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Von den Wurzeln Brasiliens

»Das Gedächtnis ist ein wahres Chaos, aber es ist alles da, wer bloß ein bisschen wühlt, kann in seinem Kopf alles finden«, heißt es an einer Stelle in Chico Buarques neuestem Roman Vergossene Milch. Und tatsächlich: über 200 Seiten assoziiert sich der greise, morphinbetäubte Protagonist in einem mäandernden, zwischen Vergangenheit und Gegenwart oszillierenden Monolog seine eigene Lebensgeschichte herbei und erzählt nebenbei auch die Geschichte Brasiliens von der Kolonialzeit bis in die Gegenwart.

Von Anna-Lena Hennings

In einem heruntergekommenen Krankenhaus in Rio de Janeiro liegt Eulálio d’Assumpção, hundertjähriger Spross und letzter männlicher Abkomme einer aristokratischen Familie, im Sterben. Über Jahrhunderte lenkte seine Familie die Geschicke des südamerikanischen Landes. Eulálios Großvater besaß riesige Kaffeeplantagen (und Sklaven) und saß zu Tisch mit Kaiser Dom Pedro II. Sein Vater war Politiker der ersten Republik, Waffenhändler und pflegte Kontakte bis in die oberen Ränge der Macht. Mit allerlei dubiosen Geschäften häufte die Familie ein Vermögen an, das jedoch von der Weltwirtschaftskrise 1929 zu großen Teilen hinweggefegt wurde. Mit Eulálio als Oberhaupt verschlechtert sich die finanzielle und gesellschaftliche Lage der Familie. Ihm fehlt der Machtinstinkt seiner Väter und so fallen mit der Fazenda in den Bergen und dem repräsentativen Chalet in Copacabana die letzten Insignien des herrschaftlichen Lebensstils und aristokratischen Selbstverständnisses der d’Assumpçãos der Geldnot zum Opfer.

100 Jahre Starrsinn

An seinem hundertsten Geburtstag ist Eulálio nur noch ein altmodischer, museal anmutender Barocksekretär in einer schmucklosen Appartementwohnung geblieben. Auch diese verliert er an seinen missratenen, mit Drogen dealenden Enkel. Am Ende seines Lebens ist Eulálio in den Armenhäusern des Landes angekommen und auf die Zuwendung der Kirche angewiesen. Auf seine ererbten Privilegien beharrt Buarques Protagonist dennoch. Immer wieder verweist er in seinen Fieber-Monologen auf das stumme, aber dennoch wichtige »p« in seinem Nachnamen, das die portugiesische und damit präkoloniale Abkunft der Familie bezeugt. Ein Stammbaum, der Eulálio zufolge die Zugehörigkeit der d‘Assumpçãos zur brasilianischen Oberschicht auf ewig sichern wird. Unter den Armen und Sterbenden im Krankenhaus wirkt seine zur Schau gestellte, vermeintliche Distinguiertheit allerdings lächerlich und deplatziert. So ist dieser sterbende Eulálio d’Assumpção ein Mann, dessen (Lebens-)Zeit nicht nur buchstäblich, sondern auch geistig-ideell abgelaufen ist. Um ihn herum ist eine Gesellschaft entstanden, in der (europäische) Großbürgerlichkeit und die daran geknüpften Sonderrechte im wahrsten Sinne museal geworden sind.

Buch-Info


Chico Buarque
Vergossene Milch
Roman
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Karin von Schweder-Schreiner
S. Fischer Verlag: Frankfurt a.M., 208 Seiten, 19,99€
E-Book 17,99€

 
 
So wie sich der todgeweihte Eulálio weigert, den Untergang seiner Welt zu akzeptieren, so verweigert er sich auch dem eigenen Sterben. Noch in seinen letzten Minuten phantasiert er von einer Heirat mit seiner Krankenschwester, die er trotz ihrer niederen sozialen Abkunft zur Frau nehmen will, sobald er das Krankenhaus verlassen hat.

