Alles ist gut, solange du dich quälst

In Spiel : Mann rechnet das Freie Theater boat people projekt inhaltlich solide, doch vor allem atemlos immersiv mit vergeschlechtlichten Selbstbehauptungen im Fußball ab. Insbesondere bestätigt wird sich fühlen, wer ohnehin kein Fan von Männern, Fußball oder Männerfußball ist.

Von Gerrit Elsner

Bild: Sebastian Dohm

Nach 60 Minuten wird abgepfiffen. Und durchgeatmet: Normalerweise folgt jetzt noch eine halbe Stunde Workshop, wie Regisseur (außerdem Nebendarsteller und Videograph) Reimar de la Chevallerie erklärt. Spiel : Mann ist nämlich Theaterpädagogik für Jugendliche, für Schulklassen und Sportvereine, und insbesondere für Fußballmannschaften. Betonung auf »mann«, denn der Fußball an sich, das wird bald klar, spielt nicht die allergrößte Rolle. 

Auch wenn es zunächst danach aussieht. Das Spielfeld, ein knallgrünes Rollrasenimitat, säumen Turnbänke, auf denen das Publikum sich wenige Meter gegenüber sitzt. Es gibt bunte Hütchen, eine magnetische Taktiktafel und penetrantes Deospray. Soweit die Rahmenbedingungen des Spiels, dessen Authentizitätsanspruch hin und her rutschende, verstohlen den Rücken begradigende, amüsiert-unentspannte Eingewöhnung von denjenigen verlangt, die schon länger nicht mehr auf niedrigen Sporthallenmöbeln Platz genommen haben.

Fantastische Karriereaussicht

Dann kommt Jussi (Paul Lonnemann), schüchtern erst, wie ein verspätetes Publikumsmitglied, ins Sichtfeld, steht aber im nächsten Moment schon an der Taktiktafel. Die ihn mit ihren klar begrenzten, sensorisch einleuchtenden Ordnungspotentialen scheinbar in sein Element versetzt: Es wird 4-4-2 oder – klick, klick, klick – 3-5-2 gespielt, aber natürlich nichts dazwischen. Fachsprache, Routinen und Rückennummern verleihen Sicherheit.

Jussi ist äußerlich so makellos wie unauffällig, jung und fit eben, fügt sich ein in die Kulisse. Er kommt vom Dorf, baut sich an der kurzen Kante des begrünten Bühnenrechtecks vor dem dort thronenden Bildschirm auf und vermittelt begeistert Eindrücke einer frühen, inzwischen vergangenen Jugend: Bolzplatz, Umkleide, Jahre her.

Seine Geschichte erzählt der Protagonist retrospektiv. Am Anfang steht der Sprung ins sogenannte Nachwuchsleistungszentrum (NLZ), der Jussi von seinem Mannschaftskameraden und besten Freund, Olli (zunächst auch von Lonnemann verkörpert, später Julius Jess), trennt. Anders als vielleicht zu erwarten, neidet der beste Freund dem aufstrebenden Star dessen fantastische Karriereaussicht nicht, ja, er gibt sogar offen zu: Das Rumgerenne sei sowieso nichts mehr für ihn, er mache jetzt rhythmische Sportgymnastik.

Olli wird, sobald Jussis Zeit sich exklusiv auf das NLZ und die schweigsamen Pendelfahrten mit seinem Vater (Reimar de la Chevallerie) verteilt, zum entschiedenen Gegenentwurf der unter dem Erwartungsdruck ächzenden Figur des ›Leistungssportlers‹. Ab und zu versucht er Jussi über Videoanrufe zu erreichen, und hat sich jedes Mal ein Stückchen weiter von den disziplinierenden Zwängen eines persönlichkeitslosen Trainers emanzipiert, der den ›Nachwuchs‹ in verlässlicher Überlautstärke zusammenfaltet. Stattdessen wird er in die Vorzüge der Maniküre eingeweiht, während Jussi für Liegestützen auf den Boden muss, bis seine Hände sichtbar zittern.

Wann ist ein Mann ein Mann?

Jussis episodische Rückschau, die allmählich ihren anfänglichen Zauber einbüßt, zeichnet ein Bild des Alltags im Dauerdrill. Wie wenig Platz hier für individuelle Bedürfnisse und kritische Fragen ist. Wie Fiete, ein neuer Freund, unter den körperlichen und mentalen Strapazen leidet, seine unterdurchschnittliche Körpergröße mit riskanten Vitaminspritzen zu beheben versucht und schließlich, trotz seiner Leidenschaft und sportlichen Klasse, rausgeschmissen wird. Wie der Absturz in eine strukturell mindestens in Kauf genommene Einsamkeit Selbst- und Fremdbilder so lange verzerrt, bis Jussi nachts, zusammengekauert, schlaf- und atemlos vor dem Bildschirm, Vertreter der Manosphere in sein Denken und Empfinden lässt, die einen haarsträubenden Anblick bieten.

