Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, einen Blick in die eigene Zukunft zu werfen? Die Vorstellung, sich für diese Zukunftsoption entscheiden und sie »einloggen« zu können, beschäftigt auch Saša Stanišić und seine Freunde, daher macht er aus dieser Idee Realität, und zwar in seinem Erzählband Möchte die Witme angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne.
Von Yasemin Dittmann
Bild: Helgoland Vogelschau, ca. 1890-1905, via Wikipedia Commons (bearbeitet), gemeinfrei
»Wie super wäre es, wenn es einen Proberaum für das Leben gäbe?« Mit dieser Frage beschäftigen sich Saša und seine Freunde Fatih, Nico und Piero im ersten von 12 Kapiteln seines neuesten Erzählbands. »An einem heißen Weinbergnachmittag im Juni 1994« stellen sie sich vor, wie cool es wäre, eine Anprobe der eigenen Zukunft zu haben. Man bekommt für ca. zehn Minuten einen Einblick in das, was einmal das eigene Leben sein wird. Wenn einem gefällt, was man dort sieht, kann man sich in diese Zukunft »einloggen« und sich auf den Moment in der Zukunft freuen, wenn die zehn Minuten tatsächlich stattfinden. Als ausländische Personen in Deutschland fragen sich die vier Jungs natürlich auch, was passieren würde, wenn ihnen in diesem Probenraum nur »eine Kackzukunft nach der anderen« präsentiert werden würde. Aber schnell kommt da auch Hoffnung auf, denn entgegen dieser pessimistischen Haltung kommen sie zu dem Schluss, dass auch ausländischen Kindern irgendwann einmal gute zehn Minuten vergönnt sein werden.
Die Jungs bauen aus der Idee sogar ein Geschäftsmodell, bei dem eine Anprobe hundertdreißig Mark kostet und überlegen, was potenzielle Nebenwirkungen sein können. Diese Idee kehrt am Ende des Buches zurück: Der Proberaum wird erneut beschrieben, verschiedene Anproben vorgestellt – so entsteht ein verbindender Rahmen. Die einzelnen Episoden der kleinen Schicksale, die dadurch miteinander verbunden werden, bilden die Binnenhandlung und verfolgen das Leben von immer wechselnden Protagonisten. Mal tritt Stanišić, wie im ersten Kapitel, selbst namentlich auf, weil es auch seine eigene Vergangenheit ist, mal folgen die Lesenden anderen Figuren. Von »Möglichkeiten, wie ein Leben verlaufen kann, und vom Grübeln an den Kreuzwegen« kann man hier in unterschiedlichster Form lesen.
Durch Sprache ganz nah dran
Vor allem in sprachlicher Hinsicht hat Stanišić in Möchte die Witwe einiges zu bieten, da er sich immer wieder an seine Figuren anpasst. So herrscht unter den Freunden anfangs ein eher jugendlicher Slang, der von sehr viel Witz und Umgangssprache durchsetzt ist. Als die Freunde zu Beginn des Buches die Probenraum-Idee diskutieren, nutzt er diese Umgangssprache beispielsweise in Ausdrücken wie »Vergesst doch jetzt mal die Nebenwirkungen, ihr Lappen!«. Auch, als er in einen kleinen Abstecher in die Umgebung geht, entdeckt man seinen ganz eigenen Sprachstil, als es heißt: »Jeder weiß doch: Baust du, bau mit Grünzeug! Grünzeug macht weniger aggro«. Dieser Sprachstil ist daher einfach gehalten, mit kurzen Sätzen, was allem einen fast kindlichen Charakter verleiht. All das passt sehr gut in eine Situation wie diese, in der Jugendliche untereinander sind, da dieser Schreibstil lebhaft und flüssig ist und Authentizität verleiht. Er schreibt, wie man die Worte umgangssprachlich sagen würde, wenn er davon spricht, dass viele der ausländischen Kinder es nur mit »okayem Abschluss« aus der Schule schaffen, anstatt sie ›souveräner‹ zu verfassen. Gedanken werden genauso ausgeschrieben, wie man sie im Kopf hat, seien es auch nur kleine Ausrufe.
Außerdem werden teilweise grammatikalisch unvollständige Sätze wie »Piero sofort einsichtig« genutzt, die in diesem Kontext schlüssig erscheinen und erstaunlicherweise funktionieren. Da Stanišić in dieser Geschichte selbst Teil des Geschehens ist, gelingt es ihm durch diesen persönlicheren und realistischen Umgang mit der Sprache, die Lesenden mitzunehmen. Besonders amüsant wird es, wenn bei der Beschreibung eines Gespräches die Formulierungen »Ich so:… Er so:…« ins Spiel kommen. Damit baut er gekonnt eine Brücke zur Leserschaft, denn sicherlich kennen viele Menschen diese Art des Geschichtenerzählens aus ihrem eigenen Sprachgebrauch. Umso klüger ist die Verwendung, denn die Sprache ist realitätsnah und Stanišić erlaubt sich bewusst ›unperfekte‹ Formulierungen.
