Intimität oder Distanz; Seel beginnt die Lesung mit den Versen »ich habe mir ihren körper dann einfach/ umgebunden wie eine schürze«, die auch den Buchrücken des Gedichtbandes schmücken, in Textform und von Toepfer illustrativ interpretiert. Diese Beziehung von Körperlichem ist es, die Seel auch in ihrer Sprache, dem Verhalten der Wörter zueinander zum Ausdruck bringt, in »abstoßung. kippeln. tasten. kontakt.«. An mehreren Texten werden diese Verbindungen zwischen inhaltlicher und stilistischer Ebene metatheoretisch deutlich, so »wenn der raum des gedichts kein auge hat,/ das auf ein außen sieht, nur bewegung// im körper des autors, welcher der leser ist« – in diesen Versen wird schließlich auch wieder der dritter Bereich der Kommunikation zwischen Subjekten reflektiert, den Seel so beeindruckend beherrscht: den zwischen Autorin, Text und Leser. Der Kreis schließt sich, so wie der Abend rund war. </p>
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		</item>
		<item>
		<title>»freisetzung des ich insz offne«</title>
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		<pubDate>Thu, 12 Jul 2012 08:33:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anna Ertel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Brecht]]></category>
		<category><![CDATA[Fixpoetry]]></category>
		<category><![CDATA[Gegenwartsliteratur]]></category>
		<category><![CDATA[Goethe]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Natur]]></category>

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		<description><![CDATA[Susanne Eules’ Lyrik-Debüt <em>ůbern růckn des atlantiks den rand des nachmittags</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Susanne Eules ist eine Wanderin zwischen den Welten. 1960 in Miltenberg am Main geboren, lebt die promovierte Kunsthistorikerin und Volkskundlerin seit vielen Jahren in DeLand, Florida, nur die Sommermonate verbringt sie regelmäßig in ihrer alten Heimat. Ihrem lyrischen Debüt <em>ůbern růckn des atlantiks den rand des nachmittags</em>, das kürzlich im Hamburger Verlag <em>Fixpoetry</em> erschienen ist, sind diese Reisewege und Wechselspuren eingeschrieben – inhaltlich-thematisch ebenso wie formal. </strong></p>
<p><em>Von Anna Ertel</em></p>
<p>Auffällig sind zunächst Orthographie und Notationsweise. Anstelle der deutschen Umlaute finden sich diakritische Zeichen, wie sie vor allem aus den skandinavischen Sprachen bekannt sind – Schrägstrich (ø) und Kreisakzent (å, ů) –, hinzu kommen das seltenere Trema (schneÿn, wÿndt spÿl) und andere altertümelnde Schreibweisen (ewigk, auff), darunter auch die an Friederike Mayröcker erinnernde Schreibweise sz (wasz, weisz). Und zu Mayröcker, deren sprachexperimentelle Lyrik auch für andere Gegenwartslyrikerinnen und -lyriker stilbildend geworden ist, gesellen sich weitere Stimmen und Figuren aus der Literaturgeschichte, darunter Goethe, Hölderlin und Brecht als Vertreter einer männlichen, Emily Dickinson und Sylvia Plath als Vertreterinnen einer weiblichen Linie.</p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Buch-Info"><h2><a href="#Buch-Info" name="advtab">Buch-Info</a></h2>
<div align="center"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/0238-Ertel-Eules-Cover.jpg" alt=" " /><br />
Susanne Eules<br />
<a href="http://www.fixpoetry.com/autoren/susanne_eules.html" target="_blank"><strong>ůbern růckn des atlantiks den rand des nachmittags.</strong></a><br />
Gedichte.<br />
Artwork: Korinna Feierabend<br />
98 Seiten, 15€</div>
<p> </div></div><br class="jwts_clr" />Vor der Auseinandersetzung mit der literarischen Tradition steht jedoch die Auseinandersetzung mit dem Anderen in Gestalt eines (fremden) Sprach-, Natur- und Kulturraums. Die Verse »allesz außzerm inszistierenden himmel / iszt ne fremdtsprache« sind programmatisch. Die Muttersprache, Deutsch, wird in Susanne Eules’ Gedichten nicht nur von englischen und anderen fremdsprachigen Versatzstücken unterwandert, sondern durch die ungewöhnliche Notation scheinbar selbst zur Fremdsprache. Zu den Verfremdungstechniken gehört auch die Fragmentierung von Wörtern, die sich nicht an Silbengrenzen orientiert, sondern einer semantisch begründeten Eigenlogik folgt und mit Klangähnlichkeiten spielt. Erlaubt ist, was assoziativ zündet. Der amerikanische Traum verwandelt sich auf diese Weise in »a.merry.can dream«, der »atl.antik« fördert Antikes zutage, und im Schreiben wird nicht nur der Schrei, sondern auch die Reibung, das Sich-Reiben am Text, an den Worten, die Reibung der Worte aneinander, erkennbar. Das Freilegen der unter den Wortoberflächen liegenden Bedeutungen durch Isolierung von Lautfolgen und Semen ist dabei keineswegs beliebig (oder bloße Spielerei – das auch!), sondern trägt mitunter wesentlich zur Gedichtaussage bei: In dem Gedicht »sesenheimer idylle« etwa werden die Lautfolge »er« und das damit assoziierte Personalpronomen konsequent isoliert, so dass die Verse um den scheinbar omnipräsenten Stürmer und Dränger Goethe kreisen, dessen Angebetete (Friederike Brion) hingegen dem Vergessen anheimzufallen beginnt: »d.er name d.er p.er.le in d.er kette / sein.er f.raun wird spåt.er ihm entfalln sein«. </p>
<p>Über Sinn und Zweck solcher Techniken und anderer Verfremdungselemente, die zum artifiziellen Charakter der Texte beitragen, lässt sich im Einzelfall wohl streiten. Manchem mag es zu viel des Guten sein, zu nah an der ‚Masche‘. Dabei ist es aber vor allem eins: ein genaues Hinsehen und Hinweisen auf Sprache. Und dieser Blick ist durch Zweisprachigkeit geschult, ja geschärft; das Andere und Fremde wird im Eigenen und Bekannten stets mitgedacht. </p>
<p>Die leitmotivische Fremdheit geht nicht nur von der Sprache aus, sondern immer wieder auch von Landschaften. Im ersten, mit dem Zitat »there was simply the other world’s arrival into my world« überschriebenen Teil der Sammlung sind dies vor allem amerikanische Landschaften, im zweiten Teil tauchen dann mit Schloss Bürgeln (im baden-württembergischen Schliengen), Freiburg, Staufen, Schauinsland, Rastatt (»raschdad«) oder Cleversulzbach Orte aus der alten Heimat auf. Die Wahrnehmung von Natur und Umwelt orientiert sich dabei hier wie dort überwiegend an den jahreszeitlichen Veränderungen von Fauna, Flora und Klima; im zweiten, dem Heimatraum gewidmeten Teil der Sammlung durchlaufen die Gedichte vom Sommer über Herbst und Winter nahezu einen gesamten Jahreszeitenzyklus. Den unterschiedlichen Wettern und Klimata, denen das Ich auf mehr oder weniger dramatische Weise (»szonnentyranneÿ«) ausgesetzt ist, sind auch eine Reihe von Gedichttiteln gewidmet – z.B. „wetterbåugn“, „wÿndt spÿl“, „eÿszeÿt“.</p>
<p>Immer wieder gerät auch die Frage nach der Lesbarkeit von Natur in den Blick – und wird unterschiedlich beantwortet: »die landtschaft wird fremdt &#038; frembder, selbst / die flugschrift der kråhn bleÿbt unsz vorbehaltn«, heißt es einmal; an anderer Stelle ist von der Lesbarkeit der »schneehaut« die Rede. Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Winter, er ist mit seiner Reduktion der Welt auf Strukturen, seiner Tendenz zur Abstraktion, der Reflexion besonders zuträglich. Bei Eules bezieht sich der Reflexionsprozess auf das Schreiben selbst; die Zeichenhaftigkeit der Natur wird mit dem Lesen und Schreiben enggeführt: »ist es die schneehaut / die die weiße flåche // des papiers evoziert / oder das lesen der borke«. Die weiße Winterlandschaft setzt dabei auch einen Prozess der Reinigung in Gang, der an Celans Chiffre vom ‚Atemkristall‘ erinnern mag: »ůber der leerstelle / setzt die wahrheit des schneefalls ein«. </p>
<p>Im Kontext der abstrahierenden Winterlandschaft erwähnenswert sind auch die in den Band integrierten Graphiken von Korinna Feierabend, die den Texten nicht einfach neben- oder untergeordnet sind, sondern ein abstraktes Echo der in den Gedichten evozierten Landschaften und Strukturen abbilden. Die Struktur von Wasser, Gestein, Moos usw. aufnehmend, wuchern die Gebilde teilweise in die Texte hinein, sie umrahmen, spiegeln und ergänzen sie.<br />
Während die dritte, mit »yest.er.day : the unending incomplete« überschriebene Sektion des Bandes eine Reihe von ‚Künstlergedichten‘ versammelt – u.a. zu Goethe und Christiane Vulpius, zu den Malerinnen Paula Modersohn-Becker und Frieda Kahlo und zu den Schriftstellerinnen Emily Dickinson, Sylvia Plath und Friederike Mayröcker –, schließt sich mit der vierten und letzten Sektion der thematische Kreis. Das Gedicht »de.parture« thematisiert den Abschied von der alten Heimat (der neuen Fremde) und die Rückkehr in die neue Heimat (die alte Fremde) und findet dabei ein treffendes Bild für die Doppelperspektive des lyrischen Ich: »mein / vogelaug : zwei ufer n ozean // &#038; der flugschreiber seegelherz« – besser kann man das Schreiben in und zwischen und über zwei Welten, wie es Susanne Eules praktiziert, nicht zusammenfassen. </p>
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		<title>Unzensiert lektoriert</title>
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		<pubDate>Mon, 02 Jul 2012 10:51:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alena Diedrich</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literarisches Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Misc.]]></category>
		<category><![CDATA[Lesebühne]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Paderborn]]></category>
		<category><![CDATA[Poetry Slam]]></category>
		<category><![CDATA[Verlag]]></category>

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		<description><![CDATA[Geslammte Texte klug verlegt im Paderborner <em>Lektora</em>-Verlag. Ein Porträt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Poetry Slams und Lesebühnen boomen. Steht dieses Konzept mit Eventcharakter im Widerspruch zum tradierten Literaturbegriff eines sprachlich fixierten Textes &#8211; gesetzt, gedruckt, gebunden? Der Paderborner Verlag <em>Lektora</em> zeigt, wie man geslammte Texte zugänglich macht, ohne den Lektorenrotstift anzusetzen.</strong></p>
<p><em>Von Alena Diedrich</em></p>
<p>Das deutsche Lehnwort ,Lektor‘ – von lat. lector also ‚Leser‘ – bezeichnet heute eine berufliche Position innerhalb eines Verlages, auf die bei der Auswahl und Bearbeitung von Texten kaum verzichtet werden kann. Ein hinreichender Grund dafür, gleich einen ganzen Verlag nach diesem Terminus zu benennen. Doch der Paderborner Lektora-Verlag hat bei der Namenswahl sicherlich noch weiter gedacht: Denn lector heißt darüber hinaus auch ,Vorleser‘ – eine praktische zweite Wortbedeutung für einen Verlag, der sich auf die Herausgabe von Slam-Poetry und -Prosa sowie von Lesebühnentexten spezialisiert hat.</p>
<p>Seit 2001 gibt es den Verlag »aus der Szene für die Szene«, seit 2009 existiert <em>Lektora</em> als GmbH. Er beherbergt drei festangestellte Mitarbeiter, einen Volontär und eine Handvoll Praktikanten. Im Unterschied zu anderen Verlagen, wie etwa <em>Periplaneta</em> in Berlin, die neben anderem ebenfalls Slam-Texte verlegen, ist <em>Lektora</em> bisher ein reiner Slam-Verlag, der darauf setzt, die Spoken-Word-Performance quasi als authentisches Dokument auch in gedruckter Form zu erhalten. Dies heißt, dass die Texte für den Druck nicht verändert, sondern in ihrer Vortragsform belassen werden.</p>
<p>Der wirtschaftlichen Situation einerseits und der gut vernetzten Slammer-Szene andererseits ist es vermutlich zu verdanken, dass <em>Lektora</em> allerdings nicht nur Verlag ist, sondern seine Fühler auch in andere Ressorts ausstrecken kann. So hat sich neben dem Verlag mit einer Veranstaltungsagentur, die den Verlag seit seinen ersten Tagen begleitet, ein zweites Standbein etabliert. Das ,Projekt <em>Lektora</em>‘ versteht sich auch als Event- und Schulungsagentur: Die Mitarbeiter und Autoren des Verlages bieten Fortbildungen und Workshops zum Thema Slam-Poetry an. Häufig unterstützt werden sie dabei von der Kulturförderung, denn die Slam-Szene zieht seit ihrem Boom in den 1990er Jahren – in den USA bereits seit der Mitte der 80er Jahre – ihre Kreise auch in Schulen, d.h. auf Lehrplänen und bei Lehrerfortbildungen.</p>
<p>Der größte Zweig dieser <em>Lektora</em>-Abteilung liegt zweifellos in der Organisation der ortsansässigen Poetry Slams, wie z.B. dem Paderborner „Kult Slam“ und dem dortigen Science Slam oder – auch überregional – des NRW-Slams und der Westfälischen Meisterschaften, dieses Jahr erstmalig auch mit einer U20-Abteilung für den jüngeren Slammer-Nachwuchs.<sup class='footnote'><a href='#fn-9733-1' id='fnref-9733-1'>1</a></sup></p>
<p>Längst haben sich die Poetry-Slams aus der ,Subkultur‘ heraus zum angesehenen Event gemausert. Das Publikum besteht meist aus Akademikern und Schülern, also einem geübten Lesepublikum, das durchaus literarische Qualität erwartet. Dabei haben sich bestimmte Slam-Genres etabliert: Kurzgeschichten, Miniaturen, literarische Portraits – und Lyrik natürlich, die meist dem Sprachgesang angenähert, häufig in gebundener, sangbarer Sprache also einer oralen Tradition folgt. Dabei gilt nicht immer, dass die geistreichste und witzigste Pointe gewinnt, auch ernsthafte und eher melancholische Texte werden vom Publikum gerecht mit Punkten belohnt.</p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Info"><h2><a href="#Info" name="advtab">Info</a></h2>
<div align="center"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/0226-Diedrich-Lektora-box.jpg" alt="lektora-box" /<</p>
<div>Weitere Informationen zum Verlag, zu seinen Autoren und zu den Veranstaltungen gibt es bei<br />
<a href="http://www.lektora.de/">Lektora</a> und <a href="http://www.kultslam.de/ ">Kultslam</a>.</div>
</div>
<p></div></div><br class="jwts_clr" />Doch es ist nicht nur der Inhalt, der die Slam-Texte trägt, sondern vor allem ihre Form, der Rhythmus, bzw. das Zusammenspiel aus beidem: Der Slam-Text funktioniert als ein Klangkörper, weswegen zu ihm unweigerlich auch der Vortrag gehört – und mehr noch die charismatische Persönlichkeit und die Originalität des Vortragenden. Ist es überhaupt möglich, das zwischen zwei Buchdeckeln einzufangen? Immerhin besser im Buch als auf CD oder Video, so zeigt <em>Lektoras</em> Verlagserfahrung. Und auch im ,Kombipack‘ aus Buch und CD, ist es wohl nicht die CD, die zum Kauf verleitet. Das Live-Erlebnis ist nicht reproduzierbar; die Performanz verliert durch die konservierenden Medien. Der Slam lebt von der Singularität des Vortrags-Ereignisses, so Karsten Strack, Eigner des Verlages. So entstammen die Käufer meist dem Publikum der Slams, die beim Nach-Lesen den Vortrag noch im Ohr haben und das Live-Erlebnis für sich selbst aktualisieren möchten.</p>
<p>Zu den für lyrische Texte vergleichsweise hohen Verkaufszahlen kommt es daher, dass die Slammer durch ihre Auftritte für sich selbst die Werbetrommel rühren: Auf 150 Slams im Jahr, weiteren Lesebühnen-Veranstaltungen und Solo-Lesungen beweisen sie eine extrem hohe Bühnenpräsenz und bieten ihre Texte bundesweit vor einem für Dichterlesungen riesigen Publikum dar: Bei den Deutschen Meisterschaften 2011 in Hamburg lasen die Teilnehmenden vor ca. 4.000 Zuschauern. Herausragende Slammer verkaufen daher wesentlich mehr Bücher im Jahr als der durchschnittliche Lyriker: Patrik Salmen, Sieger der Deutschen Poetry-Slam-Meisterschaften im Jahr 2010, verkaufte sein Debüt Distanzen allein im 4. Quartal 2011 über 1.000 mal und ging daraufhin in die zweite Auflage.</p>
<p>Slam-Texte sind ernst, sensibel, emotional, humor- und energievoll. Sie zeigen eine breite Palette an Ideen und Stilen. Dies spiegelt sich in <em>Lektoras</em> Verlagsprogramm: Mit gut 30 aktiven Autoren hat der Verlag einiges an Abwechslung vorzuweisen, so z.B: den schon genannten Deutschen Slam-Meister 2011, Patrik Salmen, Micha-el Goehre, der seit 2002 auf Lesebühnen und bei Slams aktiv ist, oder Tilman Döring, der zweimal Halbfinalist der deutschen Meisterschaften war und im Finale der U20-Meisterschaften stand.</p>
<address>Patrik Salmen: Distanzen und Tabakblätter und Fallschrimspringer</address>
<p>Patrik Salmen schreibt Prosa und Lyrik über Helden und Alltagshelden, verfasst »Stadtrandnotizen« über die Profanität des Alltags, erzählt von »gewöhnliche[n] Biere[n] an gewöhnlichen Orten« und von der Abwesenheit von Metaphern: »Männer in Kneipen sind Männer in Kneipen«. Dennoch sind seine Texte voll von Erzählungen über das Erzählen, über den Verlust von Träumen &#8211; »Man verliert die Dinge. Einfach so.« – und die Bedeutung von Worten – etwa dem Unterschied zwischen einer Gießkanne und dem Wort ,Gießkanne‘ oder eben der Vorstellung oder Erzählung von ihr: »Gießkannen sind grün. Grün sind sie. Blau sind sie selten.« – Doch schneller als man denkt, verwandelt sich Melancholie in Erzählung: »Gerne hätte ich dir schon damals zum Abschied eine Gießkanne geschenkt. Hier hast du sie. Ich hab dir eine geschrieben. Der Lack blättert schon etwas. Sie ist grün.«</p>
<p>Patrik Salmens Texte sind kaum einfache Kurzgeschichten sondern vielmehr Wahrnehmungs- und Stimmungs-Miniaturen, Momentbeobachtungen und verschriftlichte Bild-Emotionen, in denen  die Welt zur Textur wird: »Und Worte tropfen wie Regen herab. Die Buchstaben prasseln auf dich nieder, peitschen durch dein Gesicht und dein Blick geht zu Boden auf Bordsteintexturen.« Doch »das Leben ist wie ein beschriebenes Blatt Papier« und was hier noch schwer wiegt und niederdrückt, kann mit Leichtigkeit auch in Worte aufgelöst, zersetzt und so überwunden werden: »Du greifst zum Stift und notierst. Distanz ist manchmal nur ein Sprung in der Zeile.«</p>
<address>Micha-el Goehre: Wenn das Leben eine Party ist, sucht mich in der Küche,</address>
<p>denn »[m]eist sind [dort] neben gut gekühlten alkoholischen Getränken auch kaum verschimmelte Lebensmittel vorhanden«. In der Gerüchteküche, wo »Hektik und Wasserkocher Chefkoch spielen« brodeln zwischen Anekdotenherd »und Kühlschrank die schönsten Geschichten«. Wenn Micha-el Goehres Ich-Erzähler frei aus seinem Leben plaudert, kann es schonmal vorkommen, dass er morgens nach einer Party im Bett verkatert neben Michail Gorbatschow aufwacht, in einen Zeitreise-Regress gerät, frei nach E.A. Poe Selbstversuche im Lebendig-Begraben-Sein unternimmt oder als Robinson des 20. Jahrhundert auf einer Verkehrsinsel strandet. Zur Höchstform läuft das phantastische Party-Alter-Ego des Autors allerdings bei der Beschreibung ostwestfälischer Schützenvereinsmärsche auf: »Das Ganze sieht ein wenig aus, als hätte jemand Wanderdünen mit grünem Filz überzogen, ordentlich Doppelkorn drübergekippt und als Dekor Gamsbärte, Lametta und Blechstücke dran geklebt.«<br />
Bei Micha-el Goehre geraten diverse Gedankensplitter in den rasanten Ideen-Mixer, dennoch werden seine Texte zu homogenen Zeugnissen einer post-modernen Party-Kultur, in der die Küche die Keimzelle einer brodelnd-produktiven Schreibkultur ist.</p>
<address>Tilman Döring: Lass uns feiern, Malou</address>
<p>Tilman Dörings Debüt Lass uns feiern, Malou ist eine Sammlung unterschiedlicher Texte aus fünf Jahren Poetry Slam, in der Döring beschreibt, wie die fröhliche Konfetti-Gesellschaft schnell zum Zwang und zur Amüsier-Sucht gerät, die nur noch bunt glitzernder Habitus ist:</p>
<blockquote><p>Spiel mir den Walzer und sing’ mir dazu,<br />
lass uns schunkeln und lachen und feiern, Malou!<br />
Ich brauch’ das Getue, ich brauch das Geschwätz<br />
Auch wenn ich’s verfluche, ich brauche es jetzt.</p></blockquote>
<p>In dem Frauennamen Malou, der soviel wie »kleines Mädchen« bedeutet, verbirgt sich mit dem Wortstamm malus auch ein schwarzer Kern. Zwischen Nachmittagstalkshow und Volksfest-Biertisch werden hier die tiefen Abgründe einer Gesellschaft sichtbar, die sich von grellen Bildern bereitwillig täuschen lässt und dabei doch immer weiß, welches Spiel sie spielt. Es ist daher kein moralischer Zeigefinger, der sich hier mahnend erhebt – das »Wir« der Gedichte schließt ja immer das »ich« mit ein –, sondern ein resignativer Fatalismus, der auch die eigene Position als Poetry-Slammer niemals ausnimmt. So wird in Gangsta-Poesie das eigene Klischee als bittere Wahrheit besungen: »Mein Verlag ist mein Ghetto – es ist so hart hier / wir verlegen unsere Bücher nur über Hartz 4.«</p>
<p>Den wirtschaftlichen Existenzkampf eines Poetry-Slammers, der von seiner Kunst leben will, kennt auch sein Verlag. So ist der <em>Lektora</em>-Verlag stets darum bemüht, sein Programm sinnvoll zu erweitern. Derzeit befindet sich ein neues Verlagsressort im Aufbau: In der Sparte »Lektora World«, sollen zukünftig nicht nur Slam-Literaten sondern auch andere Autoren zum Thema »Reisen und andere Länder« verlegt werden. Und<em> Lektora</em> will in nächster Zeit auch digital werden: Mit dem eBook soll es im Frühjahr 2013 losgehen. Neben ganzen Bänden sollen dann vor allem auch einzelne Textauskopplungen sowie eine SlamAPP erhältlich sein.
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-9733-1'><a href="http://www.lektora.de/news/erste-westfalische-u20-poetry-slam-meisterschaft/">http://www.lektora.de/news/erste-westfalische-u20-poetry-slam-meisterschaft/</a> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-9733-1'>&#8617;</a></span></li>
</ol>
</div>
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		</item>
		<item>
		<title>Über die Schwelle gehoben</title>
		<link>http://www.litlog.de/uber-die-schwelle-gehoben/</link>
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		<pubDate>Thu, 26 Jan 2012 10:46:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alena Diedrich</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literarisches Leben]]></category>
		<category><![CDATA[internationale Dichtung]]></category>
		<category><![CDATA[LIMEN]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrikmagazin]]></category>
		<category><![CDATA[Medienverbund]]></category>
		<category><![CDATA[Übersetzung]]></category>

