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Wahrheitssuche unter der Erde

Was verbirgt sich hinter Gewächshäusern und Tomatenstauden im südspanischen Andalusien? Prekäre Arbeitsbedingungen für Marokkaner und eine abergläubische Realität, die das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung stört. Das Deutsche Theater zeigt nach dem Erfolg von Grooming endlich ein zweites Stück von Paco Bezerra: Unter der Erde.

Von Antje Dreyer

Betritt man die Blackbox über die Studiobühne, vergisst man sogleich, dass man in einem Theater ist: Es riecht nach Erde, man hört leise Windgeräusche, dreckig ist es, zwischen einer Unzahl an Planen und kaputten Gestängen arbeiten zwei Männer… und oben im Zuschauerraum sitzt ein Mann mit einer weißen Blume. Um das Publikum in seinen Bann zu ziehen, muss das Schauspiel nicht einmal beginnen, denn die Inszenierung kennt scheinbar keinen Anfang und kein Ende. Ist es Traum, ist es Realität?

Der spanische Nachwuchsschriftsteller Paco Bezerra (*1978), ausgebildeter Schauspieler und studierter Theaterwissenschaftler sowie Dramaturg, schreibt seit Beginn der 2000er dramatische Werke. Unter anderem wurde er mit dem »Premio Calderón de la Barca« und dem »Premio Nacional de Literatura Dramática« – dem Nationalpreis für dramatische Literatur in Spanien – für sein Stück Dentro de la tierra ausgezeichnet. Dieses ist jetzt als Unter der Erde im Deutschen Theater in Übersetzung als europäische Erstaufführung zu sehen.

Wirklich nur Tomaten?

Auf einer Tomatenplantage in Andalusien, einem Ort voller Gewächshäuser, werden Marokkaner illegal unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen beschäftigt: Ununterbrochen sind sie Chemikalien ausgesetzt, dürfen den ihnen zugewiesenen Arbeitsplatz nicht verlassen, oder es wird ihnen mit Gefängnis oder Abtransport nach Belgien gedroht, wenn sie die Regeln nicht achten. Der Zutritt zu einem bestimmten, geheimnisumwobenen Gewächshaus bleibt ihnen untersagt. Dort versuchen der Besitzer der Anlage und dessen mittlerer Sohn, eine neue, bessere Sorte Tomaten heranzuzüchten. Da dem Vater (Florian Eppinger) eine unbestimmte Krankheit zusetzt, möchte dieser das Land noch vor seinem Tod zwischen seinen drei Söhnen aufteilen. Der älteste von diesen (Benjamin Kempf) leidet ebenfalls unter einer merkwürdigen Krankheit, die sich in einem ständigen, unheilbaren Juckreiz äußert. Indalecio (Anton von Lucke), Hauptfigur und jüngster Sohn, will sich nicht in die Tradition seiner Familie einschreiben und versucht zugleich, das Geheimnis, das sich um das so beschützte Gewächshaus rankt, aufzudecken.

Das Stück

Von Paco Bezerra
Europäische Erstaufführung
Regie: Antje Thoms
Dramaturgie: Matthias Heid
Bühne: Beni Küng
Kostüme: Beni Küng
Musik: Michael Frei
Premiere: 17. Januar 2016
Nächste Aufführungen:
13./18./31. März 2016

 

DT

logoDas Deutsche Theater in Göttingen zeigt als größtes Theater der Stadt ein umfangreiches Repertoire auf drei Bühnen. Bereits seit den 1950er Jahren errang das DT unter Leitung des Theaterregisseurs Heinz Hilpert den Ruf einer hervorragenden Bühne. Seit der Spielzeit 2014/15 ist der Schweizer Erich Sidler die künstlerische Leitung des Hauses.
 
 
In diese Welt nimmt Indalecio auch den Zuschauer mit, wenn er von seinem Platz oben auf der Zuschauertribüne hinunter in den Bühnenraum zu einer Beerdigung steigt und gewissermaßen einen Einblick in sein Erleben und auch seine Erinnerungen gibt: »Wenn man auf das eigene Leben zurückblick, erscheint es immer als ein Traum oder eine Geschichte.« Bereits diese ersten Worte weisen auf die kaum zu entschlüsselnden Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen hin: Indalecio trifft sich im Gewächshaus mit Farida (Elisabeth Hoppe), der marokkanischen Arbeiterin, in die er sich verliebt und der er davon erzählt, dass er schreibt; der Vater und der mittlere Sohn (Emre Akzisoglu) sitzen zusammen und verkosten die von ihnen neu gezogene Tomatensorte; Indalecio spricht mit Ángel, seinem kranken, älteren Bruder über vergangene Zeiten, über Erinnerungen, über unerklärliche Sachverhalte; der Vater teilt das Land unter seinen Söhnen auf; Indalecio wird von seinem Vater und mittleren Bruder José Antonio als verrückt wahrgenommen und einer Heilerin vorgeführt… Alle Szenen sind scheinbar zusammenhanglos aneinander gereiht.

