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Zukunft war gestern

Kann ein Macbook 2000 € kosten und nur vier Jahre halten? Heißen Babies alle gleich, um sich später als Rentner in derselben Jackenfarbe zu kleiden? Trinken Mammuts Tee in Ostfriesland? Die TeilnehmerInnen des Göttinger Poetry Slam widmeten sich im Mai dieses Jahres den Realitäten und Visionen des Alltags.

Von Elisa Meyer

Aufs Neue schafft es der Poetry Slam im ThoP: Lachen trotz Regen. Sieben Minuten Zeit, um 200 gut gelaunte Göttinger von sich zu überzeugen. Dieser Herausforderung stellen sich an diesem Abend: Tobi, Richard, Leonie und Aaron. Zwei weitere Göttinger, Kai und Arthur, entscheiden sich beim Betreten des ThOP ebenfalls dafür, das Programm mitzugestalten und kandidieren für die offene Liste.

Die Slam-Urgesteine Broca Areal sorgen mit ihren vier Songs für gute Stimmung vor, zwischen und nach den Slam-Runden – vor allem durch ihre Patzer. Mit dem Song »Puppen« nehmen sie Bezug auf das Barbie-Haus, das kürzlich in Berlin eröffnet wurde. Schließlich überlassen sie die Bühne dem ersten Slammer, Tobi Kunze aus Hannover.

Urlaubsvisionen und Mammutrealitäten

Authentisch ruft Tobi allen Besuchern den vergangenen Winter ins Gedächtnis. Sein Text »Wo bleibt der Frühling?« vom März dieses Jahres bringt die Wut, die wohl jeder zu dieser Zeit über das Wetter hatte, zum Ausdruck. Er slammt über Regen-Terror, Kälte und Schnee. Selbst die erste Reihe bleibt während dieser sieben Minuten nicht trocken. Der Frühling wurde »outgesourced«, die Erinnerung an die Sonne erhält nur Facebook durch gepostete Urlaubsbilder aufrecht. Tobis Vorstellung bringt Mammuts und Yetis zurück, die Gletscher wachsen wieder, sodass man auf Skiern mit etwas Anlauf von Garmisch Partenkirchen rechtzeitig bis nach Ostfriesland zum Tee fahren kann. Diese witzig-wütenden Übertreibungen bringen Tobi volle Begeisterung und ein Ticket in die nächste Runde. Absolut zu Recht!

Nach Tobis unterhaltsamem Rückblick wird es ruhiger auf der Bühne. Kai fordert die Besucher mit seinem Text auf, selbst zu schreiben, denn in Worten steckt Wahrheit und ein Wort sagt mehr als tausend Bilder. Sein Appell »Also Dichter an die Federn und die Welt erstrahlt in Gold« bringt ihm zwar viel Applaus ein, doch für die nächste Runde reicht es nicht. Das Göttinger Publikum favorisiert eher die lustigen Texte mit Action auf der Bühne.

Vom Junggesellen zum Exfreund

Echte Männer ziehen LKW und liegen unter einer Decke, um Twilight zu schauen. Nicht? Doch, sagt der zweite Hannoveraner des Abends, Richard. Die Idee über ›echte Männer‹ zu slammen, kam ihm im Zug, als er einen Junggesellenabschied sah und sich den Verlauf des Abends vorstellte. Ob sich die Männer unter den Besuchern nun damit identifizieren konnten oder nicht, sie applaudierten ihn voller Elan in die zweite Runde.

Nach den starken Männern wurde die Bühne für die einzige Frau des Abends frei gemacht: Leonie. Doch Leonie schreibt keine Mädchenlyrik, sie spricht in »Heldinnen« lieber übers Zocken. Heldinnen sind die Super-Frauen, sie sterben frühzeitig, um den Tod hinter sich zu lassen, sie blocken ihre Exfreunde auf Facebook und geben die Richtung vor statt nach dem Weg zu fragen. Leonies Heldinnen sind keine Modeklischees und schaffen es auch ohne Frauenquote ganz nach oben – sie sind die Religion der Atheisten. Sie schafft es die Männer und die Frauen gleichermaßen mit ihren Worten zu fesseln, was die Spannung auf den zweiten Text in der nächsten Runde nur steigert.

Erneut wird es ruhig im Saal, das Publikum lauscht Arthurs »teurer Kollektion von billigen Witzen«, nur hier und da sind vereinzelt Lacher zu hören. Die alltäglichen Themen langweilen die Besucher eher als sie zu unterhalten. Der eher mäßige Applaus bringt Arthur nicht den gewünschten Sprung in die zweite Runde.

Funkloch im Schneckenhaus

Der letzte Slammer des Abends ist Aaron aus Heidelberg. Er lässt die Besucher an einem Gedicht teilhaben, das Situationen beschreibt, in denen man nicht weiß, was man sagen soll, Situationen, in denen man mit Frauen sprechen muss zum Beispiel. Er beschreibt sie als »Funklöcher im Text«. In diesen Momenten hat er eine »Schnecken-Schlagfertigkeit« und es dauert seine Zeit, bis seine Worte gedichtet werden. Auf der Bühne hingegen findet Aaron offensichtlich genau die richtigen Worte, also ab in die nächste Runde.