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		<description><![CDATA[Alena Diedrich über <em>Limen</em>, die mehrsprachige Zeitschrift für zeitgenössische Dichtung.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zwei Osnabrücker Doktoranden wagen sich auf den Markt der Lyrikmagazine: <a href="http://www.wehrhahn-verlag.de/index.php?section&#038;subsection=details&#038;id=610"><em>Limen</em></a> bündelt im Jahresturnus Stimmen und Werke internationaler DichterInnen samt deutscher Erstübersetzung und versucht so das Einzugsgebiet (fremd)sprachiger Lyrik zu vergrößern. Eine Anlese von Alena Diedrich.</strong></p>
<p><em>Von Alena Diedrich</em></p>
<p>Die Schwierigkeiten gegenwärtiger Lyrikproduktion und -rezeption sind allseits bekannt: Geringe und häufig schwer zu beziehende Auflagen, das Problem der sprachlichen Vermittlung nicht-deutschsprachiger Texte, zu denen keine Übersetzungen vorhanden sind, und andere Widrigkeiten rollen dem Lyrik-interessierten Leser häufig Steine in den Weg. <em>Limen</em> möchte diese Grenze, die die Rezeption über einen kleinen Kreis Lyrikinteressierter hinaus erschwert und verhindert, als eine überschreitbare Hürde – eine Schwelle eben – begreifen, die eingeebnet und überwunden werden kann. </p>
<p>Dazu gibt <em>Limen</em> dem Leser ein paar nützliche Hilfswerkzeuge an die Hand: Die mehrsprachige Zeitschrift macht zeitgenössische Lyrik für ihre Interessenten zugänglich, druckt Übersetzungen sowie erläuternde Stellungnahmen ab und erweitert das Angebot um eine Bibliographie von Primärliteratur der jeweiligen Autoren, die zur weiteren Lektüre einlädt. Als Leser registriert man: <em>Limen</em> ist eine mit wissenschaftlichem Anspruch vermittelte Anthologie. Ihre Herausgeber Kristin Bischof und Massimo Pizzingrilli sind Mitarbeiter des Instituts für Germanistik der Universität Osnabrück, was man der Gestaltung des Heftes anmerkt. Die fremdsprachigen Gedichte sind zum Teil in Fußnoten ankommentiert, kurze Einführungen in das Leben und Schreiben der in <em>Limen</em> versammelten Autoren bieten weitere Hinweise und am Ende des Heftes sind Quellen sowie die Orte der Erstveröffentlichungen verzeichnet.</p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Limen"><h2><a href="#Limen" name="advtab">Limen</a></h2>
<div align="center"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/Limen_cover.jpg" alt=" " /><br />
Bischof, Kristin / Pizzingrilli, Massimo (Hg.)<br />
<a href="http://www.wehrhahn-verlag.de/index.php?section&#038;subsection=details&#038;id=610"_blank"><strong>Limen</strong></a><br />
Mehrsprachige Zeitschrift für zeitgenössische Dichtung<br />
Nr. 1 (2011): <em>Dichtung und Politik?</em><br />
in Zusammenarbeit mit Tim Trzaskalik<br />
Wehrhahn Verlag: Hannover 2011<br />
144 Seiten (mit CD), 14,80 €
</div>
<p> </div><div class="jwts_tabbertab" title="Info"><h2><a href="#Info">Info</a></h2> <strong><em>Limen</em></strong> folgt dem eigenen Anspruch, zeitgenössische Lyrik über Sprach- und Verständnis-Grenzen hinweg zugänglich zu machen. Die neu gegründete »mehrsprachige Zeitschrift für zeitgenössische Dichtung« versammelt Gedichte von elf Autoren in deren Originalsprache mit jeweiliger deutscher Übersetzung. Darüber hinaus ist dem Buch eine CD beigelegt, auf der die Autoren ihre in <em>Limen</em> veröffentlichten Texte selbst einlesen.</div></div><br class="jwts_clr" />Bei allen in <em>Limen</em> abgedruckten nicht-deutschsprachigen Gedichten handelt es sich um Erstveröffentlichungen im deutschen Sprachraum. Texte sowohl von etablierten als auch von noch unbekannten zeitgenössischen Autoren »werden hier in einer neuartigen Konstellation vorgestellt – ohne selektive Raster« in Bezug auf ihren Bekanntheitsgrad, so die Herausgeber. In der ersten Ausgabe sind mit Massimo Baldi, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Philippe_Beck">Philippe Beck</a>, Lorenzo Boccafogli, <a href="http://www.mariagraziacalandrone.it/home/">Maria Grazia Calandrone</a>, Evelina De Signoribus, <a href="http://www.poetenladen.de/mara-genschel-person.html">Mara Genschel</a>, <a href="http://www.poetenladen.de/sebastian-himstedt.htm">Sebastian Himstedt</a>, <a href="http://www.poetenladen.de/andre-schinkel-person.html">André Schinkel</a>, <a href="http://fr.wikipedia.org/wiki/Christophe_Tarkos">Christophe Tarkos</a>, <a href="http://vinclairpierre.wordpress.com/">Pierre Vinclair</a> und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Uljana_Wolf">Uljana Wolf</a> elf Autoren aus Italien, Frankreich und Deutschland vertreten, die neben der Veröffentlichung ihrer Gedichte hier auch die Gelegenheit haben, in einem kurzen Essay ihr Dichtungsverständnis in Bezug auf das Thema des Heftes darzustellen – denn bei den einzelnen Ausgaben, die einmal im Jahr erscheinen werden, handelt es sich jeweils um Themenhefte mit einem bestimmten Schwerpunkt.</p>
<p>Die erste Ausgabe stellt die häufig aufgeworfene und immer wieder aktuelle Frage nach dem ambivalenten Verhältnis von Dichtung und Politik. Welche gesellschaftliche Stellung nimmt Dichtung als öffentliches Medium ein, auch wenn sie sich keiner Tendenz verschreibt? Bereits im Editorial der Herausgeber – das das Thema des Heftes offenbar auch aus seinem Negativ heraus begreift und so stark öffnet – wird die Schwierigkeit offenbar, den politischen Gehalt eines Textes auffindbar zu machen:</p>
<blockquote><p>Dichtung steht in einem öffentlichen Raum und verhält sich (un)politisch. Daraus resultieren zwei zentrale Fragen: Wie schreibt der Dichter das Politische in seine Texte (nicht) ein? Warum und unter welchen Bedingungen wird ein Dichter zum (un)politischen Autor?</p></blockquote>
<p>So ist vielen der abgedruckten Gedichte ›das Politische‹ nicht direkt anzumerken. Sie sind dem Thema nicht zwingend unterzuordnen – auch im Inhaltsverzeichnis sind die Gedichte nur mit Dichtung überschrieben. Direkt wenden sich dann die Prosabeiträge der auf die Gedichte folgenden Rubrik Stellungnahmen dem Thema <em>Dichtung und Politik?</em> zu.</p>
<address>Aus der Mitte der Dichtung, an den Rändern gekräuselt: Uljana Wolf</address>
<p>Betrachtet man die beiden in <em>Limen</em> abgedruckten Gedichte, die Uljana Wolf eigens für die Zeitschrift und für das Thema des ersten Heftes verfasst hat, wird ein politischer Bezug schnell deutlich. Ihre Gedichte fragen nach dem Ort, von dem aus wir über die Welt sprechen und zeigen, dass es eine Mitte der Gesellschaft kaum noch geben kann: »immer liegt alles an den rändern, / aber wo lieg ich?« Das Individuum muss sich mit dem Hilfsmittel seiner Sprache – zwischen deren Sinn und Klang – in der Gesellschaft zwischen aufgeweichten politischen Positionen und angesichts einer starken Markt- und Konsumorientierung verorten. Es muss neue Worte finden, mit denen es die Zusammenhänge in der Welt adäquat begreifen kann:</p>
<blockquote><p>[...] ach, käm ich weg, nach<br />
draußen, wo die fahnen der namen wehn, ich fänd ein wort<br />
für meine lage. aber wo nehm ich, wenn in dunklen regalen,<br />
und wo ein säuberliches sprechen, eigen rechts und feigen<br />
links? [...]</p></blockquote>
<p>Mit Hölderlins <em>Weh mir</em> aus seiner <em>Hälfte des Lebens</em>, beschwört Wolf in ihrem Gedicht <em>kleine sternmullrede</em> die Angst vor einer bevorstehenden Zukunftshärte und -kälte, die auch Hölderlin beklagt:</p>
<blockquote><p>Weh mir, wo nehm’ ich, wenn<br />
Es Winter ist, die Blumen, und wo<br />
Den Sonnenschein, und Schatten der Erde<br />
Die Mauern stehn<br />
Sprachlos und kalt, im Winde<br />
Klirren die Fahnen.</p></blockquote>
<p>Als »Sprachbürger eines <em>Zustands</em>« versteht Uljana Wolf das Gedicht. Es entspringt der Gesellschaft und wirkt organisch-erneuernd in sie zurück, unstaatlich, grenzenlos und daher übersprachlich und multilingual: »am Ende wächst und steht, very stately, eine krause Minze, very erfrischend, wurzelt aus dem Gedicht, zurück in die abgefertigte Welt.«</p>
<address>Postmoderner Dichtungskitt, belebt: André Schinkel</address>
<p>Die <em>Getrennten Glieder</em> eines in schnell wechselnde persönliche Interessen zersplitterten Staatskörpers wollen sich bei André Schinkel allein durch ›Schmiergeld‹ wieder zusammensetzen. Als ein unkontrollierbarer Finanz-Golem hat sich das ökonomische System bedrohlich verselbständigt:</p>
<blockquote><p>Belebt wird, was sich gar nicht findet,<br />
Mit dem güldnen Bimbes-Kitt; –<br />
Geklebt wird, was sich biegt und windet,<br />
Bewölkt, bedeckt – ein Feuerritt.</p></blockquote>
<p>Die menschliche Vereinsamung in der durch die Mode der Konsumgüter vorgegebenen Gleichschaltung führt zu einer krankhaften Desillusionierung:</p>
<blockquote><p>Ach und ach –  die alt gewohnte Kacke<br />
Erwartet uns am Neuanfang;<br />
Wir tragen nun getrennt die gleiche Jacke<br />
Und melden unsre Träume krank.</p></blockquote>
<p>Doch am Ende ist es – wie im Falle des Golems die Sprache – hier die Dichtung, die die getrennten Glieder metrisch und rhetorisch wieder zusammenkittet. Als ›ewige Wiederkehr‹ plätschert die »Geschichtswind-Kakelei« auf der Suche nach einer verlässlichen Ewigkeit in trochäischem Versmaß und gekreuztem Reim daher, doch bleibt dabei immer vorläufig und Nietzscheanisch-entfremdet:</p>
<blockquote><p>Und zwischenzeitlich schleicht das Leben<br />
An sich selbst vorbei:<em> O Mensch gib acht!</em></p></blockquote>
<p>Angesichts dieser Warnung ist vor aller tendenziellen Parteinahme ein »distanzfähiger Blick« auf die Welt zu bewahren, so Schinkel, denn »[d]ie Reiche des Blutes kommen und gehen – und jedes versucht uns vom Nutzen und der Schönheit eben seiner Gewalt zu überzeugen. [...] Ohne Nihilismus gesagt: Man muss vorsichtig sein.« Doch aus der ironischen Distanz heraus ist vor allem eines haltbar: Die Kunst als ein »erinnerndes Statement für den Stolz, die Wachheit und den möglichen Luxus der Verschrobenheit [...] einer sich in geldzählenden Tagträumen ergehenden Generation.«</p>
<address>Laut und Lyrik</address>
<p>Die beigelegte CD, für die die Autoren ihre Gedichte in Originalsprache selbst eingelesen haben, bietet eine gute Möglichkeit, sich die Texte auch akustisch zu erschließen. Bei den in ihrer Aufnahmequalität sehr unterschiedlichen Beiträgen fehlt allerdings die Lesung der von <em>Limen</em> angefertigten Übersetzungen. Diesen wird auch in der gedruckten Version insgesamt ein eher geringer Raum eingeräumt: Die Übersetzungen sind dem Gedichtblock des jeweiligen Autors nach- und nicht nebengestellt und laden so nicht zur direkt vergleichenden Lektüre ein, obwohl diese natürlich möglich ist.</p>
<p>Mit der Vielfalt seiner ausgewählten Autoren ist <em>Limen</em> ein ambitioniertes Projekt, das die Lyrik-Szene kompetent erweitert, zeitgenössische fremdsprachige Texte themenorientiert zusammenführt und für ein deutschsprachiges Lese- sowie ein internationales Hör-Publikum aufbereitet. Auf die nächsten Ausgaben dürfen wir zu Recht gespannt sein.</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Von hinten wie von vorne</title>
		<link>http://www.litlog.de/von-hinten-wie-von-vorne/</link>
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		<pubDate>Thu, 10 Nov 2011 12:16:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anna Bers</dc:creator>
				<category><![CDATA[Misc.]]></category>
		<category><![CDATA[Ann Cotten]]></category>
		<category><![CDATA[Der Phosphoreszierende Tiger]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>

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		<description><![CDATA[Anna Bers zwischen den Doppelhelixsträngen von Cottens Desoxyribonukleinsäure.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div onclick="tiger(this);" class="tiger1">
<b>Die Liebe ist Sieger – rege ist sie bei Leid</b><span style="float:right"></span></p>
<p><em>von Ann Cotten</em></p>
<p style="font-size:0.85em;">Das Palindrom ist nicht Palingenese,<br />
die wäre, übertragen, Anagramm.<br />
Das macht man sonst mit Steinen oder Käse, nicht?<br />
Doch wer sagt, dass mans nicht mit andren Dingen machen kann?</p>
<p style="font-size:0.85em;">Ich schüttele den Rucksack, wenn ich gehe,<br />
und auch meine Gedanken sind ja palingen;<br />
ich schüttele im Auge, was ich sehe,<br />
und hoffe, etwas anderes zu sehn.</p>
<p style="font-size:0.85em;">Sie nämlich, wenn ich in die Fluchten schaue<br />
und mich vor Hoffnungen den Blick nicht senken traue,<br />
und setze Fuß vor Fuß der Mitte zu,<br />
wo man in jede Richtung bis zum Ende schauen kann.<br />
Dort schaue ich das Nichts, und schüttle mich, und dann<br />
nehm ich den besten Weg und finde Ruh.</p>
<p style="font-size:0.85em;">Nehm ich den ersten besten Weg und finde keine Ruh,<br />
liegt es vielleicht am Weg, vielleicht an mir.<br />
Denn diesen Weg hab ich ja nur genommen,<br />
weil ich glaubte, er führt vielleicht zu dir.</p>
<p style="font-size:0.85em;">Wie aber, wenn das Ziel sich bewegt,<br />
muss man dann nicht, ums zu erreichen, stehen bleiben?<br />
Die Schritte, die den Vorgang weiter treiben<br />
werden in anderen Alphabeten hinterlegt.</p>
<p style="font-size:0.85em;">Zenith wäre schon gut, wäre das Maß bekannt.<br />
Nicht alle Wege aber kommen gut zurück.<br />
Man sollte, wenn man ich ist, vielleicht lieber weitergehen.<br />
Um von den süßen Schmerzen abzusehen,<br />
die C und G und T und A verrücken,<br />
in sich verschlungen sind wir manchmal redundant.</p>
</div>
<p>Palindrome sind bekanntermaßen Sätze, Wörter oder Zahlen, die »von hinten wie von vorne – A-N-N-A –.«, gleich daherkommen, um es mit Kurt Schwitters und Max Herre zu sagen. Und so, wie man den Satz »Die Liebe ist Sieger, rege ist sie bei Leid« aus beiden Richtungen lesen kann, so sollte man es auch mit Ann Cottens Band <em>Fremdwörterbuchsonette</em> und vielleicht probeweise auch mit jedem einzelnen darin enthaltenen Text anstellen. Bewusst palindromisch, d.h. vorwärts und rückwärts funktioniert nämlich zumindest die  erstgenannte Zeichensammlung.</p>
<p>Was nun weder die Avantgarde des frühen (Schwitters), noch die des ausgehenden 20. Jahrhunderts (Herre) – wohl aber Cotten – gewusst haben dürfte, ist, dass palindromische Zeichenfolgen auch in der Genetik eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Es gibt Enzyme, die dazu dienen, die beiden Stränge der DNA zu zerschneiden. Die Orte, an denen geschnitten werden soll, erkennen diese Restriktionsenzyme daran, dass sich eine bestimmte Basen-Passage auf den beiden Strängen jeweils zueinander verhält wie ein Palindrom (also beispielsweise GAATTC zu CTTAAG).</p>
<p>Die Palindrome der Zeichensprachen sind demnach solche, die eine doppelte Linearität – von hinten und von vorne eben – aufweisen. Die Dimension, welche das Wissen um die Spezialenzyme diesem Sachverhalt hinzufügen kann, verlässt die horizontale Linie der Sprachspiele. Palindromische Sequenzen in der DNA sorgen schließlich dafür, dass die organisierte Basenkette zerschnitten und zerstört wird. Und das hat viel mehr mit der Poetik Ann Cottens zu tun, als es das eindimensionale und abgeschlossene Liebessprüchlein des Titels verraten mag. Anders als die A-N-N-A-Besinger weiß A-N-N nämlich um die Ähnlichkeit von Genetik und Lyrik. Sie benutzt nicht nur einzelne Motive aus der Molekularbiologie für ihr Palindromgedicht, sondern auch auf formaler Ebene lassen sich Überschneidungen finden.</p>
<p>Cottens Texte wirken auf der horizontalen Ebene nicht weniger restringiert als der genetische Code (der schließlich aus zwei mal zwei Basenpaaren besteht, die notwendig und ausschließlich miteinander kombiniert werden). Hier gibt es ein Reglement, das den erwähnten Merz-Palindromisten hätte erschaudern lassen: durchgängig gereimte Sonette. Jedes Gedicht besteht aus derer zwei. Dieses starre Gerüst ist aber nötig. So wie die Enzyme die doppelt-linearen Informationsketten nämlich benötigen, um die Kette dann zu zerstören, so können nur in der intakten geradlinigen Grundform (vier-vier-sechs-vier-vier-sechs Verse) heterogenste Fragmentgedanken sinnvoll zu einem bezugsreichen Zeichengeflecht in der Vertikalen verschmolzen werden.</p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Buch"><h2><a href="#Buch" name="advtab">Buch</a></h2>
<div align="center"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/CoverCotten1.jpg" alt=" " /><br />
Ann Cotten<br />
<a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/fremdwoerterbuchsonette-ann_cotten_12497.html">Fremdwörterbuchsonette</a><br />
Suhrkamp: Frankfurt/M 2007<br />
165 Seiten, 8,50 €</div>
<p></div><div class="jwts_tabbertab" title="Anna Bers"><h2><a href="#Anna Bers">Anna Bers</a></h2>
<div align="center">Anna Bers ist wie ihre Namensbase Ann Cotten studierte Literaturwissenschaftlerin. Anders als diese gibt sie sich allerdings nicht dem Verseschmieden hin sondern promoviert in bestem Sinne über den alten Johann Wolfgang von und seine Idee der Weltliteratur. Sie lebt und arbeitet im Seminar für Deutsche Philologie Göttingen.</div>
<p></div><div class="jwts_tabbertab" title="D.P.T."><h2><a href="#D.P.T.">D.P.T.</a></h2>
<div align="center"><a href="http://www.litlog.de/tag/der-phosphoreszierende-tiger/" target="_blank">Der Phosphoreszierende Tiger</a> ist der Lyrik-Essay auf Litlog. Er bespricht Gedichte jenseits der Lehrbücher. Er legt einen anderen Zugang zum Gedicht – eine Sammlung mit schiefem Blick. Wer am Projekt mitwirken möchte, meldet sich bei den beiden Herausgebern Andreas Bülhoff und Niels Klenner unter <a href="mailto:phosphor@litlog.de">phosphor@litlog.de</a>.</div>
<p></div></div><br class="jwts_clr" />Da werden rhetorische Figuren (Palindrom und Anagramm) auf den in nahezu allen Disziplinen vereinnahmten Begriff der Palingenese (Wiederkehr) aufgetragen. Da spricht ein Ich über sich als tapferes Schneiderlein (»mit Steinen oder Käse«), das zugleich auch der romantische Wandersmann auf der Suche nach dem weiblichen Du ist. In der englischen Übertragung der Autorin fehlt der Riesenbezwinger und auch das Du schwindet in die dritte Person Singular (»Denn diesen Weg hab ich ja nur genommen, / weil ich glaubte, er führt vielleicht zu dir. « – »I took this path pretending weariness, but there / I lied. I wanted to find her. I lie. I want my spur.«). Das geht nur deshalb auf, weil hier nicht eine lineare Sukzession aus Figurenperspektive, sondern weil hier Referenzen und Brüche zwischen entlegenen Repertoires im Zentrum stehen. Und nicht zuletzt ist dann auch die DNA-Metapher noch in dieses Konstrukt verwoben. </p>
<p>Je nachdem, ob das Restriktionsenzym die DNA so schneidet, dass ein glatter oder ein asymmetrischer Schnitt entsteht, unterscheidet die Genetik terminologisch zwischen einem blunt end und einem sticky end. Glatt aber endet die Sammlung von semantischen Fragmenten trotz der scheinbar so klaren Sonettform keineswegs. Das dominante Spiel mit Zeichenrepertoires aus entferntesten Bereichen sorgt dafür, dass eher die Schnittkanten als kohärente Gedankenketten sichtbar werden. Und auch klebrig wird es nicht, selbst wenn Liebe und Leid im Titel auf ein sticky end hätten hindeuten können. Zwar ist von »süßen Schmerzen« die Rede, doch spricht hier erneut eher die Doppelhelix als ein Menschenpaar. »Doch wer sagt, dass mans nicht mit andren Dingen machen kann?«</p>
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		<title>Steffen Popp</title>
		<link>http://www.litlog.de/steffen-popp/</link>
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		<pubDate>Mon, 19 Sep 2011 13:00:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wiebke Schuldt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Misc.]]></category>
		<category><![CDATA[Der Phosphoreszierende Tiger]]></category>
		<category><![CDATA[Herrengedeck]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Special]]></category>
		<category><![CDATA[Steffen Popp]]></category>

