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Zauberland ist abgebrannt

Im Keller des Deutschen Theaters fand die literarisch-musikalische Beisetzung von Kurt Tucholsky und seinen diversen Pseudonymen statt. Ein Abend ganz im Zeichen seines vielschichtigen Werks: tragisch, witzig, rührend, politisch, poetisch; aber vor allem literarisches Kabarett vom Feinsten!

Von Christian Dinger

Man sitzt da im gemütlich-schummrigen DT-Keller an einem Tisch bei einem Glas Wein bei dezenter Klaviermusik und denkt sich schon mal zurück in die Clubs und Cafés der Weimarer Republik. Da tritt ein zweiter zu dem Mann am Klavier und es beginnt eine Trauerrede, ein Totentanz, ein Abgesang, ein Leichenschmaus: »Geehrte Trauerversammlung. Wir stehen hier am Grabe von Kaspar Theobald Peter Kurt Ignaz Wrobel…«
Der Mann mit den vielen Pseudonymen und den vielen Talenten: Jurist, Schriftsteller, Journalist, Literaturkritiker, Liedermacher, Satiriker, Lyriker und vor allem: Querulant. Von den Nazis gehasst und verfolgt, noch ehe sie an der Macht waren, ein Dorn im Auge der desolaten Republik und noch bis weit in die Nachkriegszeit hinein gebrandmarkt als Nestbeschmutzer und ewiger Nörgler. Ein linker Jude, der anprangerte, entlarvte und provozierte und das alles mit viel Witz und Charme. – Sympathisch, denkt man sich heute, im Theater sitzend. Den hätte man gerne wieder. Wenn Golo Mann einst behauptete, es habe im 20. Jahrhundert zu viele von seiner Sorte gegeben, dann gibt es in diesem Jahrhundert bisher gewiss zu wenige von ihnen. Es kann also einer gewissen Tragik nicht entbehren, wenn die Schauspieler Paul Enke und Wojo van Brouwer ihn, den heute noch Verkannten, zu Grabe tragen.

Das Stück

Zurück zur Natur. Requiem für eine Nasenscheidewand
Dramaturgie: Anna Gerhards
Mit: Paul Enke und Wojo van Brouwer
Weitere Termine
17.11., 30.11., 8.12. und 29.12. jeweils um 20 Uhr

 

DT

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Das Deutsche Theater in Göttingen zeigt als größtes Theater der Stadt ein umfangreiches Repertoire auf drei Bühnen. Bereits seit den 1950er Jahren errang das DT unter Leitung des Theaterregisseurs Heinz Hilpert den Ruf einer hervorragenden Bühne. Seit 1999 garantiert Intendant Mark Zurmühle bewährte Theatertradition sowie Innovation.
 
 
Doch zunächst erlebt der Zuschauer einen gekonnten Wechsel zwischen den politischen Texten und den Chansons und Liebesgedichten des Autors, immer wieder unterbrochen von Briefen an seine Geliebte Mary Gerold, die er stets mit er ansprach. Untermalt vom Klavierspiel und einer klappernden Schreibmaschine vermischen sich Leben und Werk des großen Dichters und das Publikum bekommt einen Eindruck von der großen Bandbreite seines Schaffens.
Einige Texte, leichte Chansons, versetzen einen in die lasziven 20er Jahre, so wie wir sie heute gern sehen, und verleiten im passenden Ambiente zu romantischen Gefühlen. Genüsslich schlürfen wir unseren Rotwein, der uns aber im Halse stecken bleibt, wenn Ignaz Wrobel plötzlich zutage tritt und ganz andere Töne anschlägt, seine politischen Mahnungen, zuweilen durch ein Megaphon verstärkt, uns entgegen schleudert, uns an die herannahende Katastrophe des 20. Jahrhunderts erinnert. Dann wird es wieder heiterer, aber man wagt kaum zu schmunzeln, denn man weiß: Es ist Satire und der Humor verdeckt auch hier weder Moral noch Politik.
Man fragt sich schon, was das für eine Grabrede sein soll, denn selten war Tucholsky so lebendig wie an diesem Abend, da klingen wieder traurige Töne aus dem Klavier und wir hören einen verbitterten Tucholsky aus dem schwedischen Exil, der verstummt ist und schon bald den Freitod wählen wird. Und als die letzten Briefe an Mary Gerold mit der Begleitung von Rio Reisers Zauberland gelesen werden, stehen dem ein oder anderen der wenigen Zuschauer die Tränen in den Augen. Tränen aus Rührung, aber auch Tränen um ihn, Tucholsky, den ewig Ungeliebten.
»Hier ruht ein goldenes Herz und eine eiserne Schnauze – Gute Nacht – !« Diesen Grabspruch hat der Dichter einst selbst für sein Pseudonym Ignaz Wrobel vorgeschlagen. Tatsächlich steht auf Tucholskys Grab: »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis«. Welche der beiden Inschriften die passendere ist, darüber lässt sich streiten. Aber sicher ist: Zurück zur Natur im DT ist die passende Trauerfeier. Auch wenn sie gottlob das Gegenteil von dem tut, was sie vorgibt: sie begräbt Tucholsky nicht, sondern lässt ihn auferstehen.
Ein kurzer Theaterabend, aber literarisches Kabarett wie man es heute kaum noch kennt.



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 Veröffentlicht am 15. November 2010
 Bild mit freundlicher Genehmigung von sudelblog.de
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