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Von den Qualen des Lebens

Früher wollte Clemens J. Setz seine Geschichten immer mit einem »Knalleffekt« enden lassen. Inzwischen mag er es lieber, die Leser*innen mit Unerklärlichem zu irritieren, dessen Grundspannung unauflösbar bleibt. Das verriet er bei einer Lesung im Literarischen Zentrum.

Von Stefan Walfort.

Früher habe es in seinen Geschichten ständig »Gemetzel« gegeben. Im Moment befinde sich Setz nach eigenen Angaben »in einer Phase«, in der er sich gerne auch den schönen Aspekten des Lebens zuwendet. Ein Beispiel dafür liefert die Erzählung Das Christkind aus seinem jüngst erschienenen Erzählband Der Trost runder Dinge: Dort verpflichtet sich die Hauptfigur Dr. Korleuthner gegenüber einem Nachbarn namens Thomas, an Heiligabend von Korleuthners Grundstück aus, also aus einiger Entfernung, vor dem Kinderzimmer von Thomas’ schwer erkrankter Tochter eine Lampe einzuschalten. Die Kleine soll glauben, das Christkind sei im Anmarsch. Und obwohl die Aktion den beiden Töchtern Korleuthners großen Spaß macht, greift unter der Oberfläche eine abgrundtiefe Melancholie nach den Leser*innen.

Korleuthner selbst wird nicht mit seinen Töchtern zusammen Weihnachten feiern. Und seine Hilfsbereitschaft ist nur geheuchelt: »Er hatte zu der ganzen Unternehmung noch gar nicht Ja gesagt«, so bemerkt er, als er schon dabei ist, die Lampe aufzustellen. »Ihm fielen noch Argumente ein. Mein Grund und Boden. Seit wann sind wir für eure Bescherung da. Was wenn wir in der Kirche sind. Scher dich weg mit dem dummen Gerät. Aber nein, das ging alles nicht mehr.« Was genau die Ursache für den Kummer sein mag, bleibt ungeklärt. Nur von etwas »Unaussprechliche[m] vor sieben Jahren, das seiner Frau zugestoßen war«, ist beiläufig die Rede. Wie Setz im Gespräch mit Joachim Dicks, Literaturredakteur beim NDR, bekräftigte, habe er selber keine Ahnung. Gerne schreibe er über »Unerklärliches« – über etwas, das sich nicht auf klar identifizierbare Kausalitäten zurückführen lässt.

»Die Abweichung« als Zentralmotiv

Dementsprechend wimmelt es auch in Der Trost runder Dinge wie in allen bisherigen Erzählungen, Romanen, Dramen und Gedichten des Grazer Schriftstellers, über die Litlog schon umfangreich berichtete, wieder vor Sonderlingen. Und so dürfte es kaum verwundern, dass Dicks »die Abweichung« als ein verbindendes Motiv in dem doch sehr heterogenen Oeuvre erkennen wollte. Zwar sei das »wahrscheinlich korrekt diagnostiziert«, so entgegnete Setz. Doch gehe er viel weniger geplant vor, als man meinen könnte. Die Replik war vermutlich gar nicht als ironische Spitze gegen Dicks gemeint. Dennoch sorgte sie im Publikum für Gelächter. Erst beim Innehalten werde Setz sich seiner Resultate bewusst. Bis dahin verarbeite er nur die Leiden, mit denen sich viele Menschen durchs Leben quälen. Die Vorstellung, der Großteil bestreite völlig unauffällig und gesund die alltäglichen Probleme, halte er für abwegig. Deshalb schreibe er viel übers Leiden. Niemals aber schreibe er »über Monster«.

Joachim Dicks und Clemens J. Setz im Gespräch

Die Erzählung Zauberer hingegen spricht – zumindest auf den ersten Blick – eine andere Sprache. Mit einem ganz spezifischen Leiden und einem durchaus monströsen Umgang damit beschwört Setz eine besonders heftige Resonanz herauf: Einer Mutter scheint jedes Mittel recht zu sein, um ihrem im Wachkoma liegenden Sohn eine Reaktion abzunötigen. Sie erwartet den Besuch eines Callboys. Als der eintrifft, will sie mit ihm vor den Augen ihres Kindes den Geschlechtsakt vollziehen. Von Dicks zur Rede gestellt, versicherte Setz, dass weniger das Unerhörte der Perversion im Vordergrund stehe als ein Spiel, das die Mutter mit der Reaktion des Mannes treibt. Von Anfang an windet er sich:

Nein, das mach ich nicht, sagte er. Es gibt schon. Ich meine, klar, es gibt einige Typen, die das machen würden. Wenn sie möchten, kann ich ihnen die Nummer von einem geben, der wirklich alles macht.

Was bleibt, sind Spekulationen

In der Tatsache, dass er sich gezwungen sieht, sofort die Ebene professionell-beruflicher Kommunikation zu verlassen und stattdessen viel von seinem Innersten preiszugeben, lässt sich das eigentliche Ziel der Manipulation erahnen. Doch wie genau wäre es in Worte zu fassen? Giert diese Frau bloß nach Vertrautheit? Will sie Schwächen ihres Gegenübers bloßlegen, dadurch Kontrolle gewinnen, oder beides? Was genau sie motiviert, bleibt wieder merkwürdig in der Schwebe. Das Gleiche gilt für die Erzählung Südliches Lazarettfeld, die nach einer real existierenden Straße in Graz benannt sei, in der hinter herausgeputzten Außenfassaden lauter Reiki-Heiler ihr Unwesen trieben. Bis auf wenige Seiten las Setz sie vor.