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		<description><![CDATA[TIGER SPEZIAL: Drei Gedichte von Steffen Popp in Text, Bild und Ton.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Diggin’ in the Crates! Der Phosphoreszierende Tiger im Weltall. Nahe der Sonne stößt er auf eine Raumkapsel – in ihr mumifizierte Dokumente: drei Gedichte, wie es scheint, von Steffen Popp. In Text, Bild und Ton. 2011 las er live in Göttingen – jetzt für immer digital!</strong></p>
<address></address>
<p><iframe src="http://player.vimeo.com/video/29250581?title=0&amp;byline=0&amp;portrait=0" width="480" height="280" frameborder="0" webkitAllowFullScreen allowFullScreen></iframe></p>
<address></address>
<div onclick="tigga(this);" class="tigga1" style="opacity:1;">
<span style="float:right"><b><a>nächster Text</a></b></span></p>
<p style="font-size:0.85em;"> O elefantischer Pan im Porzellantrakt der Musen<br />
hinter den Schleiern suchst du Gesang, übst dich<br />
in Gedanken: »Wir sind<br />
&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;ein Gespräch« sagst du, »Wir sind<br />
&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;Elefanten«</p>
<p style="font-size:0.85em;">und bist ganz allein mit diesen Sätzen<br />
einsamer als Dialoge, Dickhäuter<br />
einsamer als die Elektrogeräte des Weltalls</p>
<p style="font-size:0.85em;">stromsparende Lampen, Wärmepumpen<br />
verwahrlost und hungrig nach Liebe kommen sie<br />
langsam heran aus dem unendlichen Dunkel</p>
<p style="font-size:0.85em;">an deiner Raumkapsel, ihren geheimen Sprossen<br />
an deinen klugen Händen und Knien<br />
deinen schlafenden Füßen, geträumten Flügeln<br />
reiben sie ihre Felle aus Chrom und Kunststoff.</p>
<p style="font-size:0.85em;">Die angelernte Hilflosigkeit der Gegenstände<br />
Unmöglichkeit einer Berührung</p>
<p style="font-size:0.85em;">das Lied, unter seiner Nachtmütze aus Sternen<br />
bewegt es den einsamen Boiler, den irrenden<br />
&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;Ventilator</p>
<p style="font-size:0.85em;">dein irrendes Auge<br />
auch</p>
<p style="font-size:0.85em;">in eine Nestgemeinschaft ohne Strom<br />
ohne Gedanken<br />
nur gravitierende Körper, ihre beinahe<br />
staatenbildende Panik vor dem Winter.
</p>
</div>
<div onclick="tigga(this);" class="tigga2" style="opacity:0;">
<b>Bukolische Postkarten III</b><span style="float:right"><b><a>nächster Text</a></b></span></p>
<p style="font-size:0.85em;">Dieses Orchester grenzt an Stille<br />
dünne Kristallsohlen, Splitt<br />
das Herz redet wahr, Draht, Mark</p>
<p style="font-size:0.85em;">unverzagt, auf einem Heupferd<br />
über Staatsstraßen<br />
am Grund des Kriteriums liegst du<br />
verkrallt in Kanülen, Lava.</p>
<p style="font-size:0.85em;">Der Vogel mit schönen Füßen<br />
geht durch mich wie das Meer<br />
ich sah auch die Inseln und<br />
einmal bewohnt er die Luft.
</p>
</div>
<div onclick="tigga(this);" class="tigga3" style="opacity:0;">
<b>Schneeode, später Schnee</b><span style="float:right"><b><a>zum Anfang</a></b></span></p>
<p style="font-size:0.85em;">O schwarzer Schlaf, o Axt<br />
o große Trauer, Herz<br />
ich ging hinaus, über das Gras<br />
ich ging hinaus um deine Augen.</p>
<p style="font-size:0.85em;">Filzstift, Baumpilz, Hydra<br />
ich ging hinaus, ich ging hinaus<br />
über das Gras, um deine Augen.</p>
<p style="font-size:0.85em;">Achte auf kleines Gewölk<br />
achte auf Tote, ihren besonderen Traum<br />
achte auf Vögel, die Spannung der Haut<br />
das Schlagen, die Stimme, das Lied.</p>
<p style="font-size:0.85em;">Dieses Gefühl überwintert<br />
in deinem Handschuh, leise schnaufend<br />
wie ein zu großes Tier<br />
unter dem Waldboden.</p>
<p style="font-size:0.85em;">Einmal im Schnee, gräbst du es aus<br />
und findest Knochen</p>
<p style="font-size:0.85em;">ich ging hinaus um deine Augen<br />
ich ging hinaus um deine Augen</p>
<p style="font-size:0.85em;">da sind die Toten, das Weltall<br />
da sind die Vögel, das Lied.
</p>
</div>
<address>Das gelbe Gedicht</address>
<p>Wege, Zeiten und Erinnerungsräume gibt es in Steffen Popps Texten. In seinen Gedichten lotet er die Welt und ihre Träume aus, was auf den ersten Blick geographisch und historisch ist, wirkt auf den zweiten Blick mythisch und sagenhaft und auf den dritten Blick doch lebensweltlich und akut. Michael Braun nannte ihn: »legitimer Nachfahre der Surrealisten«. 
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="S. Popp"><h2><a href="#S. Popp" name="advtab">S. Popp</a></h2>Steffen Popp wurde 1978 in Greifswald geboren, er wuchs in Dresden auf und lebt seit 2001 in Berlin. Er studierte nicht nur Literatur und Philosophie, sondern ist auch ausgebildeter Lehrer für Anusara-Yoga. Zwei Lyrikbände hat er bislang veröffentlicht, der erste trägt den Titel <a href="http://kookbooks.de/buecher.php#a-9783937445038"><em>Wie Alpen</em></a> und erschien 2004, 2008 folgte der Band <a href="http://kookbooks.de/buecher.php#a-9783937445359"><em>Kolonie zur Sonne</em></a>. 2006 erschien sein Debütroman <a href="http://kookbooks.de/buecher.php#a-9783937445175"><em>Ohrenberg oder der Weg dorthin</em></a>. Außerdem übersetzt Popp Gedichte, unter anderem die des iranischen Autors Alireza Behnam.<br />
</div><div class="jwts_tabbertab" title="Kolonie"><h2><a href="#Kolonie">Kolonie</a></h2> </p>
<div align="center"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/9783937445359-s.jpg" alt=" " /><br />
Steffen Popp<br />
<a href="http://kookbooks.de/buecher.php#a-9783937445359"><em>Kolonie zur Sonne</em></a><br />
kookbooks: Idstein 2008<br />
64 Seiten, 19,90 €</div>
<p></div><div class="jwts_tabbertab" title="D.P.T."><h2><a href="#D.P.T.">D.P.T.</a></h2><a href="http://www.litlog.de/tag/der-phosphoreszierende-tiger/" target="_blank">Der Phosphoreszierende Tiger</a> ist der Lyrik-Essay auf Litlog. Er bespricht Gedichte jenseits der Lehrbücher. Er legt einen anderen Zugang zum Gedicht – eine Sammlung mit schiefem Blick. Wer am Projekt mitwirken möchte, meldet sich bei den beiden Herausgebern Andreas Bülhoff und Niels Klenner unter <a href="mailto:phosphor@litlog.de">phosphor@litlog.de</a>.</div></div><br class="jwts_clr" />In der Tat sind seine Gedichte trojanische Pferde, in deren Bäuchen kühne Metaphern versteckt sind, die anarchische Spannungen und Nervenschichten aufleben lassen. Mit dieser Kriegslist demonstriert Popp die Macht der Poesie: »Das Gedicht«, sagt er, »ist in seiner Lebensferne nichts anderes als eben unser Bemühen um dieses Leben.« »Risse gehen durch alles«, heißt es in einem Gedicht, »und nur das Licht geht durch die Risse«. Nicht weniger als diesem alle Zeiten und Räume Durchdringenden spürt Popp nach, mittels Postkarten aus der Sternenstadt kommuniziert er mit den Toten, er legt Drainagen zu Kindheitserinnerungen und zelebriert doch immer die Gegenwart: »Ich wollte immer genau sein, genau // hier«, heißt es im selben Gedicht. Dass er jetzt und genau hier ist, darüber bin ich froh.</p>
<p><em>Von Wiebke Schuldt</em></p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Christoph Wenzel</title>
		<link>http://www.litlog.de/christoph-wenzel/</link>
		<comments>http://www.litlog.de/christoph-wenzel/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 01 Sep 2011 07:55:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anna-Lena Markus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Misc.]]></category>
		<category><![CDATA[Christoph Wenzel]]></category>
		<category><![CDATA[Der Phosphoreszierende Tiger]]></category>
		<category><![CDATA[Herrengedeck]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Special]]></category>

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		<description><![CDATA[TIGER SPEZIAL: Drei Gedichte von Christoph Wenzel in Text, Bild und Ton.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Diggin’ in the Crates! Der Phosphoreszierende Tiger im lyrischen Tiefbau. Auf der anderen Seite der Kugel gibt es drei Gedichte von Christoph Wenzel in Text, Bild und Ton. Vor einem halben Jahr las er live in Göttingen – jetzt für immer digital!</strong> </p>
<address></address>
<p><iframe src="http://player.vimeo.com/video/28421451?title=0&amp;byline=0&amp;portrait=0" width="480" height="280" frameborder="0"></iframe>
</p>
<address></address>
<div onclick="tigga(this);" class="tigga1" style="opacity:1;">
<b>ein insektenstich</b><span style="float:right"><b><a>nächster Text</a></b></span></p>
<p style="font-size:0.85em;"> ein insektenstich erinnert dich: die wiese vor der mahd<br />
zwischen schulgelände elternhaus der hauptschulhof direkt<br />
daneben: die gefahrenzone altersunterschied der stachel sitzt<br />
dir groß im zeh und pumpt jetzt kinder racker jugendliche<br />
bienenvölker in die pausen hinter dir und vor dir noch<br />
der heimweg nur das kurze stück schwillt an aus bienen-<br />
wachs sind beide beine und die füße in sandalen mit der<br />
herben glut am großen zeh: es ist schulschluß jetzt und zeit<br />
die wiesen endlich abzumähen
</p>
</div>
<div onclick="tigga(this);" class="tigga2" style="opacity:0;">
<b>stubenhocker</b><span style="float:right"><b><a>nächster Text</a></b></span></p>
<p style="font-size:0.85em;">stubenhocker zu hause<br />
ist das wetter immer<br />
gut ins zimmer springt mutters<br />
stimme zur treppe herauf und<br />
vaters mahnung früher<br />
habe man draußen immer räuber<br />
und gendarme gespielt bei wind<br />
und wasser unterm himmel scheint<br />
die sonne in der stube zu hocken<br />
und verfolgt die kinder im versteck<br />
hinter den fenstern: spielt im garten</p>
<p style="font-size:0.85em;">der blick mit dem anschlagen der<br />
jungen über grundstücksgrenzen hinweg:<br />
abgehörte korrespondenzen vom bolzplatz<br />
prellen die stimmen dem ball hinterher<br />
und prallen im spielzimmer ab<br />
wo die hosen nicht naß die füße<br />
nicht kalt werden wenn es draußen<br />
mal regnet oder schreit
</p>
</div>
<div onclick="tigga(this);" class="tigga3" style="opacity:0;">
<b>THTR</b><span style="float:right"><b><a>zum Anfang</a></b></span></p>
<p style="font-size:0.85em;">und endlich fällt der kühlturm<br />
in den blick – ein echtes glücksgefühl:<br />
ja <em>das</em> ist heimat nach den langen fahrten<br />
zerfallen vom rücksitz die alphabete<br />
in kennzeichen wir raten kilometerlang<br />
die städte im stau eine art störfall<br />
auf der bahn: ein munteres spiel mit tennis-<br />
bällen lottokugeln aus graphit und bor<br />
die sonne strahlt und wir brüten in raten<br />
das heimweh aus <em>man könnte ganze wüsten-<br />
gebiete damit zubauen</em> und der kopf glüht rot<br />
wie ein durchgebrannter reaktor im radio<br />
ist das wetter die wichtigste nachricht<br />
dieser tage zu hause gibt es gemüse in dosen<br />
von bonduelle und becquerel in den wiesen<br />
hängen die winde von osten im vergleich<br />
nur ein wölkchen hier zum geburtstag<br />
(<em>da liegt nichts vor</em>) gibts die geschenke<br />
erst nachträglich: zerfallsprodukte<br />
helium aus luftballons und ein echtes theater<br />
ohne vokale
</p>
</div>
<address>Lyrik unter Tage</address>
<p>In Wenzels Gedichten gibt es keine Kommata, die mich auf dem Weg unter Tage zu einer Pause einladen. Bedeutungseinheiten verschwimmen im Vorüberziehen, nur hier und da ein Doppelpunkt oder Gedankenstrich, der 
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="C. Wenzel"><h2><a href="#C. Wenzel" name="advtab">C. Wenzel</a></h2>Mit Literatur beschäftigt sich der 1979 im westfälischen Hamm geborene Christoph Wenzel auf allen Ebenen. Er ist Literaturwissenschaftler und promoviert derzeit über Kafka. 2005 erscheint die erste Ausgabe der <a href="http://www.siconline.de/">[SIC]</a>, einer Literaturzeitschrift, die er gemeinsam mit Daniel Ketteler herausgibt. Der Verlag dazu steht gerade mit seinem Pilotprogramm auf der Startbahn. 2005 erscheint auch sein erster Lyrikband <a href="http://www.rimbaud.de/wenzel.html#49zeitausderkarte"><em>zeit aus der karte</em></a> im Rimbaud Verlag, im letzten Jahr <a href="http://www.yedermann.de/ywenzel.htm"><em>tagebrüche</em></a> bei Yedermann.<br />
</div><div class="jwts_tabbertab" title="D.P.T."><h2><a href="#D.P.T.">D.P.T.</a></h2><a href="http://www.litlog.de/tag/der-phosphoreszierende-tiger/" target="_blank">Der Phosphoreszierende Tiger</a> ist der Lyrik-Essay auf Litlog. Er bespricht Gedichte jenseits der Lehrbücher. Er legt einen anderen Zugang zum Gedicht – eine Sammlung mit schiefem Blick. Wer am Projekt mitwirken möchte, meldet sich bei den beiden Herausgebern Andreas Bülhoff und Niels Klenner unter <a href="mailto:phosphor@litlog.de">phosphor@litlog.de</a>.</div></div><br class="jwts_clr" />meinen Blick kurz auffängt. Gemeinsam mit den Wortarten und der Grammatik wird auch das Alltägliche abgetragen. Und dahinter? </p>
<p>Stubenhockende Sonnen und hydrographische Wasserschriften in klar klingender Sprache. Zarte Betrachtungen von Traum und Natur in reich-fließenden Vers-Adern. Unbärtige Väter, Bergwerke und Bolzplätze funkeln in grenzenloser Form. Neben kleinem Muschelgeld und Tinnitustönen werden Stürme und Heimat freigelegt. Und immer wieder hochkarätige Bedeutungsverschiebungen. Christoph Wenzel schürft nach den Rohstoffen und bringt mich mit den Taschen voller Kostbarkeiten zurück ans Tageslicht.</p>
<p><em>Von Anna-Lena Markus</em></p>
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		</item>
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		<title>Daniel Falb</title>
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		<pubDate>Wed, 24 Aug 2011 08:25:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Andreas Bülhoff</dc:creator>
				<category><![CDATA[Misc.]]></category>
		<category><![CDATA[Daniel Falb]]></category>
		<category><![CDATA[Daniela Seel]]></category>
		<category><![CDATA[Der Phosphoreszierende Tiger]]></category>
		<category><![CDATA[Herrengedeck]]></category>
		<category><![CDATA[kookbooks]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Special]]></category>

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		<description><![CDATA[TIGER SPEZIAL: Drei Gedichte von Daniel Falb in Text, Bild und Ton.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Diggin’ in the Crates! Der Phosphoreszierende Tiger bricht in die geheimen Archive des Literarischen Zentrums ein und findet heiße Ware: Drei Gedichte von Daniel Falb in Text, Bild und Ton. Vor einem halben Jahr las er live in Göttingen – jetzt für immer digital!</strong></p>
<address></address>
<p><iframe src="http://player.vimeo.com/video/28048939?title=0&amp;byline=0&amp;portrait=0" width="480" height="280" frameborder="0"></iframe>
</p>
<address></address>
<div onclick="tigga(this);" class="tigga1" style="opacity:1;">
<b>auf dem werksgelände</b><span style="float:right"><b><a>nächster Text</a></b></span><br/><br />
<img style="border:1px solid #ddd;padding:3px;border-radius:3px;" src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/Auf-dem-Werksgelände.jpg" alt=" " />
<p style="font-size:0.9em; text-align:left;"></p>
</div>
<div onclick="tigga(this);" class="tigga2" style="opacity:0;">
<b>den phasenübergang hätten wir</b><span style="float:right"><b><a>nächster Text</a></b></span><br/><br />
<img style="border:1px solid #ddd;padding:3px;border-radius:3px;" src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/Phasenübergang.jpg" alt=" " />
<p style="font-size:0.9em; text-align:left;"></p>
</div>
<div onclick="tigga(this);" class="tigga3" style="opacity:0;">
<b>geodätische kuppeln</b><span style="float:right"><b><a>zum Anfang</a></b></span><br/><br />
<img style="border:1px solid #ddd;padding:3px;border-radius:3px;" src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/Geodätische-Kuppeln.jpg" alt=" " />
<p style="font-size:0.9em; text-align:left;"></p>
</div>
<address>»Das komplette Fernsehprogramm gleichzeitig auf einem Bildschirm« </address>
<p>Daniel Falbs Gedichte sind vielstimmige Experimente. Milieustudien mit klinischem Kalkül, soziokulturelle Versuchsanordnungen im sterilen Raum. Ihr Dichter ist ein manischer Laborant, vor allem aber ein leidenschaftlicher Architekt, der Textwelten collagiert – fragmentierte Szenen mit fragmentierten Logiken. Das Gedicht als Diskokugel in deren Innern ein unkontrolliertes Rauschen steht. &#8211; »das facettenauge« -<br />
Bei diesen Gedichten denkt man hinterher:<br />

		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="D. Falb"><h2><a href="#D. Falb" name="advtab">D. Falb</a></h2> Daniel Falb wurde 1977 in Kassel geboren. 1998 zog er nach Berlin und studierte dort Philosophie, Soziologie, Politikwissenschaften und Physik. Er ist Doktorand für Philosophie an der FU Berlin. 2003 erschien sein Debut <em>die räumung dieser parks</em>, als erster Band der wichtigen Reihe »Lyrik« des Berliner kookbooks-Verlags. Im Herbst 2009 dann der zweite Band <em>Bancor</em>.<br />
</div><div class="jwts_tabbertab" title="Bancor"><h2><a href="#Bancor">Bancor</a></h2> </p>
<div align="center"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/CoverBancor.jpg" alt=" " /><br />
Daniel Falb<br />
<a href="http://www.kookbooks.de/buecher.php#a-9783937445397" target="_blank"> <strong>Bancor</strong></a><br />
kookbooks: Idstein 2009<br />
56 Seiten, 19,90 €</div>
<p> </div><div class="jwts_tabbertab" title="D.P.T."><h2><a href="#D.P.T.">D.P.T.</a></h2><a href="http://www.litlog.de/tag/der-phosphoreszierende-tiger/" target="_blank">Der Phosphoreszierende Tiger</a> ist der Lyrik-Essay auf Litlog. Er bespricht Gedichte jenseits der Lehrbücher. Er legt einen anderen Zugang zum Gedicht – eine Sammlung mit schiefem Blick. Wer am Projekt mitwirken möchte, meldet sich bei den beiden Herausgebern Andreas Bülhoff und Niels Klenner unter <a href="mailto:phosphor@litlog.de">phosphor@litlog.de</a>.</div></div><br class="jwts_clr" />Ich denke an den Architekten in <em>Matrix Reloaded</em> aber mehr noch an die Konstrukteure von Traumebenen in Christopher Nolans <em>Inception</em>.<br />
Wenn ich Falb lese, dann mache ich das in großen Zügen. Fünf, manchmal zehn Gedichte hintereinander. Manchmal den ganzen Band. Renne von einer Szene in die nächste, ohne Luft zu holen. Sehe ihrem Entstehen und Auflösen zu, beobachte mich beim Denken. Und ich kann beruhigt sagen, dass die Zeit, die ich mit diesen Texten anfülle, ausgefüllt ist. Dass bei ihren unberechenbaren Bewegungen, bei ihrem lässigen Alles-oder-Nichts dabei zu sein, schön ist. </p>
<p>Um es mit Falb zu sagen:<br />
»führ bitte die raupennummer / noch einmal auf, vor den rabatten. ausatmen. gib mir alles.«</p>
<p><em>Von Andreas Bülhoff</em></p>
]]></content:encoded>
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		</item>
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		<title>Zwischen Becken und Glasfront</title>
		<link>http://www.litlog.de/zwischen-becken-und-glasfront/</link>
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		<pubDate>Wed, 08 Jun 2011 09:59:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Brandis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literarisches Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Lesung]]></category>
		<category><![CDATA[Literarisches Zentrum]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Roman]]></category>
		<category><![CDATA[Silke Scheuermann]]></category>

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		<description><![CDATA[Zwischen Prosa und Lyrik: Silke Scheuermann war zu Gast im Literarischen Zentrum. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zwischen Prosa und Lyrik: Silke Scheuermann war zu Gast im Literarischen Zentrum und trug neben ausgewählten Passagen aus ihrem neuesten Roman <em>Shanghai Performance</em> auch einige ihrer Gedichte vor. Rüdiger Brandis besuchte die Lesung und zeigt sich von Scheuermanns Prosa wenig überzeugt – wohl aber von ihrer Lyrik. </strong> </p>
<p><em>Von Rüdiger Brandis</em></p>
<p>Vor ungefähr einem halben Jahr rezensierte ich hier auf Litlog Silke Scheuermanns Roman <a href="http://www.litlog.de/ich-bin-nichts/"><em>Die Stunde zwischen Hund und Wolf</em></a>. Mit »Ich bin nichts &#8230;« zitierte ich in meinem Titel den Beginn ihres Werkes, der damals für mich bereits programmatisch auf den gesamten Roman vorausdeutete: geschrieben in wundervollen Sätzen, doch im Plot und der Figurengestaltung leer und seelenlos. Man sah an der Textgestaltung, dass hier eine Lyrikerin schrieb. Nun hatte ich die Chance Silke Scheuermann bei einer Lesung ihres neusten Prosawerkes und einiger ihrer Gedichte im Literarischen Zentrum Göttingen zu erleben.</p>
<address>Raum, Körper, Zeit</address>
<p>Unter der Moderation von Christoph Jürgensen, Literaturwissenschaftler an der Universität Göttingen, teilte sich der Abend in einen ersten Teil, in dem Scheuermann aus ihrem neusten Roman <em>Shanghai Performance</em> las und einen zweiten, der sich einigen ihrer Lyrikwerke widmete. Jürgensen trat von Beginn an sehr souverän auf und stellte gezielte Fragen zu der Programmatik und den Inhalten ihrer Werke, wohingegen Scheuermann schüchtern und zurückhaltend wirkte. Dies drückte sich auch in ihrer Lesung von <em>Shanghai Performance</em> aus, bei der sie die Textpassagen mit leiser und monotoner Stimme las. Inhaltlich fühlte ich mich schnell an <em>Die Stunde zwischen Hund und Wolf</em> erinnert. Geschrieben in der Ich-Pespektive reist die Erzählerin nach Shanghai, wo sie noch einmal ihrer Chefin Margot als Assistentin für die Inszenierung ihrer Performance-Kunst dienen soll. Gerade von ihrem Freund wegen ihrer Unselbstständigkeit verlassen, folgt die Erzählerin ein letztes mal ihrem Idol und entdeckt dabei, dass auch Margots Leben nicht so vollkommen ist, wie sie es sich immer ausgemalt hat.</p>
<p>In den vorgelesenen Passagen tritt die Erzählerin stark in den Hintergrund und verschwindet fast hinter den Beschreibungen ihrer Umwelt, der Stadt und vor allem hinter denen von Margot. Wie in ihrem Vorgängerwerk legt Scheuermann den Fokus auf die Beschreibung von Raum. Neben dieser Betonung von Räumlichkeit spielen Körper eine große Rolle. Immer wieder beschreibt die Ich-Erzählerin die Wirkung von Kleidung und Aussehen anderer Menschen, ihre Bewegungen und Ausstrahlungen. In diesem Zuge treten auch Gefühle in den Vordergrund, welche allerdings in den vorgetragenen Auszügen sehr ort- und zeitgebunden bleiben. Daher erfuhr man in den ausgewählten Textpassagen eine Menge über die Gefühle der Erzählerin in Bezug auf plötzliche Eindrücke von Menschen und Orten, allerdings sehr wenig über tiefer greifende Gefühle, die der Ich-Erzählerin eine konturenreichere Persönlichkeit hätten verleihen könnten.</p>
<p>Auch in dem an die Lesung anschließenden Gespräch mit Jürgensen stellte Scheuermann die Bedeutung dieser Themenbereiche für sie heraus. Sie bezeichnete den Plot als einen pragmatischen, in dem sie »die Wirkung von Räumen und Orten auf Menschen« beschrieb. Es geht ihr um Wechselbeziehungen, um Aktionen und Reaktionen, um Verwandlungen. Ob <em>Shanghai Performance</em> die Probleme seines Vorgängers überwunden hat, konnte ich aus den gelesenen Auszügen jedoch nicht entnehmen. Einen interessanten Ansatz und eine wunderschöne Sprache bietet das Werk aber auf jeden Fall. </p>
<address>Verwandlungsgedichte</address>
<p>Mit dem Wechsel zur Lesung ihrer Lyrik wechselte Scheuermanns Auftreten. Das monotone Vorlesen der Prosa wich einer sanften Rhythmik, welche sich wunderbar der Stimmung ihrer Gedichte anpasste. Sie las aus ihrem Gedichtband <em>Und über Nacht ist es Winter</em>, in welchem sie sich ebenfalls mit Veränderungen und Verwandlungen auseinandersetzt. Besonders hervorgehoben werden von ihr die beiden Gedichte »Der Tätowierer« und »Der Tätowierte«, welche im Kontrast zueinander die verschiedenen Blickwinkel desselben Ereignisses beschreiben. Stimmungsvoll setzen die Gedichte Gefühle ins Zentrum und spielen mit den Bildern und Assoziationen, die sie hervorrufen. In <em>Und über Nacht ist es Winter</em> sieht Scheuermann das Gegenstück zu <em>Die Stunde zwischen Hund und Wolf</em>, was sie darin begründet, dass sie beide Werke zeitnah geschrieben hat. Dies hebt noch einmal hervor, wie dominant sich das Verwandlungsmotiv durch ihr Gesamtwerk zieht und wie sehr ihre Lyrik mit ihrer Prosa verknüpft ist.</p>
<address>Überzeugt?</address>
<p>Was kann ich zum Abschluss sagen? Hat mich die Lesung nun doch von Scheuermanns Prosa überzeugt? Nein, das hat sie nicht, sie hat mich aber auch nicht weiter verschreckt. Ihre Affinität zur Lyrik ist noch immer allgegenwärtig. Das spürte man während ihrer Lesung aus <em>Shanghai Performance</em> und noch deutlicher durch ihre Ausdrucksstärke in den Gedichten. Wer also eine sehr akribisch konstruierte Prosa lesen möchte, der greife ohne Bedenken zu Scheuermanns Werken. Was mich betrifft, bleibe ich vorerst bei ihrer Lyrik und stelle mir vor, dass der Beginn von <em>Die Stunde zwischen Hund und Wolf</em> in Versen verfasst worden wäre, denn dann hätte ich tatsächlich das verlorene Nichts »zwischen Becken und Glasfront« gespürt.</p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Die Milchsanduhr</title>
		<link>http://www.litlog.de/die-milchsanduhr/</link>
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		<pubDate>Fri, 29 Apr 2011 07:36:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Monika Anna Chmiela</dc:creator>
				<category><![CDATA[Misc.]]></category>
		<category><![CDATA[Avantgarde]]></category>
		<category><![CDATA[Der Phosphoreszierende Tiger]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>