Exorzismus: Emre Aksizoglu, Florian Eppinger, Anton von Lucke, Elisabeth Hoppe, Benjamin Kempf.
Traum, Realität, Aberglaube?

Um die Zuschauerin in der Wahrnehmung und Verbindung der unterschiedlichen inhaltlichen Ebenen zu leiten, werden unter Regie von Antje Thoms gezielt Licht- sowie musikalische Elemente eingesetzt. Die Welt auf der Bühne färbt sich etwa bläulich, als Indalecio und der unter einem Feigenbaum sitzende Ángel, sich gegenseitig ihre Sätze vollenden. Das Licht greift auf, was sie sagen: »…einen Himmel mit Licht und Vögeln, blau und leuchtend…«. Es scheint fast, als unterhielten die beiden sich in einem Traum. Das wiederkehrende musikalische Leitmotiv in der Liebesbeziehung zwischen Farida und Indalecio lässt schließlich auch die im Stück aufgegriffenen familiären und sozialen Spannungen für einen Augenblick vergessen: Mit einer akustische Gitarre im Hintergrund, im leuchtenden Licht der Sterne, küssen sich die beiden in ihrem verbotenen Versteck, dem Gewächshaus – fast schon Klischee.

Verwirrung stiftet trotz der vermeintlich hergestellten Ordnung durch Licht und Musik immer wieder das gleichzeitige Auftreten der scheinbar verfeindeten Antagonisten auf der Bühne, ohne dass diese Kenntnis voneinander nehmen: Vater und mittlerer Sohn verkosten Tomaten, beraten über die Verbesserung der Ergebnisse, während Indalecio Farida von seinem noch nicht geschriebenen Stück – das ebenfalls Unter der Erde heißt – erzählt. Diese scheinbare räumliche und semantische Trennung wird nicht einfach aufrechterhalten, werden doch die einzelnen thematischen Knoten durcheinander aneinandergereiht. Als zentral durch die beinahe langatmige Inszenierung ist jedoch die Szene mit der Heilerin Die Fünfte, ebenfalls von der chamäleonartig zwischen den Rollen hin- und herwechselnden Elisabeth Hoppe verkörpert, unschwer zu identifizieren. In dieser Szene laufen zahlreiche der Fäden zusammen und werden Erklärungsansätze geboten.

Die Regie zieht alle ihr zur Verfügung stehenden Register und auch die Kostümierung durch Beni Küng setzt dem Ungewöhnlichen und Überraschenden keine Grenzen, denn geboten wird dem Publikum ein synästhetisches Spektakel: In einer laienhaften religiösen Zeremonie, die durch die Ausstattung der Heilerin mit übertrieben wirkenden Requisiten ad absurdum geführt wird, benebelt sie den von seinem Vater und mittleren Bruder als verrückt erklärten Indalecio mit Weihrauch. Sie bewirft ihn mit Sand und kippt großzügig (Weih-)Wasser auf ihn, um ihn von seinem »Sonnenstich« zu heilen. Als Art Messdiener fungieren die Brüder und der Vater und läuten zur Wandlung mit kleinen Glocken. Kerzen flackern um den auf dem Boden liegenden Indalecio herum, zahlreiche Kreuze dienen als göttliches Erkennungszeichen. Die Szene, die beinahe an eine Teufelsaustreibung erinnert, dient nur der Befreiung Indalecios von einem Sonnenstich, der jedoch gar keiner ist.

Fragen stellen

Aussage steht gegen Aussage. Wessen Wahrnehmung stimmt? Was ist Wahrheit, was ist Lüge? José Antonio und der Vater reden auf die Heilerin ein, sie solle etwas unternehmen, denn mit Indalecio stimme etwas nicht: „Er sagt, er schreibe mit dem Kopf.“ Sie nehmen die Realität gänzlich anders wahr als der jüngste Sohn, der anfängt, von seiner Liebe zu Farida zu sprechen. Man wird stutzig, fragt sich, ob das, was man auf der Bühne gesehen hat, tatsächlich Teil der Wirklichkeit oder nur ein gelebter Traum ist.

