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Vom Erinnern

Kopenhagen liegt in Göttingen, zumindest für eine Spielzeit am Deutschen Theater. Das mit dem Tony-Award prämierte Gesprächsdrama weist die Grenzen des akademischen Wahrheitswahns auf und zeichnet das Psychogramm zweier Gelehrter, deren Freundschaft den Wirrungen des zweiten Weltkriegs zum Opfer fällt. In dem Drei-Personen-Stück finden sich Werner Heisenberg, Niels Bohr und seine Frau Margrethe in einem Wissenschaftskrimi um Vergessen, Verachtung und Verantwortung wieder.

Von Johanna Karch

Auffallend viele Gesprächsfetzen englischen »Labor-Sprechs« fliegen uns schon vor dem Eingang zum Deutschen Theater entgegen. Was die multinationalen Göttinger NaturwissenschaftlerInnen in den Großen Saal zieht, könnte neben einer vielversprechenden Interpretation des historischen und mysteriösen letzten Gesprächs der Kernphysiker Werner Heisenberg und Niels Bohr auch mit dem Umstand zusammenhängen, dass Göttingen durch die beiden zu einer Art Mekka für Quantenmechaniker avancierte, was den Grundstein für den heute dichten, internationalen Wissenschaftsaustausch legte. So macht DT-Intendant Mark Zurmühle die Inszenierung von Kopenhagen in Göttingen zur Chefsache, vielleicht weil das Stück wegen seines südniedersächsischen Bezugs Erfolg haben muss, vielleicht, weil es aus eben diesem Grund ein Publikumsgarant zu sein verspricht. Fest steht: Zurmühle hat eine gute Stückwahl getroffen. Kopenhagen wird bis Ende Januar verlängert und wegen großer Nachfrage auch englisch untertitelt.

Historische Figuren im dramatischen Modus zu Wort kommen zu lassen, hat unter anderem zur Folge, dass Wahrheit und künstlerische Freiheit opponieren und, natürlich gewollt, Verwirrung stiften in den Köpfen der Zuschauer. Diesen Umstand umgeht der britische Erfolgsdramatiker Michael Frayn, indem er nicht die Personen, sondern ihre Geister auftreten lässt. Allerdings handeln diese eine historische Situation ab, nämlich das geheimnisumwobene letzte Gespräch zwischen Werner Heisenberg und Niels Bohr, um das sich Legenden ranken und, so wird gemeinhin angenommen, das zum endgültigen Bruch der beiden Physiker geführt hat.

Marsch, über den Hainberg!

Werner Heisenberg, so führt Bohrs Frau Margrethe ein, lernt den hoch geschätzten Niels Bohr in Göttingen auf einem Kongress über Atomphysik kennen und macht ihn auf sich aufmerksam, indem er es wagt, öffentlich auf Berechnungsfehler in einer von Bohrs Arbeiten hinzuweisen.

Das erste, was sie gemeinsam gemacht haben, war ein Spaziergang. In Göttingen, nach diesem Vortrag. Niels hielt sofort Ausschau nach diesem überheblichen jungen Mann, der seine Mathematik in Frage gestellt hatte, und schleppte ihn zu einem Marsch über den Hainberg.

Es folgen Jahre der Freundschaft, des wissenschaftlichen Austauschs und wohl auch der Ahnung, dass die neuen Erkenntnisse der Quantenmechanik einen gefährlichen Wettbewerb auslösen könnten, der über die Grenzen der Wissenschaft in die realpolitischen Gefilde übergehen könnte.

Das Stück

von Michael Frayn
Weitere Aufführungen:
16./19.12.11 + 10./17.1.12

 

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Das Deutsche Theater in Göttingen zeigt als größtes Theater der Stadt ein umfangreiches Repertoire auf drei Bühnen. Bereits seit den 1950er Jahren errang das DT unter Leitung des Theaterregisseurs Heinz Hilpert den Ruf einer hervorragenden Bühne. Seit 1999 garantiert Intendant Mark Zurmühle bewährte Theatertradition sowie Innovation.
 
 

Das »Goldene Jahrzehnt der Physik«, wie die 1920er Jahre in Göttingen zuweilen noch genannt werden, verdunkeln sich zur Zeit des dritten Reichs durch die Exilierung fähiger Gelehrter jüdischer Herkunft, was die wissenschaftlichen Bedingungen und damit die Konkurrenzfähigkeit im voratomaren Zeitalter für Deutschland verschlechtert. Von Dänemark aus verfolgt Bohr die Abwanderung von Größen wie James Franck und Max Born. Heisenberg bleibt. Womit die Basis für den Spionagekrimi gelegt wäre.

Heisenberg besucht Bohr 1941, ein Jahr nach der Besetzung Dänemarks, in dessen Haus in Kopenhagen. Für einen letzten Moment befinden wir uns in der historisch gesicherten Zone. Was folgt, ist Interpretation und Methodenparodie der Experimentalwissenschaften: Mit wenig Wissen, gleichbleibenden Prämissen und analytischem Geschick, soll der Abend um das verheerende Gespräch rekonstruiert werden.

Und wieder erlebe ich diesen Abend im Jahr 1941. Meine Schritte knirschen auf dem vertrauten Kies, ich ziehe am vertrauten Klingelzug.

Luzide Unschärfen und flirrende Bilder

Perspektivenwechsel, Widerspruch und Neustart fügen sich zusammen zu einem Reigen von Erinnerungsvariationen – und führen zu der Erkenntnis, dass die Heisenbergsche Unschärfetheorie – Ort und Geschwindigkeit eines Teilchens seien gleichzeitig nicht messbar – leitmotivisch das Geschehen bestimmt. Jeder Versuch, das Gespräch zu erinnern, endet in Verwirrung, vergrößert den Selbstzweifel der Figuren und offenbart, dass der methodische Zugang hier nicht greifen kann, geht es doch gar nicht nur um einen akademischen Disput, sondern auch um eine zerrissene Vater-Sohn Beziehung, um politische Solidarität und natürlich um die moralische Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung des Kernphysikers.

Die Wahrheitssuche übersetzt Ausstatterin Vera Koch bühnenbildnerisch mit einer Rundempore, die an das Bohrsche Atommodell angelehnt ist und auf der die Figuren monologisierend ihre Bahnen ziehen, sich spazierend oder hetzend umkreisen, immer versucht, die eine, die echte Version des Gesprächsverlaufs in den Fokus zu nehmen, wobei die Ausgangsfrage bleibt: wieso ist Heisenberg nach Kopenhagen gekommen? Ein Freundschaftsbesuch? Ein Atombombenpakt? Spionage?

Kopenhagen erfüllt den Anspruch, mehr zu leisten, als den Verantwortungsbereich des Naturwissenschaftlers zu kartographieren, es evoziert ein flirrendes Memory, das durch zu viele Bilder nicht zu Ende gespielt werden kann und gerade deshalb aufgeht: Verwirrung als Teil der Geschichte.

Kurz vor Schluss noch der Aufzug der Fliege, die, wie abgesprochen, im Zentrifugalflug die Teilchenbahnen des Atommodells durchquert und damit zu sagen scheint: Antworten heute nur im sirrenden Plural.



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 Veröffentlicht am 15. Dezember 2011
 Mit freundlicher Genehmigung des DT Göttingen.
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