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		<description><![CDATA[Monika Chmiela überträgt Wisława Szymborska überträgt Jan Vermeer.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div onclick="tiger(this);" class="tiger1">
<b>Vermeer</b><span style="float:right"><b><a>zur Übersetzung</a></b></span></p>
<p><em>von Wisława Szymborska</em></p>
<p style="font-size:0.85em;">Dopóki ta kobieta z Rijksmuseum<br />
w namalowanej ciszy i skupieniu<br />
mleko z dzbanka do miski<br />
dzień po dniu przelewa,<br />
nie zasługuje Świat<br />
na koniec świata
</p>
</div>
<div onclick="tiger(this);" class="tiger2">
<b>Vermeer</b><span style="float:right"><b><a>zum Original</a></b></span></p>
<p><em>von Wisława Szymborska</em></p>
<p style="font-size:0.85em;">Solange die Frau aus dem Rijksmuseum<br />
in gemalter Stille und Konzentration<br />
Tag für Tag Milch aus einem<br />
Krug in eine Schüssel gießt,<br />
verdient es die Welt nicht<br />
unterzugehen.
</p>
</div>
<p>Das unsignierte Gemälde »De Melkmeid« des niederländischen Malers Jan Vermeer wird auf den Zeitraum zwischen 1658 und 1661 datiert. Seit 1908 befindet sich das Werk in der Sammlung des Rijksmuseum in Amsterdam. Die Milchmagd steht in der Tradition der Gattung Keukenstuk. Darin geht es um die Darstellung von Kücheninterieur. Das Bild zeigt eine Frau in einem küchenähnlichen Raum. Sie trägt ein gelb-blau-rotes Kleid und ein weißes Kopftuch. Vor ihr befindet sich Gebäck und ein Korb mit Brot. Sie gießt Milch aus einem Krug in einen Tontopf. Ihre ganze Aufmerksamkeit widmet sie dieser Tätigkeit. Sie ist das Muster einer tüchtigen Frau, eine Metapher der Ordnung. In ihr treffen sich das Halbdunkel und das Licht, das durch das Seitenfenster einfällt. Das kunstreiche Spiel mit dem Licht betont die Natürlichkeit dieser Szene. An dem Gegensatz zwischen Dunkelheit und Helligkeit knüpft das Gedicht »Vermeer« von Szymborska an.</p>
<p>Es ist eins von neunzehn neuen Gedichten der polnischen Nobelpreisträgerin aus dem Band <em>Tutaj</em> (Hier). Visuell ergeben die sechs Verse eine auf den Kopf gestellte Pyramide; die Worte fließen aus, wie der Milchstrom aus dem Krug. </p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="M. Chmiela"><h2><a href="#M. Chmiela" name="advtab">M. Chmiela</a></h2> Monika Chmiela hat wie Wisława Szymborska an der Jagiellonen-Universät in Krakau Polonistik studiert. Anders als ihre Kommilitonin setzte sie ihr Studium in Göttingen fort. Dort schreibt sie zurzeit an ihrer Magisterarbeit. </div><div class="jwts_tabbertab" title="D.P.T."><h2><a href="#D.P.T.">D.P.T.</a></h2><a href="http://www.litlog.de/tag/der-phosphoreszierende-tiger/" target="_blank">Der Phosphoreszierende Tiger</a> ist der Lyrik-Essay auf Litlog. Er bespricht Gedichte jenseits der Lehrbücher. Er legt einen anderen Zugang zum Gedicht – eine Sammlung mit schiefem Blick. Wer am Projekt mitwirken möchte, meldet sich bei den beiden Herausgebern Andreas Bülhoff und Niels Klenner unter <a href="mailto:phosphor@litlog.de">phosphor@litlog.de</a>.</div></div><br class="jwts_clr" />Szymborska reiht sich damit in die Tradition der »carmen figuratum«, die in der Antike entstand, sich besonders im Barock entwickelte und in der polnischen Avantgarde (1917-22) wiederkehrte. Charakteristisch für diese Texte ist, dass der Versaufbau die Form eines Objekts nachahmt, das im Gedicht thematisiert wird. Als ein bekanntes polnisches Beispiel kann der Gedichtzyklus »Pegaz dęba« von Julian Tuwim angeführt werden.</p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab1"><div class="jwts_tabbertab" title="Buch"><h2><a href="#Buch" name="advtab">Buch</a></h2>
<div align="center"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/TutajCover.jpg" alt=" " /><br />
Wisława Szymborska:<br />
<a href="http://www.znak.com.pl/kartoteka,ksiazka,2327,tytul,Tutaj">Tutaj </a><br />
Znak: Kraków 2009<br />
48 S., 10 €<br />
Der Band liegt in englischer Übersetzung mit einer Leseaufnahme vor (ISBN 978-83-240-1158-2).
</div>
<p></div><div class="jwts_tabbertab" title="Szymborska"><h2><a href="#Szymborska">Szymborska</a></h2>Wisława Szymborska wird 1923 bei Posen geboren. Sie studierte Polonistik und Soziologie an der Jagiellonen-Universität in Krakau. 1996 erhält sie den Literaturnobelpreis. Sie ist heute in Polen beinahe so bekannt wie Papst Johannes Paul II. Sie lebt zurückgezogen in Krakau. </div><div class="jwts_tabbertab" title="Tuwim"><h2><a href="#Tuwim">Tuwim</a></h2> Julian Tuwim wird 1894 in Łódź als Sohn eines jüdischen Bankbeamten geboren. 1939 flieht er nach dem Einmarsch der Deutschen und landet schließlich über Paris und Rio in New York. 1946 kehrt er zurück nach Polen. Der ehemalige Skamander übersetzt und arbeitet als Dramaturg am Warschauer »Nowy Teatr«. Er stirbt 1953 in Zakopane. In Polen ist er heute v.a. für sein lautmalerisches Kindergedicht »Lokomotywa« bekannt. Auf Deutsch erschien zuletzt »Herr Klitzewinzig und der Wal.«</div></div><br class="jwts_clr" />Der Einfachheit des Szymborska-Gedichts, das nur einen Satz lang ist, entspricht die Einfachheit des Vermeer-Gemäldes. Sowohl auf dem Bild als auch im Gedicht wird die Tätigkeit akzentuiert. Die Frau bleibt hier wie dort namenlos. Sie verkörpert Ruhe und Harmonie, gießt eine Hoffnung in die Herzen der Menschen für ein besseres Morgen. Die Welt kann nicht zu Ende gehen, sie verdient es nicht. Erst wenn die ganze Milch in den Tontopf umgefüllt ist, erfüllt sich die Zeit. Die Milchsanduhr. Der Krug wird nie leer sein, wie das Füllhorn der Almatheia, aus dem das lebendige, ewige Weiß fließt. Ein polnisches Sprichwort sagt: Der Krug geht solange zum Wasser, bis er bricht; solange die Schönheit in den Werken Vermeers gezaubert wird, solange wird die Welt einen Sinn haben. Die Rettung ist dann in der Kunst. </p>
<p><em>Von Monika Anna Chmiela</em></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Gestern ist heute ist morgen</title>
		<link>http://www.litlog.de/gestern-ist-heute-ist-morgen/</link>
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		<pubDate>Thu, 03 Mar 2011 14:34:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kevin Kempke</dc:creator>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[2 Stimmen 1 Roman]]></category>
		<category><![CDATA[Berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Judith Zander]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Roman]]></category>
		<category><![CDATA[The Beatles]]></category>

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		<description><![CDATA[Kevin Kempke über Judith Zanders Debütroman <em>Dinge, die wir heute sagten</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In ihrem Debütroman <em>Dinge, die wir heute sagten</em> zeichnet die als Lyrikerin bereits bekannte Judith Zander ein trostloses Dorf-Portrait vom »hässlichen Endlein der Welt«, dem ostdeutschen Dorf Bresekow. Die Heterogenität der verschiedenen Erzählstimmen macht den Roman zum Sprachkunstwerk, findet Kevin Kempke. </strong></p>
<p><em>Von Kevin Kempke</em></p>
<p>Es gibt Orte, die ein Eigenleben führen, die wie ein geschlossenes System funktionieren und Änderungen in der Ordnung äußerst ablehnend gegenüberstehen. Bresekow ist so ein Ort. Trostlosigkeit und Kleinstadt-Mief sind die hervorstechenden Merkmale in diesem »hässlichen Endlein der Welt«, wo sich jeder grüßt, aber keiner den anderen richtig kennt. Nichtmal eine Kneipe gibt es in Bresekow, sondern nur das alte Gebäude der LPG, genannt die »Elpe«, wo die Dorfjugend bei Alkohol und Marihuana vor sich hin vegetiert. In ihrem Debütroman <em>Dinge, die wir heute sagten</em> lüftet Judith Zander, die als Lyrikerin schon einige Erfolge feierte, den Mantel des Schweigens, der über dem ostdeutschen Dorf liegt, das in mehr als einer Hinsicht an das Jerichow Uwe Johnsons erinnert. Auf knapp 500 Seiten erzählt die Autorin aus dem Leben einiger Dorfbewohner – vom Ende des zweiten Weltkriegs bis zur Jahrtausendwende. </p>
<p>»Das Dorf kennt keine Aufregung, es regt sich nur gerne auf« &#8211;  unter diesen Voraussetzungen braucht es nur eines Anstoßes von außen, um die vielstimmige Erzählmaschinerie des Dorfes in Gang zu setzen. Dieser Anstoß ist der Tod der alten Anna Hanske und die Rückkehr ihrer Tochter Ingrid, die mit ihrem Mann Michael nach Irland ausgewandert ist und ihr Heimatdorf Bresekow seit ihrer Flucht in den Westen nicht mehr gesehen hat. Anlass genug für die Dorfbewohner sich noch einmal zu erinnern, wie das damals war, mit den Hanskes und überhaupt. </p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Buch-Info"><h2><a href="#Buch-Info" name="advtab">Buch-Info</a></h2></p>
<div align="center"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/zandercover.jpg" alt=" " /><br />
Judith Zander<br />
<a href="http://www.dtv.de/buecher/dinge_die_wir_heute_sagten_24794.html" target="_blank"><strong>Dinge, die wir heute sagten</strong></a><br />
München: dtv 2010<br />
480 Seiten, 16,90 €</div>
<p></div><div class="jwts_tabbertab" title="2 Stimmen, 1 Roman"><h2><a href="#2 Stimmen, 1 Roman">2 Stimmen, 1 Roman</a></h2>In jedem erweckt das Lesen eines Textes ganz unterschiedliche Eindrücke. Dementsprechend unterscheiden sich die Stimmen zweier Personen, die ein und denselben Roman besprechen. Die Reihe <strong>»2 Stimmen, 1 Roman«</strong> macht die einzigartigen Zugänge zu Texten sichtbar.</div></div><br class="jwts_clr" />Judith Zander lässt Erzähler aus drei Generationen in inneren Monologen zu Wort kommen – und die sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Jeder Erzähler ist mit seinem eigenen Sprachduktus ausgestattet, an dem man ihn aufgrund soziolektaler und dialektaler Merkmale auch ohne die den Sprecherwechsel ankündigenden Überschriften identifizieren könnte. Dadurch kommt ein Sprachkunstwerk zustande, das intensiv und lebensnah die Heterogenität der Erzählstimmen vorführt. Die gleichsam naturalistische Sprachgestaltung geht sogar soweit, dass man manchmal meint, die Sprecher würden einem direkt gegenüber sitzen und bei einer Tasse Kaffee ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern. Auf der anderen Seite driftet der Erzählfluss manchmal auch ins Beliebige ab. Wo viel geredet wird, fehlt manchmal eben die nötige Stringenz. Oder anders gesagt: Die rhetorische Maxime »Eine gute Rede soll das Thema erschöpfen, und nicht die Zuhörer« wird hier gelegentlich missachtet. </p>
<address>Von Plattdeutsch zu Beatles-Texten</address>
<p>Unterbrochen wird der Erzählstrom lediglich durch bewusst ungelenke Übersetzungen von Beatles-Texten &#8211; die leitmotivisch den Roman durchziehen &#8211; und durch plattdeutsche Passagen, in denen die Dorfgemeinde in chorisch anmutenden Versen ihren Senf dazugeben darf: »Na wat seggst du dootau, nu isse doot/Jo nu isse doot ick heww dat/ De Olsch/ Ick hab dat erst gestern inne Zeitung«. Was man sich eben so erzählt.</p>
<p>Setzt man all die Informationen aus den Reden der Dorfbewohner wie Puzzle-Teile zusammen, erhält man im Verlauf des Romans ein immer genaueres Bild davon, was Ingrid damals zur Flucht in den Westen getrieben hat und warum ihre Mutter immer mehr zur gesellschaftlichen Außenseiterin wurde. Das ist aber nur eine Seite des Dorfes und seiner Geschichten. Denn die jugendlichen Hauptfiguren Romy und Ella haben mit den alten Kamellen, über die sich ihre Eltern die Köpfe heiß reden, wenig am Hut. Beide gehen sie aufs Gymnasium und blicken mit einer gehörigen Portion Verachtung auf das Dorf und die Bewohner. Sie sind Fremdkörper in dieser Welt und wissen das nur zu gut. Der Tod der alten Anna bringt aber auch in ihr Leben gehörig Bewegung, Ingrids Sohn Paul ist nämlich auch mitgekommen zum Kondolenzbesuch. Besonders Romy, die sonst keine Freunde hat, verfällt dem Charme des irischen Gastes, der nicht nur Paul heißt, sondern dazu noch aussieht wie Paul McCartney mit 23. Beatles-Liebhaberin Romy fühlt sich wie im siebten Himmel. Doch auch Ella fühlt sich zu Paul hingezogen. </p>
<p>Wie Judith Zander die allmähliche Annäherung zwischen Romy, Ella und Paul gestaltet, gehört zu den stärksten Momenten des Romans. Mit viel Feingefühl und Menschenkenntnis beschreibt die Autorin, wie die beiden so verschiedenen Mädchen ihren Schutzpanzer aus Arroganz und Widerborstigkeit langsam fallenlassen und sich anfreunden. Paul ist das verbindende Element, was die beiden Außenseiterinnen aneinander schmiedet. Im Lauf der Geschichte bringt Paul Romy dann sogar dazu, mit ihm »auf die Elpe« zu gehen, eine Idee, auf die sie von selbst nie im Leben gekommen wären. </p>
<address>Im Würgegriff zwischenmenschlicher Tragödien</address>
<p>Das ist nur eine von vielen Grenzüberschreitungen von denen der Roman handelt – im übertragenen wie auch im wörtlichen Sinn. Denn die zwischenmenschlichen Tragödien, die das Dorf im Würgegriff halten, spielen sich vor dem zeitgeschichtlichem Hintergrund der Gründung, des Bestehens und des Untergangs der DDR ab. <em>Dinge, die wir heute sagten</em> ist vordergründig kein politischer Roman, aber auch an Bresekow geht die Weltpolitik nicht spurlos vorüber. Fragen der Identität werden auch an die Staatszugehörigkeit geknüpft. Die Erinnerungen der älteren Erzähler sind voll von DDR-Lokalkolorit, die im Vorbeigehen eine Welt evozieren, die mit dem Mauerfall untergegangen ist. Oder doch nicht? Die Kräfte, die das Dorfsystem von innen am Laufen halten, sind jedenfalls immer noch die gleichen. Und auch wenn die »Elpe« am Ende in Flammen steht, ist auch diese Austilgung eines der letzten sichtbaren DDR-Relikte ein ambivalentes Symbol. Denn ein Phönix steigt in Bresekow wohl kaum aus der Asche.</p>
<p>Schließlich findet auf bitter-süße Weise auch die Liebesgeschichte zwischen Ella, Romy und Paul ihr Ende. Paul fährt wieder nach Irland, die Mädchen bleiben mit ihrem Gefühlschaos zurück. Doch in all dem Abschiedsschmerz gibt es auch einen kleinen Hoffnungsschimmer auf eine bessere Zukunft. Dass die in Bresekow liegt, ist allerdings mehr als unwahrscheinlich.</p>
<p><strong>Nadya Hartmanns Stimme zu Judith Zanders <em>Dinge, die wir heute sagten</em> findet ihr <a href="http://www.litlog.de/everything-seems-to-be-right/">hier</a>.</strong></p>
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		<title>Everything seems to be right</title>
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		<pubDate>Thu, 03 Mar 2011 14:32:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nadya Hartmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[2 Stimmen 1 Roman]]></category>
		<category><![CDATA[Berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Judith Zander]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Roman]]></category>
		<category><![CDATA[The Beatles]]></category>

