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Wissenschaftliche Rezension
Vermessung der Schönheit

»Zerpflücke eine Rose und jedes Blatt ist schön« lautet ein bekanntes Zitat von Bertolt Brecht. Mit diesem Satz trug er zu einer Diskussion bei, welche seit jeher die Kontroverse zwischen Theorie und Schönheit betrifft. Vor allem Laien und Studienanfänger der Literaturwissenschaft tendieren häufig zu der Meinung, dass Schönheit nicht zu analysieren sei. Die Möglichkeiten und die Notwendigkeit einer solchen Analyse versucht Jan Urbich in seinem Einführungswerk mit dem Titel Literarische Ästhetik darzulegen.

Von Florian Pahlke

Das 2011 bei UTB erschienene 319 Seiten dicke Buch des Jenaer Literaturwissenschaftlers verschreibt sich der Aufgabe, »das theoretische Nachdenken über die Prinzipien des Literarischen« zu fördern und somit nicht nur passiv Wissen zu vermitteln, sondern auch aktives und selbstständiges Arbeiten des Lesers zu unterstützen. Das Buch soll dabei jedoch weniger in einzelne Literaturtheorien und ihre Herangehensweisen einführen, sondern vielmehr den Begriff der Literatur reflektieren und diesen in seiner historischen und systematischen Breite darstellen. Aus dieser Darstellung heraus erfolgt die Frage, wie Literatur als ästhetisches Schreiben zu analysieren ist und welche historischen und theoretischen Schwierigkeiten damit verbunden sind. Die 14 Kapitel umfassen somit einen breiten Rahmen und decken mit den Fragen nach der Ontologie und Semiotik der Literatur bis zu ihrer Funktion und den subjektiven Zugängen zumindest die wichtigsten aktuellen und historischen Fragestellungen ab.

Begriffsstutze durch bedeutende Vielfalt

Kapitel wie das zur Anthropologie deuten darüber hinaus darauf hin, dass Urbich in seine Betrachtung auch explizit fachfremde Ansätze, wie in diesem Fall einen soziologischen, einbezieht und Literatur als ein weitläufiges Feld versteht. Diese fächerübergreifende Betrachtung von Literatur zeigt einerseits also die Mehrdimensionalität und daraus resultierende Schwierigkeiten des Literaturbegriffs auf und weist andererseits auf die Adaption fachexterner Theorien zum Vorteil der Literaturwissenschaften hin. Diese große Bandbreite an Betrachtungsmöglichkeiten ist jedoch auch dafür verantwortlich, dass Urbich eine gewisse Willkürlichkeit in der Auswahl der Fragestellung nicht von sich weisen kann. So erfährt unter anderem der Literaturbegriff selber keine detaillierte Betrachtung, sondern wird einfach als die »künstlerisch gestaltete [...] Literatur […], deren Begriff sich vor allem im 18. Jh. herausbildet«, eingeführt. Einen kurzen Abschnitt zu der Problematik des Literaturbegriffes findet sich zwar zum Ende des Buches, dieser weist aber nur einen Übersichtscharakter auf und macht auf die einhergehenden Schwierigkeiten aufmerksam.

Buch


Jan Urbich
Literarische Ästhetik
UTB: Böhlau Köln, 2011
319 Seiten, 17,90€


Hiermit zeigt sich auch eines der Hauptprobleme, welches sich aber aufgrund der Rolle des Buches als Einführungswerk kaum vermeiden lässt: Wegen der relativ geringen Seitenzahl je Kapitel müssen notwendigerweise Abstriche in der Komplexität gemacht werden. Das fällt vor allem dann auf, wenn mögliche Schwierigkeiten und Lösungsansätze lediglich benannt und kurz umrissen werden können, nicht aber inhaltlich näher bestimmt oder gar mit anderen Theorien in Verbindung gesetzt werden. Immerhin werden jedoch die mit einem Problem zusammenhängenden Theorien kurz erwähnt. Wem es zum Beispiel nicht ausreicht zu wissen, dass Wittgenstein in der Tradition der analytischen Philosophie einen festgelegten Begriff von Literatur überhaupt verwirft, sondern darüber hinaus wissen möchte, womit diese Ablehnung begründet wird, kann ohne Probleme den relevanten Originaltext heranziehen.

Wer jedoch wirklich nur einen ersten Überblick erwartet, der es ermöglicht, Fragestellungen im Kontext des Literaturbegriffs zu ordnen und übersichtlich aufbereitet zu bekommen und im Ansatz zu verstehen, welche Probleme und Vorteile eine Theorie der literarischen Ästhetik mitbringt, der ist mit den kompakten Kapiteln sehr gut versorgt. Gerade für Studienanfänger bieten die Kontrollfragen am Ende jedes Kapitels eine gute zusätzliche Möglichkeit, selber zu überprüfen, ob der Inhalt auch wirklich verstanden wurde. Ein ebenso großer Vorteil des verfolgten Ansatzes, die Theorien selbstständig zu erkunden, ist es, den Leser selbst entscheiden zu lassen, für wie sinnvoll er die einzelnen historischen Ansätze hält. Die Kapitel sind in einem objektiven Stil verfasst, der versucht, Vor- und Nachteile aufzuzeigen und gegeneinander aufzuwiegen. Dabei lassen sie immer genügend Raum für die eigene Wertung. Es wird somit kein »richtiger« oder »falscher« Literaturbegriff ausgezeichnet, sondern dieser in seiner Vielfältigkeit dargelegt und betrachtet. Auch der Meinung, dass Ästhetik gar nicht theoretisch gefasst werden kann, räumt Urbich dabei ein eigenes Kapitel ein. Wem die theoretischen Ansätze nicht zusagen, findet, ganz im Sinne der Brechtschen Forderung, Ästhetik zu zergliedern, auch einen praktischen Zugang.