Im Rahmen eines Autorengesprächs mit Paco Bezerra im Seminar für Romanische Philologie der Universität Göttingen spiegelt er das Stück als eines, das am stärksten auf seine Person zurückbezogen werden kann, denn auch er stamme aus einer abergläubischen Familie, die an Wunder, an das Übernatürliche glaube. »He confundido muchas veces lo que es la realidad y lo que es lo sobrenatural« – »Ich habe oft verwechselt, was die Realität und was das Übernatürliche ist«, betont der Autor. Das ständige Verschwimmen der Ebenen, der Geschichten, die nur im Kopf Indalecios spielen, ist im Deutschen Theater unter der bedachten Regie Antje Thoms, die diese metaphysische Offenheit aufzufangen weiß und auf die Bühne bringen kann, meisterlich gelungen. In Spanien wird bisher jedoch daran gezweifelt, dass das Stück funktionieren kann – noch hat es dort nicht Eingang in die Theaterwelt gefunden. Einerseits ist das nachvollziehbar, denn die Fragen, die das Stück aufwirft, hallen bis zum Ende nach, eine umfassende Auflösung gibt es nicht.
Aber genau darin liegt für Paco Bezerra die Funktion des Theaters, denn schließlich gehe es nicht darum, Antworten zu geben oder Lösungen vorzuschlagen, sondern vielmehr darum, Fragen zu formulieren und Reflexion anzuregen.

Dazu lädt Unter der Erde in unterschiedlicher Weise ein: Einerseits wird die Zuschauerin mit einem grundsätzlichen Problem sozialer Art, das heißt mit der unmenschlichen Behandlung und den prekären Arbeitsbedingungen der Marokkaner auf den südspanischen Gemüseplantagen konfrontiert. Andererseits mit einer tiefer gehenden Frage, die vor jeder subjektiven Erfahrung liegt und die Eindeutigkeit einer Erkenntnis, einer Wahrnehmung gänzlich anzweifelt. All dies wird jedoch immer wieder verdrängt und staut sich in den Gewächshäusern, die von außen ganz harmlos aussehen mögen.

Spuren im Werk und auf der Bühne

Ein weiterer Kunstgriff des Autors ist das Werk im Werk. Unter der Erde heißt auch das Stück, was sich in Indalecios Kopf entwickelt, dessen Titel er Farida zwar nennen kann, von dem er aber bisher noch keine Zeile zu Papier gebracht hat. »Der Titel, warum ich es so genannt habe, das entdecke ich immer am Ende«, sagt Indalecio in seinem überaus Aufmerksamkeit erregenden Pullover – eine Traumwelt in blau-türkis mit weißen Spots – und eröffnet dem Publikum damit die Möglichkeit, seinem Schreibprozess zuzusehen, indem es die Geschehnisse auf der Bühne selbst verfolgt. Denn das Werk, das gespielt wird, könnte ja auch das Werk sein, das Indalecio schreibt, so Paco Bezerra.

Gedankenverloren: Farida (Elisabeth Hoppe) und Indalecio (Anton von Lucke) träumen.

Aus dem ebenso als Lesedrama rezipierbaren Text hat die Regie akribisch das herausgearbeitet, was dem Publikum an die Hand gegeben werden soll, um die Verwirrungen wenigstens ein bisschen zu entwirren, Fäden nebeneinander zu legen, um genau dorthin zu treten, »wo die Drähte sich kreuzen«, wie Indalecio immer wiederholt. Hinterlegt ist es mit einem hervorragenden Bühnensoundtrack von Michael Frei, der jeder Szene eine eigene Atmosphäre gibt und schon fast filmischen Charakter aufweist. Und auch die schauspielerische Leistung ist überragend – allem voran die ausdrucksstark in Mimik und Gestik interagierenden Elisabeth Hoppe als Farida und Anton von Lucke als Indalecio. Unbestritten: Die Inszenierung des Deutschen Theaters übertrifft jegliche Erwartungen an diese europäische Erstaufführung. Ein wahrer Genuss, so beeindruckend – und zugleich so nachdenklich –, dass erst einige Sekunden Stille herrscht, bevor tosender Applaus im Zuschauerraum ausbricht.



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 Veröffentlicht am 24. Februar 2016
 Fotos von Isabel Winarsch, mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Theaters.
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