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		<description><![CDATA[Nadya Hartmann über Judith Zanders Debütroman <em>Dinge, die wir heute sagten</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Judith Zander beweist in ihrem Romandebüt, dass Prosa so wenig prosaisch sein muss, wie Alltag manchmal lyrisch ist. Die junge Autorin hat tief ihm Dorfmatsch gewühlt und einen anmutigen Roman geschrieben, klebrig-süß wie Zuckerrübensaft, den man mit bitterem Earl Grey-Tee herunter spült. Nadya Hartmann verbrachte 480 Seiten im fiktiven Bresekow. Eine Karussellfahrt mit erdverkrusteten Händen und Schmetterlingen im Bauch.</strong></p>
<p><em>Von Nadya Hartmann</em></p>
<p>Der Titel des Romans <em>Dinge, die wir heute sagten</em> ist so gut, weil er nichts so richtig und so richtig alles zu sagen scheint. Dezent und doch irgendwie bedeutungsschwanger verführt er durch seine Einfachheit. Ihm wohnt eine schwermütige Leichtigkeit inne, die man eigentlich nur aus Songs kennt. Das könnte daran liegen, dass es auch ein Song ist. Oder vielmehr, schon ein Song war, bevor Judith Zander geboren wurde. <em>Things we said today</em> erschien als B-Seite der Beatles-Single <em>A hard day’s night</em>. Das ist dieser Song mit der Liedzeile, bei der man unwillkürlich die Augen zukneift und mitschmettert:  »When I’m home, everything seems to be right«. Es ist ein Liebeslied wie <em>Things we said today</em>, allerdings will sich das »all right«-Gefühl hier nicht einstellen. Die Heimat der Figuren aus Zanders Romandebüt ist das Dorf Bresekow, ein fiktiver Ort in Vorpommern. Irgendwo in der Nähe von Anklam soll es liegen, dort, wo die heute in Berlin lebende Autorin selber aufwuchs. </p>
<p>Und überhaupt, Heimat, was für ein komisches Wort, ein Wort, das es im Englischen gar nicht gibt. Für manche ist es ein Sehnsuchtsort, aber nicht für die Bresekower. Sie wohnen im »Zentrum des Nichts«, in einem verschlafenen Nest mit »brösigem Himmel« wo alle meckern, schuften, lungern und vor allem fernsehgucken. So stellt es uns Romy, eine der Erzähler/-innen dieses polyphonen Romans, gleich auf den ersten Seiten vor. Das »wir« im Titel, das sind die Stimmen des Dorfes, eine wohlüberlegte Durchmischung der Generationen, Geschlechter und Schichten, deren einzige Gemeinsamkeit der Wohnort zu sein scheint. Und bei keinem von ihnen »everything seems to be right«. Im Gegenteil. Im Bresekower Dorfmodder verbergen sich Dinge, die bis heute keiner sagte. Doch bekanntlich geht in der Jauchegrube der Erinnerungen nichts so richtig unter. Schließlich schwappen sie doch wieder an die Oberfläche, die Vergangenheitsleichen mit ihren aufgedunsenen Bäuchen. »›Es stinkt im Dorf‹, sagt Romy. ›Alles Inzest‹, sagt Papa.«</p>
<address>»Es stinkt im Dorf«</address>
<p>Die Landschaft, in der Zander ihren Roman ansiedelt, beginnt kurz hinter Berlin und hört bis Rostock nicht auf. Zwischen den Kapiteln ragen die Beatles-Zitate heraus wie vereinzelte Baumwipfel aus öder Gegend. Durch die oft etwas ungelenke Übersetzung wirken sie verfremdet und sind trotzdem merkwürdig vertraut. Alle tragen die Überschrift »John &#038; Paul«. Mit ihnen nimmt die Geschichte ihren Anfang: »Irgendwann wenn ich einsam bin – wünschend du wärst nicht so weit weg – werde ich mich erinnern an – Dinge die wir heute sagten.« Bei Zander klingt das nicht nach Liebeslied.</p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Buch-Info"><h2><a href="#Buch-Info" name="advtab">Buch-Info</a></h2></p>
<div align="center"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/zandercover.jpg" alt=" " /><br />
Judith Zander<br />
<a href="http://www.dtv.de/buecher/dinge_die_wir_heute_sagten_24794.html" target="_blank"><strong>Dinge, die wir heute sagten</strong></a><br />
München: dtv 2010<br />
480 Seiten, 16,90 €</div>
<p></div><div class="jwts_tabbertab" title="2 Stimmen, 1 Roman"><h2><a href="#2 Stimmen, 1 Roman">2 Stimmen, 1 Roman</a></h2>In jedem erweckt das Lesen eines Textes ganz unterschiedliche Eindrücke. Dementsprechend unterscheiden sich die Stimmen zweier Personen, die ein und denselben Roman besprechen. Die Reihe <strong>»2 Stimmen, 1 Roman«</strong> macht die einzigartigen Zugänge zu Texten sichtbar.</div></div><br class="jwts_clr" />Jeder der Dorfbewohner hat eine Geschichte. »Ein Päckchen zu tragen« oder »eine Leiche im Keller«, wie man im Volksmund so sagt. Und der Volksmund sagt viel, »wenn der Tag lang ist«. Und die Tage in Bresekow sind besonders lang und was das heißt, ist klar. Und trotzdem sind alle einsam. Im Dorf rumort es mono, nicht stereo. Manche Monologe bestehen nur aus Erinnerungen, die um die Dinge kreisen, die hätten gesagt werden sollen. Nostalgie ist da fehl am Platz. Wenn sich ihre Gedanken in die Vergangenheit flüchten, dann nur, weil manchmal <em>etwas</em> passiert. Und dann hängt das Unausgesprochene auf einmal in der Luft wie alter Rauch in der Dorfkneipe. Das <em>etwas</em> ist der Tod von Anna Hanske. Ihre Tochter Ingrid ist gezwungen, zurückzukommen, in die Heimat, die sie damals fluchtartig verlassen hat. Heute lebt sie in Irland und hat ihren Mann Michael samt Sohn im Gepäck, der, man dürfte nur minder überrascht sein, tatsächlich Paul heißt. </p>
<p>An Orten wie Bresekow hängen Schicksale enger zusammen, als anderswo. Als Ingrid Bresekow verließ, hoffte sie, es sei für immer. Ihren geistig behinderten Sohn Henry ließ sie bei ihrer Mutter zurück. Anna Hanske, eine robuste, starke Frau, über die man sich im Dorf das Maul zerreißt und dadurch enger zusammenrückt, und sei es nur, um sich etwas ins Ohr zu tuscheln, zieht den Kleinen auf. Ein Leben, das so beginnt, kann nicht glücklich werden, zumindest nicht in der Literatur. Die Rückkehr Ingrids und ihrer beider Männer, den Iren (»Is denn nu ihr Mann uch n Irischer?«, echot der Gemeindechor), bringt das Karussell der Schuldgefühle, der geheimen Sehnsüchte und der alten Wunden zum Drehen. </p>
<p>Auch die Mädchen Romy und Ella, die junge Generation, wünschen sich nichts sehnlicher, als aus dem Kaff herauszukommen. Sie sind gleichalt und sehr verschieden. Vor allem aber sind sie anders als die anderen und ihre Gemeinsamkeit liegt darin, dass das beide so sehen. Ihr Alltag, in dem Earl Grey das Exotischste ist, was sich ihnen bietet, erfährt durch die »Irischen« eine aufregende Abwechslung. Hartmut, Sonia, Romy, Ella, Maria, Pastor Wietmann, Ecki, Henry&#8230;  Die einzelnen Kapitel tragen den Namen ihres Erzählers, jedes Ich eine isolierte Überschrift, eingeschlossen in seiner Perspektive. Der Leser ist das fehlende Verbindungstück in der Mechanik des Dorfkarussells. Die eigentliche Geschichte findet zwischen den Kapiteln statt und handelt von den Dingen, die niemand sagte. </p>
<address>Gummistiefel aus korallroten Anfangssätzen</address>
<p>Wenn Judith Zander auch kräftig im Dorfmatsch wühlt, Gummistiefel trägt sie dabei nicht. Sie erzählt ohne plumpen Pathos, ihre Sätze trampeln nicht. Zanders Prosa ist wie ihre Lyrik: ernst und schön. Sie zieht einen in die Perspektive ihrer Figuren hinein, wie einen Mantel streift man sie sich gerne über. Jede hat ihre eigene, unverwechselbare Stimme. Die Gemeinde lässt Judith Zander in Mundart durcheinander reden, dabei heraus kommt eine herrlich verschrobene Kakophonie von Dingen, die man sich auf dem Dorf sagt, wenn bestimmte Leute nicht dabei sind. Der Pastor erzählt mit gebetbuchartigem Singsang, der etwas tumbe Sportlehrer Hartmut spricht regional gefärbtes Hochdeutsch. Die Freunde des Dorfjungen Ecki tragen Namen wie Sandro Möller, Börner, oder – wer will hier das Klischee leugnen? – Jacqueline. Das Vokabular der Clique, in der sich die Jungen gegenseitig »Hoschi« nennen, ist deftig. Zander hat keine Scheu vor Sätzen wie: »die sind doch alle nich ganz knusper bei die« oder »Darfst mir uch ficken«. Mal ist ihre Sprache ungeschliffen, dann klingt wieder die Poesie ihrer Lyrik durch, die den Leser umfängt wie ein »Netz aus korallroten Anfangssätzen«. Die Charaktere, die sie in dem Roman schafft, lassen sich nicht mehr abschütteln. Ihre Hoffnungen, Enttäuschungen, Ängste kleben an einem wie Zuckerrübensaft. </p>
<p>Das Leben ist kein Beatles Song, auch nicht in der Fiktion. Und obwohl Zander diese dem Leser als  beunruhigend authentisch präsentiert, haben sich weiche Knie lange nicht mehr so gut angefühlt. Für den Leser ist es schön zu wissen, dass sich einige der Figuren auf den letzten Seiten lebendiger fühlen. Wenn Zander sie auch nicht zu <em>Oh Happy Day</em> schnipsen lässt, gibt es am Ende doch <em>Strawberry fields</em> und Schmetterlinge, eventually. </p>
<p><strong>Kevin Kempkes Stimme zu Judith Zanders <em>Dinge, die wir heute sagten</em> findet ihr <a href="http://www.litlog.de/gestern-ist-heute-ist-morgen/">hier</a>.<br />
</strong></p>
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		<title>Ich bin nichts, &#8230;</title>
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		<pubDate>Fri, 21 Jan 2011 11:17:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Brandis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Alkoholismus]]></category>
		<category><![CDATA[Debütroman]]></category>
		<category><![CDATA[Desorientierung]]></category>
		<category><![CDATA[Künstlerroman]]></category>
		<category><![CDATA[Leere]]></category>
		<category><![CDATA[Liebesroman]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Silke Scheuermann]]></category>

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		<description><![CDATA[Silke Scheuermanns lyrischer Debütroman: Schöne Worte, Figuren reine Fassaden.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Im Debütroman <em>Die Stunde zwischen Hund und Wolf</em> der Lyrikerin Silke Scheuermann dreht es sich bei der Wiederbegegnung zweier Schwestern um Existentielles: Alkoholsucht, Liebe, Abhängigkeit. Die programmatische Leere der Figuren überträgt sich auf den Leser.</strong></p>
<p><em>Von Rüdiger Brandis</em></p>
<p>Hunde im Dunkeln ähneln oft ihren Vorfahren, den Wölfen. Sie wirken bedrohlich und gefährlich. Silke Scheuermanns Roman <em>Die Stunde zwischen Hund und Wolf</em> bedient sich dieser Illusion, um die Extreme des menschlichen Daseins auszuloten. Leider bleibt die Intention nur Vorsatz, denn das bestechende Merkmal von Scheuermanns Roman ist neben vielen schönen Sätzen und Formulierungen ein erzählerisches Vakuum, das die Geschichte beherrscht. </p>
<p>Scheuermann erzählt aus der Ich-Perspektive einer jungen Frau heraus, die gerade aus Rom zurück nach Frankfurt am Main gezogen ist, sich jedoch noch nach der Stadt am Tiber sehnt. In Frankfurt trifft sie ihre ältere Schwester Ines wieder, die zögerlich versucht, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Sie haben seit Jahren nichts mehr voneinander gehört. Kurz darauf meldet sich Ines Freund Kai mit dem Wunsch, ob Ines eine Weile bei ihr wohnen dürfe. Ein Grund wird nicht genannt. </p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Buch-Info"><h2><a href="#Buch-Info" name="advtab">Buch-Info</a></h2></p>
<div align="center"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/Hund+WolfCover.jpg" alt=" " /><br />
Silke Scheuermann<br />
<a href="http://www.schoeffling.de/content/buecher/366.html" target="_blank"><strong>Die Stunde zwischen Hund und Wolf. Roman</strong></a><br />
Schöffling &#038; Co: Frankfurt am Main 2007<br />
174 Seiten, 17,90 €</div>
<p></div></div><br class="jwts_clr" />Erst nach einem abendlichen Kneipenbesuch mit ihrer Schwester erfährt die Protagonistin, deren Name im ganzen Roman nicht einmal genannt wird, von der Alkoholsucht der Schwester. Eine Annäherung der beiden scheint zunächst ausgeschlossen. Doch Ines zieht auf kraftvolle Weise das Mitleid der Schwester auf sich. Auch in Bezug auf Kai bahnen sich tiefere Gefühle an. Dann gibt es da noch Carol, die lesbische Freundin von Ines, die einfach nicht loslassen kann. Soweit scheint die Substanz für einen Roman vorhanden, aus der die tiefe und verworrene Beziehung von Schwestern untereinander charakterisiert werden kann. Aber Scheuermann vergibt diese guten Ansätze leichtfertig. </p>
<blockquote><p>Ich bin nichts, nicht als ein heller Umriss, an diesem Morgen, auf dem schmalen Korridor zwischen Becken und Glasfront des Schwimmbads, die x-fache Spiegelung eines vor Jahren beendeten Lebens, die schamlose Kopie eines ersten Satzes.
</p></blockquote>
<p>Mit diesem Satz startet der Roman und sofort sticht die lyrische Präzision in Auge und Ohr, mit der Scheuermann ihre Wörter platziert. Die Sprache ihrer Lyrik in ihren ersten Roman zu transferieren, gelingt ihr. Stilistische Schwäche kann man ihr demnach nicht vorwerfen. Doch diese Stärke im sprachlichen Ausdruck wirkt verloren angesichts der Inhaltslosigkeit des Erzählten. Die Leere des menschlichen Seins fungiert als Programm des Buches, und es erfüllt das Buch auf erschreckend effiziente Weise. </p>
<p>Dies zeigt sich von Beginn an. Von der Protagonistin erfährt der Leser herzlich wenig, außer ein paar Rückblenden in die gemeinsame Kindheit mit Ines und die Eifersucht auf ihre Schwester. Der Beginn des ersten Satzes »Ich bin nichts« weist bereits in die Zukunft. Trotz der Ich-Perspektive stellt sich nie eine wirkliche Nähe zur Erzählerin ein. Auch die Figurencharakterisierung von Ines zeichnet sich lediglich durch manische Ausbrüche während ihrer Trinkexzesse aus. </p>
<p>Dem Leser werden Fassaden vorgestellt, hinter denen sich ein Nichts auftut. Dass man zu den handelnden Figuren keine Nähe aufbauen kann, wird durch die Kürze des Romans noch verstärkt. Die Geschichte baut sich auf und bricht ab. Sie bietet keinen Abschluss, kein Ende; es selbst als offen zu bezeichnen, wäre zu viel gesagt. Die Geschichte hört einfach auf. Der Leser fragt sich zurecht, ob da nicht noch Raum für mehr gewesen wäre. </p>
<blockquote><p>Und es kommt der Moment, da wird sie eine andere, da rastet ihr Gehirn aus, und es dominiert ein einziges, hässliches Gefühl, ich kann nie vorhersagen, was es ist, Wut, Aggressivität oder Selbstmitleid, denn es hat nichts mit allem, was vorher passierte, zu tun, es ist die totale Willkür, etwas Fremdes beginnt, an ihr herumzuzerren, ich nenne das die Stunde zwischen Hund und Wolf.
</p></blockquote>
<p>Man könnte die These aufstellen, Scheuermann setze nur konsequent die seelische Belastung der Leere ihrer Protagonistin in der Art und Weise des Erzählens um. Dies zu verneinen, wäre unbedacht. Doch dem Roman fehlt es an Dramaturgie, an Substantiellem, das zum Lesen motiviert. </p>
<p>Scheuermanns Figuren sind nichts als blutleere Konstrukte, die sich durch einen Raum schöner Wörter bewegen. <em>Die Stunde zwischen Hund und Wolf</em> kann leider nicht halten, was der Titel verspricht. Die Spannung, die in der Metamorphose vom zahmen zum wilden Tier liegt, springt nicht über. </p>
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		</item>
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		<title>Spiegelmosaik</title>
		<link>http://www.litlog.de/spiegelmosaik/</link>
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		<pubDate>Fri, 17 Dec 2010 22:39:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alena Diedrich</dc:creator>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Antike]]></category>
		<category><![CDATA[Bob Dylan]]></category>
		<category><![CDATA[Dirk von Petersdorff]]></category>
		<category><![CDATA[Hegel]]></category>
		<category><![CDATA[Luhmann]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Mythologie]]></category>
		<category><![CDATA[Pop]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Romantik]]></category>

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		<description><![CDATA[Schillern unter dem Umschlag wie eine Discokugel: Petersdorffs neue Gedichte.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Dirk von Petersdorff ist ein emsiger Sammler: Luhmanns Systemtheorie, Hegels Weltgeist, die literarische Romantik, griechische Mythologie, Antike und christliche Religion versammelt er neben Bob Dylans Rolling Thunder Revue und dem Elektropop der 80er und 90er Jahre.</strong></p>
<p><em>Von Alena Diedrich</em></p>
<p>Denn »<em>das kommt gut, Heilige zu zitieren auf dem Abflug ins große Egal</em>«. Heraus kommt dabei ein Buch, das unter dem Umschlag schillert wie eine glitzernde Discokugel: eine Reflexion der Welt, die sich um ein verborgenes Zentrum dreht… Und so gibt dieses vielseitige Spiegelmosaik immer unterschiedliche Antworten auf die alten Fragen, die Nach dem Lesen in Petrarcas Briefen aus dem Chaos der modernen Egalität plötzlich wieder auftauchen:</p>
<address>»<em>Was ich erhoffe? – Keine Ruhe</em>«</address>
<p>Petersdorff nimmt uns mit auf eine Zeitreise durch seine früheren Gedichtbände, denn alte und neue Texte hat der Autor für seinen fünften Band zusammengestellt. Ein Substrat aus mehr als zwölf ereignisreichen Jahren als Lyriker. Wie es begann, lesen wir gleich zu Anfang: Petersdorffs lyrisches Ich ist heimatlos, ganz modern und immer unterwegs, ein leerer Bedeutungsträger – »<em>Ich flottiere doch auch nur / auf einer Signifikantenkette</em>«. Selbst im vermeintlichen Stillstand ist es hineingeworfen in die Welt, aus dem Zentrum entlassen, der Metropole entrückt – »<em>Ich bin gesetzt, ich / sitze dezentriert in Delmenhorst</em>«. Es ist in einem modernen Geflecht gefangen, das sich nur noch als permanent fluktuierendes System begreifen lässt. Kein Code, kein Schlüssel, allenfalls eine Do-it-yourself-Religion kann diesen »<em>Laden / im Innersten</em>«, die »<em>Tenne der Sterblichen</em>«, noch zusammenhalten: »<em>die Gebete hast du selbst geschrieben</em>«, heißt es später. Der Lebensentwurf auf ein sinnstiftendes Ziel hin ist dem modernen Vaganten, dem ewigen Nomaden, verwehrt:</p>
<blockquote><p>Ich führ das Leben eines<br />
Kandidaten und weiß doch nicht</p>
<p>woraufhin?</p></blockquote>
<p>Was bleibt ist »<em>das obstinate Gemurmel einer / Sprache</em>«, ein lyrisches Stammeln in freien zwar, doch in gebrochenen Versen. Bewegungsfreiheit ist gut, doch inzwischen kreist die Moderne permanent »<em>in Warteschleifen</em>«, ein eher hoffnungsloser, ermüdeter und auch ermüdender Prozess. </p>
<address>»<em>Mein Antlitz? – Faltet sich</em>«</address>
<p>Müde ist auch das lyrische Ich in Petersdorffs neuen Gedichten zuweilen. »<em>Der Ironiker mit 35</em>« – so ein Gedichttitel im Vorgängerband <em>Die Teufel in Arezzo</em> (2004) – hat nun die Mitte Dreißig überschritten und betrachtet in den blockgesetzten Stanzen des Zyklus Die Vierzigjährigen die merkwürdigen Symptome des Älterwerdens:</p>
<blockquote><p>Der Salzgeruch vom Meer, das war die Frühe,<br />
man tat so viele Dinge ohne Grund –<br />
jetzt ist in deinem Lächeln Mühe,<br />
und bitte kauf dir keinen Schäferhund.</p></blockquote>
<p>Ganz trochäisch regelmäßig, ohne nennenswerte Überraschungen, doch mit allem Gewicht, bricht das Alter in den Alltag ein: »<em>Und dann fühlst du beim Cremen des Gesichts / Dich wie ein Stein, der fällt und fällt ins Nichts</em>.« Doch die Zeit bringt nicht nur das zunehmende Alter, es bringt auch Veränderung und eine magische Verjüngung, einen neuen <em>Lebensanfang</em> (2007), so der Titel des zuletzt von Petersdorff erschienenen Romans:</p>
<blockquote><p>My Dear, du bist am Morgen schon erschlafft<br />
Und denkst am Abend, Wellness, Pflege, Schonung,<br />
dagegen schießt dein Sohn mit schöner Kraft<br />
die Tennisbälle durch die Altbauwohnung.</p></blockquote>
<p>Jedes Glied in der Kette des Lebens – »<em>an der ich zerre</em>«, so hieß es in <em>Lebensanfang</em> – ist doch am Ende erwünschter und notwendiger Teil eines über die Generationen reichenden Kreislaufs. Die magische Verjüngung durch die eigene Familie folgt dem Energieerhaltungssatz: »<em>Bestätigt: Energie geht nicht verloren, / erstaunlich: Diesen Schwung hast du geboren.</em>« Doch hier wird Energie nicht nur übertragen, sie verdoppelt sich durch den Austausch. Aus dem scheinbaren Kontrast zwischen Alt und Jung wird über geteilte oder noch zu teilende Erfahrungen eine Parallele:</p>
<blockquote><p>Der Mann macht langsam die Krawatte frei<br />
Der Junge schiebt das Mountainbike vorbei.</p></blockquote>
<address>»<em>Was ich suche? – Ruhe</em>«</address>
<p>Petersdorffs Ich ist mit der Welt verbunden: über die Naturgesetze, über die Mythologie und die Philosophie des Abendlandes, über die Geistesgeschichte, die literarische Tradition und schließlich auch, und vielleicht am stärksten, über das Glücksempfinden angesichts der ewigen Rätsel unseres Daseins:</p>
<blockquote><p>Und denkst du schon, das Leben ist zerschnitten<br />
Vom Schicksal, den Hormonen, von der Parze,<br />
so unbemerkt von Lust zur Angst geglitten,<br />
denn von den Billardkugeln fiel die schwarze,<br />
	dann sind die tausend Sterne der Chemie<br />
	ein Rätselbild, und das verstehst du nie.</p></blockquote>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Buch-Info"><h2><a href="#Buch-Info" name="advtab">Buch-Info</a></h2></p>
<div align="center"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/Diedrich-Nimm-den-langen-Weg-cover.jpg" alt=" " /><br />
Dirk von Petersdorff<br />
<a href="http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=31745" target="_blank"><strong>Nimm den langen Weg nach Haus. Gedichte</strong></a><br />
C.H. Beck: München 2010<br />
101 Seiten, 16,95 €</div>
<p></div></div><br class="jwts_clr" />Ein organischer Lebenskreislauf – »<em>es scheiden und kehren im Herzen die Adern</em>« – ist hier eingebettet in einen regelhaften Lauf der Dinge, die Ruhe eines natürlichen Jahreszeitenzyklus – »<em>Wintertrost</em>« und »<em>Sommerspiele</em>« – den man an der Veränderung der Landschaft ablesen kann, und doch ist ein wesentlicher Weltzusammenhang verlorengegangen. Waren die christlichen Feiertage fest im Kirchenjahr verankert, sind sie in unserer modernen Zeit mehr oder weniger von ihrer ursprünglichen Bedeutung getrennt, mehr oder minder leere Rituale. Der Taufspruch ist neben anderem Papierkram in der »<em>Dokumentenmappe</em>« abgeheftet und auch das heilige Osterlamm muss sich den Gesetzen des Marktes beugen:</p>
<blockquote><p>So wühl ich oder geh die Außen-Wendeltreppe,<br />
die zur Wohnung führt,<br />
trag die Einkaufskisten hoch. Es ist<br />
ein Osterlamm dabei: aus Teig<br />
mit etwas Puderzucker, der Rücken rund.<br />
Ich steh, les auf dem Bon: ‚Osterlamm, 2,49 Euro‘ –<br />
Und das sind jene Augenblicke,<br />
wo ich neuerdings<br />
gleich aus der Fassung falle, wo es in mir knirscht:<br />
Du armes Lamm, das ich hier balanciere,<br />
wohin hat es dich verschlagen?</p></blockquote>
<p>Schnell kann man zum entheiligten Opfertier werden, das allein auf weiter Flur nirgendwo mehr so recht Obdach findet, ewig nur im Durch- und Übergang: »<em>Die Freiheit ist eine Tür. Wo ist das Haus?</em>« – Doch für Selbstmitleid bleibt bei Petersdorff eigentlich wenig Zeit. Man beklagt zwar den Verlust von Liedern und gebundenen Formen in der Moderne, doch nur um wenig später vollkehlig das »<em>Bierlied mit Benn</em>« anzustimmen:</p>
<blockquote><p>Die Szene lässt mich kalt,<br />
ich bin ein herbes Alt;<br />
ein Alt, das muss man merken,<br />
im Herben hat es Stärken.</p></blockquote>
<p>Beim Spaziergang mit »<em>Karl am Rhein</em>« – wo Clemens Brentano und später Heinrich Heine die Loreley besangen – kann man den Fluss betrachten und selbst zum romantischen Bild werden, friedlich eingebettet in die Landschaft, »<em>so daß, / wer von ferne kam, nur / zwei Männer erkannte.</em>« In der imaginierten Außenperspektive ist eine erhoffte romantische Einheit zumindest temporär wieder hergestellt, ist man dem Ich für kurze Zeit entrissen und findet einen Ruhepunkt in der Kunst. Ganz heimlich versteckt sich dann ein Binnenreim – »<em>waren wir ganz klein</em>« – hinter dem nun idyllisch glitzernden Rhein…</p>
<address>»<em>Wohin ich ziehe? – Hin und Her</em>«</address>
<p>»<em>Die Feier der Kontingenzspielräume kriecht zu Kreuze</em>« könnten böse Zungen angesichts dieser Sehnsucht nach Obdach, Ordnung, Zugehörigkeit behaupten. Vielleicht. Aber sie feiert dabei in Rühmkorfscher Manier den schlingernden Umweg als Ziel der Reise – eine »<em>Krumme / Linie, Lifeline, Lebensring, unendliche // Fahrt</em>«. Der Titel des Bandes deutet es an: Dieser ironische Vagabund nimmt jeden Umweg und ist immer in Bewegung. Er soll ja, so sagt man, »therapeutisch wirken« ein langer Lauf. So finden wir ihn im alten roten Golf, auf dem Mountainbike, mit dem Paddelboot auf dem Fluss, mit der Fähre auf dem ägäischen Meer, »m<em>it dem Bus zum surfen</em>«, zu Fuß durch die Alpen… Und überall findet er nichts als Grenzenlosigkeit, »<em>die Ferne hört nicht auf«. Also »dreh noch eine Runde / durch den warmen Oktober, durch das Blättergeraschel, / auf das nun weicher Regen fällt</em>«. »<em>Nimm den langen Weg</em>« – denn wie soll man auch nach Hause kommen, wenn in Wirklichkeit nicht wir, sondern »<em>der Boden […] unter unsren Füßen</em>« wandert? Der Vergleich mit den frühen Gedichten bringt es zutage: Es kommt wohl einfach auf die Perspektive an, ein Weltgefühl, dann setzt sich ein Fuß vor den anderen, ganz von allein und jede schwere Last transportiert sich magisch und von Zauberhand:</p>
<blockquote><p>Immer gleiten die Schiffe<br />
Automatisch gesteuert<br />
Durch die Städte mit Fluss<br />
Und das Meer weht hinein,<br />
Böen kämmen die Haare,<br />
himmlisch schweben Container auf.</p></blockquote>
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		<title>Lyrik auf Rechnung</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Dec 2010 10:38:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nils Bernstein</dc:creator>
				<category><![CDATA[Misc.]]></category>
		<category><![CDATA[Der Phosphoreszierende Tiger]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Phosphoreszierende Tiger geht mit Susann Körner in den Supermarkt und kauft Lyrik.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div onclick="tigga(this);" class="tigga1" style="opacity:1;">
<b>HAUSHALTSROLLE</b><span style="float:right"><b><a>nächster Text</a></b></span><br/><br />
<img style="border:1px solid #ddd;padding:3px;border-radius:3px;" src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/haushaltsrolle_neu_300px.jpg" alt=" " />
<p style="font-size:0.9em; text-align:left;"><em>Abdruck der Gedichte mit freundlicher Genehmigung von <a href="http://www.susannkoerner.de/" target="_blank">Susann Körner</a></em></p>
</div>
<div onclick="tigga(this);" class="tigga2" style="opacity:0;">
<b>FELIX KABELJAU</b><span style="float:right"><b><a>nächster Text</a></b></span><br/><br />
<img style="border:1px solid #ddd;padding:3px;border-radius:3px;" src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/2-FELIX-KABELJAU-300px.jpg" alt=" " />
<p style="font-size:0.9em; text-align:left;"><em>Abdruck der Gedichte mit freundlicher Genehmigung von <a href="http://www.susannkoerner.de/" target="_blank">Susann Körner</a></em></p>
</div>
<div onclick="tigga(this);" class="tigga3" style="opacity:0;">
<b>YUM YUM</b><span style="float:right"><b><a>zum Anfang</a></b></span><br/><br />
<img style="border:1px solid #ddd;padding:3px;border-radius:3px;" src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/3-YUM-YUM-300px.jpg" alt=" " />
<p style="font-size:0.9em; text-align:left;"><em>Abdruck der Gedichte mit freundlicher Genehmigung von <a href="http://www.susannkoerner.de/" target="_blank">Susann Körner</a></em></p>
</div>
<address>
<p style="font-size:1.1em;">Zu den Kassenbongedichten von Susann Körner</p>
</address>
<p><a href="http://www.susannkoerner.de/" target="_blank">Susann Körner</a> hat mit den Kassenbongedichten eine andere, sehr ungewöhnliche und innovative Art von ready-made-Lyrik hervorgebracht. In produktiver Weise weicht ihre Lyrik in Kassenbonsprache vom Phänomen der Konzeptkunst ab, wie ein kleiner Vergleich zeigt: Bei ready-made-Lyrik fällt einem unvermeidlich Peter Handkes Text »Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968« ein. Der Band <em>Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt</em> (1969) enthält noch weitere <em>objets trouvés</em>, die durch ihre Neukontextualisierung in einem literarischen Werk über ihren zunächst informativen Inhalt hinaus künstlerischen Anspruch erheben, etwa der Zeitungsausschnitt »Lesen und Schreiben«, der Abspann eines Spielfilms in »Warner Brothers und Seven Arts zeigen:« oder »Die japanische Hitparade vom 25. Mai 1968«. Für den terminologischen Umgang mit dieser Art von Kunst hat Matías Martínez die griffige Unterscheidung zwischen dem Urheber und dem konzeptuellen Schöpfer vorgeschlagen. Handke ist zwar nicht der Urheber der japanischen Hitparade oder der Aufstellung eines Fußballvereines, wohl aber der konzeptuelle Schöpfer, der den illokutionären Akt dieser Texte vom ursprünglichen Informieren hin zum intendiert-ästhetischen Delektieren verändert. Bei Susann Körner reicht die Dichotomie ›Urheber – konzeptueller Schöpfer‹ jedoch nicht ganz aus. </p>
<p>Während Dichterinnen und Dichter auf die Wahl vorhandener Wörter unseres Sprachsystems zum lyrischen Ausdruck ihrer Gedanken begrenzt sind (und diese Begrenzung bei experimenteller Lyrik überschreiten), ist Susann Körner nicht auf die Selektion der Lexeme,  sondern die der Waren begrenzt. Dadurch, dass die Waren in einer durchdachten Folge auf das Fließband gelegt werden, bestimmt Körner deren Abfolge auf dem Kassenbon. Der Rahmen des Kassenbons hingegen, der den Namen und die Adresse des Supermarktes sowie Preise und Summe der Einkäufe enthält, ist nicht von ihr gestaltet. Nicht ganz gewöhnlich ist bei dem Kassenbongedicht »HAUSHALTSROLLE…«, dass der Betrag von 36,99 € dem Bon zufolge passend in bar bezahlt wurde. Körner ist daher sowohl Urheberin als auch konzeptuelle Schöpferin der von ihr selbst aktiv zusammengestellten Kassenbongedichte, doch ist sie keineswegs Urheberin der Textsorte des Kassenbons. Ihre Gedichte sind, wie Benn es einmal in seiner bekannten Marburger Rede in Bezug auf die Wortgeschichte des Begriffes ›Poesie‹ (poíesis = Machen, Schaffen) betonte, durchaus etwas Gemachtes, das gewissen Aufwand benötigt. Für das Verfertigen drei neuer Kassenbongedichte, so Körner, sei das Sammeln von mehr als 2000 Einkaufszetteln vonnöten gewesen.</p>
<p>Nimmt man allein die Abfolge der Markennamen und Warenbezeichnungen als ›Text‹ des Gedichtes »HAUSHALTSROLLE…«, so entfallen entscheidende Informationen, die die Originalität des Kunstwerkes ausmachen. Der Rahmen trägt, mit Arthur C. Danto gesprochen, maßgeblich zur ästhetischen »Verklärung des Gewöhnlichen« bei, obgleich man bei einem Vortrag des Gedichtes wahrscheinlich auf die Lektüre des Rahmens und der Preise verzichten würde. 
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="S. Körner"><h2><a href="#S. Körner" name="advtab">S. Körner</a></h2>Das Interesse der Künstlerin Susann Körner (*1972) gilt vornehmlich Phänomenen des Alltags, denen sie durch einen verstellten Blick etwas Eigenartiges, in fruchtbarer Weise Befremdliches abgewinnt. Inzwischen hat sie mit akribischer lexikografischer Sammlerleidenschaft einen Kassenbonwortschatz nach Sachgruppen geordnet auf 210 Seiten zusammengestellt. Die mittlerweile 20 erhältlichen Kassenbongedichte lassen sich neben ihren innovativen Collagetexten und Textfragmenten zu Alltagsbeobachtungen auf ihrer Website <a href="http://www.susannkoerner.de/" target="_blank">www.susannkoerner.de</a> einsehen.</div><div class="jwts_tabbertab" title="N. Bernstein"><h2><a href="#N. Bernstein">N. Bernstein</a></h2>Nils Bernstein forscht als einziger deutschsprachiger Romanist über den großen chilenischen Lyriker Nicanor Parra. Wenn er sich nicht gerade mit den 7 anderen Parra-Forschern zu internationalen Konferenzen in Lateinamerika trifft, promoviert er in Wuppertal oder lehrt an der Universität Hannover.</div><div class="jwts_tabbertab" title="D.P.T."><h2><a href="#D.P.T.">D.P.T.</a></h2><a href="http://www.litlog.de/tag/der-phosphoreszierende-tiger/" target="_blank">Der Phosphoreszierende Tiger</a> ist der Lyrik-Essay auf Litlog. Er bespricht Gedichte jenseits der Lehrbücher. Er legt einen anderen Zugang zum Gedicht – eine Sammlung mit schiefem Blick. Wer am Projekt mitwirken möchte, meldet sich bei den beiden Herausgebern Andreas Bülhoff und Niels Klenner unter <a href="mailto:phosphor@litlog.de">phosphor@litlog.de</a>.</div></div><br class="jwts_clr" />Wie es für Lyrik – schon aus etymologischen Gründen – üblich ist, ist es auch für die Kassenbongedichte hilfreich, ja unerlässlich, sie laut zu lesen. Die Aneinanderreihung der Produktartikel enthält viele formale Merkmale, die ein Gedicht notwendigerweise aufweist: Kürze, Verse, sprachliche Originalität, etwa durch Wortwiederholungen und Äquivalenzen, und bei anderen Beispielen, wie dem Gedicht »FELIX KABELJAU…«, auch Reime. Hingegen entbehren die in Versalschrift gehaltenen und damit Umlaute nicht zulassenden Kassenbongedichte – wie zahlreiche Exemplare aus dem Lyrik-Kanon – zentraler Kriterien der Textualität, etwa Akzeptabilität, Situationalität, Kohärenz und Interpunktion. Feststellen können wir hingegen vor allem Kohäsion und Intentionalität. Denn der Textzusammenhang wird allein durch den Rezipienten hergestellt, ist aber ohne einen produktiven Leseakt nicht vorhanden.</p>
<p>Zunächst erfahren wir, dass Haushaltsrollen und ein Artikel namens <em>Wisch &#038; Weg </em>erworben wurden. Noch mag man den Zettel für einen gewöhnlichen Kassenbon halten. Doch gibt es die Äquivalenz des wiederaufgenommenen Markennamens »WISCH &#038; WEG« in jedem Vers mit gerader Zahl. So stellen wir Sinn zwischen dem Substantiv ›Traum‹ und der Aktivität ›wegwischen‹ her: Der »VANILLE TRAUM«, der »KRAEUTERTRAUM« und der »FRUECHTETRAUM« sind ausgeträumt. Und auch die »WOELKCHENCREME« erinnert uns daran, dass wir mit einem Wisch aus dem paradiesischen Wolkenkuckucksheim kapitalistischen Blendwerks vertrieben werden können. Nicht allein formal, auch thematisch nähert sich Körner damit einem althergebrachten Topos der Literatur an, denn seit jeher werden Traumgebilde und -inhalte in literarischen Texten verarbeitet. </p>
<p>In dieser Art des uneigentlichen Blicks, der Fremdstellung des allzu oft Wahrgenommenen werden die Bedarfsgegenstände des Alltags in eine neue Perspektive gerückt. Diese zunächst sinnfrei erscheinende, appellfreie Form einer <em>L’art pour l’art </em>der Konsumgesellschaft gewinnt der reinen Zweckmäßigkeit des käuflichen Erwerbs einen Mehrwert durch Vergnügen, Amüsement oder Erstaunen ab. In dem Gedicht »YUM YUM/ STUDENTENFUTTER…« modifiziert Körner die Marke »YUM YUM« – adäquat zu der aus der Comic-Sprache stammenden Interjektion – zu einem Appellativ als Ausdruck der Vorfreude auf den Genuss der wohlfeil angebotenen Produkte: Wir freuen uns auf »STUDENTENFUTTER«, »KAESE« und »POPP POTATOES» – ›mjam, mjam‹. </p>
<p style="margin-top: 50px;"><em>von Nils Bernstein</em></p>
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		<title>Zeilensprung ins Nichts</title>
		<link>http://www.litlog.de/zeilensprung-ins-nichts/</link>
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		<pubDate>Fri, 03 Dec 2010 15:59:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Katharina Knüppel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[englisch]]></category>
		<category><![CDATA[false friends]]></category>
		<category><![CDATA[Foucault]]></category>
		<category><![CDATA[kookbooks]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Prosagedicht]]></category>
		<category><![CDATA[Sprachwissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Uljana Wolf]]></category>

