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ThOP oder Tatort

ThOP oder Tatort, Sawatzki oder Slam? Mit deftiger Alltagskomik, ratternden Reimen und ballernden Bildern machen die sechs geladenen Poetry-Slammer den Bruch mit dem allsonntäglichen Tatort-Ritual lohnenswert. Und das Göttinger Moderatoren Duo mimt dazu den Schimanski – eins zu null für den Slam.

Von Anna Bers

Wichtig ist, dass die Ermittler/innen-Homestory-Rahmenhandlung entweder authentisch-menschlich oder bizarr-lustiglich ist. Das Tatortduo (Duo, weil Österreich gildet nich‘, der ist sowieso jenseits der Schmerzgrenze und Hamburg bietet in einem verdeckten Ermittler schon strukturell notwendig zwei Gesichter) verhandelt in 90 Minuten den zentralen ethisch-gesellschaftlich-familiär-erotisch-kulturellen Konflikt als lebende Dialektik nach dem umgewandeten Guter-Bulle-böser-Bulle-Prinzip. Dann noch Leitmotive. Wer das Leitmotiv (Hände, Kreiskamerafahrten, eine Cognacflasche, »They don’t care about us«, ein roter Mantel) zuerst entdeckt, darf »Leitmotiv« brüllen und hat gewonnen. So sehen Sonntage aus, Schalalalala. So viel gemeinschaftlichen Ritus braucht der Wochenstart.

Was aber, wenn Zaimoglus beliebte Vorabrezension sagt: »Gähnen bis der Kiefer knackt« und ich so etwas für Sawatzki-Frankfurt ohnehin schon befürchtet hatte? Dann also Slam. »Das ist Christopher, der eine Moderator.« »Das ist Stephan, der moderiert auch mit.« In den ersten Minuten steht fest, wie die Rollen auf die Helden verteilt sind. Wer das Göttinger Duo kennt, der wird die heutige Folge vor dem Hintergrund der vergangenen beobachten und die Beziehungsentwicklung des Paares und ihre sich steigernde ironische Selbstbespiegelung beschmunzeln.

Auch das Leitmotiv muss in den ersten Minuten gleich raus: Friseurladennamen, wie erfrischend. Dramaturgisch geschickt wird es freundlich zur Verfügung gestellt vom featured poet, Philipp Scharrenberger, der einen dynamisch motivierten Deutschlehrer spielt: »Texte ham oft mit Sprache zu tun.« Einen Deutschlehrer, wie ihn die Unterstufe liebt, weil er den Zauberlehrling rappen kann. Ich war eines von den Kindern, die in der Aktivierungsphase nicht zurückrappen wollten und heute bin ich eines der Kinder, die Insider aus dem Kanon vor einem Philologenpublikum nicht mit »Verszeilen-geilen Gesichtern« erwidern. Auch nicht, wenn das Erwachen als hässlicher Käfer und der arme Tor in gut gestylten Paarreimen daherkommen. Aber der Deutschlehrer ist nicht nur flott, sondern auch reflektiert und weiß, dass er der unverdächtige Stimmungsspender für die ersten Minuten war, Plan aufgegangen.

Alle Figuren, die mehr als zwei Sätze Text haben, können es am Ende gewesen sein. Die Figuren haben heute sieben Minuten und keine Hilfsmittel. Man darf nicht »Leitmotiv« brüllen, aber tröten, wenn die sieben Minuten um sind. Der Personenkreis wird immer mehr eingeengt und zum Schluss bleibt eine/r übrig. Das sind die Regeln, die das Rahmen-Duo noch mal für die neuen Zuschauer/innen klarstellen muss, sonst fällt später gar nicht auf, wenn es im Showdown eine coolnesssteigernde Regelwidrigkeit gibt.

Damit ist das Setting geklärt und die Protagonist/innen treten auf. In den eher alltagskomisch und weniger weltverbesserisch gelagerten Fällen, wie dem heutigen, sind die Figuren gerne Prototypen. Was ist ein Slammer-Prototyp? Joki aus Göttingen macht’s kurz vor. Damit die formalen Bestandteile eines solchen Prototyps ganz deutlich werden, lässt sie die ablenkenden Inhalte sicherheitshalber weg. Es kommt darauf an, die Wörter zu zerlegen und zu wiederholen, zu wieder-holen, zu wie-der-hohl-en. Wiederholen der Basisfakten ist wichtig, normalerweise, weil man sie sich als Zuschauer/in dann besser merken kann, in diesem Fall aber gelingt mir das nicht, höchstwahrscheinlich weil keine Informationen in den wiederholten Silben drin waren.

Der andere Prototyp tritt auf, um das Spektrum der Figurenskala gleich abzustecken, alle anderen können sich später darin positionieren und dann auch, und das ist natürlich für den ersten Typen und Antitypen nicht möglich, variieren. Johanna Wack aus Hamburg ist also die Gegenspielerin, die in unambitionierter Subjekt-Prädikat-Objekt-Prosa ganz auf die Inhalte setzt. Sie gibt also vor, perfekte Kinder zu haben und inszeniert dann eine häusliche Orgie, um der bürgerlichen Idylle zu entkommen. Das Konzept ist einfach, die Gags sind deftig. Ein Teil der Zuschauer/innen verdächtigt sie der Banalität, ein anderer badet in der angenehm-boshaften Vorstellung. Ich weiß nicht, wie groß die beiden Teile sind, vielleicht hat sie sich mit ihrem perfiden Plan verrechnet, aber das wissen wir natürlich erst zum Schluss.