Botschaften zwischen den Scherzen
Doch hinter all dem Spaß steckt auch Ernst: Denn bei dieser Lebensanprobe geht es um den Traum von einer besseren Zukunft. Die Ziele und Erfolge, die eine mögliche Variante der Zukunft bereithält, erfordern ein Handeln in der Gegenwart, das darauf ausgerichtet ist. Die allgemeine Botschaft, dass man handeln muss, um die gewünschte Zukunft zu erreichen, ist nicht nur ein guter und durchaus verständlicher Rat. Sie schenkt Hoffnung, dass man, egal, an welchem Punkt man sich befindet, etwas ändern kann, denn »weniger assi zu sein, verbessert die Lebensqualität«. Dieser Punkt verbindet die Schicksale ebenso wie einige aktuelle Themen, die Stanišić in Möchte die Witwe anspricht. Dazu gehören beispielsweise Kapitalismus-Kritik, Mülltrennung, Elternzeit, eine Anspielung auf Pokémon Go oder Corona. Besondere Erkenntnisse, die sich aus den Episoden ziehen lassen, sind unter anderem die Bedeutung von Lebenszeit: Ein Job bedeutet, dass man eben damit Lebenszeit verbringt und sich im schlimmsten Fall dadurch von sich selbst verabschieden muss, wenn man für die Dinge, die einem eigentlich wichtig sind, keine Zeit mehr findet. Oder auch die Erkenntnis, wie süchtig Erfolge machen können.
Gut gelungen und amüsant zu beobachten sind die Verbindungen zwischen den Figuren, die man im Laufe der Geschichten entdecken kann. Beispielsweise ist die Protagonistin der einen Geschichte die Mutter eines Freundes aus einer anderen. Stanišić schreibt als – im wahrsten Sinne des Wortes – sehr ›selbstbewusster‹ Autor von einer verworfenen Version der Geschichte, die er gerade erzählt, und baut immer wieder gedankliche Abschweifungen ein, auf die er dann selbst mit Fragen wie »Jetzt fragst du dich, und zwar zurecht, wieso dieser Abstecher nötig war« hinweist. Auch seine Ausrufe (»Aha!«) als eigene Kommentare erfrischen das Leseerlebnis. Die Nennung der Pandemie dient hauptsächlich der zeitlichen Verortung der Geschichten, da ansonsten eine private Vergangenheit des jungen Sašas und seinen Freunden zentraler beleuchtet werden. Die Covid-Thematik ist hier nicht zu präsent eingebaut, da man ansonsten wieder von so einem ›Corona-Buch‹ sprechen müsste. Dadurch, dass diese Zeit einen großen Einschnitt im Leben fast aller Menschen bedeutete, wäre es durchaus unehrlich, so zu tun, als sei nichts davon passiert. Positiv zu bewerten ist bei Stanišić aber, dass er die Pandemie nicht zum Zentrum seiner Geschichten macht.

Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne
Luchterhand 2024
256 Seiten, 24€
Die Titel-Witwe als fades Zwischenspiel?
Während also in einigen Kapiteln die Sprache sehr überzeugt, ist das Kapitel über die Witwe Gisel, das den doch sehr langen Titel trägt, zwischenzeitlich etwas mühsam zu lesen. So finden sich beispielsweise immer mal wieder Sätze ohne Verben. Thematisch wird vor allem auf die Religion und den Vergleich von früher zu heute eingegangen. So hat Gisel durchaus Charme mit ihrer recht trockenen Art und dem einen oder anderen ironischen Selbstkommentar. Beispielsweise weist sie sich selbst zurecht mit »Ganz toll gemacht, Gisel, eins a!«, denn auch hier wird die Sprache den Figuren angepasst, was handwerklich gut funktioniert hat. Allerdings wird dieses – längste – Kapitel mit der Zeit doch etwas eintönig, vergleicht man es mit den spritzigen und schlagfertigen Schlagabtäuschen der Jugend ein paar Kapitel zuvor. Dieser deutliche Kontrast ist für sich genommen schlau konstruiert, und auch die tatsächlich lückenhaft gelassenen Kreuzwortfelder sind schöne Besonderheiten des Kapitels, die der Langatmigkeit etwas entgegenwirken.
Zum Ende des Buches schließt Stanišić den Rahmen schließlich gelungen, indem er Charakterkarten der Figuren und ihre Zukunfts-Anprobe-Momente präsentiert. Er zieht sich die Vergangenheiten der anderen Figuren an, um ihre Perspektiven zu sehen, und bleibt doch er selbst. Durch die Wiederholung des Textes erhält man einen schönen Bezug zum Anfang und ein stimmiges und abgeschlossenes Gesamtbild. Obwohl es vielleicht in den längeren Kapiteln teilweise Längen gibt, liest man das Buch gerne und bekommt durch die wechselnden Perspektiven frischen Wind ins Leseerlebnis. Und zum Glück bekommt man dieses für weniger als hundertdreißig Mark.