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		<description><![CDATA[Unkonventionelles Wörterbuch: Uljana Wolfs zweiter Gedichtband <em>falsche freunde</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Mit ihrem zweiten Gedichtband <em>falsche freunde</em> schreibt Uljana Wolf ein Wörterbuch der unkonventionellen Art: Aus deutschen und englischen Wörtern im orthographisch oder phonetisch gleichen Mantel entwickelt sie Prosagedichte, die sich im Dazwischen, im unbestimmten inbetween der Sprachen bewegen.</strong></p>
<p><em>Von Katharina Knüppel</em></p>
<p>»sei ein kind, lieber freund, und höre, was du hier nicht siehst.« Diese Zeile aus einer von Uljana Wolfs neuesten Prosaminiaturen könnte als Leseanweisung über dem gesamten Gedichtband <em>falsche freunde</em> stehen. Neugierig wie ein Kind und verschmitzt wie das Lächeln ihrer Schöpferin auf dem Goldstich der legendären Bella Triste 17 kommen die Einträge dieses DICHTionary daher und formen ein lyrisches Wörterbuch für false friends, cognates und andere Verwandte. Mit Aberwitz spielt die 1979 in Berlin geborene und mittlerweile in New York lebende Autorin mit der doppelten Kodierung deutscher und englischer Wörter, unter deren orthographisch oder phonetisch gleichem Mantel sich ganz unterschiedliche Bedeutungen verbergen.</p>
<p>»elf«  und »enkel«  verschmelzen zu einem »knubbelfinger mit knarzenden knöcheln, so sähe das wort kobold aus, käme es als finger auf die erde, oder unter.« Zwischen »gift« und »glut« scheint am Weihnachtsabend zarte Liebe auf: »verlegenheiten gab es, hülle und fülle, verbrennen konnte man sich, den weg einschlagen, der die schleife macht, das buch, das bild, kaum heiße ware, doch viel rauch.« Die Bluesikone Bessie Smith sang »When I eat his donut, all I leave is a hole.« Bei Uljana Wolf klingt das so: »du not go. or i’ll go nuts.« Auch der berühmte rheinische Mythos der Lorelei wird hier in einen Popsong verkehrt, wenn die zu umschiffenden Riffe plötzlich nicht mehr aus Stein, sondern aus Rock erscheinen.   </p>
<p>Das lyrische Ich dieser Prosagedichte ist ein unzuverlässiger Erzähler, der dem Leser den Kopf ver-rückt, seine Erwartungen in Stolperfallen lockt – doch geht man ihm äußerst vergnügt ins Netz, so leichtfüßig tänzeln die Gedichte zwischen den Sprachen und Signifikanten. Das ist »vielleicht nicht (immer) sinnig, aber ohne märchen wäre lange sense«. Vor allem ist es selten albern, sondern fast immer elegant und klug. In ihrer ebenfalls sehr klugen Poetik-Vorlesung über das Prosagedicht (Box Office. Münchner Reden zur Poesie, Stiftung Lyrik Kabinett, München, 2009) offenbart Uljana Wolf ihre Leidenschaft für sprachliche Uneindeutigkeiten: »Daran blieb ich hängen, an den Dickichten, die keine Pfade sind, wo Wald nicht Stamm an Stamm, Zeile für Zeile lesbar ist«, sagt sie über amerikanische Prosagedichte – derer sie einige gemeinsam mit Steffen Popp übersetzt hat (Christian Hawkey: <em>Reisen in Ziegengeschwindigkeit</em>). Das Prosagedicht als utopischer Nichtort, als Foucault’sche Heterotopie scheint ihr die adäquate Ausdrucksform für das brüchig gewordene Verhältnis von Repräsentation und Wirklichkeit. Dass sie diesen Balanceakt ebenso beherrscht wie ihre amerikanischen Dichterkollegen bewies sie schon mit ihrem ersten bei kookbooks erschienenen Band <em>kochanie, ich habe brot gekauft</em>, der ihr 2006 den Huchel Preis bescherte.</p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Buch-Info"><h2><a href="#Buch-Info" name="advtab">Buch-Info</a></h2></p>
<div align="center"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/0012-Knüppel-falsche-Freunde-Cover.jpg" alt=" " /><br />
Uljana Wolf<br />
<a href="http://www.kookbooks.de/buecher.php#a-9783937445380" target="_blank"><strong>falsche freunde. Gedichte</strong></a><br />
kookbooks: Idstein 2009<br />
88 Seiten, 19,90 €</div>
<p></div></div><br class="jwts_clr" />Ihre Gedichte sind shape shifters, immer in Bewegung, und noch bevor jemand sie greifen kann, sind sie um die nächste Ecke verschwunden, mit dem nächsten Zeilensprung ins Nichts entflohen. Doch vor allem in ihren neuen Werken zeigt sich, wie viel Freude Wolf am Dazwischen, am unbestimmten inbetween der Sprachen hat. Diese geraten zum Spielzeug einer Dichterin, deren Imagination sich im kurzen Prosagedicht <em>dust bunnies</em>, das den <em>falschen freunden</em> vorangestellt ist, offenbart: in den Staubflusen der Zimmerecken vermag sie kleine Tierchen zu entdecken, »wie sie ihre wollenen, mondgrauen namen tauschen«, die ihr derart real erscheinen, dass ihnen zuliebe der Staubsauger verbannt wird. Hier fragt sie: »wollten wir nicht weniger rauchen, weniger husten, weniger entweder oder sein«. Nein, wollen wir nicht: »oder ist mein freund, entweder auch, ein letzter hauch, dann rauschen, gute nacht.«</p>
<p>Das subversive Potential ihrer poetischen Ausweichmanöver offenbart sich auch in den anderen Zyklen des neuen Bandes. Werden mit den falschen freunden Sprachkonventionen unterlaufen, sind es in SUBSISTERS traditionelle Geschlechterrollen. Durch die Gegenüberstellung einer »Originalfassung« und einer »Originalfassung mit Untertitel« der Gedichte dieses zweiten Teils verwandelt Uljana Wolf mittels kleinster Verschiebungen stereotyp gehorsame Hollywoodfrauchen der 40er Jahre in wortgewandte, selbstbestimmte Heldinnen, die sich blitzschnell jeder Rollenfestlegung entziehen – als hätte man Cindy Shermans <em>Untitled Film Stills</em> eine Stimme gegeben. Ein ganz anderes Alphabet als das fröhliche DICHTionnary verbirgt sich hinter den ALIEN-Gedichten des dritten Teils – hier nimmt sich Wolf das wörtliche Über-Setzen von Flüchtlingen und Einwanderern nach Amerika vor, die um 1900 auf den »wassern dritter klasse« einer vermeintlich besseren Zukunft entgegensegelten: »die toten lagen unvergraben unter uns. Wer lebte, legte nur in seinen träumen ab. wir waren bereits diese träneninsel. unsere augen, seither, bei jeder ankunft, rot und leer.« Ellis Island heißt diese Träneninsel und die  Prosaminiaturen dieses düsteren Kapitels arbeiten das perfide Alphabet der amerikanischen Inspektoren ab, mit dem sie Krankheiten und Auffälligkeiten der Einwanderer abkürzten und Ihnen auf die Körper schrieben. </p>
<p>In<em> ALIEN II</em> setzt Uljana Wolf das Spiel mit den Grenzkontrollen fort. Die mit Lücken durchsetzten Gedichte – vor den Eingriffen der Dichterhand noch Regierungstexte und Anleitungen aus der Sicherheitstechnik für Flughäfenkontrollen – repräsentieren unsere durchleuchtete Existenz im Zeitalter biometrischer Ausweise, »liquid life« in neun Bildern: »Der eigene sensible Bereich kann ohne Hotels Gäste haben.« Hier ist das böse Märchen vom gläsernen Menschen bitterzüngige Wahrheit geworden. Wie gern blättert man da zurück ins fröhliche erste Kapitel, wo Reise und Abschied noch so viel süßer klangen: »nie will ich fahren aus deiner haut, nie ziehen ab, aus, von dannen, zurück, oder, zum abschied, den hut.«</p>
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		<title>Weltsprache der Poesie</title>
		<link>http://www.litlog.de/weltsprache-der-poesie/</link>
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		<pubDate>Wed, 03 Nov 2010 13:30:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Niels Klenner</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Graduiertenkonferenz]]></category>
		<category><![CDATA[Hans Magnus Enzensberger]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Tagung]]></category>