Diese Negativspirale kontert die Inszenierung nicht mit einer glücklichen Wendung. Sie erträumt kein mit der Wildheit des Einzelkämpfers versöhntes Bandenkollektiv à la Wilde Kerle, das den Geltungsanspruch traditioneller Männlichkeit verkitscht und damit stabilisiert. Aber sie interveniert: Dem Hauptdarsteller gelingt der Balanceakt zwischen fesselnder Innenschau und animierender Publikumsansprache. Regisseur de la Chevallerie fährt als cholerischer Übungsleiter die Sitzenden an, die bunten Hütchen ordentlich zu stapeln, oder sorgt als Jussis Vater für erleichterte Lacher, als er unbeholfen seinem entsetzten Sohn eine anatomisch hergeleitete Antwort auf die Frage vorschlägt, was denn ein ›Mann‹ sei. Ach ja, diese semantische Unklarheit treibt Jussi um. So sehr, dass Lonnemann seinen Charakter verlässt, Eddings und ovale Moderationskärtchen austeilt, die Taktiktafel gegen eine angepinnte Papiersilhouette tauscht und die Zuschauer:innen in den Dialog beordert: Assoziationen des ›Männlichen‹, bitte diskutieren, aufschreiben und einer Körperregion zuweisen.

Unverwundbar vs. unfertig

Die sechzig Spielminuten sind wallend und intensiv. Ausnahmslos jeder der Kichermomente – wie lächerlich gebahren sich doch Muskelmänner auf TikTok – fällt sogleich ins Bedrückende ab, ohne dass die angehäufte Spannung einen Riss bekäme. Jussi ist indes dank des gemeinsamen Brainstormings zu dem Schluss gelangt, ›männlich‹ sein bedeute: unverwundbar. Das ist konsequent und überrascht nicht.

Nur sind die von Jussi und seinen Kameraden im hermetischen NLZ gestählten Körperpanzer nicht naturgegeben, sondern – zumindest in dieser Geschichte voller gequälter Männer – ein Resultat banaler Überlebensinstinkte. Parallel zu ritualisierter körperlicher Abreibung scheinen die Jugendlichen patriarchale Differenzkategorien wie Vokabeln auswendig zu lernen: männlich vs. weiblich, männlich vs. emotional usw. Jussis Lektionen gehen jedoch gleich an ihrem ersten Praxistest zu Bruch, einem Videocall mit Olli und dessen Freundin (Nancy Chafil), die nicht nur die einzige nicht-männliche Figur des Stücks, sondern zusätzlich mit der Verantwortung betraut ist, gegen die misogynen Denksprüche zu opponieren, die Jussi stolz Olli vorträgt.

Spiel : Mann hat das boat people projekt um Regisseur Reimar de la Chevallerie und Autor Christopher Weiß unter anderem in Kooperation mit dem Fußballverein Borussia Dortmund konzipiert. Neben zwei öffentlichen Aufführungen gab und gibt es die Möglichkeit, dem Stück in Schulen und Sportvereinen einen Raum zu geben.

Ein ›Mann‹ für die Zwischenräume

»Bitte werd‘ kein echter Mann«, fleht Olli gegen Ende, und Jussi belohnt seine geduldige Freundschaft schließlich, als er es doch nicht zum Profi ›schafft‹. Was sich auch aus seinem Mund nach etwas Gutem anhört, nach dem Entkommen aus einem einschnürenden Rollenrüstzeug. Ob die fiktionalisierte Fußballindustrie dabei für sich oder gleich für das Patriarchat als Ganzes steht, differenziert Spiel : Mann nicht wirklich. Überhaupt hat es das ambitionierte Lehrstück auf Zwischenräume abgesehen (ein bisschen wie der moderne Fußball, der sich von den übernutzten Formationen der geraden Schienen und Ketten ab- und fluiden Positionswechseln zuwendet?) und belässt es dabei. Das Stück verzichtet dankenswerterweise auf Floskeln und Appelle, aber leider auch weitgehend auf nicht-männliche Perspektiven. Indes ermöglicht dieser enge Blickwinkel dem Hauptdarsteller, ein Entwicklungsdrama im Miniaturformat mit begeisterndem Einsatz und glaubwürdiger Empathie für seine Rolle zu vermitteln.

Bemerkenswerter als das inhaltliche Programm des Abends ist seine praktische Umsetzung. Wo zu Beginn Jussis Augen bei schwelgend nacherzählten Aufstellungen, Spielzügen und Siegtreffern geleuchtet haben, wartet er am Ende, wieder leise geworden, unfertig irgendwie, auf eine Alternative zu dem, was er lange für seine Berufung gehalten hat. Das alles ist sehr nah, nicht nur weil der Fußball in Deutschland als breitester aller Breitensporte so viel gesellschaftlichen Raum einnimmt und bestimmte Vorstellungen von Leistung, Emotion, Körperlichkeit, Gemeinschaft und Wettbewerb festschreiben kann. Sondern konkret, weil Spiel : Mann auf Distanzierung und Abdunklung des Zuschauer:innenraums verzichtet, weil insbesondere der Hauptdarsteller das in Teilen träge Publikum herausfordert und dem Theaterbesuch seine wohlige Passivität verwehrt, seine zurücklehnende Haltung, die sich durch die bloße Brechung der vierten Wand nie ernsthaft bedroht sieht, durch den Mangel an Rückenlehnen dann aber schon.

Spiel : Mann ist ein mobiles Theaterstück für Jugendmannschaften, Schulen und Vereine. Es kann gebucht werden.

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