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Unglück mit Folgen

Es ist Sonntag, ein verregneter Herbstabend in Göttingen. Pünktlich zum Literaturherbst haben die ersten Blätter ihre Farbe gewechselt und etwas Laub ist hier und da bereits hinabgefallen. Die Reihen im Deutschen Theater sind dicht gefüllt, denn Sten Nadolny liest aus seinem neuen Roman Weitlings Sommerfrische.

Von Xenia Buchwald

Die Handlung beginnt ebenfalls, anders als man aufgrund des Titels meinen könnte, an einem Nachmittag im Herbst. Es geht um den Richter a. D. Wilhelm Weitling, der mit seinem Leben recht zufrieden ist. Bei ihm ist alles gut verlaufen: Abitur, Wehrdienst, Jura-Studium, Dissertation, Karriere zum Richter. Jetzt schreibt Weitling an seinem Werk über Rechtsprechung und Gerechtigkeit, das er »Spes Divina« zu nennen gedenkt. Außerdem hat er eine wunderbare Frau, Astrid, die im Prenzlauer Berg Geschenkkartons verkauft und die er sehr bewundert und liebt:

Im Grunde konnte er alle Überlegungen, wie und wohin die Menschen, jeder Einzelne, sich bessern sollten, in einem Satz zusammenfassen: Werdet wie Astrid. Damit war leider klar, dass die Besserung ausbleiben würde, denn wer konnte so sein wie sie?

Eigentlich ist also alles perfekt. Seit kurzem befindet er sich außerdem auch im Besitz eines Bootes beim Chiemsee, womit sich ein weiterer Kindheitstraum von ihm erfüllt hat. Aber genau dieses Boot wird ihm nun zum Verhängnis. Denn obwohl Weitling das Segeln selbst gar nicht so sehr liebt, unternimmt er an jenem späten Nachmittag doch eine Fahrt, deren Folgen er nicht ansatzweise absehen kann. Wie einst als Jugendlicher gerät er in einen Sturm und verunglückt. Aber die Dinge haben sich verändert. Denn die Zeitebenen vermischen sich und er findet sich wie ein Geist neben seinem jugendlichen Selbst wieder. Eigentlich hat er sich damals die Hand verletzt, doch hat der 16-jährige Willy dieses Mal beim Unglück keine Wunde davongetragen. Dieser Eingriff in die eigene Vergangenheit zieht weitere, größere Veränderungen mit sich.

Sten Nadolny trägt die ausgewählten Passagen mit ruhiger, gelassener Stimme vor. Es ist sehr still im Theatersaal, alle lauschen gebannt. Nur ab und zu hört man jemanden husten. Dann wieder Lachen aus dem Publikum. Etwa bei der einzigen Fußnote im gesamten Roman, die den Leser über Weitlings Segelfehler aufklärt. Immer wieder muss der Leser bei der Lektüre schmunzeln, sodass ebendiese sich recht amüsant gestaltet. Diesen Humor bringt Nadolny auch mit auf die Bühne. Dass Weitling den aufziehenden Sturm nicht bemerkt, begründet Sten Nadolny zum Beispiel folgendermaßen: »Das ist ja bei Literatur so, dass der Held unablässig was zu denken hat.« Und vor lauter Denkerei übersieht er dann eben glatt die schwarzen Gewitterwolken.

Was macht uns zu dem, was wir sind?

Weiter geht es im Text. Die Brille des Schriftstellers funkelt schwach im Licht des Deutschen Theaters. Vor ihm steht ein Glas Wasser auf dem Tisch. Seine Ausgabe des Buches ist von Lesezeichen gespickt, die er anschließend sorgfältig neben sich auf dem Tisch ablegt. Daneben hat seine Armbanduhr ihren Platz gefunden, auf die er immer mal wieder schaut. Er hat sie sich gut eingeteilt, seine Zeit.

Die Zeit spielt auch in seinem Roman eine fundamentale Rolle. Sie enthält Sprünge und das ermöglicht dem Protagonisten Zeitreisen – die »Sommerfrische«, wie Weitling sie nennt. Dabei stellt diese Zeitreise ein philosophisches Experiment dar: Was macht uns zu dem, was wir sind? Und können so kleine Änderungen wie das Vermeiden einer Verletzung an der Hand wirklich weitreichende Folgen haben? Weitling ist eine sympathische Hauptfigur, deren Überlegungen und Betrachtungen man gerne folgt. Bisweilen etwas langsam, aber immer treffend formuliert das »Richter-Gespenst« seine Gedanken. Und stellt zu seiner großen Erleichterung auch fest, dass er nicht der einzige ist, der sich auf »Sommerfrische« befindet. Noch, so viel sei hier verraten, wird er es bleiben.

Buch-Info


Sten Nadolny
Weitlings Sommerfrische
Piper: München 2012
224 Seiten, 16,99 €

 
 
Diese »Sommerfrische« verändert Weitling. Aber nicht so, dass er nicht wiederzuerkennen wäre. Das Ich scheint eine gewisse Konstanz zu besitzen, wie veränderlich es in vielen anderen Facetten auch sein mag. Veränderungen, die dem Zufall fürchterlich willkürlich überlassen sind. Und die Auswirkungen dieser Segelfahrt betreffen nicht nur den Protagonisten. Unter anderem wird seine geliebte Frau, die gar nicht mit auf »Sommerfrische« gewesen ist, zu einer Anderen, obwohl sie doch die Gleiche bleibt. Zumindest findet er sie genauso wunderbar wie zuvor.

Während der Lesung scheint Sten Nadolny mit dem Protagonisten zu verschmelzen. Seine Worte driften manchmal ins Nichts ab, so, als seien es seine Gedanken, die er vortrüge, und nicht die Weitlings. Dies ist nicht weiter verwunderlich, sind doch bei dem Roman klare Verbindungen zu Sten Nadolny selbst erkennbar. Damit angefangen, dass er selbst am Chiemsee aufgewachsen ist, bis hin zu der Tatsache, dass er, wie Weitling in seinem zweiten Leben den Beruf des Schriftstellers ergriffen hat. Aber das Ende gestaltet sich, um potentielle Leser ob der scheinbaren Vorwegnahme der Auflösung nicht abzuschrecken, wesentlich raffinierter.

Insgesamt ist es ein perfektes Buch für verregnete Herbstabende. Die Handlung geht langsam voran ohne langweilig zu werden. Für die genüssliche Lektüre ist Zeit vonnöten, die ja oft gerade an dunklen Herbstabenden scheinbar so unendlich lang vor einem liegt. Es ist eines von den Büchern, über die man auch noch lange nach dem Zuklappen der Buchdeckel nachdenkt. »Weitlings Sommerfrische« bringt einen unweigerlich zum Reflektieren über den eigenen Werdegang. So kann sich der Leser also äußerst glücklich schätzen, dass Weitling sich an diesem Septembernachmittag für eine Segelfahrt entschieden hat, denn sonst wäre dieses Buch vielleicht nie entstanden. Sten Nadolny ist mit dem Lesen am Ende angelangt. Ein letztes Lesezeichen-Zettelchen verbleibt im Buch. Begeistert rollt der Applaus in Wellen zur Bühne hinunter.



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 Veröffentlicht am 26. November 2012
 Fotot von John Knox via flickr
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