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Use your Illusion

Im DT wird Shakespeares Macbeth alles genommen, was nicht auf der Haut getragen werden kann. Eine Inszenierung mit Leerstellen als dramaturgischem Konzept schafft freie Räume für Spiele der Phantasie und ungezähmte Akrobatik. Ikonoklasmus? Ein Lob auf die Vorstellungskraft.

Von Martin Hinze

In der auf funktionale Linien reduzierten Form des Modernen kehrt das Archaische wieder. Das stimmt insbesondere für das Bühnenbild dieser Inszenierung von Macbeth. Calvinistische Kargheit: der Bühnenboden ist ein sacht leuchtendes weißes Rechteck, vielleicht sechs Mal sechs Meter groß. An ihrem rückwärtigen Ende steht vertikal eine gleichgroße Wand, mit polarweißem Stoff bespannt. Die hell ausgeleuchtete weiße Bühne steht in einer tiefschwarzen Leere. Aus ihr kommen zu Beginn die Darsteller, in ihre Tiefe wird Macbeth am Ende herabstürzen.

Für Shakespeares aus dem London der Renaissance stammendes Theater ist die Guckkastenbühne der heutigen Schauspielhäuser eigentlich nicht adäquat. Shakespeares Bühne sah aus wie die Konstruktion dieser Macbeth-Inszenierung: eine erhöhte, in den Zuschauerraum hineinragende Plattform mit einer Wand hinten. So hat der Reisende Johannes de Witt 1596 das Londoner Swan-Theatre gezeichnet. Ein wichtiges Detail wird in dieser Interpretation umgewandelt. Der Vorhang an der Rückwand der alten shakespeareschen Bühne, durch den die Charaktere auftraten, gibt es an dieser blanken Wand nicht. Stattdessen ist die Außenwand des Bühnenraums mit einem scharlachroten Vorhang verhängt. Viel Scharlachrot – es repräsentiert das Blut, von dem in Macbeth auf jeder Seite die Rede ist, und das traditionellerweise am Ende des Tötens die Bühne fett wie einen Opferstein bedeckt.

»Nach dem Chaos, nach dem Krieg, und nach Untergang und Sieg«

Die großen weißen Flächen des Bühnenbaus sind für die ganze Spieldauer sichtbare Embleme für den Kern dieser Inszenierung: Leerstellen als Spielräume der Imagination. Ein treffliches Konzept, denn Macbeth ist ein Stück über die Empfänglichkeit des imaginären Vermögens. Schon die Eröffnung der Tragödie lässt sich als dessen Invokation deuten. Drei Hexen treten auf und kündigen die Heimsuchung von Macbeth an.

In ihren paradoxen Trochäen benennen sie ein weiteres Leitmotiv des Stückes: Verkehrung. Der titelgebende Antiheld ist ein Mensch, für den Wünsche und Phantasien mächtiger als die Realität sind. Alois Reinhardt in seiner Rolle vermag diesen Worten den nötigen Raum zu geben:

Was ist/ Ist nicht so schlimm, wie das, was man sich vorstellt./ […] Dass Einbildung das Handeln unterdrückt,/ Und nichts ist, außer was nicht ist.

Damit ist die Herrschaft des Imaginären über das Reale ausgesprochen.

Das Stück

von William Shakespeare
Weitere Aufführungen
8., 11., 15. März und 9., 11., 15., und 20. April jeweils um 19.45 Uhr, 6. April um 20.30

 

Beteiligte

Inszenierung: Mark Zurmühle
Musikalische Leitung: Jan Exner
Bühnenbild: Eleonore Bircher
Kostüme: Ilka Kops
Dramaturgie: Lutz Keßler
Darsteller:
– Roland Bonjour
– Jan Exner
– Katharina Heyer
– Andreas Jeßing
– Alois Reinhardt
– Meinolf Steiner
– Ronny Thalmeyer

 

DT

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Das Deutsche Theater in Göttingen zeigt als größtes Theater der Stadt ein umfangreiches Repertoire auf drei Bühnen. Bereits seit den 1950er Jahren errang das DT unter Leitung des Theaterregisseurs Heinz Hilpert den Ruf einer hervorragenden Bühne. Seit 1999 garantiert Intendant Mark Zurmühle bewährte Theatertradition sowie Innovation.
 
 

Das Thema Imagination wird inszeniert, indem in der Rede benannte Dinge und Handlungen auf der Bühne nicht gezeigt werden. Auch das nach der Konvention zu Erwartende wird weggelassen. So werden Leerstellen zum dramaturgischen Konzept. King Duncan (Ronny Thalmeyer) sitzt nicht auf einem Thron, sondern regiert an der Wand hockend. In der Nacht seiner Ermordung schläft er, notdürftig mit seinem Mantel bedeckt, auf dem nackten Fußboden. Das Weglassen trifft noch die symbolbehafteten Kerzen, Fackeln und Dolche, die sonst auch in sparsamen Aufführungen von Macbeth zu sehen sind. Die Regie bricht also mit dem Grundsatz shakespearescher Aufführungspraxis, der verlangt, die Gegenstände, von denen gesprochen wird, auch zu zeigen. Das imaginäre Vermögen des Zuschauers wird durch diesen Kunstgriff in das fahl leuchtende Kraftfeld der Handlung gezwungen.