Sie beginnt mit der Absicht eines Ich-Erzählers, nach Kanada zu fliegen, und sie endet mit dessen Rückkehr vom Flughafen nach Hause noch am selbigen Abend. Wegen stundenlanger Verzögerungen des Fluges hatte er irgendwann den Papp aufgehabt. Doch was er daheim erblickt, ist mit irrsinnig noch zurückhaltend umschrieben. Während seiner Abwesenheit hat seine Lebensgefährtin Marianne die gesamte Wohnung in ein Lazarett verwandelt: »Überall, auf dem Boden liegend oder an die Wände gekauert, lagerten fremde Menschen. […] Es waren alte und junge. Bündelweise. Sie lagen auf Matten oder auf Kartonstücken. […] So viele. Zerlumpt und siech, mit selbst im Dämmerlicht gut erkennbaren Schwären auf der Haut.« Was Marianne dazu veranlasste? Auch hier bleibt die Suche nach Antworten vergeblich. Zu erfahren ist nur von Spekulationen des Erzählers, denen zufolge sie mit der Pflege der Kranken glücklicher scheint, als sie je in gemeinsamen Stunden mit ihm gewesen war.

Was wäre, wenn…?

Laut Setz seien solche Geschichten vor allem durch Philip K. Dick beeinflusst. Der »Philosoph der Science Fiction«, wie Thomas Lindemann Dick nennt, hat jede Menge Short Stories verfasst, von denen die wenigsten bekannt sein dürften. Auf seinem Werk basierende, »große Verfilmungen […], darunter ›Total Recall‹ und ›Minority Report‹«, sind es dafür umso mehr. Darüber hinaus hat sicher auch das Absurde und Angsteinflößende

Buch

< Clemens J.Setz
Der Trost runder Dinge
Suhrkamp: Berlin 2019
320 Seiten, 24€

 

Zentrum


Das Literarische Zentrum ist fester Bestandteil des Göttinger Literarischen Lebens seit April 2000. Es stellt an sich selbst den Anspruch ein »begehbares Feuilleton« zu sein. In den vierteljährlichen Veranstaltungsprogrammen ist auch das Kinder- und Jugendprogramm »Literatur macht Schule« untergebracht.

 
 
Kafkas bei Setz Spuren hinterlassen, wie Dicks es vermutete. Doch sichtlich mehr als die Genese der eigenen Erzeugnisse zu sezieren, behagte es Setz, an Ideengebäuden von Einheit und Ordnung und Harmonie zu rütteln.

Dergleichen ließ sich besonders als Absicht hinter seinen Ausführungen zu der Geschichte Die Katze wohnt im Lalande’schen Himmel erkennen: Sie skizziert den Fall des Psychiatriepatienten Bernard Henri Conradi, einer rein literarischen Figur, über deren fiktionalen Status beigefügte, fingierte Fotos nur allzu leicht hinwegtäuschen. Ein Sternenbild, genannt »Großer Bursche«, erschüttert Conradi. Wie, so leitet Setz die ihn brennend interessierende Frage daraus ab, sähen heutzutage unsere philosophischen Denkschulen aus, wenn wir, ähnlich wie Conradi, im Himmel krassere Bilder zu erkennen glaubten, als es der Fall ist? In vergangenen Jahrhunderten hätten Astronomen Sternenbild-Kataloge voller Kuriosa geführt. Allesamt seien sie »harmlos, wie Kinderfernsehen«, gewesen. Doch was wäre, »wenn der Mond zufällig wie ein Totenkopf aussähe«?

Zum Nachhören

Stundenlang hätte man Setz zuhören können. Auch wenn er zunächst etwas erschöpft wirkte, las er mit hoher Konzentration. Zwischendurch streute er wiederholt kleine Pointen ein, mit denen er auf Seiten der Zuschauer*innen für Heiterkeit sorgte, beispielsweise über den Schriftsteller Norbert Gstrein, dessen Namen er in Südliches Lazarettfeld ausgiebig verhohnepiepelt. Einfach so sei ihm das in den Sinn gekommen, erklärte Setz. Noch nie habe er etwas von Gstrein gelesen, und es tue ihm »auch leid, dass er hier vorkommt«. Es bleibt zu hoffen, dass das Literarische Zentrum Setz nach dem nun dritten Besuch noch ein weiteres Mal nach Göttingen einlädt. Wer die Lesung vom 6. März versäumt hat oder noch einmal die Kostprobe des Obertongesangs, die Setz zum Schluss zum Besten gab, auf sich wirken lassen und nacherleben möchte, wie wunderbar Setz und Dicks miteinander harmonierten, bekommt am 26. Mai 2019 die Chance dazu. Der NDR wird dann im Rahmen der Sendung Sonntagsstudio eine Aufzeichnung ausstrahlen.



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 Veröffentlicht am 25. März 2019
 Mit freundlicher Genehmigung des Literarischen Zentrums
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