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Aufruf zum Unfug

Virginia Woolf entwirft 1932 in einem fiktiven Brief an einen jungen Dichter in gewohnter Manier, mit ihrer sowohl bewunderten als auch gefürchteten Spitzzüngigkeit und in einer klaren Sprache eine ausführliche Poetik für eine Generation, die sich mit starken gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und literarischen Veränderungen konfrontiert sieht. Erschienen in einer wunderbaren Übersetzung von Tanja Handels, reiht sich dieser kleine mintgrüne Leinenband ein in die Reihe L.S.D. des Steidl-Verlags.

Von Janice Sattler

Auf die Aufforderung John Lehmanns verfasst Virginia Woolf 1932 eine Ermutigung zum Lyrikschreiben. Lehmann ist damals Geschäftsführer der Hogarth Press – dem Verlag, den sie mit ihrem Mann Leonard Woolf gegründet hatte. Die Hogarth Press veröffentlichte sowohl ihre Arbeiten und die ihres Mannes, aber auch die anderer bedeutender Schriftsteller*innen wie beispielsweise T.S. Eliots, E.M. Fosters, Katherine Mansfields. Zudem erschienen Übersetzungen der Werke Dostoyevskys und Freuds ins Englische. Die Erstveröffentlichung des Briefes an einen jungen Dichter erfolgte als achter Band der Hogarth Letters. Der Briefform der Reihe angepasst, reflektiert Woolf zunächst über das Medium selbst. Immer wieder zeigt sich dabei und in dem folgenden Text Woolfs Talent, mit Worten Szenen zu erschaffen, die das Gesagte illustrieren.

Außenansicht auf eine lebendige Gattung

Wie in vielen ihrer anderen Werke denkt sie auf den Seiten. Die Leser*innen begleiten diesen Gedankenfluss, der strukturiert mit einer Einleitung beginnt, um dann einem kleinen Vortrag und einer Reflexionen über alte Herren, die gebeugt über die staubigen Klassiker den Tod der Dichtkunst verkünden, folgend eine These aufzustellen, die sie in der weiteren Betrachtung hinterfragt. Virginia Woolf positioniert sich und betont wiederholt, dass sie mit geringer akademischer oder institutionalisierter Bildung und als Prosaautorin keine Autorität im Lyrikbereich für sich reklamieren kann oder will. Und doch schafft sie es, diese literarische Gattung mit einem ungetrübten Blick von außen eingehend zu begutachten und zu evaluieren – vielleicht auch gerade wegen dieser Außensicht. Sie schiebt nicht wie die von ihr, in ihrer Manier der spitzzüngigen Kritik gesamtgesellschaftlicher, patriarchaler Verhältnisse, imaginierten alten

Buch-Info


Virginia Woolf
Brief an einen jungen Dichter
Übersetzt durch Tanja Handels
Steidl: Göttingen 2019
64 Seiten, 12,80€

 
 
Herren Dichtkunst als etwas Sterbendes beiseite. Stattdessen erklärt sie die Dichtung für ausgesprochen lebendig, »da sie sich so wahrhaftig aus gewissen Unwahrheiten, den Trümmern des großen viktorianischen Zeitalters, herausgewühlt hat, jetzt, da sie so aufrichtig in den Geist des Dichters hinabgestiegen ist und die Grundmauern neu befestigt hat – eine Renovierungsarbeit, wie sie von Zeit zu Zeit anfällt und dringend notwendig war«.

Der Brief ist einerseits in seiner Zeit verortet und an eine Dichter*innengeneration gerichtet, die sich von Autor*innen umgeben fand, die mit den gängigen Mustern und Regeln der lyrischen Traditionslinien halb ernst, halb ironisch spielten und dabei mit ihnen brachen, wie es beispielsweise im Werk T.S. Eliots vorzufinden ist. Dieser Bruch stellt eine Parallele zu Virginia Woolfs eigenem Werk dar, das vor allem in den späteren experimentellen Romanen, aber auch den Kurzgeschichten und Biographien die Gattungsmauern viktorianischer Schriften einriss und aus den Sprach- und Formtrümmern epochendefinierende Werke schuf. Andererseits handelt es sich um einen überzeitlichen Text, der sich an junge, aspirierende Schriftsteller*innen jeder Zeit wendet, sie ermutigt und zum Schreiben anhält:

»Schreiben Sie also, jetzt, da Sie jung sind, Unfug am laufenden Meter. Seien Sie töricht, seien Sie rührselig, imitieren Sie Shelley, imitieren Sie Samuel Smiles; lassen Sie jedem Impuls die Zügel schießen, machen Sie jeden denkbaren Fehler in Stil, Grammatik, Geschmack und Syntax, verströmen Sie sich; überschlagen Sie sich; locken Sie Zorn, Liebe, Satire aus jedem beliebigen Wort, das Sie zu fassen kriegen, das Sie bezwingen oder erschaffen können, in jedem beliebigen Versmaß, in Prosa, Dichtung oder Kauderwelsch, was eben zur Hand ist. So werden Sie schreiben lernen. Doch wenn Sie veröffentlichen, erhält Ihre Freiheit einen Dämpfer.«

Freiheit zum Unfug

Woolf veröffentlichte ihren ersten Roman The Voyage Out 1915 im Alter von 33 Jahren sowie ihren zweiten Roman Night and Day im Verlag ihres Stiefbruders Gerald Duckworth. Beide erschienen erst nach langen Editionszeiten und mit vielen Veränderungen des Originalmanuskripts. Virginia Woolf ließen sie zweifelnd und unzufrieden zurück. Vermutlich trugen sie, neben anderen Faktoren, zu der Entscheidung bei, einen eigenen Verlag zu gründen, um selbständiger und freier arbeiten zu können, aber auch um ihren experimentellen Schreibstil auszubauen, für den sie heute bekannt ist. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Virginia Woolf auf Erfahrungen in ihrem eigenen Leben als Schriftstellerin basierend mit enthusiastischen Worten jungen Schriftsteller*innen den fast schon verzweifelnd drängenden Ratschlag mit auf den Weg gibt, doch »um Himmels willen bloß nichts« vor dem dreißigsten Lebensjahr zu veröffentlichen. Zudem schlägt sie vor, zunächst nur für die eigenen Augen zu schreiben, um sich des eigenen Schreibstils und der Freiheit des Experimentierens zu ermächtigen. Woolf verfasst diese Anleitung zum Schreiben in ihrer direkten, schneidigen Manier, mit der sie den Text immer wieder bestückt. Gerade diese Textstellen sind es, die ihre Aussagen präzisieren und den theoretischen Kern illustrieren.

Selbst bei wiederholtem Lesen dieses kurz-prägnanten Briefchens lassen sich so immer wieder weitere Bezugspunkte, kleinste Nuancen versteckter Bedeutungen, die in jedem gewählten Wort mitschwingen, oder subtil sarkastische Töne entdecken. Wie für Woolfs Werk typisch, handelt es sich um einen Text, der zu mehrmaliger Lektüre geradezu einlädt, insbesondere auf Grund seiner Kürze, um zu stöbern, sich inspirieren zu lassen und ihr Werk zu schätzen zu wissen. Dieser Brief an einen jungen Dichter schafft es, den Wunsch heraufzubeschwören, selbst den Stift in die Hand zu nehmen, Unkonventionelles oder, in Woolfs Worten, »Unfug« auf das Papier zu bringen und dabei kreativ, experimentell mit Sprache zu spielen, während der eine oder andere alte Herr noch tief über Bücher gebeugt weiterhin die Zeit verdöst.



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 Veröffentlicht am 23. Juni 2020
 Kategorie: Belletristik
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