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»Lutscht ihn nicht ab!«

Mädchenschwarm Jimi Blue Ochsenknecht las im Alten Rathaus Göttingen aus der Kinderbuchreihe Die Wilden Fußballkerle und stellte sich den Fragen von Gesa Husemann und seinen Fans. Eine fragwürdige Veranstaltung, bei der das Thema Literatur weit in den Hintergrund rückte.

Von Daniel Nagelstutz

Allmählich füllen sich die hinteren Reihen des Alten Rathauses mit sekttrinkenden Müttern, die vorderen Reihen besetzen aufgeregt tuschelnde Mädchen, unter ihnen kaum eine älter als sechzehn. Es ist nicht die Neugierde auf eine Lesung, welche das junge Publikum in den altehrwürdigen Festsaal des Alten Rathauses lockt, sondern der Auftritt von Mädchenschwarm, Schauspieler, DJ und Rapper Jimi Blue Ochsenknecht in Personalunion. Die Stimmung ist aufgeheizt wie vor einem Popkonzert. Gleich wird der Star die Bühne betreten und Mädchenherzen zum Schmelzen bringen. Doch Moment mal, haben die Veranstalter etwa vergessen, dass beim Göttinger Literaturherbst gelesen wird? Nein, haben sie nicht. Und Moderatorin Gesa Husemann drückt Jimi Blue Ochsenknecht den ersten Band von Die Wilden Fußballkerle in die Hand.

Bevor Jimi Blue mit der Lesung beginnt, geht Husemann auf Tuchfühlung mit dem Teenie-Star und greift gleich mit der ersten Frage in ein Fettnäpfchen: »Sind dir deine alten Sachen eigentlich peinlich?« Jimi guckt die Moderatorin verdattert an: »Nein, warum? Findest du das etwa?« Aber er bewahrt Humor, den er den gesamten Abend über nicht verliert. Er wirkt gelassen, zieht seine Kappe tief ins Gesicht und lässt die Lesung als auch die Fragen aus dem Publikum geduldig über sich ergehen. Ein echter Profi eben, der auf seine Contenance in der Öffentlichkeit wohl bedacht ist.

Die Bücherreihe Die Wilden Fußballkerle wurde erst mit der Verfilmung unter dem abgewandelten Titel Die Wilden Kerle einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Die Reihe handelt von den Abenteuern fußballbegeisterter Kinder, die eine Mannschaft gründen und sich mit rivalisierenden Cliquen auf dem Bolzplatz messen. Jimi Blue, der in der Verfilmung die Figur Leon spielt, wurde für den Literaturherbst als »Kerle-Experte« eingeladen. Denn wer könnte bei einer Lesung authentischer in die Rolle des Ich-Erzählers Leon schlüpfen als dessen Darsteller persönlich? Bevor der mittlerweile 24-jährige Herr Ochsenknecht die Metamorphose zum neunjährigen Leon aus dem ersten Band durchlaufen hatte, bereitete er das Publikum auf seine Lesung vor: »Ich bitte um Entschuldigung, falls ich mich mal verhaspele, ich hatte eine lange Autofahrt.«

Jimi Blue stellte das Publikum auf eine harte Geduldsprobe. Angestrengt stolperte er über die Worte, verlas sich mehrmals und fühlte sich aufgefordert, die Lesung an gewissen Stellen zu unterbrechen, um auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Buch und Filmskript zu verweisen. Zwischendurch wandte sich Jimi Blue immer wieder verunsichert an Husemann, um vorsichtig nachzufragen, ob er denn noch weiterlesen solle. »Ja, das war jetzt etwas blöd gelesen«, stellte er anschließend und leider auch folgerichtig fest. Husemann blieb nur ein verlegenes Lächeln in Richtung des Filmstars. Dann ging die peinlich berührte Moderatorin zu den Publikumsfragen über.

Die Fragen der jungen Besucher drehten sich wenig überraschend hauptsächlich um Jimi Blues Privatleben. Zudem fragte das Publikum nach seinen Lieblingscharakteren und seinem Verhältnis zu den Schauspielerkollegen. Und auch nach dem neuen Album, welches voraussichtlich im März 2017 erscheinen wird, erkundigten sich die Besucher. Einen literarischen Bezug hatten die Publikumsfragen nicht. Warum auch? Schließlich ist Jimi Blue Ochsenknecht nicht Autor der Kinderbuchreihe Die Wilden Fußballkerle.

Husemann übernahm erneut das Ruder und versuchte die Veranstaltung zurück in den Kontext des Göttinger Literaturherbstes zu manövrieren. Sie richtete die Gretchenfrage an den Popstar: »Wie hielt es die Familie Ochsenknecht mit dem Lesen?« Worauf Jimi Blue gar nicht erst versuchte zu lügen: »Viele Bücher, die ich zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte, landeten im Regal.« Die Moderatorin unternahm einen letzten Versuch, um mit Jimi Blue über Literatur zu sprechen. Sie fragte ihn nach dem letzten Buch, das er gelesen habe. Seine unverhohlene Antwort: »Ein Kochbuch. Ich schaue mir vor allem gerne die Bilder an.« Man merkte dem dauergrinsenden Schauspieler an, dass er nicht provozieren wollte. Vielmehr stellte er unter Beweis, dass er auch über sich selbst lachen kann. Und das Publikum nahm es ihm nicht übel, denn es lachte herzhaft mit.

Zuletzt sammelte sich Jimi Blue doch noch und gab ein beinahe sentimental klingendes Statement ab: »Lesen finde ich sehr wichtig, deshalb lese ich ja auch vor. Die Kids sollen durch Lesen die deutsche Sprache erlernen.« Ob er mit seiner Darbietung den Anwesenden die deutsche Sprache näher gebracht hat, bleibt zu bezweifeln. Aber einen wertvollen Schluss konnte man aus der Veranstaltung ziehen: Wenn Kinder ihre Büchergeschenke zu Weihnachten lesen, statt im Regal verstauben zu lassen, werden sie ihre Lese- und Sprachkompetenzen verbessern und nie ernsthaft in Verlegenheit kommen, Kochbücher ausschließlich nach ihren Bildern beurteilen zu können. Schließlich eröffnete Husemann sichtlich erleichtert die Selfie-Runde (Autogramm war gestern) mit Jimi Blue und wandte sich ein letztes Mal ans weibliche Publikum: »Benehmt euch und lutscht ihn nicht ab!«

Der Göttinger Literaturherbst hat erkannt, dass auch Kinder- und Jugendliteratur einen festen Bestandteil im Programm einnehmen muss. Das Literaturfestival in der Akademiker-Stadt Göttingen muss besonnen darauf achten, nicht auszugrenzen, sondern allen Alters- und Bevölkerungsschichten die Türen zu öffnen, schließlich ist Literatur Allgemeingut. An diesem Abend wurde dem jungen Publikum Literatur allerdings nicht näher gebracht. Ochsenknecht ist kein Kinderbuchautor, geschweige denn ein talentierter Leser, noch wurde mit dem ersten Band aus der Reihe Die Wilden Fußballkerle, welches 2002 im Baumhaus Verlag erschien, eine literarische Neuheit präsentiert.



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 Veröffentlicht am 5. Dezember 2016
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