Die Ermordung des schlafenden Königs durch Macbeth und Lady Macbeth wird wie in einer vorläufigen Probe nur mit einem Blick markiert. Der Zuschauer muss sich die von Blut tropfenden Dolche vorstellen, mit denen Lady Macbeth nach dem Mord provozierend ihre Brüste und ihr Kleid beschmiert, um so ihren zwischen Traum und Wirklichkeit schwankenden Gatten mit der Faktizität der Tat zu konfrontieren.

»Die falsche Miene deckt das falsche Herz«

Von zwei Reihen Scheinwerfern an den Seiten wird die Bühne ausgeleuchtet, und deren Entkleidung von Requisiten stellt den Menschen – seinen Körper und seine Sprache – in ihren Brennpunkt. Als letztes Requisit bleibt die Kleidung, die die Charaktere auf ihrer Haut tragen. Ihr wichtigster dramatischer Gebrauch ist die als Skoliotrope (wörtlich: »Verkehrtwendung«). So passt Macbeth nach der Usurpation des Thrones seine Kleidung nicht mehr richtig. Er trägt sein Hemd auf innen. Die Krone setzt er verkehrt herum auf. Sein Vorsatz »Täuschen wir die Welt mit Spiel und Scherz:/ Die falsche Miene deckt das falsche Herz« ist zum Scheitern verurteilt. Das verkehrte Äußere zeigt der Welt früh an, dass irgendetwas mit ihm nicht richtig ist. Keine Verstellung kann seine Ambitionen verbergen: Er hat sich zu hoch erhoben und muss fallen.

Neben Auslassungen und Umkehrungen besitzt diese Vorführung auch Momente ungeheurer körperlicher Präsenz. Macbeth gewinnt zu Beginn das Vertrauen des Königs, indem er die Rebellion eines Verräters blutig niederschlägt. Es folgt eine Siegesfeier, in der Banquo (Roland Bonjour) und Macbeth sich mit Bocksprüngen und akrobatischen Salti wie bei einer Freestyle Dance-Performance vor ihrem König gegenseitig übertrumpfen. Den tollkühnen Wettstreit entscheidet am Ende jedoch die mit der Kraft und Gewandtheit einer olympischen Stabhochspringerin auftretende Katharina Heyer als Lady Macbeth im einarmigen Handstand für sich.

Diese drei sind die einzigen Charaktere, die nur von einem Darsteller gespielt werden, die anderen ca. 25 Rollen werden von vier weiteren Schauspielern bewältigt. So war es auch zu Shakespeares Zeiten, als eine spielende Wandertruppe mit wenig Gepäck auch nicht mehr als ein halbes Dutzend Köpfe zählte. Auf der einfachen Bühne zeigt sich, dass Shakespeares Dramatik mit minimaler Ausstattung auskommt. Obwohl das Stück an verschiedenen Orten spielt, ist auch ohne Ausstaffierung von Räumen klar, wo man sich befindet – die Lokalisierung des Geschehens findet sprachlich statt.

Der sprachlichen Ebene gibt Jan Exner eine musikalische hinzu. Man schätzte ihn im DT bisher als in jedem Stil sicheren Gitarristen. Heute fängt er mit dem MacBook Schreie ein, später eine Gesangseinlage von Lady Macbeth, weiß zudem als Vogelstimmenimitator zu überraschen und bastelt aus alledem on the fly Klangbilder – ein Soundtrack zur unendlichen erhellten Nacht dieses Stückes.

These boots are made for walking

Zur Vorbereitung ihres Selbstmordes wirft die umnachtete Lady Macbeth ihre Stiefel in die Finsternis vor der Bühne, in die sie sich stürzen wird – Tote werden nicht mit Schuhen begraben. Shakespeare gab der düsteren Handlung von Macbeth einen lichten Rahmen: der ermordete König war weise und gut, sein irregeleiteter Mörder Macbeth wird von weisen und guten Männern zur Strecke gebracht, und so ist die richtige Ordnung wieder hergestellt. Auf diesen Rahmen verzichtet die Version des DT. Wenn der besiegte Macbeth seiner Frau in den Abgrund folgt, endet das Stück. Alles ist offen. Nutze deine Einbildungskraft –



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 Autor*in:
 Veröffentlicht am 5. März 2011
 Mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Theaters Göttingen.
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 Ein Kommentar
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Ein Kommentar
Kommentare
 Alena Diedrich
 9. März 2011, 15:39 Uhr

Super Rezension, vielen Dank! Ich habe gleich Karten für Macbeth am Freitag bestellt…

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