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Litlog-Sommerkolumne
Scrunchies und Zombies

Dieser Sommer wird nicht fad! Denn ein kaum vermisster Modetrend gewinnt wieder an Popularität. Das Scrunchie kommt in allerhand spannenden Farben und Mustern (s.o.). Die dritte Staffel Stranger Things führt unter anderem vor, wie man es gut kombiniert.

Von Tanita Kraaz

Es gibt Haargummis und Haargummis. Das heiße Sommeraccessoire 2019 ist jedenfalls nicht das Invisibobble. Wobei dessen ästhetisches Potenzial das sicher anböte. Es vergegenwärtigt schließlich unvermeidbar den Wunsch, nur einmal im Kinderzimmer wie D.J. Tanner mit Kimmy Gibbler zu telefonieren und gedankenverloren das Kabel um die Finger zu wickeln, als wäre man tatsächlich in den 1970ern geboren. Es ist längst kein Geheimnis mehr: Das späte 20. Jahrhundert ist zurück. Das hat sich eh schon vor sieben Jahren angekündigt, als die Einladungen zu Bad-Taste-Parties ausblieben, weil die Fähigkeit zur Distinktion zwischen good and bad schwand. Spätestens aber, als Jan Böhmermann vor fünf Jahren seine nur noch halbherzig ironische und umso leidigere Hymne auf die 90er sang. Echte Aufwertung erfahren die

Reihe

Sommerferien sind nichts fürs Feuilleton. Falls unsere Autor*innen dieser Tage am Baggersee oder im Eiscafé verweilen sollten, dann nur zum Zweck der Recherche. Für unsere neue Kolumne nämlich, die den studentischen Sommer unter die Lupe nimmt. Alle Artikel in Übersicht gibt’s hier.

 
 
Relikte dieser Zeit vor allem durch Netflix. Ja, Netflix darf man nicht nur vorwerfen, dass die Videothek in der Friedrichstraße pleite ist, Netflix ist außerdem schuld, wenn sich 2020 das schmoddrige Pfützenwasser kühl an meiner Schlaghose hochfrisst und ich an den Waden friere! (Ist das einen Spoiler-Alert wert?) El(even) jedenfalls entwächst in der neuen Staffel der Netflix-Serie Stranger Things ihrem Weirdo-Image. Max(ine) nimmt sie mit in die Starcourt Mall und stattet sie mit allen Essentials aus (»Material Girl in a material world … oh ooh«, Litlog-Ohrwurm-Garantie!), um ihren Liebeskummer zu vertreiben und sie zu emanzipieren. Beim dritten Versuch besteht die Serie also endlich den Bechdel-Test mit 4,0 und wird zur Fashion-Inspiration, nicht nur wegen des großflächige Muster auf Els Jumpsuit oder den Hosenträgern – dieses gelbe Samt-Scrunchie! Schon in der Grundschule hatten alle beliebten Mädchen das. Welcher Ort würde einen besseren Kontrast bieten als die ästhetisch anspruchslose Unibibliothek, um diese Komplexe notdürftig zu flicken? Stranger Things beginnt noch vor meinen Grundschultraumata, in den frühen 1980er Jahren. Die dritte Staffel nutzt das zeithistorische Potential und (ich glaube, das ist nicht nur ein Fashion-Spoiler) stilisiert »die Russen« zur opponierenden Supermacht, ganz Kalter-Krieg-mäßig. Das lässt sich alles bestimmt auch politisch problematisieren. Wichtiger noch: die Zombies. Der Mind Flayer (in der Übersetzung eher uninspiriert »Schattenmonster«) bringt The Upside Down (in der Übersetzung genauso uninspiriert »Die Andere Seite«) wieder in die gewohnte Welt. Er ergreift diesmal nicht Besitz von einem Halbwüchsigen, sondern von einer Vielzahl von Menschen, allen voran von Billy, Max‘ Bruder. Das Böse, das bisher eher dämonischen Anklang hatte, wird durch die Masse der Willenlosen und durch die baldige Reduktion auf ihre Biomasse zombiehaft. Das muss man wirklich nicht als Parabel auf Internethass lesen. Interessant ist bereits, dass die Zombies willenlos, aber nicht gänzlich entmenschlicht werden. Da ist noch ein Funke Billy in dem Wesen drin, das dem Flayer immer weitere Opfer bringt. Da steckt noch ein Funke eigener Wille in mir. Doch es braucht bloß die perfide ästhetische Logik einer guten Serie, um den grausten Lesesaal mit einem samtenen Leo-Scrunchie modisch gesehen in Brand setzen zu wollen – and I am a material girl.



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 Veröffentlicht am 29. Juli 2019
 Kategorie: Misc.
 ©Litlog
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