Sicherheiten vergeblich gesucht

Der Nachteil, der aus der selbstständigen Herangehensweise und der breiten Fächerung der Betrachtung resultiert, liegt auf der Hand: Ein völlig unerfahrener Leser kann sich leicht überfordert fühlen mit der Vielzahl an Optionen, die er hat und dem Nichtausweisen von richtig oder falsch. Dieser Schwierigkeit begegnet Urbich einerseits, indem zwar alle Kapitel als eigenständige und abgeschlossene Betrachtung gelesen werden können, aber aufgrund ihres stringenten Aufbaus auch um so besser vergleichbar sind. Andererseits lässt es sich grundsätzlich nicht vermeiden, dass die Schwierigkeit in Teilen bestehen bleibt, sofern der Autor dem Leser die Meinung nicht vorgeben will und bei einem Gebiet wie der Literaturwissenschaft auch gar nicht vorgeben kann. In Anbetracht der Tatsache, dass das Buch nur eine Einführung sein will und somit nicht mehr als einen ersten Überblick liefern sowie für kritische und breit aufgestellte Fragestellungen sensibilisieren soll, schafft Urbich es aber, das Thema verständlich und sachlich aufzubereiten, ohne dabei zu trivialisieren. Auf jeden Fall ist sich der Leser nach der Lektüre somit zwar noch immer nicht sicher, ob und nach welcher Herangehensweise er Literatur zergliedern will, ihm wird aber immerhin eine Fülle an Möglichkeiten geboten, Literatur als ästhetisches Gebilde zu betrachten und zu verstehen.



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 Veröffentlicht am 19. Januar 2012
 Kategorie: Wissenschaft
 Bild von Nasos3 via flickr.
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 3 Kommentare
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3 Kommentare
Kommentare
 Iranoctis
 20. Januar 2012, 16:12 Uhr

Lieber Florian,

es ist ein fast lächerlicher Zufall, von dir hier zu lesen, der mir aber
sehr gelegen ist, da er mich doch an eine amüsante Zeit in Gedichteforen erinnert, die ich nicht missen möchte. Bist du also ebenfalls in Göttingen gelandet, schön.

Zu deinem Artikel: Seltsam eine Rezension von dir zu lesen, aber
auch in diesem Feld schreibst du absolut angemessen und triffst den richtigen Ton: Argumentativ lückenlos und treffend formuliert, der Leser erfährt, was er wissen muss. So weiß ich jetzt: Das Buch ist nicht
für mich gedacht.

Beste Grüße,

Iranoctis

 Florian
 27. Januar 2012, 11:39 Uhr

Hallo Iranoctis,

deinen Namen hier zu lesen hat mich zugegebenermaßen auch sehr überrascht. Was machst du in Göttingen zur Zeit? Ich nehme stark an, Germanistik studieren?! Kannst dich ja mal, wenn du möchtest, per Email melden.

Für deine Beurteilung bin ich dir dankbar, ich war bei dieser Reszension nämlich doch sehr unsicher, ob der Leser aufgrund meiner Schilderung sich ein angemessenes Urteil bilden kann. Scheinbar ist das also doch möglich und auch deine Beurteilung, dass das Buch eher nichts für dich ist, kann ich zumindest teilweise nachvollziehen. Ich werde es auch eher als kurzen und prägnanten Überblick verwenden, der einen guten Ausgang für weitere Recherchen bieten kann. Mehr kann (in der Kürze) und soll das Buch letztlich auch gar nicht sein.

Beste Grüße,
Florian

 Iranoctis
 31. Januar 2012, 22:45 Uhr

Ich würde mich nur zu gerne per Mail melden, allerdings wird für mich gerade nicht ersichtlich, wie ich das tun sollte. Ich werde dich mal über ein großes und weitverbreitetes soziales Netzwerk suchen und wenn möglich kontaktieren.

Ich bin inzwischen ein großer Freund von monumentalen Werken, die in ihrem Teilbereich versuchen, alles bis ins kleinste Detail zu erfassen. Für alles andere ist m.M.n. das Internet ein vollwertiger Ersatz. Taschenbuchformate sind da vielleicht schon wieder eine andere Geschichte, andererseits hat man mit einem Smartphone auch alles griffbereit (zumindest wenn man den Dingern gegenüber nicht so misstrauisch wäre wie ich).

Auf bald in den virtuellen Weiten,
Iranoctis

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