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Weißt du, wer ich bin?

»Wir schaffen das!« Doch wer sind wir? Und was wollen wir schaffen? Antwortmöglichkeiten auf diese Fragen bietet das boat people projekt in seiner aktuellen Produktion Eine Stadt verändert sich. Ein Theaterabend, der die Zuschauer auf eindringliche und berührende Art zum Nachdenken anregt.

Von Melina Jander

Es ist voll im ausverkauften Saal des ehemaligen Institus für Wissenschaftlichen Film. Während die Besucher des Stückes den Saal betreten und auf ihre Plätze zusteuern, scheinen die Schauspieler schon ihres Amtes zu walten: Hektisch und chaotisch wechseln sie ihre Plätze auf den weißen Sitzquadern, stellen diese um, bauen kleine Türmchen mit ihnen, um sich dann doch wieder zu setzen. Nun kann es also losgehen. Und zwar mit Filmprojektionen auf den drei im Saal installierten Leinwänden. Abwechselnd sieht man Close-Ups der Schauspieler, die Statements aus der in den letzten Monaten dauerhaften präsenten Flüchtlingsdebatte zitieren. Mit dabei ist natürlich auch der allseits bekannte Slogan »Wir schaffen das!« Da könnte man nun denken, Eine Stadt verändert sich sei ein durch und durch politisches Stück. Ist es aber nicht, wie die kommenden 90 Minuten zeigen werden. Denn auf der Bühne werden die tagespolitischen Debatten rund um das Thema Flüchtlingskrise vor allem aus einer menschlichen und individuell-intimen Perspektive verhandelt – und nicht mit einem distanzierten, generalisierenden Blick.

Ich bin (k)ein Flüchtling, und wer bist du?

Es dauert nicht lange, und man meint, die Identitäten der drei eindrucksvoll dargestellten Charaktere durchschaut zu haben: Franziska Aeschlimann verkörpert nicht nur die eindeutig deutsche Dame, die ein hohes Maß an Recht und Ordnung schätzt, sondern auch die freundliche und zugleich unsichere Nachbarin, die »ihren Flüchtling von nebenan« gerne integrieren möchte. Einen Kontrast dazu stellen die Rollen dar, in die Dominik Breuer schlüpft: Als potentiell radikaler Deutscher steht er exemplarisch für den »besorgten Bürger« und auf Integration hat er in den meisten Fällen nicht die geringste Lust. Der Dritte im Schauspielbunde ist das neue Ensemblemitglied Rzgar Kalil. Er spielt »den Flüchtling«. Könnte man zumindest meinen. In vielen Szenen tut er das auch, doch da die drei Schauspieler je nach Situtaion und Diskussionspunkt ihre Rollen wechseln oder modifizieren, kann man manchmal gar nicht so einfach ausmachen, wer der Flüchtling ist und wer nicht. Tatsache ist jedenfalls, dass es immer nur einen Flüchtling gibt, der sich gegen zwei Deutsche behaupten muss.

Ensemblemitglied Rzgar Kalil, hier als »Flüchtling von nebenan«.

Dabei spielt die Nationalität des Geflüchteten keine Rolle, er ist ein Fremder und in Deutschland dementsprechend etwas Besonderes. Afghane, Kurde, Syrer – kein Wunder, dass man da als Deutscher nicht den Überblick behalten kann, sie sind doch schließlich alle gleich. So zumindest die Meinung des tendenziell radikalen Deutschen, den Breuer überzeugend auf die Bühne bringt. »Schauen Sie in meinem Pass nach, wenn Sie wissen wollen, wer ich bin«, sagt Kalil in der Rolle als Flüchtling verängstigt zu den beiden Deutschen, die ihn einengen, sich nicht für seine Individualität interessieren, sondern ihn schlichtweg als »Flüchtling«labeln. Und ihm Angst machen.

Das Stück

Eine Stadt verändert sich
Nächste Vorstellungen:
25., 27. Februar,
3., 6., 11., 12. März,
7., 9., 10. April 2016
jeweils um 19:30 Uhr.
Ensemble: Franziska Aeschlimann, Dominik Breuer, Rzgar Kalil, Bushkin Mohammed Ali (Gesang)
Regie: Nina de la Chevallerie
Texte: Luise Rist, Rzgar Kalil
Musik: Hans Kaul
Bühne/ Video: Reimar de la Chevallerie
Kostüm: Sonja Elena Schroeder
Mitarbeit Bühne: Jörg Messner
Assistenz: Gesine Kallert, Chihuahua Schombel

boat people projekt

Unter diesem Label werden seit 2009 Theaterstücke mit einem gemischten Ensemble inszeniert, zu dem Flüchtlinge und Kunstschaffende aus den Bereichen Schauspiel, Musik und Tanz gehören. Der Name boat people projekt (bpp) steht programmatisch für die Arbeit des Teams. Die künstlerische Auseinandersetzung mit Flucht und Flüchtenden steht im Mittelpunkt der Theaterproduktionen. Die Stücke sind politisch, weil sie konkrete Ereignisse und Geschichten von Flüchtenden erzählen, sie sind poetisch, weil das dokumentarische Material zu einer Fiktion verdichtet wird.


Angst, das ist überhaupt eines der großen Themen in Eine Stadt verändert sich. »Keine Angst zu haben, das ist verboten«, behauptet der potentiell radikale Deutsche. »Ich habe aber keine Angst«, entgegnet die freundlich-mutige Deutsche, »obwohl ich weiß, dass man alleine ist, wenn man keine Angst hat«. Dies ist einer der ruhigen Augenblicke des Stückes und man ist geneigt, im Stillen zuzustimmen. Ja, Angst verbindet. Doch Angst ist auch gefährlich, wo Ängste geschürt werden, werden oftmals ebenso Kräfte mobilisert. In diesem Falle Kräfte gegen ein Miteinander, das Breuer in seiner Rolle auch dezidiert ablehnt, schließlich will er »deutsch sein und nicht bunt«.