Jetzt brauchen wir noch echte Männer, Nektarios Vlachopoulos und derTom, und sie bringen Elben, Sex, Hip-Hop. Wenn das nicht mal Motive sind. Nektarios Vlachopoulos, das Publikum fragt sich, ob dieser Name nicht ein verdächtiges Täuschungsmanöver sein könnte, ordnet sich im Typen-Spektrum eher auf der rhythmischen Seite ein, variiert aber, indem er seine perfekt-geübte Gestik einsetzt, um seine ungeheure Geschichte der Wiedergeburten als Reh, Bandwurm und Brot zu untermauern. Er weiß sich zu verkaufen, die Reime rattern, die Bilder ballern. Ein ganz kleines bisschen könnte man befremdet sein, von so viel Rollenenergie aber man will ja auch ein bisschen unterhalten sein am Sonntagabend, so wird er schließlich Erfolg haben mit dieser Taktik.

Auch derTom setzt auf Reime. Seine Variation besteht in erstmaliger Sozialkritik, denn es ist auch erlaubt sich auf die Außenwelt zu beziehen. Weil derTom ein »Shootingstar« ist, macht er es auch nicht unter »Wo sind all die guten Rapper hin?«-Humanismus. DerTom ist eigentlich unbeugsam, das Rahmenpersonal ist in eine Falle getappt, unzulässige Deklination des Aussagenden. Macht aber nix, denn nun muss dieser sich doch beugen, das Publikum hat derTom erledigt und mit ihm auch Joki und Johanna.

Pause I.

Die Hip-Hop-Handlung nimmt nach dem traurigen Ende der deutschen Rap-Heroen, darunter derTom, ein heiteres Ende. Ich weiß nicht genau worum es geht, so schnell, so lautreich und so tumbel-bunt ist sein Fall. Um mich herum kapitulativ-staunendes Lachen. »Aliens und Kiffen und so«, lautet Christophers Zusammenfassung von Dennis Ficknas Reimschusswechsel.

Christopher und Stephan sind mit der teaminternen Gruppendynamik beschäftigt, die zwischen den Szenen unterhaltsam hervorstichelt. Die Rollenverteilung heißt: mittelböser Bulle beide, jeder für sich im Kampf um die Zuschauergunst.

Die Damen zu Beginn mussten Extrema demonstrieren: Slam-Slam-Slam-Duk-Tus mit Rhyth-Mus und ohne inhaltliches Innehalten und bunte Geschichten scheinbar ganz ohne sprachliche Tricks; Franziska Holzheimer hat dagegen von allem etwas zu bieten. Ich habe meine Identifikationsfigur gefunden. Sie hat ein doppeltes Motiv: Früchtetee und Alltagsperfektionismuswahn. Sie hat die nötigen Tatwerkzeuge: dichte schnelle Lyrik und kleine Päng-Pointen, dazwischen Bremsspuren schlichter Prosa. Auch der Rest der Zuschauer will einen weiteren Auftritt.

Zuletzt darf Björn Högsdal vorsprechen: Wieder geht es um Kinder, wieder um Gewalt an Kindern oder wegen Kindern – das wär doch was für Anne Will im Anschluss. Weil er aber innovative Ideen für/gegen/wegen Kinder/n hat und nach eigener Aussage »ein bisschen wie Peter Fox« klingt, ist auch er weiter, da ist sie, die coolnesssteigernde Regelwidrigkeit.

Pause II.

Das Duo macht den Schimanski: »Wir entschuldigen uns hiermit bei allen Slammern, zu denen wir nicht unfair waren.« Der Deutschlehrer: »Du denkst du bist tough, doch Poesie ist Metapher.« Schön gereimt und die Stimmung stimmt zum Showdown. Nektarios Vlachopoulos, Franziska Holzheimer und Björn Högsdal. Drei Profis. Alle drei haben die erste Runde mit der besseren Munition bestritten. Wahrscheinlich haben zum Glück aber noch alle einen prima Text zum Thema Kinder oder Friseurladennamen in der Tasche, ich erinnere mich nicht. Ich will ja sowieso, dass es am Ende Franziska ist.

Sie ist’s. Das Publikum klatscht zum harmonischen Schlussbild. Mein Sitznachbar weint ein bisschen im Nachlachen. Ich bin ganz froh, dass ich Frau Sawatzki verpasst habe. Zaimoglu sagt zu deren Film, das echte Leben schreibe bessere Geschichten als die ARD. Ich sage zu diesem Abend, dass er so rund war, als hätte ihn die ARD komponiert und dass viele Geschichten besser sind als das eine echte Leben.



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 Veröffentlicht am 9. April 2010
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