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Von Soldaten und Zäunen

Israel. Ein Land, das von außen undurchdringbar erscheint. Wie leben die Menschen heute in Israel? Der in Israel lebende Autor Chaim Noll kehrt mit seinem neuen Roman Kolja. Geschichten aus Israel in sein Geburtsland zurück. Im Literarische Zentrum berichtet er aus einem Land, das schwer zu verstehen ist – auch von innen. Israel ein Land voller Widersprüche.

Von Sarah Schädler

1954 in Ostberlin geboren, emigrierte Noll 1983 nach Westberlin, wo er mehrere Jahre lebte. 1991, kurz nach der Wende, gingen er und seine Frau nach Rom. Warum hat er Deutschland verlassen? »Wir haben uns zu dem Zeitpunkt in Deutschland nicht wohl gefühlt«, sagt der Schriftsteller. Die Entwicklungen in der Neonaziszene hätten sie beunruhigt. 1995 fiel dann die Entscheidung: Die Familie wird nach Israel einwandern. Sein Sohn habe sich zu dem Zeitpunkt entschlossen, in Israel zu studieren, sagt Noll. Sie wollten aber als Familie zusammenbleiben. In Israel angekommen, taten sie es vielen anderen deutschen Einwanderern in Israel gleich, sie trennten sich von der deutschen Sprache. Für den Schriftsteller Noll hatte das weitreichende Folgen. »Hebräisch konnte ich nicht als Literatursprache benutzen«, erklärt er. Nur Deutsch und Englisch beherrschte er gut genug für dieses Handwerk.

Rückkehr nach Deutschland

Über zehn Jahre dauerte es, bis Chaim Noll in die alte Heimat zurückkehrte. Im Jahr 2006 war er das erste Mal wieder in Deutschland. Das Land, von dem er sich für immer trennen wollte. Wie kam es zu dem Sinneswandel? Im Rahmen seiner Tätigkeit als Universitätsdozent in Be´er Scheva traf er auf deutsche Studenten, die für einige Zeit in Israel lebten. Nach der Wiedervereinigung hatte Noll befürchtet, dass Deutschland wieder nationalistisch werde. Diese deutschen Studenten haben ihm ein neues Bild von Deutschland gezeigt. »Ich habe das Land überraschend verändert vorgefunden«, beschreibt Noll seine Eindrücke. Die starke Entfremdung zu Deutschland habe sich wieder gelöst.

Es war dumm, sich von der deutschen Sprache trennen zu wollen. Es gibt seit über 2000 Jahren Juden in Deutschland. Die Nazis können das nicht aufheben. Ich möchte diese lange Tradition des christlich-jüdischen Miteinanders in Deutschland fortsetzen.

Israel werde selten vorurteilsfrei kommentiert, aber Chaim Noll finde einen Weg, über das zu berichten, was er nicht versteht, sagt Cornelia Fidler, die diesen Abend moderiert. Es gibt viele verrückte Situationen in Israel, erklärt der deutschstämmige Einwanderer. Noll erzählt von ihnen in kurzen Geschichten. Sein Stil ist nüchtern und humorvoll, aber nicht ironisch obwohl es oft ans Absurde grenzt. Für ihn sei dieser Roman ein interessantes Experiment gewesen.

Der Soldat Kolja

Die erste Geschichte, die Noll an diesem Abend erzählt, handelt von einem jungen israelischen Soldaten, der im Libanon gefallen ist. Seine Mutter ist keine Jüdin und wünscht sich, dass ihr Sohn daheim in Russland beerdigt wird. Die israelische Öffentlichkeit ist strikt dagegen. Wie ein Nachrichtensprecher betet der Autor den ersten Teil der Titelgeschichte seines Buches herunter. Ein nüchterner Bericht, der in einem Aufruhr endet. Als der Leichnam trotz der Widerstände nach Russland überführt wird, fällt ein enger Freund des zuvor verstorbenen Soldaten Kolja, sein Name ist Dani. Danis Eltern wünschen sich, dass Koljas Familie aus Russland zur Beerdigung nach Israel kommt. In Tel Aviv angekommen werden Koljas Vater, seine Mutter und seine Schwester am Flughafen stürmisch von der israelischen Öffentlichkeit begrüßt. Koljas Mutter ist aufgrund der großen Aufmerksamkeit zu Tränen gerührt und beschließt, Koljas Leichnam zurück nach Israel überführen zu lassen, um ihn in dem Land zu begraben, für das er in den Krieg gezogen war. Dieses Szenario habe Noll vor gar nicht allzu langer Zeit in den Medien verfolgt. Warum erregte Koljas Geschichte Aufsehen? Sein Vater ist Jude, seine Mutter nicht, erklärt der Autor. Ein Thema, dass in Israel seit jeher für Konflikte sorgt.