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		<description><![CDATA[Niels Klenner über die komparatistische Graduiertenkonferenz zur internationalen Lyrik.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Fünfzig Jahre nach dem Erscheinen von Hans Magnus Enzensbergers <em>Museum der modernen Poesie</em> nahm die Graduiertenkonferenz Enzensbergers Weltsprachenbegriff zum Ausgangspunkt einer Bestandsaufnahme aus komparatistischer Sicht. Niels Klenner über die Graduiertenkonferenz zur internationalen Lyrik</strong>.</p>
<p><em>Von Niels Klenner</em></p>
<div class="topcast">Podcast: Weltsprache der Poesie</div>
<div class="litcast" style="background-image:none;height:25px;"></div>
<p>Gibt es so etwas wie die »Weltsprache der Poesie«? Wenn ja, wo wird sie gesprochen und vor allem, wer spricht sie? Hans Magnus Enzensbergers Bonmot war der Ausgangspunkt für die erste Göttinger komparatistische Graduiertenkonferenz zur internationalen Lyrik seit 1960, die vom 30.09 – 02.10.2010 unter der Schirmherrschaft des Verlags »edition text+kritik«, der Graduiertenschule für Geisteswissenschaften und dem Universitätsbund Göttingen in der Paulinerkirche stattfand. Organisiert wurde die Veranstaltung des Zentrums für komparatistische Studien von Alena Diedrich, M.A., Anna Fenner, M.A., Claudia Hillebrandt, M.A. und Dr. des. Stefanie Preuß in Kooperation mit dem Literarischen Zentrum.</p>
<p>In seinem <em>Museum der modernen Poesie</em> von 1960 versammelte Enzensberger die großen Namen der lyrischen Moderne. Er eröffnete damit einen für Deutschland bis dahin einmaligen Blick auf die Schreibweisen, Formen und Themen der Dichter, die den Urgroßvätern der Moderne folgten, also Whitman, Baudelaire und Rimbaud. Er stellte aus, was die Diktatur verbannte, und schloss als ambitionierter, didaktischer Kurator mit Brechts »An die Nachgeborenen.« Schon damals stand, wie Enzensberger einräumte, der Titel quer zu seiner pädagogischen Vision, nicht etwa Vergangenes zu mumifizieren, sondern zur produktiven Aneignung bereitzustellen. 96 Autoren aus mehr als 20 Ländern und 16 verschiedene Sprachen waren eine Momentaufnahme der Zeit zwischen 1910 und 1945, der Prozess der internationalen Lyrik ist seitdem kontinuierlich fortgeschritten – 50 Jahre nach der Eröffnung des Museums bilanzierte die Konferenz.</p>
<p>Kann immer noch oder schon wieder oder überhaupt von einer »Weltsprache der Poesie« gesprochen werden? Welche Rolle kommt den Übersetzern zu? Bewahren sie die Idiome und Dialekte der Nationalsprachen oder vereinheitlichen sie sie zu einer poetischen lingua franca? Wie haben Globalisierung und neue Medien auf den Schaffungsprozess eingewirkt? Wie steht es um asiatische und afrikanische Lyrik, die im eurozentrischen Museum vollständig übergangen wurden? Ausgeklammert blieben dort auch beinahe vollständig Dichterinnen, lediglich 4,17% der Autoren sind im Museum weiblich. Gab es neben den vier Dichterinnen des Museums noch weitere wichtige Exponate der modernen Poesie von Frauen?</p>
<p>Mit der thematischen Bandbreite der Tagung ging eine methodologische und theoretische Vielfalt einher. So boten die 10 Vorträge nicht nur einen oft begeisternden Umgang mit Gedichten, sondern nebenbei, wie selbstverständlich einen Einblick in die Weite des Faches »Literaturwissenschaft«.</p>
<p><strong>Die Vorträge im Einzelnen:</strong></p>
<ul style="list-style-type: none;">
<li style="margin-top: 8px; background: url(http://www.litlog.de/wp-content/themes/litlog/images/arrow.png) no-repeat center left; padding-left: 12px;"><a name="top"></a></li>
<li style="background: url(http://www.litlog.de/wp-content/themes/litlog/images/arrow.png) no-repeat center left; padding-left: 12px;"><a style="font-weight: normal;" href="#2">Simone Winko: Zur Figurenkonstitution in Gedichten</a></li>
<li style="background: url(http://www.litlog.de/wp-content/themes/litlog/images/arrow.png) no-repeat center left; padding-left: 12px;"><a style="font-weight: normal;" href="#3">Sektion 1: Interkulturalität oder Globalisierung? Zur Internationalität nationaler Lyrikproduktionen</a></li>
<li style="background: url(http://www.litlog.de/wp-content/themes/litlog/images/arrow.png) no-repeat center left; padding-left: 12px;"><a style="font-weight: normal;" href="#4">Sektion 2: Babelfisch oder Babel Fisch? Übersetzungstheoretische Problemstellungen</a></li>
<li style="background: url(http://www.litlog.de/wp-content/themes/litlog/images/arrow.png) no-repeat center left; padding-left: 12px;"><a style="font-weight: normal;" href="#5">Sektion 3: Bild und Sound – Audiovisuelle Distribution</a></li>
<li style="background: url(http://www.litlog.de/wp-content/themes/litlog/images/arrow.png) no-repeat center left; padding-left: 12px;"><a style="font-weight: normal;" href="#6">Sektion 4: Homogenisierung vs. Pluralität – »Weltsprachliche« Austauschprozesse</a></li>
</ul>
<div style="margin: 40px 0 -10px 0; text-transform: uppercase; font-size: 12px; font-weight: bold; color: #aaa;">Dieter Lamping</div>
<p><a name="1"></a></p>
<p>Eröffnet wurde die Tagung von Professor Dr. Dieter Lamping (Mainz) mit einem historisch vergleichenden Vortrag. Er stellte die These auf, dass es sich bei Hans Magnus Enzensbergers Begriff der Weltsprache lediglich um einen neuen Ausdruck für Goethes Konzept der Weltliteratur handele. Zwar lässt sich bei Goethe kein einheitlicher Gebrauch von Weltliteratur feststellen, aber weder ein qualitativer (Die Klassiker der Literaturgeschichte), noch ein quantitativer (Die Gesamtzahl der Literaturen der Welt) kann gemeint sein; eher ein akteursbezogenes Verständnis von Weltliteratur. Goethe schwebte, so Lamping, ein aktuales Netzwerk international-literarischer Kommunikation vor. Grundlage hierfür bilden die persönlichen Beziehungen zwischen den Autoren und die literarischen Bezugnahmen, sei es durch Übersetzungen oder produktive Rezeption. Mit dem Ende der Napoleonischen Kriege und der Aufhebung der Kontinentalsperre konnten nicht nur Waren, sondern auch Gedanken wieder frei ausgetauscht werden. Wie Lamping herausarbeitete, erkannte Goethe, dass die neue politische und ökonomische Ordnung Europas und nicht zuletzt die Möglichkeiten der modernen Technik, wie etwa das Reisen mit der Dampflok, den literarischen Austausch begünstigen würden.</p>
<p>Was Goethe vorschwebte und was er als den produktiven literarischen Austausch erahnte, hat der Kurator Enzensberger im <em>Museum der modernen Poesie</em> ausgestellt. Die Weltsprache der modernen Poesie ist als eine Metapher für die Gemeinsamkeiten der modernen Lyrik über Sprach- und Ländergrenzen hinweg zu verstehen. Dass Enzensberger den gleichen kommunikativen Weltliteraturbegriff wie Goethe seiner Anthologie zugrunde legte, dafür führte Lamping zwei Gründe an. Zum einen lässt Enzensberger die Gedichte von Lyrikern übersetzen und regt auf diese Weise zu einem schöpferischen Transfer an. Zum anderen ist es die Architektur des Museums, die eine solche komparatistische These stützt. Enzensberger führt durch die exemplarisch gedachte Anordnung der Texte die Gemeinsamkeiten in der Themenwahl, den Gattungen und den Schreibweisen dem Leser vor Augen, oder besser: die verklungenen Autorengespräche an die Ohrmuschel, ob sie tatsächlich stattgefunden haben oder imaginiert sind, bleibt dabei offen.</p>
<div style="margin: 40px 0 -10px 0; text-transform: uppercase; font-size: 12px; font-weight: bold; color: #aaa;">Simone Winko</div>
<p><a name="2"></a></p>
<p>Von den schreibenden Akteuren leitete der zweite »Keyvortrag« über zu den Akteuren in den Texten. Professor Dr. Simone Winko (Göttingen) ging in ihren Überlegungen von einem der Narratologie entlehnten Modell zur Figurenkonstitution aus. In diesem entsteht eine Figur aus dem wechselseitigen Zusammenspiel zwischen Textinformationen und dem kontextuellen Wissen des Lesers. Den Begriff der »Figur« führte die Referentin durch folgende drei notwendige Bedingungen ein: Einer Figur muss erstens als Teil der fiktiven Welt Existenz zugeschrieben werden, zweitens bedarf es einer ihr zuweisbaren Eigenschaft und drittens sind Figuren »menschenähnlich«, d.h. ihnen können Absichten zugeschrieben werden oder sie sind ihrer äußeren Erscheinung nach »menschenähnlich.« So verstanden ist eine Figur nicht notwendig thematisch bestimmt, wie etwa die Figur eines Städters oder Décadents.</p>
<p>Auf der Grundlage des kognitiven Analysemodells und der Figur-Definition stellte Winko die zentrale These auf, dass die Figurenkonstitution in Gedichten sich lediglich quantitativ von der in Erzähltexten unterscheide, die Techniken sind dabei dieselben. Implizit wurde dadurch mit behauptet, dass das informationsbasierte Analysemodell der Narratologie auch in Gedichten seine Anwendung finden kann, wofür es in der Forschung allerdings bisher kaum kaum verwandt wird.</p>
<p>Zur Begründung der Behauptung wurden zunächst drei prototypische Besonderheiten der Lyrik herausgestellt, um in einem zweiten Schritt die Techniken der Figurengestaltung auf diese Gattungsspezifika hin zu befragen. Winko nannte die Kürze, die Versform und die Dichte als zentrale Merkmale der Lyrik. »Dichte« meint eine hohe Informationsanzahl auf kleinem Raum. Zur spezifischen lyrischen Dichte trägt die Versform bei, die den Leser auf die Gedichtform und das Metrum lenkt.</p>
<p>Als Techniken der Figurengestaltung wurden (1) »Bezeichnen« und (2) »Charakterisieren« genannt. Figuren können durch (1.1) Eigennamen bezeichnet werden. Fiktive Namen (z.B. Leonore), Namen historischer, legendenhafter mythologischer Figuren (z.B. Nietzsche) und Namen literarischer Topoi (z.B. Daphne) kommen auch in Gedichten vor, allerdings sehr viel seltener als in Erzähltexten. Diese drei verschiedenen Arten der Figurenkonstitution unterscheiden sich erstens graduell in der Informationsanzahl, die ein Leser zur Genese der Figur heranträgt, und zweitens in der Art des Wissens, das der Autor beim Leser abruft (z.B. Weltwissen oder literarisch typisiertes Wissen). (1.2) Nominalphrasen, wie etwa, »der Vater mit seinem Sohn«, »die schöne Müllerin« oder »der Krieg«, greifen zur Bezeichnung von Figuren auf typisiertes, im Text nicht explizites Leserwissen zurück. Der Benennung durch (1.3) Personalpronomen kommt in Gedichten eine größere Bedeutung zu als in prosaischen Texten. »Ich« und »Du« verändern lediglich den Standpunkt zum Inhalt und vermitteln darüber hinaus keine weiteren Informationen. Dieser »weltarme« Bezeichnungstyp wird angereichert durch die zweite Technik der Figurenkonstitution.</p>
<p>(2) »Charakterisieren« meint das Binden von textimmanenten Informationen an eine Figur. Mit Hilfe der aus der Narratologie entlehnten Kategorien (Dauer, Menge, Frequenz, Anordnung der Information, Konzentration der Figureninformation, Informations- und Figurenkontext) wurde im Einzelnen aufgezeigt, wie die drei prototypischen Merkmale der Lyrik gegenüber Prosatexten zum Tragen kommen. So verringert z.B. die Kürze von Gedichten die Menge an Figureninformationen, sodass jedes Merkmal »charakteristisch« wird. Oder so kann z.B. durch die Anordnung der Worte im Vers die Information in besonderer Weise gewichtet werden.</p>
<p>Als Konsequenz aus dem Ergebnis, dass die Figurenkonstitution in der Lyrik sich nur quantitativ von der prosaischen unterscheide, folgerte Winko, dass Gedichte in stärkerem Maße auf Typisierungen bei der Konstituierung von Figuren angewiesen seien. Wird das Modell zur Figurenkonstitution akzeptiert, dann gilt es gleichermaßen explizite wie implizite Informationen in die Figurenanalyse bei Gedichten einzubeziehen. Der systematische Vortrag endete mit einem praktischen Ausblick zur internationalen Lyrik, indem die Referentin vorschlug, die kulturellen Unterschiede des typisierten Wissens herauszuarbeiten – von manchen war in den folgenden vier Sektionen der Tagung zu hören.</p>
<div style="margin: 40px 0 -10px 0; text-transform: uppercase; font-size: 12px; font-weight: bold; color: #aaa;">Sektion I</div>
<p><a name="3"></a></p>
<p>Die erste Sektion stellte Dichter aus Nigeria und China vor und legte somit den Grundstein für einen afrikanischen und asiatischen Anbau in Enzensbergers Museum. Gefragt wurde nach den Nationalliteraturen unter den Bedingungen der Globalisierung und der Interkulturalität. Dr. des. Markus Kessel (Göttingen) eröffnete seinen Vortrag mit einer Kritik an Enzensbergers These vom Gleichschritt technischer Neuerung und moderner Poesie aus dem Vorwort des Museums von 1960, die verantwortlich für einen Eurozentrismus war, der die Idiome, Schreibweisen und Themen anderer Länder nivellierte.</p>
<p>Der Vortragende richtete seinen Blick auf Nigeria, auf Wole Soyinka, den ersten afrikanischen Literaturnobelpreisträger (1986), einen in jeder Weise globalisierten Schriftsteller – er schreibt seine Texte mittlerweile nur noch im Flugzeug. Anhand dieses Autors belegte Kessel seine zentrale These, dass die Zweiteilung der »globalisierten« internationalen Gegenwartslyrik in eine ‚poetry of place’ und eine ‚worldpoetry’ zu einfach gedacht ist. Lyriker, die unter den Bedingungen der Globalisierung arbeiten, können nicht bipolar in Gegner, die ihre lokale Besonderheit betonen, und Freunde der Globalisierung, die sich in den Dienst einer global ausgerichteten Poesie stellen, aufgeteilt werden. In Gedichten wie »Calling Joseph Brodsky for Ken Saro-Wiwa« findet Soyinka in räumlich und kulturell entlegenen Konstellationen ein neues Deutungsangebot, ohne seine eigene Sozialisation zu verbergen. Für seine Gedichte greift er auf landestypische Begriffe zurück. Soyinka unterbreitet in seinem Gedichtband »Samarkand and Other Markets I Have Known« (2002) eine poetische Vision, die die unterschiedlichen lokalen Kontexte zu einer »visuellen Nachbarschaft« im Gedicht verknüpft. Diese imaginierte Nähe ermöglicht, so Kessel, eine sinnstiftende Sprache für den Ortsverlust in einer globalisierten Welt. Er schloss seine Überlegungen mit dem Vorschlag, Autoren und Werk nicht so sehr geographisch und kulturell zu verorten, sondern den Blick auf den globalisierten Raum im Gedicht zu richten.</p>
<p>Shuangzhi Li, M.A. (Berlin), machte in seinem historisch arbeitenden Referat Station bei drei der wichtigsten zeitgenössischen chinesischen Lyriker. Anhand exemplarisch verstandener Gedichte der 1980er Jahre arbeitete er den Umgang der Dichter mit der modernen europäischen Literatur heraus und ihr jeweiliges Dichterselbstverständnis.</p>
<p>Zunächst gab Li aber einen kurzen Überblick über die zwei großen Entwicklungsphasen der chinesischen Lyrik des 20. Jahrhunderts, von 1917-1949 und von 1978 bis etwa 1989. Die zweite revolutionäre Phase befreite sich von den staatlich-ästhetischen Dogmen der Kulturrevolution. Anders als in der ersten literarischen Umbruchsphase, die sich von der traditionellen chinesischen Lyrik lossagte, fand nicht nur eine Aneignung durch Übersetzungen alter westlicher Literatur statt. Die Dichter der 80er Jahre konnten durch Auslandsaufenthalte und persönliche Kontakte den oft anachronistischen Umgang ihrer Vorgänger mit fremder Literatur überwinden. Allerdings griffen auch sie noch auf klassische Autoren wie Hölderlin und bereits klassisch gewordene moderne Autoren wie Mandelstam und Lorca zurück. Mit großem Pathos imaginierten sie die Teilhabe an einer gemeinsamen Weltlyrik durch und in der Poesie, ohne an der damaligen avantgardistischen westlichen Alltags- oder Experimentallyrik zu partizipieren.</p>
<p>Li begann seinen Überblick der chinesischen Lyrik der 1980er Jahre mit dem Gedicht »Antwort« von Bei Dao. Mit ihm und seinem emphatisch-programmatischen Ausruf »Ich glaube nicht« beginnt 1978 die zweite revolutionäre Entwicklungsphase. Sein Gedicht geht aber über die gegenwärtige politische Lage hinaus. Es nimmt zum einen die Metaphorik der Namen fremder Orte (»Totes Meer«, »Kap der guten Hoffnung«) wörtlich, um die eigene Lebenswelt infrage zu stellen, zum anderen imaginiert es durch eine neue Poesie den Glauben an eine zukünftige bessere Welt für die gesamte Menschheit. Typisch für die Übergangsphase zwischen den totalitären 1970er Jahren und den relativ liberalen 1980ern ist der rebellische Dichter, der als ein zukunftsweisender Prophet auftritt.</p>
<p>Das revolutionäre Pathos Bei Daos weicht dem rein poetologischen Dichterpathos Hai Zis, das sich an Hölderlin orientiert. Hai Zis gleichnamiges Gedicht setzt einen Dialog mit seinem deutschen »Bruder« in Gang, der ihm eine Reflexion über die lyrische Sprache und den Lyriker ermöglicht. In der Bildsprache der Hölderlinschen Götterwelt besingt er auf eigentümliche Weise die göttlichen Fähigkeiten eines Dichters. Eine solch starke Identifikation mit einem Dichter aus einer fremden Kultur und Zeit, die Lyrik zu einem Medium werden lässt, das zeitliche und geographische Grenzen überwindet, ist kein singuläres Phänomen in der chinesischen Lyrik der 1980er (vgl. Kessels Beispiel Soyinka).</p>
<p>Zhang Zao unternimmt in seinen Gedichten eine interkulturelle Reise durch das Schreiben. Als einer der ersten Lyriker besinnt er sich zurück auf die alte chinesische Literatur und ihre Bildwelt, was der heutigen chinesischen Lyrik selbstverständlich ist, und vermengt sie mit der westlichen Literatur. Er kann als der poetische Kosmopolit gelten, der die unterschiedlichen Kulturen zu verbinden versucht, um ein neues Gut für alle zu schaffen. Die Probleme, die  sich bei einem solchen interkulturellen Austausch stellen, waren Gegenstand der zweiten Sektion.</p>
<div style="margin: 40px 0 -10px 0; text-transform: uppercase; font-size: 12px; font-weight: bold; color: #aaa;">Sektion II</div>
<p><a name="4"></a></p>
<p>Die zweite Sektion thematisierte die Schwierigkeiten, die sich bei Übersetzungen von Gedichten einstellen. Wendy Anne Kopisch, MA Oxon (Braunschweig), fragte aus dem Blickwinkel der Übersetzer nach Möglichkeiten und Begrenzungen einer »Weltsprache der Poesie.«</p>
<p>Der klassische Kanon der Weltliteratur oder Enzensbergers Museum, und sein Anspruch, jedem die Möglichkeit zu bieten, aktiv am Gespräch der Weltsprache der modernen Poesie teilzunehmen, sind ohne die oft unbeachtete Arbeit der Übersetzer nicht denkbar, so die Referentin zu Beginn ihres Vortrags. Welche eigentümlichen Schwierigkeiten stellen sich nun dem Übersetzer?</p>
<p>Für Lyrik ist die Informationsfülle, die aus dem Zusammenspiel von Form und Inhalt resultiert, auf kleinstem Raum kennzeichnend (vgl. Winkos Gattungsspezifika der Lyrik). Dieser Umstand, Reimpaare und Vieldeutigkeiten, die der Wortschatz der Ausgangssprache bietet, mit der Kultur verknüpfte Metaphern und die besondere Benutzung der Alltagssprache erschweren die Übersetzungen und machen eine Wort für Wort Übertragung in den meisten Fällen unmöglich. Der Übersetzer ist aufgefordert kulturelle Entsprechungen in der Zielsprache aufzusuchen. Anders als in der Prosa spielen bei Gedichten kulturelle Übersetzungen eine sehr viel größere Rolle, die nicht in erster Linie an der Wiedergabe der sprachlichen Bedeutung interessiert sind, sondern versuchen, funktionale Entsprechungen des Intendierten zu finden.</p>
<p>Darüber hinaus schnitt die Referentin mit dem Hinweis auf die Sapir-Whorf Hypothese ein erkenntnistheoretisches Problem an, das aufgrund der Gattungsmerkmale der Lyrik in besonderer Weise greift. Gerade weil viele Gedichte spezifisch auf die Grammatik und den Wortschatz ihrer Sprache zurückgreifen, lassen sich manche Inhalte nur in der Ausgangssprache ausdrücken. In seiner extremen Spielart verneint der sprachliche Relativismus damit jede Aussicht auf eine gelungene Gedichtübertragung.</p>
<p>In ihren abschließenden Überlegungen zur Möglichkeit einer »Weltsprache der Poesie« griff Kopisch auf Raoul Schrotts Konzept der »Ästhetik des ersten Mals« zurück, das sie mit Maurice Merleau-Pontys Theorie des Unsichtbaren unterfütterte. Sie konstatierte bei Gedichten eine poetische, vorsprachliche Erfahrung und gab damit eine Antwort auf eine der wichtigsten Prämissen Sapir-Whorfs, die behauptet, dass Wahrnehmung untrennbar mit Sprache verbunden ist. Sie bot damit, neben der metaphorischen Lesart Lampings, eine phänomenale Ausbuchstabierung der »Weltsprache der Poesie« an, die in ihrer wörtlichen Bedeutung vor dem Hintergrund »kultureller« Übersetzungspraktiken noch fraglicher wurde, als sie ohnehin schon ist. Dass auch die musikalische Qualität von Versen angeführt werden kann, um von einer »Weltsprache der Poesie« zu sprechen, verdeutlichte Kopisch an dem internationalen Lyrikprojekt »metropoetica.org.«</p>
<p>Dr. des. Chiara Conterno (Verona) wurde bei den Problemen der Übersetzung ganz konkret und bewertete in ihrem Vortrag die italienischen Übersetzungen der Lyrik Nelly Sachs’. Als Wertmaßstab legte sie über weite Teile ihres Vortrags die möglichst wortgetreue Übertragung zugrunde, lobte aber auch die Loslösung vom Original.</p>
<p>Die ersten italienischen Lyriktransfers stammen von Rodolfo Paoli, der mit seiner Vorliebe für eine altertümliche Sprache nicht immer den Gedichten Sachs’ gerecht wird. Ida Porena fertigte die meisten italienischen Übersetzungen an. Conterno zeigte auf, wie die mittlerweile dreißig Jahre währenden Bemühungen Porenas zur allmählichen Befreiung vom deutschen Original führten. Orientierte sich die Übersetzerin anfänglich noch stark am deutschen Satzbau (»Il sonno non può più entrare« – »Der Schlaf hat keinen Eingang mehr«), ließ sie später die italienischen syntaktischen Eigenarten zu (»Non può più entrare il sonno«). Die Referentin gestand zu, dass lyrische Übertragungen, gerade bei der hermetischen Lyrik von Nelly Sachs, nicht immer die Bedeutungsvielfalt des Originals retten können (z.B. Neologismen wie »Stiefmutterweilchen«) und oft eindeutige Auslegungen unumgänglich machen. Allerdings darf diese Freiheit nicht zu Unachtsamkeiten im Detail führen. So lässt z.B. Porena in ihrer Übersetzung von 2006 den so wichtigen Gedankenstrich am Ende des Gedichts »[So einsam ist der Mensch]« weg, der in Nelly Sachs’ Lyrik die Grenze sichtbar macht, über die hinaus vor dem Hintergrund der Shoa kein Sprechen mehr möglich ist.</p>
<p>Trotz allem kommt Centerno insgesamt zu einem positiven Urteil über die italienischen Übersetzungen, da sie es allesamt schaffen, die traumatischen Erfahrungen von Gewalt und Angst wiederzugeben.</p>
<p>Claus Telge, M.A. (Leipzig/Arizona), widmete sich in seinem Vortrag ebenfalls der Problematik literarischer Übersetzungen. Er verglich die deutschen Pablo Neruda-Übersetzungen von Erich Arendt und Hans Magnus Enzensberger miteinander. Anders als Conterno bewertete er sie nicht, sondern versuchte zu zeigen, welchen Einfluss ihre Übersetzungen jeweils auf ihre eigene Poetologie und andersherum ausübten.</p>
<p>In dem Essay »Poesie und Politik« (1965) verteidigt Enzensberger die Autonomie der Poesie gegenüber politischen Vereinnahmungen und widersetzt sich der allzu vereinfachenden Zweiteilung der Lyrik in eine »poésie pure« und »poésie engagée.« Schon in dem Titel »Poésie Impure« (1968) des ersten Gedichtbands mit Neruda-Übersetzungen drückt sich diese Haltung in der Verschmelzung der Dichotomie aus. Enzensberger rekurriert damit eindeutig auf den jungen Neruda, der sich in seinem Manifest »Sobre una poesía sin pureza« gegen eine reine Poesie wandte. In »verteidigung der wölfe« (1957) zeigt sich dieser neue politische Autor, angeregt durch das stille Gespräch mit dem frühen Neruda.</p>
<p>Als ein Autor der DDR gilt Erich Arendts Interesse dem späten Neruda, den Enzensberger als einen Stalinisten bezeichnete (»Der Fall Neruda«, 1955). Die je unterschiedliche Vorliebe beider Übersetzer ist begründet durch deren verschiedene Ansichten über die ideale Verzahnung von Politik und Poesie bei dem chilenischen Autor. Während Enzensbergers Begeisterung für Neruda wohl mit dem Zyklus »Residencia en la tierra« (1935) enden dürfte, würde Erich Arendt wohl den »Canto General« (1950) als das bedeutendste Werk des Dichters bezeichnen.</p>
<p>Enzensbergers Übersetzungen schwanken dabei zwischen der wortwörtlichen Übertragung und der freien Einbettung in einen neuen zeitlichen und kulturellen Kontext. Arendt lehnt diese Transkriptionsleistung des Übersetzers ab. Übersetzungen sind für ihn ein Rückzugsraum. Sowohl seine Neruda-Nachdichtungen als auch sein eigenes literarisches Werk bedienen sich einer zeitlos naturreligiösen Sprache, die sich nicht nur der technischen Realität, sondern auch der sozialistischen zu entziehen versucht.</p>
<div style="margin: 40px 0 -10px 0; text-transform: uppercase; font-size: 12px; font-weight: bold; color: #aaa;">Sektion III</div>
<p><a name="5"></a></p>
<p>Die dritte Sektion der Tagung thematisierte Lyrik im audio-visuellen Medium. Übersetzungsschwierigkeiten spielen hier naturgemäß eine untergeordnete Rolle, weil die Bedeutung des Wortes anders wiegt. Poesiefilme kommen in ihrer Eigenart der Idee der »Weltsprache der Poesie« in seiner wörtlichen Bedeutung am nächsten. Bild und Musik kommunizieren über Sprachgrenzen hinweg, renommierte Filmemacher treffen sich zu Filmfestivals auf allen Kontinenten, wie z.B. »VideoBardo« in Buenos Aires, »VisibleVerse« in Vancouver oder »Zebra« in Berlin, und stehen durch das Internet im permanenten Austausch miteinander.</p>
<p>Stephanie Orphal, M.A. (Berlin), erarbeitete eine erste Typologie dieses relativ jungen intermedialen Genres. Sie unterschied zwischen Filmen, die sprachlich verfasste Inhalte lediglich adaptieren bzw. eine eigentümliche poetische Qualität aufweisen, und solchen, die Texte schriftlich (»visuelle Gedichtfilme«) oder stimmlich integrieren. Die Stimme kann aus dem »off«(»voice-over-Gedichtfilme«) kommen oder »on screen« erscheinen (»perfomance-orientierte-Gedichtfilme«). Als ein Beispiel für ein Gedichtfilm aus dem »off« führte Orphal Tim Webbs <a href="http://www.youtube.com/watch?v=hf8vrbaoRDA">»15th February«</a> an. Dass das Beschreibungsinstrumentarium der Gedichtanalyse nicht ausreicht, um die Phänomene angemessen zu erfassen, wurde schnell deutlich. Die »Dichte« (vgl. Simone Winko) steigt durch die neuen Informationsebenen Bild und Ton um ein vielfaches. So kann z.B. nach der Wechselbeziehung von Rhythmus und Schnitt oder der Akzentuierung des Wortes durch die Akustik gefragt werden. Die Textwissenschaft steht hier vor keiner neuen Schwierigkeit, man denke an die Analyse von Theateraufführungen oder den Vortrag von Gedichten, aber vor einer aktuellen, die das Nachdenken über ihren Gegenstand herausfordert.</p>
<div style="margin: 40px 0 -10px 0; text-transform: uppercase; font-size: 12px; font-weight: bold; color: #aaa;">Sektion IV</div>
<p><a name="6"></a></p>
<p>In der vierten Sektion wurden noch einmal lyrische Exponate ausgestellt, die 1960 keinen Platz in Enzensbergers »Museum der modernen Poesie« fanden. Nils Bernstein, M.A. (Wuppertal), stellte die Poetologie eines der wirkmächtigsten Autoren Lateinamerikas vor. Nicanor Parra wurde 1960 nicht ins Museum aufgenommen, erst 30 Jahre später nahm Harald Hartung ihn in seine »Luftfracht« auf. Anders als sein chilenischer Kollege Pablo Neruda (1971) wurde er bisher nicht mit einem Nobelpreis bedacht, obwohl er in seiner Heimat nicht minder einflussreich und bekannt ist. In deutscher Sprache liegt bisher nur der Band »Und Chile ist eine Wüste« vor.</p>
<p>Seine Gedichte stellen einen markanten Einschnitt in der chilenischen Literatur dar. Mit seiner Metalyrik grenzte er sich von den hermetischen Autoren, wie Pablo Neruda, Vicente Huidobro oder Pablo de Rokha, der damaligen Avantgarde ab. In seinem Gedicht »Achterbahn« verspottet er sie als »feierliche Trottel.« Sein Gedicht »Ode an die Tauben« ist eine Verballhornung der »Elementare[n] Oden« (1954) Nerudas. Anstatt in lyrisch überhöhter Form einen Holzscheit zu besingen (»Dich kenn ich, dich lieb ich,/ dich sah ich wachsen,/ Holz.«), rennen seine Tauben nach Fliegen schnappend durch das Esszimmer und werden mit sonderbaren Vergleichen (»sie sind absurder als eine Flinte/ Oder eine Rose voller Läuse«) charakterisiert. Verspottet werden aber nicht nur seine hochtrabenden Kollegen, sondern auch das Christentum, so z.B. in »Lamm Gottes«, das gebeten wird, Wolle für einen Pullover herzugeben.</p>
<p>Angelehnt an den Gedichtband »Poesie &amp; Antipoesie« (1954) werden diese Gedichte oft als »Antipoesie« bezeichnet. Sie bedienen sich der Alltagssprache, greifen auf Redewendungen  zurück und vermeiden lyrische Topoi. Gewöhnliche Menschen in gewöhnlichen Handlungen sind Gegenstand dieser Gedichte. Der Dichter in den Texten tritt nicht als ein göttliches Wesen auf, viel eher z.B. als ein Maurer, und auch nicht als ein poeta doctus. Trotzdem kennzeichnen diese Gedichte Nicanor Parra durch die dezidierte Auslassung lyrischer Traditionen, so der Vortragende, als einen literarisch gebildeten Schriftsteller. Parra räume, so der Referent weiter, in seinen Gedichten mit antiquierten Vorstellungen auf, von dem was Poesie sei. Orginalität, Schönheit und Subjektivität als Dikta der Poesie werden aus seinen Gedichten verbannt. Seine readymade-ähnlichen »Artefactos«, mit sinnhaften Lehrsprüchen verbundenen Karikaturen, sprengen jeglichen Versuch einer Gedichtdefinition.</p>
<p>Florian Strob, M.A. (Oxford), stellte die Thesen auf, dass Nelly Sachs, Emily Dickinson, Ilse Aichinger und Sujata Bhatt (i) ein existenziell-körperliches Dichtungsverständnis gemein sei und (ii) ihre Gedichte sich durch ein »engagiertes Schweigen« auszeichnen. Die Dichterinnen verbindet mit diesen beiden Merkmalen die (iii) Absicht, sich von ihrer literarischen Tradition abzuwenden. »Engagiertes Schweigen« kann in unterschiedlicher Weise ausgeprägt sein. Es ist einerseits metaphorisch als die Unmöglichkeit einer eindeutigen Bedeutungszuschreibung zu verstehen und kann andererseits wortwörtlich das Auslassen von Informationen meinen.</p>
<p>Nelly Sachs’ Bruch mit der Tradition ist ein historisch bedingter Bruch. Ein Schreiben nach der Shoa kann nicht an Altbekanntes anknüpfen, sondern muss eine neue Ausdrucksform finden. Sachs’ Gedichte sind dunkel und unverständlich. In einem ihrer posthum veröffentlichten titellosen Gedicht lauten die Schlussverse: »wo ist mein Erbe//Salz ist mein Erbe.« Das »Wo« wird durch ein »Was« beantwortet. Sachs’ literarisches Schaffen lässt sich nicht inhaltlich fassen und verorten, sondern ist Ausdruck ihrer Trauer. Ihr Erbe sind salzige Tränen, die sich nicht mit dem Geist erfassen lassen, sondern sich nur über den Körper aufnehmen lassen.</p>
<p>Ist es bei Sachs die hermetische Lyrik, die sich einer eindeutige Auslegung widersetzt, ist es bei Emily Dickinson das radikal offene Gedicht. Die Gedichte der amerikanischen Lyrikerin liegen in unzähligen Varianten vor und entziehen sich so einer Bedeutungsfestlegung.</p>
<p>Ilse Aichingers »engagiertes Schweigen« knüpft bei Sachs an und radikalisiert die Poetik ihrer Brieffreundin. In ihrem Gedicht »Ende des Ungeschriebenen« wird der Tod als das endgültige Verstummen vorausgeahnt. Aichinger übertritt damit die Schwelle zwischen Leben und Tod, an der Sachs mit ihren Gedichten agierte.</p>
<p>Sujata Bhatt wurde 1956 in Indien geboren, zog mit zwölf Jahren in die USA und lebt derzeit in Bremen. Dieses Leben zwischen Ländern und Sprachen spiegelt sich formal wie thematisch in vielen ihre Gedichte wieder. In »Search for My Tongue« wechseln sich englische Verse mit Zeilen in Bhatts Muttersprache Gujarati ab. Das Gedicht wehrt sich nicht etwa durch eine hermetische Qualität oder einen Variantenreichtum, sondern durch eine für die meisten Leser unverständliche Sprache gegen eine Bedeutungszuschreibung. Die Dichterin verfolge, so Strob abschließend, mit ihren Gedichten die Absicht, das interkulturell bedingte Schweigen erträglich zu machen.</p>
<p>Damit endete die Vortragsreihe. Explizit oder implizit beantworteten alle Vorträge die Frage, wie eine »Weltsprache der Poesie« methodologisch zu fassen ist. Die Organisatoren Stefanie Preuß und Claudia Hillebrandt gruppierten die Referate grob in vier Zugriffsweisen:<br />
Nils Bernstein und Florian Strob bescheinigten ihrem bzw. ihren Schriftsteller/innen eine Teilhabe an einer »Weltsprache« aufgrund von Textmerkmalen. Markus Kessel und Shuanghzi Li fragten, wie eine Partizipation unter den Produktionsbedingungen der Globalisierung stattfinden kann. Stephanie Orphal stellte eine neue Form der internationalen Distribution von Lyrik im audiovisuellen Medium vor. Die Rezeption, genauer die Rezeption von übersetzter Lyrik, nahm durch die Vorträge von Wendy Anne Kopisch, Chiara Conterno und Claus Telge den größten Raum der Tagung ein. Die von ihnen aufgeworfenen übersetzungswissenschaftlichen Problemstellungen befassten sich aus einer rezeptionsorientierten Perspektive dem Zusammenspiel von Textmerkmalen, Produktions- und Distributionsbedingungen.</p>
<p>Die abschließende Diskussion erörterte die Frage, inwiefern der Weltsprachenbegriff für eine Beschreibung der lyrischen Kommunikation über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg produktiv sein kann. Aufgrund der irreführenden Metaphorik des Weltsprachenbegriffs wurde vorgeschlagen, ihn durch eine Typologie verschiedener Austauschprozesse zu ersetzen. Hier könnte eine zweite Göttinger Graduiertenkonferenz zur »Weltsprache der Poesie« anknüpfen, bis dahin geht der Prozess der Poesie weiter.</p>
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		<itunes:summary>Fuuml;nfzig Jahre nach dem Erscheinen von Hans Magnus Enzensbergers Museum der modernen Poesie nahm die Graduiertenkonferenz Enzensbergers Weltsprachenbegriff zum Ausgangspunkt einer Bestandsaufnahme aus komparatistischer Sicht. Niels Klenner uuml;ber die Graduiertenkonferenz zur internationalen Lyrik.