Vom Krieg, der Flucht und einer dramatischen Liebesgeschichte

Während das Kräfteverhältnis zwischen den Agierenden also relativ schnell auszumachen ist – zwei mehr oder weniger unentschlossene Deutsche können sich nicht so recht darauf einigen, wie mit »dem Flüchtling« am besten umzugehen sei –, lässt sich ein konkreter Plot in Eine Stadt verändert sich nur schwerlich ausmachen. Es wird keine Geschichte erzählt, es wird eher beispielhaft aufgezeigt, in welchen Situationen sich sowohl die Geflüchteten als auch die Einheimischen wiederfinden, wenn sie plötzlich auf engem Raum zusammenleben (müssen). Mit dieser Aussage wird man dem Stück allerdings nur in Teilen gerecht. Denn es werden durchaus Geschichten erzählt, zum Beispiel wenn Kalil seinen beiden deutschen Mitstreitern von einer herzzerreißenden Liebesgeschichte aus seiner Heimat erzählt. Er schildert die Geschichte in kurzen Episoden auf Arabisch, das deutschsprachige Publikum kann auf den Leinwänden die Übersetzung ins Deutsche lesen. Andersherum funktioniert dies übrigens auch: Während des Stückes laufen arabische Untertitel mit.

Franziska Aeschlimann verkörpert die deutsche Dame, die Fremdenfeindlichkeit die Stirn bietet.

Die romantisch-dramatische Liebesgeschichte ist allerdings nicht alles, was Kalil in der Rolle als Flüchtling zu erzählen hat. Eine weitere Geschichte ist es, die den emotionalen Höhepunkt des Stückes markiert: die Geschichte von seiner Flucht vor dem Krieg. Auf drei Leinwände wird das Meer projiziert, Kalil beginnt zu erzählen. Von den Zerstörungen, dem Leid der Menschen, der traumatisierenden Flucht. »Aber du bist jetzt in Deutschland, in Sicherheit, weit weg vom Krieg«, will die einfühlsame Deutsche den Flüchtling beruhigen. Ja, er ist in (vermeintlicher) Sicherheit, weit weg vom Krieg. Aber auch weit weg von der eigenen Heimat, die Tag um Tag zerstört wird und in die er wahrscheinlich nie wieder zurückkehren kann.

Welcome Home

Mit Eine Stadt verändert sich beweist das boat people projekt, dass der Blick aus mehreren Perspektiven bei einem komplexen Thema wie dem der Flüchtlingsdebatte nicht nur sinnvoll, sondern absolut notwendig ist. Es sind zum Einen die überzeugenden SchauspielerInnen, die mit ihren verschiedenen Rollen darauf aufmerksam machen, dass eine genaue Positionierung den meisten – in diesem Falle – Deutschen doch sehr schwer fallen kann. Zum anderen ist es die Inszenierung im allgemeinen, durch die das Chaotische und mitunter Groteske der tagespolitischen Debatten gekonnt zum Ausdruck gebracht wird: Die musikalische Untermalung sorgt nicht nur für ein lachendes Publikum, besonders in den Momenten, in denen Hans Kaul kräftig in die Posaune bläst, sondern auch für befremdlich-betroffene Stille, wenn Bushkin Mohammed Ali deutsche Heimatlieder ins Mikrophon singt. Auch das Bühnenbild trägt seinen Teil zu dieser gelungenen Inszenierung bei: Flexibel stapelbare Sitzquader dienen nicht nur als Stühle, sondern werden auch zur Imitaion eines wankenden Flüchtlingsbootes und für einen Turmbau genutzt. Von besonderer Bedeutung ist außerdem die große Holzkiste. Sie steht zu Beginn des Stückes in der Mitte der Bühne, »Welcome Home« ist in großen Buchstaben auf ihr zu lesen. Je nach Szene wird die Holzkiste umfunktioniert, den Willkommensspuch kann man auf ihr allerdings erst wieder am Schluss sehen. Und erst dann, in den letzten Minuten der Inszenierung, wird dieses »Welcome Home« wörtlich genommen: Alle Ensemblemitglieder steigen nacheinander in die Kiste. Der Letzte zieht den Deckel zu.

Dominik Breuer (links) macht seiner Wut als »besorgter Bürger« Luft.
Eine Produktion mit Tiefgang und Feinsinn für die Zwischentöne einer lauten Debatte

Zu Beginn des Stückes stand unter anderem die Aussage »Wir schaffen das!« Man kann sich an diesem Zitat festkrallen, doch genau das hat das Ensemble des boat people projektsnicht getan. Vielmehr geht es in Eine Stadt verändert sich darum, exemplarisch aufzuzeigen, was man zwischen den Zeilen der großen Nachrichtenmagazine lesen kann, was man zwischen den lauten Tönen der teilweise hitzigen und oftmals nicht hitzig genug geführten Debatten rund um die Themen Flüchtlinge und Integration hören kann. Fragen werden in der Inszenierung von Regisseurin Nina de la Chevallerie nicht direkt beantwortet, aber der Zuschauerin werden Denkanstöße und Antwortmöglichkeiten angeboten. Allseits bekannte Vorurteile, scharfsinnig beobachtete Paradoxa und individuelle Schicksale werden auf eine Weise präsentiert, die die Zuschauerin bewegt und nachdenklich den Saal des ehemaligen IWF verlassen lässt.



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 Veröffentlicht am 25. Februar 2016
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