Abwechselnd richten sich seine Monologe an diese Schwester, an seine 80jährige Tochter, aber auch an seine Eltern, die er herbeiphantasiert. Es ist zu vermuten, dass keiner da ist und zuhört. Eulálio ist längst nicht mehr Herr seiner Sinne und seine Geschichten, oder besser, die Fragmente dieser einen großen Geschichte, die er erzählt, keineswegs verlässlich und glaubhaft. In seinem Gedächtnis sammeln sich vielmehr »Erinnerungen und Erinnerungen an Erinnerungen an Erinnerungen«, seine Lebensgeschichte splittert sich in Varianten auf und zeugt damit von Erinnerung ebenso sehr wie von Verdrängung und Mythologisierung. So konstruieren Mutter und Sohn nur allzu gern die Mär vom heroischen, soldatischen Tod des Vaters. In der banalen Realität war dieser allerdings ein heilloser Schürzenjäger, der wohl nicht dem Attentat eines politischen Gegners zum Opfer fiel, sondern der Eifersucht eines gehörnten Ehemannes.

Stilisiert zur Weißen

Zentralster Punkt der Erinnerungen Eulálios ist Matilde, seine Ehefrau mit der »zimtfarbenen Haut«, der er auf der Beerdigung seines Vaters zum ersten Mal begegnet. Ihre dunkle Haut, die sie als Nachfahrin afrobrasilianischer Sklaven kennzeichnet, bietet in der weißen Oberschicht Rios Anlass zu allerlei Spekulation. Eulálios Mutter ist die Verbindung der beiden zeitlebens ein Dorn im Auge. Auch Eulálio selbst findet viele Eigenschaften Matildes vulgär, er vergöttert sie aber dennoch. Auch ihretwegen verspielt er seinen Platz in der brasilianischen Oberschicht. Matildes plötzliches Verschwinden treibt ihn an den Rand des Wahnsinns. Bis an sein Lebensende betrauert er diesen Verlust, phantasiert sich verschiedenste Erklärungen zurecht, vom Tod im Kindbett, über einen Autounfall oder eine tödliche Krankheit, ohne je die Wahrheit erfahren zu wollen, die wohl eher mit einer Affäre Matildes mit Eulálios französischem Geschäftspartner Dubosc zutun hat.

Am Beispiel Eulálio d’Assumpçãos vermittelt Chico Buarque dem Leser mehrere Jahrhunderte brasilianischer Geschichte fernab aller multikulturellen Utopie. Erst 1888 wurde in Brasilien die Sklaverei abgeschafft und noch im Krankenhaus erweist sich Eulálio als herablassender, patronisierender Rassist, indem er das afrobrasilianische Krankenhauspersonal immer wieder auf seinen Großvater hinweist, der sich stets für die Belange der Sklaven eingesetzt habe. Auch seine Ehefrau Matilde stilisiert er noch auf seinem Sterbebett, Jahrzehnte nach ihrem Verschwinden, zur reinrassigen Weißen und passt sie damit den rassischen Anforderungen seiner Kaste an.

Die in Vergossene Milch dargestellten Eliten dürften Buarque selbst nicht fremd sein. Der 1944 in Rio de Janeiro geborene Musiker und Autor ist Spross einer der angesehensten Familien des Landes. Sein Vater war der Historiker Sérgio Buarque de Holanda, der mit seinem 1936 erschienen Essay Die Wurzeln Brasiliens eine bis heute einflussreiche Studie zum Nationalcharakter des Landes verfasste und als Journalist mit Autoren wie Thomas Mann bekannt war.

Chico Buarque gelingt es auf 200 Seiten, das Bild einer noch immer mit ihrer kolonialen Vergangenheit kämpfenden Gesellschaft zu zeichnen. Kunstvoll spiegelt sich diese Zerrissenheit nicht nur im Protagonisten, sondern auch in der Form. Chaotisch und unabgeschlossen sind die Gedanken und Erinnerungen Eulálios, zwischen Wunsch und Wirklichkeit hin- und her-schwankend. Ein höchst lesenswerter Blick auf ein Land, das vor Zukunftsoptimismus zu strotzen scheint und doch noch immer am Geist der Vergangenheit krankt.



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 Veröffentlicht am 6. Februar 2014
 Kategorie: Belletristik
 Bild von RyanMBevan via morguefile
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