Auch die zweite Geschichte, die Noll an diesem Abend liest, behandelt die Konflikte in Israel. Ein Universitätsprofessor vertritt die These, dass man nur Geschichten erzählen kann, die man selbst erlebt hat. Einer seiner Studenten ist erst vor kurzem aus den USA nach Israel eingewandert, was an seinem gebrochenen Hebräisch gut zu erkennen sei. Er widerspricht dem Professor, woraufhin dieser eine Geschichte erzählt. Sie wiederum handelt von einem jungen Juden, der an einer Bushaltestelle einen Araber anspricht. Aufgrund der Aussprache des Arabers wird klar, er ist Palästinenser. Der Jude ruft die Polizei, um den Palästinenser anzuzeigen. Dieser zündet daraufhin eine Bombe. Im Vergleich zur ersten Geschichte, eskaliert die Situation. Der 17-jährige Jude wird zum Staatshelden, denn wenn der Selbstmordattentäter die Bombe in einem fahrenden Bus gezündet hätte, hätte es viel mehr Opfer gegeben. Der Professor erklärt, es sei ihm unverständlich, warum der Jude den Araber überhaupt angesprochen habe. Im weiteren Verlauf des Abends zeigt sich, dass der Professor aus der Geschichte an dieser Stelle das Kernproblem der israelischen Gesellschaft anspricht. Er habe getan, was er tun müsse, hat der Jude im Fernsehen gesagt. Zu Israel und zu seinen Konflikten äußerte er sich nicht. Warum nicht? Sein Dorf sei sein Zuhause, und er wolle nicht, dass ein Fremder die Sicherheit in seinem Dorf gefährde. Eine Erklärung, die jedem, der in einem Nationalstaat aufgewachsen ist, unverständlich bleibt. Aber Israel ist ein Einwanderungsland, dessen Nation sich erst noch formen muss. In Israel gibt es Zäune, die das Leben unterteilen, erklärt der Professor aus der Geschichte. Egal ob Juden, Araber, muslimische Araber, christliche Araber, aschkenasische Juden, sephardische Juden, etc. – sie alle trennen Zäune und er könne keine Geschichten von der anderen Seite des Zaunes erzählen, sagt der Professor, denn er verstehe sie nicht.

Israel als Einwanderungsland

Nach seiner Lesung ermuntert Chaim Noll das Publikum, ihm Fragen zu stellen. Auch kritische Fragen zum Leben in Israel beantwortet er ohne zu zögern. Noll selbst sagt, es liege nicht in der jüdischen Natur, einen Monolog zu führen und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur deutsch-israelischen Völkerverständigung. Egal ob Thilo Sarrazin, die ultra-orthodoxe Bewegung oder die Spannungen zwischen dem Iran und Israel, »er mischt sich gerne politisch ein«, sagt Cornelia Fidler über den engagierten Israeli, der die aufkommende Diskussion gern noch bis spät in die Nacht fortführen würde.

Kolja. Geschichten aus Israel ist eine Sammlung teilweise unglaublicher Geschichten, die dem Leser das Land Israel auf ungewohnte Art und Weise näher bringen. Ein weiteres Beispiel hierfür ist Nolls Geschichte »Der Mann im Glaskasten«. Sie handelt von einem Mann, der einen ganz »normalen« Tag im Behördendschungel von Israel erlebt. Er reist aus seinem Dorf in die Stadt, um bei einer Behörde einen Antrag zu stellen. Ihm wird mitgeteilt, die Nummer seines Bankkontos müsse von seiner Bank bestätigt werden. Der Mann ist entnervt. Nachdem er mehrere Stunden auf der Bank verbracht hat, wird er bei der Behörde von einem anderen Mann empfangen. Dieser lehnt seinen Antrag trotz der Bestätigung seiner Bank ab. Chaos. Er ist verzweifelt, beschließt aber, nicht so leicht aufzugeben und geht noch einmal zurück. Wie durch ein Wunder trifft er den Mann vom Morgen wieder, der seinen Antrag annimmt. Das Absurde dieser Geschichte, ist der Zufall, die Willkür Einzelner, die über das Leben eines Menschen entscheidet. Chaim Noll hat ähnliche Erfahrungen mit der israelischen Bürokratie gemacht. Trotz bürokratischer Hürden und der vielen Konflikte habe seine Faszination für das Land Israel jedoch nicht nachgelassen.

Die letzte Anekdote des Abends, die der Autor wie gewohnt in nüchternem Sprachstil präsentiert, beschreibt ein Szenario, wie es sich nur in einem Einwanderungsland abspielen kann. Esther ist mit ihren Eltern aus Indien nach Israel eingewandert. Sie wird in der Poststelle in ihrer Siedlung angestellt, hat jedoch »wenig Übung im Lesen lateinischer Buchstaben«. Die Briefe werden vertauscht, sodass sich die Bewohner der Siedlung die Briefe selber zustellen müssen. Dabei kommen anregende Unterhaltungen zustande zwischen Menschen, die vorher noch nie miteinander gesprochen haben. Die Zäune werden überwunden, weshalb Esther an einen anderen Ort versetzt wird, aber nicht zu Strafe, sondern als »Anerkennung ihrer guten Arbeit«.

Israel ist ein Einwanderungsland. Es ist die Einwanderungsgeschichte, die Israel zu etwas Besonderem macht, sagt Chaim Noll. Unvoreingenommen präsentiert er Geschichten aus seiner Heimat, die das Unfassbare hinterfragen, das Absurde nicht kommentieren, und den Allwissenden seiner Weisheit berauben.



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 Veröffentlicht am 22. November 2012
 Mit freundlicher Genehmigung des Literarischen Zentrums.
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