Die Pause wird mit einem – diesmal patzerfreien – Auftritt von Broca Areal beendet. Aaron hat die Ehre die zweite Runde einzuleiten, dazu wählt er ein Gedicht über Hände. Hände geben, um zu nehmen. Er beschreibt den Zuschauern clever kombiniert ihre Aufgaben und Tätigkeiten, denn aus einem Drei-Finger-Revolver kann aus vier Fingern Liebe in Herz-Form werden.

»Meine Jugend« heißt Leonies zweiter Text. In ihm widmet sie sich treffend der Jugend von heute und dem Erwachsenwerden. Kritik wird nur noch online gestellt, man muss immer lässig sein und vertauscht Liebe mit Lust. »Gefühle kannst du haben, wenn du tot bist«, so das Motto der Jugend. Die Jugendlichen sind Täter und Opfer, eine Generation ohne Ideale und die ganze Welt lacht über sie. Leider überzeugt dieser Text nicht genügend Besucher, sodass Leonie ausscheidet.

Richard teilte danach gleich zwei Stücke mit dem gut gelaunten Publikum. Zum einen »Die Oma«. Ein kurzer Beitrag, in dem er eine alte Frau imitiert, die sagt, dass es früher auch ohne Handys ging und er mit den Worten »Heute geht’s auch ohne Hitler« kontert. Sein zweiter »Fetziger Text« handelt von der Sprache und dem Älter-werden. Dass viele Kinder gleiche Namen tragen, weil die Namen gerade besonders »trendy« sind, regt ihn ebenso auf wie die Tatsache, dass ältere Leute eines Tages aufstehen und sich denken, dass sie alt genug sind, um nicht mehr trendy zu sein und sich beige-braune Jacken kaufen.

Desillusionierung im Download

Der letzte Slammer, Tobi, informiert das Publikum über die »Desillusionierung der 80er Jahre Kinder«. Zukunft war gestern. Während der Kindheit dachten wir noch, dass unsere Fantasie das ist, was noch kommen wird. Man saß in einem Karton und stellte sich vor, in einem Raumschiff zu sitzen. Doch heute downloaden wir unsere Persönlichkeit anstatt mit fliegenden Autos zu fahren. Tobi ist der Meinung, dass sich die Erde stetig weiter gedreht hat, die Zukunft jedoch irgendwo liegen geblieben ist. Die bunt beschriebene Reise zurück in die Kindheit begeistert alle Zuschauer und bringt Tobi ein Ticket in die nächste Runde ein. Jedoch gestaltet sich die Abstimmung über die Kandidaten schwieriger als angenommen, sodass die Moderatoren kurzerhand mit Gehörlosen-Applaus voten lassen.

Die daraufhin eindeutige Wahl zeigt: Die beiden Hannoveraner Tobi und Richard stehen im Finale. Um zu entscheiden, wer von den beiden beginnen darf, müssen sie auf Wunsch eines Besuchers Schnick-Schnack-Schnuck spielen. Natürlich darf das Entertainment dabei nicht fehlen, also wird der ganze Körper zur Performance genutzt. Papier-Tobi schlägt Stein-Richard.

»Today my MacBook died«, ein Text für jeden Apple-Hasser im Saal. Temperamentvoll lässt Tobi die Besucher am Tod seines MacBooks teilhaben. Er nimmt sie in seinem Text mit zu seinem Besuch im Fachladen wo er unerfreuliche Infos erfährt. Für 2000 € bekommt man bei Apple im Durchschnitt nur vier Jahre Produkt. Das würden die Apple-Kunden, welche Schlaf durch Koks ersetzen, schließlich so wollen.

Richard stellt erneut zwei Texte vor. Zum einen eine etwas makabre Geschichte über ein Emo- Mädchen, die allerdings nicht den Humor von allen Anwesenden trifft. Sein zweiter, etwas ernsterer Text überzeugt schon eher: »Vom Suchen und Staubflockenbergen«. Es geht darin um das ungute Gefühl, wenn etwas fehlt und nicht da ist. Das lyrische Ich sucht die Liebe, aber weiß nicht, wie sie aussieht. Es findet Liebe in einem Bild mit seinen Kindern drauf und weiß, dass es nicht die Liebe ist, die es gesucht hat. Nachdem es die Tür für zwei in schwarz gekleidete Personen öffnet und diese seine Frau auf einer Liege raus getragen haben, weiß es, dass es die Liebe gefunden hat, aber sie gegangen ist. Dieser ernstere Text drückt die Stimmung im Saal enorm. Bei der nun emotionalen Atmosphäre steht die alles entscheidende Entscheidung des Abends an.

Weniger langgezogen als man sie von Castingshows im Fernsehen gewöhnt ist,entscheidet sich das Publikum sehr schnell und eindeutig für Richard. Es scheint als steckt in Göttingern doch eine romantische Ader, die Liebe siegt schließlich immer über Wut.



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 Veröffentlicht am 13. Juni 2013
 Bild von to.wi via flickr
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