Von Niels Klenner

Podcast: Weltsprache der Poesie


Gibt es so etwas wie die raquo;Weltsprache der Poesielaquo;? Wenn ja, wo wird sie gesprochen und vor allem, wer spricht sie? Hans Magnus Enzensbergers Bonmot war der Ausgangspunkt fuuml;r die erste Gouml;ttinger komparatistische Graduiertenkonferenz zur internationalen Lyrik seit 1960, die vom 30.09 ndash; 02.10.2010 unter der Schirmherrschaft des Verlags raquo;edition text+kritiklaquo;, der Graduiertenschule fuuml;r Geisteswissenschaften und dem Universitauml;tsbund Gouml;ttingen in der Paulinerkirche stattfand. Organisiert wurde die Veranstaltung des Zentrums fuuml;r komparatistische Studien von Alena Diedrich, M.A., Anna Fenner, M.A., Claudia Hillebrandt, M.A. und Dr. des. Stefanie Preuszlig; in Kooperation mit dem Literarischen Zentrum.

In seinem Museum der modernen Poesie von 1960 versammelte Enzensberger die groszlig;en Namen der lyrischen Moderne. Er erouml;ffnete damit einen fuuml;r Deutschland bis dahin einmaligen Blick auf die Schreibweisen, Formen und Themen der Dichter, die den Urgroszlig;vauml;tern der Moderne folgten, also Whitman, Baudelaire und Rimbaud. Er stellte aus, was die Diktatur verbannte, und schloss als ambitionierter, didaktischer Kurator mit Brechts raquo;An die Nachgeborenen.laquo; Schon damals stand, wie Enzensberger einrauml;umte, der Titel quer zu seiner pauml;dagogischen Vision, nicht etwa Vergangenes zu mumifizieren, sondern zur produktiven Aneignung bereitzustellen. 96 Autoren aus mehr als 20 Lauml;ndern und 16 verschiedene Sprachen waren eine Momentaufnahme der Zeit zwischen 1910 und 1945, der Prozess der internationalen Lyrik ist seitdem kontinuierlich fortgeschritten ndash; 50 Jahre nach der Erouml;ffnung des Museums bilanzierte die Konferenz.

Kann immer noch oder schon wieder oder uuml;berhaupt von einer raquo;Weltsprache der Poesielaquo; gesprochen werden? Welche Rolle kommt den Uuml;bersetzern zu? Bewahren sie die Idiome und Dialekte der Nationalsprachen oder vereinheitlichen sie sie zu einer poetischen lingua franca? Wie haben Globalisierung und neue Medien auf den Schaffungsprozess eingewirkt? Wie steht es um asiatische und afrikanische Lyrik, die im eurozentrischen Museum vollstauml;ndig uuml;bergangen wurden? Ausgeklammert blieben dort auch beinahe vollstauml;ndig Dichterinnen, lediglich 4,17% der Autoren sind im Museum weiblich. Gab es neben den vier Dichterinnen des Museums noch weitere wichtige Exponate der modernen Poesie von Frauen?

Mit der thematischen Bandbreite der Tagung ging eine methodologische und theoretische Vielfalt einher. So boten die 10 Vortrauml;ge nicht nur einen oft begeisternden Umgang mit Gedichten, sondern nebenbei, wie selbstverstauml;ndlich einen Einblick in die Weite des Faches raquo;Literaturwissenschaftlaquo;.

Die Vortrauml;ge im Einzelnen:

	
	Simone Winko: Zur Figurenkonstitution in Gedichten
	Sektion 1: Interkulturalitauml;t oder Globalisierung? Zur Internationalitauml;t nationaler Lyrikproduktionen
	Sektion 2: Babelfisch oder Babel Fisch? Uuml;bersetzungstheoretische Problemstellungen
	Sektion 3: Bild und Sound ndash; Audiovisuelle Distribution
	Sektion 4: Homogenisierung vs. Pluralitauml;t ndash; raquo;Weltsprachlichelaquo; Austauschprozesse

Dieter Lamping


Erouml;ffnet wurde die Tagung von Professor Dr. Dieter Lamping (Mainz) mit einem historisch vergleichenden Vortrag. Er stellte die These auf, dass es sich bei Hans Magnus Enzensbergers Begriff der Weltsprache lediglich um einen neuen Ausdruck fuuml;r Goethes Konzept der Weltliteratur handele. Zwar lauml;sst sich bei Goethe kein einheitlicher Gebrauch von Weltliteratur feststellen, aber weder ein qualitativer (D...</itunes:summary>
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		<title>stallarte? Spieluhrsprachfest!</title>
		<link>http://www.litlog.de/stallarte-spieluhrsprachfest/</link>
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		<pubDate>Sat, 16 Oct 2010 15:02:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Andreas Bülhoff</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literarisches Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Dada]]></category>
		<category><![CDATA[Festival]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Performance]]></category>

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		<description><![CDATA[Andreas Bülhoff über grandiose Lyriklesungen auf dem <em>stallarte</em>-Festival.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In Roringen nahe Göttingen fand Ende September das experimentelle <em>stallarte</em>-Festival für Bildende Kunst, Lyrik und Neue Musik statt. Andreas Bülhoff hat sich auf Wallfahrt begeben und erlebte Dada in der Kirche, die Krise der Syntax und Spieluhrmusik vom Feinsten.</strong> </p>
<p><em>Von Andreas Bülhoff </em></p>
<p>Wenn man nicht genau weiß, wo man hinwill, dann ist es schon ein Stück nach <a href="http://www.roringen.net/" target="_blank">Roringen</a>. Dabei sind es kaum 8 Kilometer von der Göttinger Innenstadt aus und es fährt sogar ein Bus. Aber irgendwie ist alles, was außerhalb der Stadtgrenzen liegt, weit und deswegen lässt man es sein oder nimmt das Auto und fährt eben ein Stück und es kann passieren, dass man den Weg nicht direkt findet, und dann spät dran ist und dann sind da noch die Einbahnstraßen, von denen es in Roringen verhältnismäßig viele zu geben scheint, und früher dunkel wird es Mitte September auch noch. </p>
<p>Jedenfalls kommt man an und sucht die Kirche und fragt nochmal nach und steht dann davor und ist sich nicht ganz sicher. Hier also findet ein »Festival für Bildende Kunst, Lyrik und Neue Musik« statt? Ganz richtig. Erwartungen werden verspielt oder übergangen, auch bei diesem literarischen Samstagabend, an dem die Grenzen verwischen zwischen Lesung, Performance und Musik. In einer kleinen Kirche, kaum zehn Bänke passen hintereinander, sind wir angekommen – es hat ein bisschen was von Wallfahrt.</p>
<p>Zum dritten Mal schon findet das sogenannte <a href="http://www.stallarte.de/" target="_blank"><em>stallarte</em></a>-Festival statt. Die Idee dazu entstand 2007 zwischen Tobias Amslinger, gebürtigem Göttinger und damals noch Student des Literaturinstituts Leipzig, und einigen Roringer Freunden, darunter vor allem die Künstlerin <a href="http://www.christel-irmscher.de/Willkommen.html" target="_blank">Christel Irmscher</a>, der Kunstwissenschaftler Prof. Siegfried K. Lang und die Dramaturgin Rebecca Schuster. Ein Anliegen sei es gewesen, so Amslinger, junge Künstler und den Austausch unter ihnen zu fördern. Und das zeigt sich in der Lyrik auch an so vielversprechenden Namen wie Nora Bossong oder Kerstin Preiwuß.</p>
<p>Neben diesem Anliegen wird das Festival-Konzept aber vor allem von der ungewöhnlichen Wahl des Ortes getragen. »Wir möchten unkonventionellen Formen der Kunst einen Raum einräumen, wo sie weitestgehend fremd sind. Gewohnte Seh- und Hörweisen durchbrechen. Wir sind der Überzeugung, dass eine produktive Spannung entsteht, wenn etwa ein Künstler die Roringer Pfarrscheune umgestaltet oder eine Installation in einer alten Scheune aufbaut. Das ist etwas anderes als im White Cube«, sagt Amslinger, der dem Festival nicht nur als Veranstalter, sondern auch als Lyriker verbunden ist. </p>
<address>Die dramatische Lage der Syntax</address>
<p>Gelesen wird heute Abend allerdings nicht in einer Scheune, sondern in der Roringer St. Martins-Kirche und zwar in zwei Blöcken. Erst ist die <a href="http://de-de.facebook.com/lyrikknappschaft" target="_blank"><em>Lyrikknappschaft Schöneberg</em></a> an der Reihe, ein Zusammenschluss junger Lyriker, unter ihnen auch Tobias Amslinger, die sich manifestartig in die Nachfolge von Dada stellen (siehe die erste Ausgabe ihres Online-Magazins <a href="http://karawa.net/ausgaben/001-hugo-ball" target="_blank">karawa.net</a> zu Hugo Ball). </p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Festival"><h2><a href="#Festival" name="advtab">Festival</a></h2>
<div style="text-align:center;"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/stallarte_logo2.png" /><br />
<a href="http://www.stallarte.de/" target="_blank"><em>stallarte</em></a> ist ein jährlich ausgerichtetes Kunst- und Kulturfestival in Roringen. Das Festival dient als Plattform für vor allem jüngere Künstlerinnen und Künstler aus den Bereichen Bildende Kunst, Lyrik, Performance und Neue Musik. 2008 fand das Festival zum ersten Mal statt. Hinter stallarte steht ein eingetragener Verein, der das Festival veranstaltet.</div>
<p></div><div class="jwts_tabbertab" title="Links"><h2><a href="#Links">Links</a></h2><a href="http://stallarte.de/" target="_blank">stallarte.de</a>, <a href="http://karawa.net/" target="_blank">karawa.net</a>, <a href="http://plingplong.org/" target="_blank">plingplong.org</a>, <a href="http://www.nora-gomringer.de/" target="_blank">nora-gomringer.de</a></div></div><br class="jwts_clr" /><br />
Knapp 30 Leute sitzen jetzt auf den weißen Bänken, blicken im warmen Licht nach vorn, draußen ist es bereits stockdunkel. Im Rücken ertönt eine Stimme, es ist die Amslingers. Er spricht von einer Krise, von der dramatischen Lage der Syntax, die sich zuspitze, geht beschwingt nach vorn und postiert sich hinter einem der drei Notenständer vor dem Altar. Nacheinander treten nun <a href="http://karawa.net/autoren/norbert-lange" target="_blank">Norbert Lange</a> und <a href="http://www.literaturport.de/index.php?id=28&#038;tid=274&#038;no_cache=1" target="_blank">Dagmara Kraus</a> hinzu, Gedichte sprechend, sich aufstellend, um dann in einen abwechselnden Vortrag zu verfallen. Es beginnt ein unaufgeregtes Lesen, in dem vor allem die unterschiedlichen Stimmen, der Wechsel unter ihnen, den Intonationen und Stilen spannend wird. Das Spiel mit Worten und Textformen, das Ringen mit Rhythmus und Sprache, die vor allem bei Dagmara Kraus inflationär ansteigende Verwendung von Fremdwörtern und Fachsprachen, bis hin zum Zerhacken und Wortneuschöpfen. Es gibt nur Lyrik, ohne Kommentar, ohne Unterbrechung. Einmal meldet sich die Kirchenglocke zu Wort, die aber im Tempo des Vortrags schnell wieder vergessen ist, bis schließlich Norbert Lange ein Gedicht über einen Schuh liest, anfängt zu singen, Dagmara Kraus ihm Magisches säuselnd von der Bühne folgt und Amslinger das Ganze mit seinem Krisengedicht vom Anfang besiegelt. Auch wenn das ein oder andere ein bißchen wenig bemüht wirkte, so hat diese Lyrikknappschaft etwas Verschmitztes, etwas Randständiges, etwas das Gesagte ständig Zurücknehmendes, das hängenbleibt und vielleicht gerade darin interessant wird.</p>
<address>Spoken Word zu Spieluhrmusik</address>
<p>Nach einer kurzen Pause wird die Kirche für ihre Verhältnisse nun richtig voll. Sowohl im Zuschauerraum, als auch auf der Bühne, auf der nun eine Menge skurriler Klangerzeuger, Maultrommeln, Drehorgeln und Schalltrichter angerichtet sind. Bühne frei also für <a href="http://www.nora-gomringer.de/" target="_blank">Nora Gomringer</a> – Poetry-Slam-Star und im Spoken Word-Mikrokosmos Publikumsmagnet – und <a href="http://www.plingplong.org/" target="_blank">Franz Tröger</a>, angekündigt als Spieluhrmusiker, aber tatsächlich im weitesten Sinne Performer, wie sich wenig später herausstellt. Den fulminanten Auftakt bildet Gomringers Gedicht »Ich werde etwas machen mit der Sprache«, programmatisch und eindringlich zugleich. </p>
<p>Die Richtung ist klar: Was im ersten Teil schwer verdaubar sein konnte und vielleicht durch eine zusätzliche Lektüre hätte unterstützt werden müssen, wird jetzt zugespitzt zu Gedichten, die in ihrer sprachlichen Realisation erst vollends zu sich selbst finden. Jedenfalls ist es gute und auch witzige Unterhaltung, wenn nach dem Lesen Gomringers, die wuchtig und ausladend ihren ganzen Körper einsetzt, der etwas schmächtige, verschmitzt lachende Franz Tröger aufsteht, und eine Lochkarte in eine seiner Spieluhren schiebt. Was dann, wärend er sich mit der Kurbel abmüht, erklingt, ist von melancholischer Schönheit und erinnert an eine Mischung aus Yann Tiersens Amélie-Soundtrack und Glockenspiel.</p>
<p>Seinem Höhepunkt strebt der Abend entgegen, als Gomringer und Tröger beginnen, Klassiker der Konkreten Poesie zu rezitieren. So hat man das noch nicht erlebt. Sie stehen auf, sprechen durcheinander, laufen herum, stellen Inhalte mit Figürchen nach, verrenken sich, musizieren und schauspielern – ein poetisches Jahrmarktsfest, das in der Performanz von Eugen Gomringers orgasmischem Reigen »hängen und schwingen« gipfelt.</p>
<address>»Warum kann der Baum nicht ›Pluplusch‹ heißen?«</address>
<p>Als sie fertig sind, stellt man verwundert fest, dass man immer noch in der kleinen Roringer Kirche sitzt. Aber auch diese Verwunderung ist natürlich Programm dieses Wort-und-Ort-Festivals: »So, wie das Festival <em>stallarte</em> die festgelegte Bedeutung von ORTEN umdefiniert«, erzählt Tobias Amslinger später, »so ist es in meinen Augen eine ganz wesentliche Aufgabe der Literatur, die festgelegte Bedeutung von WORTEN umzudefinieren. Hugo Ball hat das im Dadaistischen Manifest so gefasst: ›Warum kann der Baum nicht ›Pluplusch‹ heißen? und ›Pluplubasch‹, wenn es geregnet hat?‹« </p>
<p>Ja, warum eigentlich nicht, fragt man sich nach einem solchen Abend. Schade nur, dass in Roringen die Stallart’ler bei diesen spannenden Experimenten weitestgehend unter sich bleiben.</p>
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